Von Michael Hollister – 10. April 2026

Was geschieht, wenn alle Supermächte gleichzeitig beschäftigt sind? Hier die neunte und letzte Ausgabe der neunteiligen Serie zum Weltgeschehen von Michael Hollister. Niemand hofft, dass es so kommt, aber wer ist bereit, es zu verhindern? Und wie kann man es verhindern? An zu vielen Orten wird gegenwärtig Krieg geführt. (cm)
I. Die Frage, die alles verändert
Im vorherigen Teil dieser Serie stellten wir eine Frage: Was passiert, wenn die drei Supermächte – die USA, China und Russland – gleichzeitig derart beschäftigt sind, dass sie außer dieser Beschäftigung keine Kapazitäten mehr frei haben?
Wenn Russland in Europa militärisch, ökonomisch und politisch gebunden ist. Wenn die USA China im Pazifik einhegen – durch Blockaden, Sanktionen, militärische Präsenz. Wenn Europa seine Ressourcen in Aufrüstung statt in Wirtschaft steckt.
In diesem abschließenden Teil der Serie untersuchen wir ein mögliches Szenario. Wir schauen uns an, welche regionalen Konflikte derzeit schwelen, welche Grenzen umstritten sind, welche alten Rechnungen darauf warten, beglichen zu werden. Und wir analysieren, was geschehen könnte, wenn die Ordnungsmächte – die bisher diese Konflikte in Schach hielten – plötzlich nicht mehr da sind.
Nach der Lektüre werden Sie verstehen, warum ich mir noch nie so sehr gewünscht habe wie momentan, dass ich mit meiner Analyse falsch liege.
II. Die Logik des Opportunismus – Eine historische Lektion
Die Geschichte kennt Momente, in denen die Ordnungsmächte versagen. Der bekannteste ist der Sommer 1914. Ein Attentat in Sarajevo – ein lokaler Konflikt auf dem Balkan. Österreich-Ungarn stellte Serbien ein Ultimatum. Russland mobilisierte zur Unterstützung Serbiens. Deutschland erklärte Russland den Krieg. Frankreich wurde durch Bündnisverpflichtungen hineingezogen. Großbritannien folgte.
Innerhalb von Wochen stand Europa in Flammen.
Nicht, weil alle Krieg wollten. Sondern weil niemand mehr die Kraft hatte zu vermitteln. Die Großmächte waren durch Bündnisverpflichtungen gefangen, durch militärische Mobilmachungspläne gebunden, durch innenpolitischen Druck getrieben. Der Mechanismus der Eskalation lief wie ein Uhrwerk – und niemand konnte ihn mehr stoppen.
Vier Jahre später: 17 Millionen Tote. Vier Imperien zerstört. Die Landkarte Europas neu gezeichnet.
2026 könnte die Welt vor einem ähnlichen Moment stehen.
Der Unterschied: 1914 waren die Großmächte durch Bündnisse gebunden, aber grundsätzlich handlungsfähig. 2026 wären sie durch eigene Konflikte paralysiert. Nicht Bündnisverpflichtungen würden sie fesseln – sondern ihre eigene Überlastung.
Und das macht die Lage noch gefährlicher.






