Diplomatische Mätzchen, zwei Selbstdarsteller in Versailles und ein verprellter Bundesrat

Von Ralph Bosshard – 20. Juni 2026

Die Schweizer Presselandschaft gibt sich überrascht und konsterniert: Das Memorandum of Understanding, welches den Krieg zwischen den USA und dem Iran beenden soll, wurde weder in Genf noch auf dem Bürgenstock unterzeichnet, sondern in Versailles, wo US-Präsident Donald Trump nach dem G-7-Gipfel hingeflogen war (1). Und es gab kein Gipfeltreffen zwischen den Staats- bzw. Regierungschefs, sondern ein getrenntes Vorgehen: Donald Trump unterschrieb das Dokument in Papierform während eines feierlichen Abendessens im Schloss Versailles, während die iranische Führung unter Präsident Massud Peseschkian das Abkommen rein digital aus der Ferne unterzeichnete.

Ob Peseschkian aus Verärgerung über israelische Angriffe auf die Hisbollah im Südlibanon nicht nach Versailles anreiste, oder weil er ganz einfach das persönliche Zusammentreffen mit Trump vermeiden wollte, ist unklar (2). Letzteres ist durchaus plausibel: Das Außenministerium in Teheran erklärte, dass eine gemeinsame, physische Zeremonie angesichts des digitalen Verfahrens nicht angebracht sei. Solche Mätzchen erlaubt sich nur, wer sich in der starken Position sieht. Peseschkian wird es so sehen, dass der Iran de facto als Gewinner aus dem Krieg hervorgegangen ist, da die USA ihre erklärten Ziele nicht erreicht und an Einfluss verloren hätten, und dass das Ergebnis für Israel als aufgeschobene, aber absehbare strategische Niederlage zu betrachten sei (3). Die Trump-Administration hingegen verkauft das Memorandum als erfolgreichen Deal zu günstigen Bedingungen. Als erstes stellt sich nun die Frage, welche Einschätzung überzeugender erscheint. Neben vorsichtigem Optimismus dominieren derzeit eher skeptische Einschätzungen (4).

Wenn das Memorandum of Understanding (MoU) so unterschrieben wurde, wie in verschiedenen Medien publiziert, dann darf man wohl von einem Sieg des Iran auf der ganzen Linie sprechen (5). Der Iran soll Reparationen für die erlittenen materiellen Schäden erhalten – obwohl sie im MoU nicht so bezeichnet werden – und von Lockerungen der gegen ihn gerichteten Sanktionen profitieren. Die USA sollen sich auch dafür einsetzen, dass die von der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA und dem UN Sicherheitsrat verhängten Sanktionen gelockert werden. Es ist kaum davon auszugehen, dass sich der UN SC und die IAEA dem Abkommen widersetzen werden, denn sie wollen sicher nicht in die Rolle des Spielverderbers schlüpfen. Eigentlich müssten auch die Europäer mitziehen, denn wichtige Forderungen des Atomdeals JCPOA, den sie vor Jahren abgeschlossen hatten, werden erfüllt werden. 

Ausstrahlungskraft in der Region und darüber hinaus

Der iranische Erfolg wird hohe Ausstrahlung in der Region Nahost/Westasien haben, denn er erzwingt möglicherweise den Abzug von US-Streitkräften aus der Region. Im Irak waren diese schon seit längerem nicht mehr erwünscht gewesen. Das irakische Parlament hatte schon am 5. Januar 2020 in einer Sondersitzung den Abzug der US-amerikanischen Truppen gefordert. Auslöser war der Mord am iranischen General Qasem Suleimani und an einem irakischen Milizenführer durch US-Drohnen nahe Bagdad zwei Tage zuvor gewesen. Das Parlament verpflichtete die irakische Regierung damals, die Präsenz aller ausländischen Truppen auf irakischem Boden zu beenden und die Nutzung des irakischen Luftraums zu verbieten. Schon zuvor, im März 2018, war ein ähnlicher Parlamentsbeschluss gefasst worden, der einen konkreten Zeitplan für den Abzug ausländischer Streitkräfte verlangte. Jahrelange Verhandlungen führten schließlich zu einem Plan für die schrittweise Reduktion der US-Militärpräsenz (6).

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Der Iran und die »longue durée« der Geschichte

Vom Patrick Lawrence – 20. Juni 2026

Unser [Globalbridge] Kolumnist aus den USA, Patrick Lawrence, macht sich Gedanken, wie die neuste Niederlage der USA geschichtlich einzuordnen ist. Noch ist nicht alles klar, da die USA noch nie eine Niederlage eingestanden haben. (cm)

Nun, da die Islamische Republik und die Vereinigten Staaten ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet haben (digital, ohne Zeremonie), schweifen meine Gedanken – meine amerikanischen Gedanken, wie ich wohl anmerken sollte – zurück zu einigen bedeutsamen Ereignissen der Nachkriegszeit. Das eine ist die chinesische Revolution, als Mao am 1. Oktober 1949 die Rote Armee nach Peking führte und die Volksrepublik ausrief. Das andere ereignete sich am 30. April 1975, als die Volksarmee Vietnams und der Vietcong die südvietnamesische Hauptstadt einnahmen und die letzten Amerikaner mit Hubschraubern vom Dach der US-Botschaft abflogen. Letzteres wird gemeinhin als „Fall von Saigon“ bezeichnet. Wer die longue durée der Geschichte versteht, wird „den Aufstieg von Saigon“ als den zutreffenderen Begriff erkennen. 

Es ist aufschlussreich, diese beiden weltgeschichtlichen Wendepunkte zu betrachten, jetzt, da Teheran und Washington eine Vereinbarung getroffen haben, die den im April vereinbarten, gescheiterten Waffenstillstand um weitere 60 Tage verlängert. Sie lassen erahnen – hoffentlich zum Guten, doch ich befürchte das Schlimmste –, was während und nach diesen nächsten zwei Monaten detaillierterer Gespräche, die zu einer umfassenden Einigung zwischen den Iranern und den Amerikanern führen sollen, zu erwarten ist.

Die Vorzüge der soeben unterzeichneten Absichtserklärung sind, soweit ich das beurteilen kann, zweierlei:

Erstens werden die meisten der großen offenen Fragen zwischen der Islamischen Republik und den Vereinigten Staaten aufgeschoben. Die Trump-Regierung hätte es andernfalls nicht unterzeichnen können. Auch wenn ich die Chance auf ein dauerhaftes Friedensabkommen als gering einschätze, eröffnet sich immerhin die Möglichkeit eines solchen Ergebnisses. 

Zweitens stellen selbst die rudimentären Bedingungen, die in der soeben unterzeichneten Absichtserklärung festgelegt sind, eine dramatische Kapitulation seitens der Amerikaner dar. Viele bezeichnen das Memorandum als „Katastrophe“, „sehr schlechtes Abkommen“ oder gar „Schande“. Meine Ansicht steht im krassen Gegensatz zu all diesen Interpretationen. Indem es die Souveränität des Iran, seine völkerrechtlichen Rechte, seine Ansprüche auf seit langem eingefrorene Vermögenswerte und die Gerechtigkeit eines von den USA finanzierten Wiederaufbauprogramms in der einen oder anderen Form anerkennt, dient das Memorandum dieser angegriffenen Nation, die es verdient hat, und vereitelt die Ziele ihres Angreifers. 

Es ist an der Zeit, so möchte ich sagen, zu dem Schluss zu kommen, dass die USA zusammen mit Israel, ihrem speerführenden Verbündeten, diesen Krieg verloren haben und dass – was am wichtigsten ist – es niemals anders kommen konnte. Der Sieg des Iran spiegelt klar und symmetrisch den Aufstieg des Nicht-Westens als (vielseitigen) Machtpol wider – dies ist die longue durée, wie wir sie im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erleben.

Was könnte die Vergangenheit – Amerikas Vergangenheit in solchen Angelegenheiten – darüber aussagen, was die Zukunft bereithält?

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Ein Artikel von Außenminister Lawrow für das europäische Publikum

Von Thomas Röper – 19. Juni 2026

Die europäische Ausgabe von Politico hat sich mit dem russischen Außenministerium darauf geeinigt, exklusiv einen Artikel des russischen Außenministers Sergej Lawrow zu veröffentlichen, es sich dann aber in letzter Minute anders überlegt. Also veröffentlicht der Anti-Spiegel den Artikel.

Ich sage immer wieder, dass das größte Problem darin besteht, dass westliche Medien russische Politiker nicht korrekt zitieren, sondern entweder kurze Fetzen aus dem Zusammenhang reißen oder einfach nur schreiben, was die russische Regierung angeblich gesagt haben soll. Diese Zensur im Westen kann man seit Jahren beobachten, und nun gibt es ein neues Beispiel dafür, denn die europäische Ausgabe von Politico hat sich mit dem russischen Außenministerium darauf geeinigt, exklusiv einen Artikel des russischen Außenministers Lawrow zu veröffentlichen, es sich dann aber in letzter Minute anders überlegt und die Veröffentlichung abgesagt hat.

Wie groß das Interesse an den Originalaussagen der russischen Führung in Deutschland ist, erlebe ich täglich. Es begann 2018 mit meinem ersten Buch über Putin, das zu etwa der Hälfte aus ausführlichen Putin-Zitaten zu allen damals relevanten Themen der Außenpolitik bestand. Obwohl ich damals noch komplett unbekannt und der Anti-Spiegel ein Portal mit nur ein paar hundert Lesern war, wurde das Buch ein Bestseller und stand wochenlang bei Amazon an der Spitze der Bücher der Rubriken Politik etc. Das zeigte, wie groß das Interesse in Deutschland daran war, einmal im Original und ungefiltert zu erfahren, was Putin tatsächlich zu den aktuellen Themen sagt.

In dem Buch habe ich geschrieben, dass ich von niemandem erwarte, ein Putin-Freud zu werden. Aber um zu entscheiden, wie man über Putins Politik denkt, muss man erst einmal erfahren, was Putin tatsächlich sagt und tut. Aber genau das verhindern die deutschen und europäischen Medien mit ihrer Zensur.

Da das gleiche auch für den russischen Außenminister Lawrow gilt, habe ich seinen Artikel, der exklusiv für Politico gedacht war, und nun auf der Seite des russischen Außenministeriums veröffentlicht wurde, übersetzt.

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Warum die USA sich nicht ernsthaft mit Israel überwerfen können

Von Sergej Lebedew (Übersetzung: Thomas Röper) – 19. Juni 2026

Der Erfolg des Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran hängt weitgehend von Israel ab, weil der Libanon, den Israel weiterhin angreift, Teil des Abkommens ist. Warum kann die US-Regierung nicht ernsthaft auf Israel einwirken oder die Unterstützung Israels einstellen?

Dass Israel den Waffenstillstand mit dem Iran sabotieren wird, was absehbar. Aber warum kann Trump Israel nicht in die Schranken weisen oder glaubhaft mit einem Abbruch der amerikanischen Unterstützung drohen? Darüber hat ein Experte der TASS einen sehr interessanten Artikel geschrieben, den ich übersetzt habe.

Kleiner Partner, großes Spiel: Warum die USA sich nicht wirklich mit Israel streiten können

Sergej Lebedew über die Aufrechterhaltung des Bündnisses bei sichtbarer Konfrontation.

Das Kabinett von Premierminister Benjamin Netanjahu hat offen und unmissverständlich klargestellt, dass es nicht die Absicht hat, die Bedingungen des amerikanisch-iranischen Abkommens in Bezug auf den Libanon zu erfüllen. Die Aussicht, die Sanktionen gegen den Iran aufzuheben, während dessen Atom- und Raketenprogramm erhalten bleibt, missfällt dem jüdischen Staat zutiefst. Die israelische Regierung wird ganz offensichtlich alles daransetzen, die USA wieder auf den Kriegspfad zu führen.

Das Weiße Haus versucht seinerseits, sich von der israelischen Politik zu distanzieren. Medien berichteten über recht scharfe Äußerungen von US-Präsident Donald Trump über Netanjahu. Insbesondere die öffentliche Aussage des amerikanischen Präsidenten beim G7-Gipfel, dass man „nicht gleich ein ganzes Wohnhaus abreißen muss, wenn man jemanden sucht“, fand weite Verbreitung. Das war eindeutig eine direkte Anspielung auf die massive Zerstörung ziviler Infrastruktur im Libanon. Im privaten Gespräch und am Telefon hat sich Trump offenbar deutlich schärfer über Netanjahu geäußert und dabei sogar Schimpfwörter benutzt. Seine Kommentare, der israelische Ministerpräsident sei „völlig verrückt“ und wäre ohne Washingtons Unterstützung im Gefängnis, sind mittlerweile bekannt.

Diese Informationen haben Beobachter und Medien zu Spekulationen über einen drohenden tiefen politischen Riss zwischen den Regierungen der USA und Israels veranlasst, der möglicherweise zu einer Verschlechterung der „besonderen“ bilateralen Beziehungen führen könnte. Ich denke, dass diese Prognosen verfrüht sind und die zugrundeliegende politische und geopolitische Natur der Beziehungen zwischen den USA und Israel ignorieren.

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„Fehler passieren“: Trump weist Verantwortung für US-Massaker an iranischer Mädchenschule zurück

Von Brett Wilkins – 19. Juni 2026

Rettungsversuche in der zerbombten Schule in Minab. Bild: Mehr News Agency, CC BY 4.0

„Krieg ist grausam“, sagte der Präsident, als er zu dem Marschflugkörperangriff im Februar befragt wurde, bei dem 156 Schülerinnen und Mitarbeiterinnen in Minab ums Leben kamen, und setzte damit die jahrhundertealte Tradition der US-Präsidenten fort, amerikanische Gräueltaten herunterzuspielen.

Präsident Donald Trump reihte sich am Mittwoch in eine lange Liste von US-Staatschefs ein, die von amerikanischen Streitkräften begangene Gräueltaten herunterspielen, als er Fragen zur Verantwortung für den Marschflugkörperangriff vom Februar auf eine iranische Mädchenschule auswich, bei dem Schülerinnen und Mitarbeiterinnen massakriert wurden.

Am 28. Februar – dem ersten Tag des illegalen, von den USA und Israel aus freiem Willen begonnenen Krieges gegen den Iran – tötete ein US-Angriff auf die Shajareh-Tayyebeh-Mädchen-Grundschule in Minab 156 Menschen, darunter mindestens 120 Kinder, und verletzte 95 weitere.

Analysen von Satellitenbildern bestätigten Augenzeugenberichte, wonach es sich bei dem Angriff um einen „Triple-Tap“-Luftangriff handelte, bei dem auf einen ersten Bombenangriff zwei weitere Anschläge folgten, die darauf abzielten, Überlebende und Rettungskräfte zu töten.

Auf die Frage eines Journalisten beim G7-Gipfel in Frankreich, ob jemand für den Bombenangriff zur Rechenschaft gezogen werde, antwortete Trump: „Das ist eine zu diesem Zeitpunkt so seltsame Frage, denn Sie sprechen von einer längst vergangenen Zeit.“

„Niemand hat das absichtlich getan“, sagte Trump über den Angriff auf die Schule. „Fehler passieren. Krieg ist grausam. Aber ich weiß, dass der Vorfall untersucht wird.“

„Ich würde Pete Hegseth fragen“, fügte der Präsident hinzu und bezog sich dabei auf seinen Verteidigungsminister, der zu Beginn des Krieges erklärt hatte, dass die US-Streitkräfte nicht an „dumme Einsatzregeln“ gebunden seien und stattdessen „Tödlichkeit“ priorisieren würden.

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Die europäische NATO

Von German-Foreign-Policy.com – 19. Juni 2026

Die Vereinigten Staaten ziehen militärische Fähigkeiten und Truppenteile aus der NATO ab. Europäische Militärs übernehmen mehr Führungsposten, halten Manöver ohne die USA ab und ersetzen US-Waffensysteme: Die NATO wird „europäisch“.

US-Kriegsminister Pete Hegseth stellt eine weitere Reduzierung der US-Beitragszahlungen an die NATO sowie den Abzug von Truppen aus Europa in Aussicht. Wie Hegseth am gestrigen Donnerstag auf einem Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel erklärte, sollten entsprechende „Überprüfungen“ spätestens in einem halben Jahr abschlossen sein. Damit setzt sich der Teilrückzug der Vereinigten Staaten aus der NATO fort. Zuletzt hatte die Trump-Administration Anfang Juni umfassende Fähigkeiten und Truppenteile bei der NATO „ausgemeldet“; sie stehen dem Bündnis für Operationen nun nicht mehr zur Verfügung. Der Schritt sei verkraftbar, hieß es; doch dringen Verteidigungsminister Boris Pistorius und andere darauf, derlei Schritte künftig frühzeitig anzukündigen und sorgfältig abzustimmen. Die „Ausmeldung“ von US-Kapazitäten ist Teil eines Prozesses, der schon vor geraumer Zeit in die Wege geleitet und 2025 mit Blick auf die Austrittsdrohungen von US-Präsident Donald Trump von europäischer Seite beschleunigt wurde: Europäer übernehmen mehr Posten in der NATO, halten mehr Manöver allein ab und ersetzen zunehmend US-Waffensysteme. Von einer „europäischen NATO“ ist die Rede.

„Eine enorme Herausforderung“

Von der Stärkung des „europäischen Pfeilers der NATO“ ist in Debatten über die Zukunft des Militärbündnisses schon seit langem die Rede. Insbesondere während der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump wurde auch in Berlin der Plan immer wieder thematisiert, die Bündnisaktivitäten der europäischen Mitglieder auszuweiten – auch, um für den Fall, dass der US-Präsident die Präsenz seines Landes in der NATO deutlich verringere oder gar auf einen Austritt orientiere, vorbereitet zu sein. Nach Trumps zweitem Amtsantritt im vergangenen Jahr wurde der Plan, wie das Wall Street Journal Mitte April berichtete, wieder aufgegriffen – diesmal unter dem Schlagwort „europäische NATO“.[1] Jetzt gingen allerdings europäische Stellen daran, konkrete Schritte zu planen, etwa die Einsetzung europäischen Personals in Kommandostrukturen oder auch die Ersetzung von US-Militärgerät durch europäisches. Dies sei auf informellen Treffen diskutiert und, soweit möglich, informell umgesetzt worden. „Die Herausforderung ist enorm“, hielt das Wall Street Journal fest; die gesamte NATO-Struktur sei ursprünglich „auf nahezu allen Ebenen“ um die als gesetzt und unumstößlich geltende US-Führung herum errichtet worden.

Der Berliner Kurswechsel

Einen Schub habe den Bestrebungen die Entscheidung von Bundeskanzler Friedrich Merz gegen Ende des vergangenen Jahres verpasst, die bis dahin gewahrte deutsche Zurückhaltung gegenüber den Plänen für eine „europäische NATO“ aufzugeben und sich den Schritten anzuschließen, hieß es weiter im Wall Street Journal. Deutschlands Kurswechsel habe den Weg für eine breitere Einigung unter den anderen Beteiligten gebahnt – so unter anderem in Großbritannien, Frankreich, Polen, in den Staaten Nordeuropas oder in Kanada –, die nun als „Koalition der Willigen“ innerhalb des Bündnisses damit befasst seien, Notfallpläne zu schmieden.[2] Der Berliner Schwenk habe außerdem sehr spezifische Überlegungen initiiert, etwa die Fragen, wer bei einem partiellen oder gar kompletten Rückzug der USA die NATO-Raketenabwehr leiten werde, wie die Nachschubkorridore nach Polen und ins Baltikum geschützt werden sollten oder wer sich um die Logistiknetzwerke kümmere, sollten die dafür zuständigen US-Offiziere zurücktreten. In der Tat rückten mittlerweile immer mehr Europäer in Führungsrollen nach; kritische Fähigkeiten aber fehlten unverändert, und es sei bis heute kein NATO-Staat Europas in der Lage, die USA als militärischen Anführer zu ersetzen.

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Was im Abkommen zwischen den USA und dem Iran steht, und warum es eine bedingungslose Kapitulation der USA ist

Von Thomas Röper – 18. Juni 2026

Das zwischen den USA und dem Iran vereinbarte Abkommen über ein Ende des Krieges wurde veröffentlicht. Hier übersetze ich den ganzen Text und erkläre, was die einzelnen Punkte bedeuten und warum es de facto eine bedingungslose Kapitulation der USA bedeutet.

Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran wurde veröffentlicht. Ich habe es komplett übersetzt und erkläre, was die einzelnen Punkte bedeuten. Bei der Lektüre wird jedem klar, dass die USA vor dem Iran de facto kapituliert haben, denn die USA haben nichts gewonnen, mussten dem Iran aber Zugeständnisse machen, die dem entsprechen, was früher schon im Atomabkommen von 2015 vereinbart war, das Trump 2018 gebrochen hat. In einigen Punkten machen die USA sogar Zugeständnisse, zu denen sie seit fast 50 Jahren nicht bereit waren.

Den Text des Abkommens hebe ich in Fettdruck hervor, meine Erläuterungen füge ich in normaler Schrift ein.

Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Islamische Republik Iran haben am [__ Datum] in gutem Glauben Folgendes vereinbart:

1 – Die Vereinigten Staaten von Amerika, die Islamische Republik Iran und ihre Verbündeten im gegenwärtigen Krieg unterzeichnen diese Absichtserklärung zur sofortigen und endgültigen Beendigung der Militäroperationen an allen Fronten, einschließlich im Libanon, und verpflichten sich, künftig keinen Krieg oder keine Militäroperation gegeneinander zu beginnen, keine Gewalt gegeneinander anzudrohen oder anzuwenden und die territoriale Integrität und Souveränität des Libanon zu gewährleisten. Das endgültige Abkommen wird die endgültige Beendigung des Krieges an allen Fronten, einschließlich im Libanon, sowie die weiteren Bestimmungen dieses Absatzes bestätigen.

Hierzu ist nicht viel zu sagen. Das nun unterzeichnete Abkommen ist kein Abkommen, sondern nur eine Absichtserklärung, innerhalb von 60 Tagen ein endgültiges Abkommen abzuschließen und bis dahin Frieden zu halten. Gleiches gilt für die Punkte 2 und 3.

Wichtig ist allerdings, dass das auch für alle Verbündeten, also Israel, und ausdrücklich den Libanon gelten soll. Damit ist Israel nicht einverstanden. Israel dürfte also versuchen, den Friedensprozess zu sabotieren.

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Schüsse im Ärmelkanal – Großbritannien, Russland und die Gefahr eines Dritten Weltkriegs

Von Thomas Cripps – 19. Juni 2026

Die HMS Prince of Wales und die HMS Queen Elizabeth auf See, 19. Mai 2021 [Photo by Open Government Licence v3.0]

Die Warnschüsse, die am Dienstag von einem russischen Kriegsschiff im Ärmelkanal in die Luft abgefeuert wurden, galten einer in der Nähe befindlichen britischen Jacht. Doch sie sollten von der europäischen Arbeiterklasse als Warnung verstanden werden, dass sie von ihren Regierungen mit immer größerer Wahrscheinlichkeit in einen Krieg mit Russland hineingezogen werden.

Selbstverständlich gibt es einander widersprechende Darstellungen des Vorfalls. Das russische Militär behauptet, die Jacht habe sich auf gefährlichem Kollisionskurs befunden. Es habe mehrere Versuche gegeben, Kontakt aufzunehmen. Bevor von der Fregatte „Admiral Grigorowitsch“ fünf Warnschüsse in die Luft abgegeben wurden, seien zunächst Leuchtraketen abgefeuert worden. Laut den Aussagen des Pärchens, das sich auf der Jacht befand, seien weder Leuchtraketen abgefeuert noch Funkrufe gesendet worden. Sie bestätigten jedoch, dass es sich bei den Schüssen um Warnschüsse gehandelt habe. Das britische Militär, das den Vorfall beobachtete, beschrieb die Maßnahmen der russischen Seite zunächst ebenfalls schlicht als „Versuch, eine mögliche Kollision zu verhindern“.

Unabhängig davon, wie sich der Vorfall im Einzelnen abgespielt hat, sind zwei Tatsachen entscheidend und unbestreitbar. Es wären keine Schüsse abgefeuert worden, wenn die Spannungen zwischen Russland und Großbritannien nicht bereits auf einen Höhepunkt getrieben worden wären. Und zudem sind diese Spannungen das Ergebnis eines de facto bereits bestehenden Kriegszustands zwischen den europäischen Mächten und Russland. Dieser Krieg birgt die Gefahr, dass sich die Katastrophe, die sich in der Ukraine bereits abspielt, auf den gesamten Kontinent ausbreitet.

Zwei Tage zuvor hatten britische Streitkräfte in denselben Gewässern den unter kamerunischer Flagge fahrenden Tanker „Smyrtos“ aufgebracht, der zur russischen Schattenflotte gehört und Öl nach Indien transportierte. Dies war der jüngste in einer Reihe von Vorfällen, bei denen europäische Regierungen – darunter Belgien, Frankreich, Schweden, Finnland und Deutschland – Schiffe festsetzten oder beschlagnahmten, um Wirtschaftssanktionen gegen Moskau durchzusetzen.

Dass Großbritannien seine Bereitschaft signalisiert, Schiffe im Ärmelkanal abzufangen, erhöht die Risiken erheblich. Der Ärmelkanal ist die Hauptroute für Tanker, die von den großen russischen Ostseehäfen Ust-Luga, Primorsk und St. Petersburg auslaufen. Laut einer Untersuchung der Sunday Times gingen seit 2022 russische Öllieferungen im Wert von etwa 239 Milliarden Pfund (319 Milliarden Dollar) über diese Wasserstraße.

Der britische Premierminister Keir Starmer reagierte auf den jüngsten Vorfall, indem er Russland ein „fahrlässiges“ Vorgehen vorwarf. Diese Beschuldigungen sollten voll und ganz auf Starmer und seine Labour-Regierung zurückfallen. Die Behauptungen seines EU-Ministers, Nick Thomas-Symonds, dass der Zwischenfall mit der russischen Fregatte „mit der Beschlagnahmung des Öltankers der russischen Schattenflotte vom vergangenen Wochenende in keiner Verbindung steht“, sind absurd.

Großbritannien und die europäischen Mächte schüren den Konflikt mit Russland seit mehr als einem Jahrzehnt, als sie den rechtsextremen Maidan-Putsch von 2014 unterstützten, auf aggressive Weise. Mit der Biden-Regierung im Rücken verstanden sie die russische Invasion der Ukraine im Jahr 2022 – eine reaktionäre Antwort auf die Osterweiterung der NATO – als einmalige Gelegenheit. Sie konnten Russland durch einen zermürbenden Krieg erschöpfen, möglicherweise sogar einen Regimewechsel provozieren, während sie die Ukraine zu einem Vasallenstaat machten, der von ihnen wirtschaftlich ausgebeutet wird.

Nach mehr als vier Jahren Krieg werden diese Ziele mit rasender Begeisterung verfolgt. Inzwischen sind die europäischen Mächten dabei führend, da die Trump-Regierung gegenüber dem Krieg an Begeisterung verloren hat – sie interessiert sich mehr für vorteilhafte Handelsbeziehungen mit Russland in den Bereichen Seltene Erden, Öl, Gas und andere strategische Ressourcen und ist gleichzeitig bemüht, für sich selbst die wirtschaftliche Kontrolle über die Ukraine zu sichern.

Die Beschlagnahmung von Tankern findet ihm Rahmen eines umfassenderen militärischen Angriffs auf Russlands Energieexporte statt, der vor allem vom Selenskyj-Regime in der Ukraine durchgeführt wird, und ist ebenso Teil der wirtschaftlichen Offensive unter Führung der europäischen Imperialisten.

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Warum schickt sich Trump an, den Konflikt mit Russland „zu eskalieren, um ihn zu deeskalieren“?

Von Andrew Korybko – 18. Juni 2026

Trump fühlt sich persönlich beleidigt, weil Putin seinen Vorschlag abgelehnt hat, den Krieg in der Ukraine im Austausch für eine ressourcenorientierte strategische Partnerschaft einzufrieren, und – ob man ihm nun zustimmt oder nicht – nimmt er eine Schwäche Moskaus wahr, nachdem die USA im vergangenen Jahr einen „Cordon sanitaire“ um Russland herum errichtet haben.

Trump unterzeichnete die „Erklärung der G7-Staats- und Regierungschefs zu geopolitischen Fragen“, in der vereinbart wurde, „die Lieferung von Luftabwehrkapazitäten, zusätzlichen Systemen und Abfangraketen sowie von Langstreckenkapazitäten zu erhöhen. Wir sind auch bereit, die Ausweitung von Lizenzen auf die Ukraine in Betracht zu ziehen, um eine Steigerung der ukrainischen Militärproduktion zu ermöglichen … wir werden unsere Sanktionen verschärfen, einschließlich derer gegen den Öl- und Gassektor.“ Dies läuft darauf hinaus, dass er sich darauf vorbereitet, die Situation mit Russland zu „eskalieren, um sie zu deeskalieren“ – der Grund dafür wird nun erläutert.

Aus Trumps Sicht – was eine Erklärung, aber keine Entschuldigung ist, falls jemand das Folgende falsch interpretieren sollte – hat Putin in diesen fast 18 Monaten seine Zeit verschwendet, indem er zwar von Frieden sprach, aber Trumps Vorschlag ablehnte, den Konflikt im Austausch für eine ressourcenorientierte strategische Partnerschaft einzufrieren. Ebenso hat Trump aus Putins Sicht den Berichten zufolge vereinbarten „Spirit of Anchorage“ gebrochen, indem er sich weigerte, Selenskyj zum Rückzug aus dem Donbass zu zwingen – im Gegenzug dafür, dass Putin daraufhin einen vollständigen Waffenstillstand erklären würde.

Putin setzte dementsprechend seine militärische Sonderoperation fort, verzichtete dabei jedoch weiterhin auf jegliche Eskalation aufgrund seiner Überzeugung (ganz gleich, für wie überholt einige seiner Anhänger diese inzwischen halten mögen), dass Russen und Ukrainer Brüder seien – was Trump als Beleidigung empfand. Es waren also nicht die Europäer oder Ukrainer, die ihn davon überzeugten, den sogenannten „Geist von Anchorage“ zu brechen, sondern sein Ego, nachdem er sich gekränkt fühlte, dass Putin seinen oben genannten Vorschlag in Anchorage direkt ins Gesicht abgelehnt hatte.

Rückblickend hatte Trump bereits wieder Venezuela und den Iran im Visier, weshalb er mit der „Eskalation zur Deeskalation“ wartete, bis beide Angelegenheiten unter Dach und Fach waren. In der Zwischenzeit setzte er seine Neo-Reagan-Doktrin um, den russischen Einfluss weltweit zurückzudrängen, wobei der Schwerpunkt auf der gesamten südlichen Peripherie Russlands im Südkaukasus und in Zentralasien lag, wodurch die strategische Einkreisung Russlands vollendet wurde. Um das gesamte Land herum wurde nun ein „Cordon sanitaire“ errichtet.

Dieses von den USA organisierte geostrategische Konstrukt wurde in der Arktis und im Baltikum durch von Großbritannien geleitete Bemühungen, in Mitteleuropa durch von Polen geleitete Bemühungen, entlang der gesamten südlichen Peripherie Russlands durch von der Türkei geleitete Bemühungen sowie in Nordostasien durch von Japan geleitete Bemühungen errichtet. Trump wurde daher mit ziemlicher Sicherheit vom „Deep State“ darauf hingewiesen, dass jetzt der perfekte Zeitpunkt sei, den Druck auf Russland zu verstärken, um es zu einseitigen Zugeständnissen zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine zu zwingen und folglich einen Teil dieses Drucks zu mindern.

Ob Putin dem nachkommen wird oder nicht, bleibt umstritten, doch die vorgenannte Ungewissheit bedeutet nicht, dass Trump nicht davon überzeugt war, dass jetzt der perfekte Zeitpunkt sei, um „zu eskalieren, um zu deeskalieren“, nachdem er etwas wahrgenommen hatte, das er wirklich für eine Schwäche Putins hält. Das Risiko besteht darin, dass Putin schließlich seinen Glauben an die Brüderlichkeit zwischen Russen und Ukrainern aufgibt und seinerseits eskaliert, möglicherweise sogar bis hin zu begrenzten konventionellen Angriffen auf NATO-Mitglieder, um das, was er für einen großen Bluff bezüglich Artikel 5 hält, zu entlarven.

Sofern Russland nicht entweder den Forderungen der USA nachgibt oder es zu einem diplomatischen Durchbruch kommt, bei dem durch eine Reihe gegenseitiger Kompromisse ein Interessenausgleich erreicht wird – wobei Ersteres unwahrscheinlich ist, Letzteres hingegen möglich, wenn auch unwahrscheinlich –, ist mit einer erheblichen Eskalation der Spannungen zwischen der NATO und Russland zu rechnen. Trump gab sich letztendlich mit weniger zufrieden, als er vom Iran gefordert hatte, obwohl er zuvor gedroht hatte, dessen Zivilisation zu zerstören, sollte dieser sich nicht bedingungslos ergeben – es könnte also sein, dass er erneut „kalte Füße bekommt“ und einen Deal aushandelt.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Die Eurokraten haben mit ihren Sanktionen gegen „Sasha Meets Russia“ gezeigt, wie unsicher sie sind

Von Andrew Korybko – 18. Juni 2026

Die Eurokraten konnten es nicht ertragen, dass jemand ihren westlichen Mitbürgern vor Augen führte, dass man sie in Bezug auf Russland belogen hat, also reagierten sie völlig überzogen, verhängten Sanktionen gegen sie und machten sie so ungewollt zu einer Märtyrerin der Meinungsfreiheit.

Das 21. Sanktionspaket der EU gegen Russland richtete sich überraschenderweise gegen die russisch-amerikanische Reisebloggerin Alexandra Jost, besser bekannt als „Sasha Meets Russia“, der die EU vorwirft, „russische Propaganda und Desinformation zu verbreiten, die darauf abzielten, Russlands bewaffnete Aggression gegen die Ukraine zu rechtfertigen“. Zwar vertritt Jost Ansichten, die in Russland als patriotisch gelten, vom Westen aber als „russische Propaganda und Desinformation“ diffamiert werden, doch handelt der Großteil ihrer Videos von russischen Städten und der Natur, nicht von politischen Themen.

Zwar wurde bereits berichtet, dass sie Fördermittel von öffentlichen Einrichtungen erhalten hat, doch diese kontrollieren ihre Inhalte offensichtlich nicht – selbst wenn das zuträfe, wie jeder ehrliche Beobachter nach dem Anschauen ihrer Videos feststellen würde. Sasha spricht aus dem Herzen; sie liest nicht von einem Skript ab. Zudem sind ihre patriotischen Ansichten ganz normal und nichts Außergewöhnliches, bei allem Respekt für sie. Ganz offensichtlich gilt: Selbst wenn sie tatsächlich öffentlich finanziert wird, dann für ihre Reiseblogs und nicht dafür, ihre politischen Ansichten in den sozialen Medien zu verbreiten.

Sasha hat zudem nur eine bescheidene Fangemeinde mit 66.000 Followern auf X und 9.000 auf Twitter, es ist also nicht so, als würden ihre gelegentlich geteilten politischen Ansichten den westlichen Diskurs wesentlich verändern. Ihr einziger bescheidener Beitrag dazu besteht darin, zu zeigen, dass Russland kein ödes Ödland voller hungernder Alkoholiker ist, wie es sich der durchschnittliche Westler aufgrund der unaufhörlichen Propaganda, der er ausgesetzt ist, vielleicht vorstellt. Das ist an sich zwar nicht politisch, aber manche Menschen könnten danach ihre politischen Ansichten ändern.

Schließlich könnte die Erkenntnis, dass man von seinen Eliten so lange über etwas belogen wurde, dazu führen, dass man ganz natürlich alles andere hinterfragt, was einem bisher erzählt wurde und was man bisher für selbstverständlich hielt – doch nicht viele Menschen sind mutig genug, eine solche Selbstreflexion vorzunehmen und ihre Weltanschauung zu überdenken. Das liegt nicht nur daran, dass sie schwach sind – obwohl nicht wenige es sind –, sondern auch daran, dass der Gruppendruck durch Familie und Freunde solche Menschen in der Regel im Zaum hält, da es schmerzhaft sein kann, solche engen Beziehungen wegen politischer Differenzen zu zerstören.

Aus diesem Grund ist es eine grobe Überreaktion der Eurokraten, Sanktionen gegen Sasha zu verhängen, was damit zeigt, wie unsicher sie sind. Sie haben eine pathologische Angst davor, dass ihre Bevölkerung herausfindet, dass sie in Bezug auf Russland belogen wird – nicht einmal in erster Linie in Bezug auf den Ukraine-Konflikt, den Sasha in ihren Videos nur gelegentlich behandelt, sondern in Bezug auf durchschnittliche Russen und darauf, wie es in Russland 4,5 Jahre nach der Verhängung der weltweit umfangreichsten Sanktionen gegen das Land aussieht. Eine Minderheit der EU-Bürger könnte, wie bereits erläutert, daraufhin ihre politischen Ansichten ändern.

Sashas Reiseblogs werden keine politische Revolution in Europa auslösen, und die Eurokraten wissen das, dennoch ist es ihnen äußerst unangenehm, dass jemand ihre Lügen über den Alltag in Russland systematisch entlarvt. Anstatt Sasha einfach zu ignorieren, haben sie mit ihren Versuchen, Sasha einzuschüchtern, ungewollt den Streisand-Effekt ausgelöst, indem sie dadurch mehr Aufmerksamkeit auf sie lenkten als je zuvor. Sie ist nun eine Märtyrerin der Meinungsfreiheit, deren Inhalte fortan immer bis zu einem gewissen Grad politisch sein werden, selbst wenn sie nur über Reisen spricht.

Was sich hier abspielte, war eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, durch die die unsicheren Eurokraten Sasha zu jener politischen Kraft machten, die sie zuvor nicht war – gerade weil sie sie so verbissen einschüchtern wollten. Sie konnten es nicht ertragen, dass jemand ihren westlichen Mitbürgern zeigte, dass man sie in Bezug auf Russland belogen hatte; also reagierten sie völlig überzogen, verhängten Sanktionen gegen sie und machten sie damit unbeabsichtigt zu einer Märtyrerin der Meinungsfreiheit. Sie werden diese Entscheidung sicherlich noch bereuen, aber ihre Egos werden sie wahrscheinlich daran hindern, sie jemals rückgängig zu machen.

https://korybko.substack.com/p/the-eurocrats-showed-how-insecure

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.