Warum sehen mehr Russen Polen als Feind an als jedes andere Land?

Von Andrew Korybko – 15. März 2026

Polen ist Russlands ältester Rivale, hat im Laufe des letzten Jahrtausends mehr als zwei Dutzend kriegerische Konflikte mit Russland ausgetragen und macht keinen Hehl aus seiner Absicht, nach dem Ende des Ukraine-Kriegs die regionale Eindämmung Russlands anzuführen.

Notes From Poland“ machte im Januar auf einen Bericht aufmerksam, den das Levada-Zentrum im Auftrag der deutschen Sacharow-Gesellschaft unter dem Titel „Russland und die Welt: Feinde, Konkurrenten, Partner“ erstellt hatte. Unter anderem zeigte sich darin, dass 62 Prozent der Russen Polen als Feind betrachten, ebenso viele wie Litauen. Das winzige Litauen wird in den Köpfen der meisten Russen mit Polen gleichgesetzt, während Großbritannien, das mit 57 Prozent an zweiter Stelle steht, einer der historischen Rivalen Russlands ist; die Platzierung der einzelnen Länder folgt also einer gewissen Logik.

Die von Polen bedarf jedoch einer näheren Betrachtung, da oberflächliche Beobachter überrascht sein könnten, dass so viele Russen es als Feind wahrnehmen. Zunächst einmal ist Polen Russlands ältester Rivale, und ihre Vorgängerstaaten führten im Laufe des vergangenen Jahrtausends mehr als zwei Dutzend kriegerische Konflikte gegeneinander. Die bedeutendsten davon fanden im letzten halben Jahrtausend seit der Gründung des Polnisch-Litauischen Commonwealth im Jahr 1569 statt und umfassten sogar die einzige ausländische Besetzung der russischen Hauptstadt (1610–1612) seit der Mongolenzeit.

In diesem Zusammenhang verwechseln die meisten Russen fälschlicherweise Polen und Litauen, weshalb sie beide Länder gleichermaßen als Feinde wahrnehmen, da sie über 400 Jahre lang (1386–1795) entweder in einer Union oder in einem Commonwealth miteinander verbunden waren. Das historische Gedächtnis ist nur ein Teil des Grundes, warum mehr Russen Polen als Feind betrachten als jedes andere Land (unter Berücksichtigung der oben genannten Beobachtung, dass sie Polen und Litauen fälschlicherweise miteinander vermischen), da auch die aktuelle Geopolitik eine Rolle spielt.

Unter Russen ist es heutzutage allgemein bekannt, dass Polen die Wiederherstellung seines längst verlorenen Großmachtstatus anstrebt. Sie sind sich auch bewusst, dass Polen der wichtigste Partner der USA in Mittel- und Osteuropa ist und dementsprechend eine unersetzliche militärisch-logistische Rolle bei der Fortsetzung des NATO-Stellvertreterkriegs gegen ihr Land über die Ukraine gespielt hat, dem traditionellen Schauplatz der historischen russisch-polnischen Rivalität. Viele erinnern sich daran, dass Polen im Sommer 2020 auch die gescheiterte Farbrevolution gegen den verbündeten belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko unterstützt hat.

Polens beispielloser militärischer Aufbau, der dazu führte, dass das Land nun über die größte Armee der EU und die drittgrößte der NATO hinter den USA und der Türkei verfügt, ist auch vielen Russen bekannt. Viele von ihnen erinnern sich auch daran, dass die unter Bush Jr. begonnenen „Raketenabwehr“-Pläne der USA in Polen, die der Kreml als Vorwand für die heimliche Stationierung von Offensivraketen unter Verletzung früherer Rüstungskontrollabkommen verdächtigte, zu den ersten ernsthaften Spannungen zwischen Russland und den USA seit dem Ende des Kalten Krieges führten.

Dennoch bedeutet die Wahrnehmung der Russen, Polen (und Litauen, das sie fälschlicherweise damit gleichsetzen) als Feind zu betrachten, nicht, dass sie das polnische Volk als ihren Feind ansehen. Als amerikanisch-polnischer Staatsbürger mit doppelter Staatsbürgerschaft (geboren und aufgewachsen in den USA, aber mit polnischer Staatsangehörigkeit durch meinen Vater), der seit zwölfeinhalb Jahren mit meinem polnischen Pass in Moskau lebt, habe ich nie irgendeine Polonophobie seitens der Russen erlebt. Es sind nur einige „nicht-russische Pro-Russen“, die polonophob sind, wie ich hier erklärt habe.

Betrachtet man das Gesamtbild, ist es daher verständlich, warum mehr Russen Polen als Feind wahrnehmen als jedes andere Land (nachdem Litauen den gleichen Platz einnimmt). Polen ist Russlands ältester Rivale, hat im Laufe des letzten Jahrtausends mehr als zwei Dutzend militärische Konflikte mit Russland ausgetragen und macht keinen Hehl aus seiner Absicht, nach dem Ende des Ukraine-Konflikts die regionale Eindämmung Russlands anzuführen. Wie zu erwarten, betrachten auch die Polen Russland als Feind, sodass davon auszugehen ist, dass ihre historische Rivalität noch viele Jahre andauern wird.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Demokratie à la Ukraine: Selensky droht Abgeordneten, die nicht in seinem Sinne abstimmen, mit Einberufung an die Front

Von Thomas Röper – 15. März 2026

Nachdem er selbst in seiner eigenen Fraktion zunehmend die Unterstützung verliert, droht Selensky den Abgeordneten des Parlaments mit Einberufung an die Front, wenn sie nicht für die von ihm geforderten Gesetze stimmen.

Das ukrainische Modell von Demokratie war schon immer sehr speziell. Die Ukraine war seit ihrer Gründung ein hochgradig korrupter Staat, in dem es vollkommen normal war, dass die Vertreter verschiedener Interessensgruppen vor wichtigen Abstimmungen mit Koffern voller Bargeld im Parlament unterwegs waren, um Stimmen von Abgeordneten zu kaufen. In der Ukraine war es immer vollkommen normal, dass viele Politiker ihre Parteizugehörigkeit vor jeder Wahl wechselten und sich der gerade führenden Strömung anschlossen, um im Parlament zu bleiben. Und es war normal, dass Oligarchen den Wahlkampf von Dutzenden Abgeordneten finanzierten, um sie und ihr Abstimmungsverhalten zu kontrollieren.

Nun aber scheint sich im ukrainischen Parlament etwas zu ändern. Nicht zu mehr Demokratie, aber offenbar befürchten immer mehr Abgeordnete eines Tages für ihr Abstimmungsverhalten während des Krieges zur Verantwortung gezogen zu werden, denn mit ihren Maßnahmen sorgen sie nicht nur für den finanziellen und wirtschaftlichen Untergang der Ukraine, sondern auch für ihre Entvölkerung durch die ungeheuren Verluste in dem inzwischen nicht mehr gewinnbaren und daher vollkommen sinnlosen Krieg.

Das ist zumindest meine Interpretation dafür, dass das Parlament sich immer öfter gegen die von Selensky geforderten Gesetze stellt und sich weigert, ihnen zuzustimmen. Das wäre ja noch verständlich, wenn es nur um die Fraktionen anderer Parteien ginge, aber sogar die Fraktion von Selenskys Regierungspartei „Diener des Volker“ verweigert dem Machthaber sogar bei wichtigen Gesetzen immer öfter die Gefolgschaft.

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Wie sind Trump und die US-Politik insgesamt nun zu bewerten?

Von Dmitri Trenin* – 14. März 2026

US-Präsident Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putin haben versucht und weitgehend auch erreicht, die diplomatischen Kontakte zwischen den USA und Russland zu öffnen und wieder zu beleben – auch wenn diese im Ukraine-Krieg noch zu keinen konkreten Resultaten geführt haben. Aber welche Auswirkungen hat nun der Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran, einen zumindest wirtschaftlich nahen Verbündeten Russlands, auf die Beziehungen zwischen den USA und Russland? Für Russland ist das keine einfach Situation. (cm)

Trumps historische Aufgabe (nach seiner eigenen Vorstellung) bestand darin, „die Größe der USA wiederherzustellen“ und das Land aus dem Kursverlust zu befreien, in dem es sich in den letzten anderthalb bis zwei Jahrzehnten befand. Ursprünglich wurde diese Aufgabe von Trump und seinen Mitstreitern der MAGA-Bewegung im Sinne einer nationalen Neuausrichtung und notwendiger Selbstbeschränkung interpretiert. Die allgemeine Ausrichtung lautete in etwa wie folgt: weg von der Ideologie des liberalen Globalismus (und des „Wokismus“) hin zu einem sachlichen, pragmatischen Ansatz, weg von der Verteidigung und Förderung der Interessen des amerikanischen Imperiums hin zu einer Hinwendung zum eigenen Land und dessen drängenden Problemen. Diese Ausrichtung beinhaltete die Anerkennung der Vielfalt der Welt und der Existenz mehrerer Großmächte, mit denen die USA verhandeln mussten. Es wurde davon ausgegangen, dass im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Regierung des 47. Präsidenten die USA selbst stehen würden, dann die westliche Hemisphäre und erst danach China und dahinter der Rest der Welt. Als Haupttätigkeitsbereich Washingtons war die Geoökonomie vorgesehen; unter den Sicherheitsproblemen standen illegale Einwanderung und Drogenhandel an erster Stelle. Die Herausforderung durch China wurde als vorwiegend technologischer und wirtschaftlicher Natur betrachtet. Trump versprach eine rasche Beilegung internationaler Konflikte, einschließlich des Ukraine-Konflikts, und positionierte sich als Präsident des Friedens.

Tatsächlich war der Start schwungvoll. Trump startete unverzüglich eine Zolloffensive gegen den Rest der Welt, die angeblich auf Kosten Amerikas „profitierte“; er distanzierte sich ideologisch von Europa; er „wischte“ die iranischen Nuklearanlagen „von der Erde“ und setzte sich aktiv dafür ein, sich selbst den Friedensnobelpreis zuzusprechen. In Richtung Russland stellte er den direkten Kontakt zum Kreml wieder her, wobei er die Pendeldiplomatie seiner Vertrauten einsetzte, und hielt in Anchorage, Alaska, ein kurzes Gipfeltreffen mit Präsident Wladimir Putin ab. Als Ergebnis dieses Treffens entstand eine gewisse amerikanisch-russische Verständigung hinsichtlich der Formel und der Wege zur Beilegung der Ukraine-Krise – was in Russland manchmal als „Geist von Anchorage“ bezeichnet wird.

*Zum Autor: Dmitri Trenin – Direktor des Instituts für Weltmilitärwirtschaft und -strategie der Nationalen Forschungsuniversität „Higher School of Economics“, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des IMEMO der Russischen Akademie der Wissenschaften.

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Zum Originalartikel von Dmitri Trenin in russischer Sprache.

Deckerinnerung als Politpraxis

Von Moshe Zuckermann – 14. März 2026


IDF-Selbstdarstellung

Was sich in Israel in den letzten drei Jahren zugetragen hat, wird von der Bevölkerung kaum noch diskutiert. Wie erklärt sich das?

Der Begriff Deckerinnerung stammt aus der Psychoanalyse, besonders aus den Arbeiten von Sigmund Freud. Er beschreibt eine scheinbar unwichtige oder banale Erinnerung aus der Kindheit, die tatsächlich eine andere, emotional bedeutsame oder verdrängte Erinnerung „verdeckt“. Verdeckt werden soll die bedeutsame Erinnerung wegen ihres dem Erinnernden unangenehmen bzw. unerträglichen Inhalts.

Der Begriff lässt sich nicht ohne weiteres auf kollektive Erinnerungen übertragen, und doch kann man Verdeckungspraktiken auch bei Kollektiven nachweisen. In der Soziologie hat sich dafür der Begriff der Ideologie etabliert, welcher in der marxistischen Tradition auch mit dessen negativen Deutung als „falsches Bewusstsein“ einhergehen mag. Dabei kann Ideologie als bewusste, aber auch als eine sich gleichsam „von selbst“ ergebende Manipulation des Bewusstseins wirken; beide sind mit den Kategorien der Rationalisierung, der Schutzbehauptung und der Rechtfertigung verschwistert. Ziel ist dabei das Verdrängen bzw. das Vergessen des Unangenehmen oder auch narzisstisch Kränkenden, wobei Manipulierende und Manipulierte sich wechselseitig beeinflussen.

Denkt man etwa an das erste Jahrzehnt der alten Bundesrepublik, so stach das Beschweigen des Zweiten Weltkriegs, mithin der Shoah, hervor. Sich in der wirtschftswunderlichen Normalität schnell einlebend, konnte man allerlei deckerinnernde Narrative annehmen, sprach bald vom „anderen Deutschland“, apostrophierte die NS-Zeit als geschichtlichen „Betriebsunfall“ oder gab schlicht vor, von nichts gewusst zu haben. Verdeckt wurde dabei, Margarete und Alexander Mitscherlich zufolge, die sogenannte Unfähigkeit (der Deutschen) zu trauern, was – entgegen dem common sense – die Unfähigkeit, sich vom Faschismus zu verabschieden meinte, der bei sehr vielen innerlich noch nachwirkte, äußerlich jedoch illegitim und politisch inakzeptabel war.

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Politisch und humanitär kann Deutschland sofort handeln“: Lage in Kuba

Von Benjamin Roth – 14. März 2026

Die US-Regierung hat die Sanktionen gegen Kuba erneut verschärft und droht Ländern, die die Insel mit Erdöl beliefern, mit hohen Strafzöllen. Die Blockade löst international Proteste aus. Vinzenz Hans Glaser ist Mitglied des Deutschen Bundestages für die Partei Die Linke. Der studierte Erzieher und Friedenspädagoge ist Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und Sprecher für antikoloniale Außenpolitik der Linksfraktion. Im Interview mit amerika21 spricht er über die geopolitischen Hintergründe der Verschärfung der US-Blockade gegen Kuba, die Auswirkungen der Rohstoffknappheit, den Umgang der kubanischen Bevölkerung damit und benennt Forderungen an die Bundesregierung. Von Benjamin Roth.

Wie ordnen Sie die Verschärfung der US-Blockade gegen Kuba ein?

Die Verschärfung der US-Blockade gegen Kuba ist ein klarer Bruch des Völkerrechts und trifft unmittelbar die Bevölkerung, die bereits seit über 60 Jahren unter der Blockade leidet. Bereits vorher war die wirtschaftliche Situation angespannt. Ende Januar erklärte die US-Administration, die kubanische Regierung stelle eine „ungewöhnliche und außergewöhnliche Bedrohung“ für die nationale Sicherheit der USA dar, ohne eine nachvollziehbare Begründung zu liefern. Damit wird eine Erzählung konstruiert, die den Weg für eine aggressive und unilaterale Politik freimacht. Dieser Schritt reiht sich ein in eine seit Jahrzehnten bestehende Regime-Change-Politik gegen unliebsame Regierungen. Ähnliche Strategien sahen wir bereits Anfang des Jahres in Venezuela, wo unter dem Vorwand einer angeblichen Bedrohung Maduro völkerrechtswidrig entführt wurde. Wir verurteilen als Linke aufs Schärfste das imperialistische Großmachtstreben der USA, das Lateinamerika als Einflussgebiet betrachtet und offen mit militärischer und wirtschaftlicher Gewalt droht, um seine Regime-Change-Politik durchzusetzen.

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Die Vereinigten Staaten haben sich im Iran übernommen

Von Murad Sadygzade – 14 März 2026

Washington projiziert, wie schon so oft zuvor, seine eigenen Annahmen auf eine politische Kultur, die es nur im Ansatz versteht. Diese Ignoranz erklärt auch, warum die aktuelle militärische Kampagne [in Wahrheit ein verbrecherischer Angriffskrieg; die Red.] gegen den Iran nicht die von Washington erhofften Ergebnisse hervorgebracht hat.

Es ist noch viel zu früh, um mit Sicherheit sagen zu können, wann die gegenwärtige Phase des US-israelischen Krieges gegen Iran enden wird. Selbst profunde Kenntnisse der Region lösen das Problem der Unsicherheit nicht.

Zu viele entscheidende Variablen entziehen sich jedem einfachen regionalen Modell. Entscheidungen in Washington sind wichtig. Chinas Haltung ist wichtig. Die Kalkulationen der globalen Finanz- und Politikelite sind wichtig. Die individuellen Risikoschwellen der Golfmonarchien sind wichtig. Kein seriöser Analyst kann all dies in eine einfache Formel pressen. Betrachtet man jedoch die sichtbare Entwicklung der letzten beiden Tage und geht man davon aus, dass keine strategischen Schocks das Muster umkehren, ist die plausibelste Erwartung, dass diese akute Phase noch etwa zehn Tage, vielleicht auch etwas länger, andauern wird. Das wäre die nüchternste Interpretation der aktuellen Lage.

Zunächst gilt es, die bequeme Sprache von Sieg und Niederlage abzulehnen. Iran hat im endgültigen Sinne weder gewonnen noch verloren. Was wir erleben, ist kein isolierter Krieg mit einem klaren Anfang und einem klaren Ende, sondern ein weiteres gewaltsames Kapitel in der umfassenderen Konfrontation, die am 7. Oktober 2023 in eine neue aktive Phase eintrat. Seitdem hat Israel versucht, Teheran strategisch einzudämmen, zurückzudrängen, seine Abschreckung zu schwächen und, wenn möglich, eine historische Wende im regionalen Machtgleichgewicht herbeizuführen. Doch dieses Ziel blieb unerfüllt. Der Krieg dauert an, weil sich der politische Organismus Irans als weitaus widerstandsfähiger erwiesen hat, als viele in Washington und Westjerusalem erwartet hatten.

Diese Widerstandsfähigkeit wird im Westen regelmäßig missverstanden, weil Iran allzu oft durch Kategorien betrachtet wird, die Außenstehenden schmeicheln, anstatt die iranische Realität zu erklären. Analysten, die nur nach wirtschaftlichen Faktoren, Absprachen der Eliten, sozialer Frustration, Korruption, Sanktionsmüdigkeit oder technologischer Rückständigkeit suchen, untersuchen die äußere Hülle des Staates und übersehen dabei seine innere Struktur. Iran stützt sich nicht allein auf Ideologie, Wirtschaftsleistung oder die Eigeninteressen seiner Eliten. Im tiefsten Inneren ruht die Islamische Republik auf einem viel älteren Fundus an Legitimität, Erinnerung, Ritualen und heiliger Geschichte. Der moderne iranische Staat schöpft seine Kraft aus einer zivilisatorischen Tiefe, die der Republik selbst vorausgeht und sie in wichtigen Aspekten sogar übertrifft.

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15. Tag im Angriffskrieg Israels und der USA gegen den Iran (Ticker 17:00 Uhr)

Von Peter F. Mayer / Jochen Mitschka – 14. März 2026

Der Iran hatte kein Interesse an einem Waffenstillstand gezeigt, mit der Begründung, man habe keine Lust, nach ein paar Monaten wieder angegriffen zu werden. Das Ziel des Irans ist offensichtlich eine dauerhafte Friedenslösung zu erreichen, welche Israels Expansion eindämmt, die Golfdiktaturen zur Neutralität statt US-Vasallenschaft oder sogar Kooperation bringt, und den Einfluss der USA in der Region zerstört. Nun zu den Ereignissen seit gestern Abend 21:00 Uhr.

Um 21:50 Uhr am 13. März führte die israelische Armee einen Luftangriff auf ein Wohnhaus in Nabatije im Südlibanon durch, bei dem sechs Menschen, darunter ein junges Mädchen, getötet wurden; das israelische Militär äußerte sich nicht dazu. In der Nacht ab ca. 00:16 Uhr kam es in Katar zu Explosionen und vorübergehenden Evakuierungen mehrerer Gebiete, nachdem iranische Angriffe auf Golfstaaten gemeldet wurden; Reporter hörten Abfangjäger über Doha. Ziel des Irans waren wieder Reste von US-Anlagen und Soldaten. Um 00:18 Uhr warnten iranische Streitkräfte die USA offiziell vor Angriffen auf Öl-, Wirtschafts- oder Energieinfrastruktur und drohten, manche sagten „kündigten an“, mit der Zerstörung aller entsprechenden US-Einrichtungen in der Region. Angriffe einstecken zu müssen, nachdem sie angekündigt worden waren, ist noch erniedrigender für die USA als Angriffe ohne Ankündigung.

Der 15. Tag

Um 00:38 Uhr verkündete US-Präsident Donald Trump, dass die US-Armee einen der heftigsten Luftangriffe in der Geschichte des Nahen Ostens auf militärische Ziele der iranischen Öl-Exportinsel Kharg durchgeführt habe. Damit wurde klar, dass die USA offensichtlich den Plan aufgaben, iranisches Öl über diese Insel zu stehlen, nachdem sie die Führung des Landes „eliminiert“ hatten. Die Tatsache, dass der Iran diesen Schlag, der die Anlagen zerstört, bewusst und kalkulierend einsteckt, obwohl darüber  bisher 80% des iranischen Öls exportiert wurden, kann nur bedeuten, dass sie einen Plan B haben.

Um 01:30 Uhr wurde ein weiterer Raketenangriff auf Katar abgewehrt, wie westliche Medien melden, wobei das Verteidigungsministerium allerdings zusätzliche Evakuierungen anordnete. Um 01:59 Uhr kündigte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth ein „gnadenloses Vorgehen“ im Krieg gegen den Iran an und erklärte: „Kein Pardon, keine Gnade für unseren Feind.“ Was angesichts der schon bisher erfolgten gnadenlosen Angriffe auf Schulen, pharmazeutische Fabriken, Krankenhäuser und Wohngebäude etwas übertrieben theatralisch erscheint. Ebenfalls um 01:59 Uhr tötete ein israelischer Luftangriff auf ein Gesundheitszentrum in Borj Qalaouiya im Südlibanon mindestens zwölf medizinische Mitarbeiter; die Zahl könnte noch steigen. Geradeso als wollte Israel das „gnadenlos“ noch mal unterstreichen.

In den frühen Morgenstunden des 14. März 2026 wurden weitere Angriffe auf Ziele in Teheran, Karadsch und anderen iranischen Städten gemeldet, mit dicken Rauchwolken über der Hauptstadt; zudem traf eine Rakete das US-Botschaftsgelände in Bagdad (Helipad), was Rauchentwicklung auslöste.

Iranisch gestützte Milizen im Irak kündigten weitere Angriffe auf US-Einrichtungen an. Dies soll die USA möglicherweise von der Idee abbringen, mit dem Invasionskorps, das unterwegs zum Iran ist, gegen den Iran im Bereich der Straße von Hormus vorzugehen, und die USA in den Irak locken soll, um die dortigen US-Soldaten zu entlasten.

Tatsächlich sind die Seeleute der USA bereits seit viel längerer Zeit auf See und erschöpft, so wie ihre Schiffe. Während der Iran offensichtlich kein Problem mit Nachschub und Motivation hat, sind mindestens zwei Flugzeugträger am Rande ihrer Leistungsfähigkeit, und einer möglicherweise bereits beschädigt. Mit jedem Anschlag auf Krankenhäuser, Schulen und anderen „gnadenlosen“ Massakern wächst die Wut und Motivation im Iran.

08 Uhr 15:

Wo ist Netanyahu?

Wie gestern berichtet wurde gestern eine durch KI generierte Ansprache von Netanyahu öffentlich, wo über das Kommen des Messias orakelt wurden. Tatsächlich ist Premier Benjamin Netanyahu seit mindestens 10 Tagen abgängig ebenso wie der israelische Minister Itamar Ben-Gvir.

Das Originalvideo, obwohl KI-generiert, ist jedoch authentisch und wurde vom israelischen Premierministeramt (PMO) selbst veröffentlicht – in voller HD-Qualität auf dem offiziellen YouTube-Kanal ohne die genannten Artefakte. Israel hat die Rede nicht dementiert, sondern sie als reale Aussage stehen lassen. Das Büro Netanyahus hat lediglich allgemein geraten, nur auf offizielle Quellen zu achten, um Fake-News und Todesgerüchte zu bekämpfen. Es gibt keine spezifische Stellungnahme wie „Das Video ist fake“ oder „Netanyahu hat das nie gesagt“ – weil die Inhalte stimmen. Im Gegensatz zum Christentum ist er kein göttlicher Sohn Gottes, kein Erlöser von persönlichen Sünden und kein bereits gekommener Heiland. Er ist ein zukünftiger menschlicher König aus der davidischen Linie (Nachkomme von König David), der die Welt in ein Zeitalter des Friedens und der göttlichen Erkenntnis führen wird. Der Glaube an seine Ankunft gehört zu den 13 Glaubensprinzipien des Maimonides (12. Prinzip): „Ich glaube mit vollkommener Überzeugung an das Kommen des Messias; und auch wenn er sich verspäten sollte, warte ich täglich auf ihn.“

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Der iranische und der russische Botschafter widerlegen falsche Behauptungen über Indiens „Verrat“

Von Andrew Korybko – 14. März 2026

Pepe Escobar behauptete in der vergangenen Woche, Indien habe Russland und den Iran nacheinander verraten. Eine gefährliche Falschmeldung, meint unser Autor.

Der iranische Botschafter in Indien antwortete am Freitag auf eine Frage von RT India zu widersprüchlichen Berichten, wonach der Iran Indien die Erlaubnis zur Nutzung der Straße von Hormus erteilt habe, mit der Erklärung: „Ja, denn Indien ist unser Freund. Sie werden es innerhalb von zwei oder drei Stunden sehen.“ Seine Bestätigung erfolgte, nachdem Premierminister Narendra Modi sein erstes Telefonat mit dem iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian seit Beginn des Dritten Golfkriegs geführt hatte, während sein Chefdiplomat Dr. Subrahmanyam Jaishankar sein viertes Gespräch mit seinem Amtskollegen führte.

Diese Nachricht dürfte für viele Mitglieder des russischen „globalen Medienökosystems“ überraschend kommen, nachdem einer seiner einflussreichsten Akteure, Pepe Escobar, einen Artikel darüber veröffentlicht hatte, wie Indien angeblich sowohl Russland als auch den Iran „verraten“ habe. Er sprach darüber auch in einem Podcast mit Judge Andrew Napolitano und hatte zuvor auf X darüber gepostet, nachdem er auf ein mittlerweile widerlegtes, virales, KI-gestütztes pakistanisches Fake-Video hereingefallen war, in dem der Chef der indischen Armee angeblich zugab, Israel die Koordinaten des iranischen Schiffes gegeben zu haben, das die USA später versenkten.

Pepe ist mit Außenminister Sergej Lawrow, dessen Sprecherin Maria Sacharowa, dem stellvertretenden Duma-Vorsitzenden Alexander Babakow und dem Beauftragten für Integration und Makroökonomie innerhalb der Eurasischen Wirtschaftskommission, Sergej Glasjew, befreundet und gehört dem führenden russischen Think Tank, dem Valdai-Club, als privilegiertes Mitglied an. Er gilt daher aufgrund seiner Arbeit zu diesem Thema als „die Stimme russischer Insider“, als „Russlands BRICS-Guru“ und als „das ausländische Gesicht der russischen Soft Power“. Das ist in diesem Zusammenhang problematisch.

Er schrieb auf X, dass es in seiner zweiteiligen Artikelserie über den Dritten Golfkrieg „jede Menge privilegierte Informationen“ gebe; der zweite Teil wurde zwei Absätze weiter oben geteilt, und der erste Teil kann hier nachgelesen werden. Der erste Teil ist relevant, da Pepe Escobar darin schrieb, dass „Indien nacheinander sowohl das Vollmitglied der BRICS, Russland, als auch den Iran verraten hat“. Er bezeichnete Indien zudem als „unzuverlässig“, als unwürdig, den Globalen Süden anzuführen, wie es das Land anstrebt, und als offenbar prädestiniert, aus den BRICS suspendiert oder sogar ausgeschlossen zu werden.

Die iranische Dimension von Indiens angeblichem „Verrat“ wurde gerade vom iranischen Botschafter in Indien widerlegt, während die russische Dimension bereits am Vortag vom russischen Botschafter in Indien widerlegt worden war, der dem neu gestarteten Sender RT India ein ausführliches Interview über die bilateralen Beziehungen der beiden Länder gab. Dies wurde hier analysiert, doch die wichtigsten Punkte sind, dass er Indien und insbesondere dessen Vorsitz bei den BRICS überschwänglich lobte. Es ist daher schlichtweg falsch, dass „Indien nacheinander sowohl das Vollmitglied der BRICS, Russland, als auch den Iran verraten hat“.

Während oberflächliche Beobachter vielleicht glauben, dass Escobars „privilegierte Informationen“ hierzu aus seinem umfangreichen Netzwerk offizieller russischer Freunde stammen, was zu dem falschen Eindruck führt, Russland unterstütze seine Angriffe gegen Indien, hat er zuvor Verbindungen zu mindestens drei ausländischen Geheimdiensten offenbart, die die eigentliche Quelle sein könnten. Im April 2024 gab er zu, mit „zwei Geheimdiensten aus zwei verschiedenen asiatischen Ländern“ in Kontakt zu stehen, und ließ dann letzten Monat durchblicken, dass er auch „einen Freund in einem der europäischen Geheimdienste“ habe.

Daher könnte eine dieser Quellen oder vielleicht eine andere, bislang nicht bekannt gegebene Information dafür verantwortlich sein, dass er fälschlicherweise behauptete, „Indien habe nacheinander sowohl das Vollmitglied der BRICS, Russland, als auch den Iran verraten“, wogegen die Botschafter dieser Länder in Indien ihn gerade widerlegt haben. Dennoch könnten oberflächliche Beobachter weiterhin glauben, dass seine offiziellen russischen Freunde dahinterstecken, und so Russlands Image in ihren Augen schädigen. Das schlimmste Szenario wäre, wenn indische Beamte dies ebenfalls glauben würden, was durchaus möglich ist.

Die Lehre daraus ist, dass großer Einfluss große Verantwortung mit sich bringt, und jemand wie Pepe Escobar, der aufgrund seines umfangreichen Netzwerks offizieller russischer Freunde als „die Stimme russischer Insider“ bekannt ist, sollte keine Gerüchte über strategische Partner wie Indien als Tatsachen ausgeben. Obwohl er dies in persönlicher Verantwortung teilte, werden die meisten Beobachter davon ausgehen, dass seine „privilegierten Informationen“ aus Russland stammten, daher ist zu hoffen, dass er diesen Fehler nicht noch einmal begeht. Seine offiziellen russischen Freunde könnten ebenfalls verärgert über ihn sein, falls ihre indischen Amtskollegen diesbezüglich nachfragen sollten.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.


 

Warum reagiert Russland auf den Angriff der USA und Israels auf den Iran so sanft?

Von Stefano die Lorenzo – 14. März 2026

Die ersten und stärksten Bombardierungen der USA und Israels trafen Irans Hauptstadt Teheran. Tausende von Bewohnern haben deshalb die Stadt verlassen, um irgendwo auf dem Land Unterschlupf zu finden.

Russland hat für den Krieg in der Ukraine auch Drohnen und vielleicht auch andere Waffen aus dem Iran bezogen. Jetzt aber scheinen seine Reaktionen auf den Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran eher zurückhaltend zu sein. Geht es darum, Donald Trump nicht zu sehr zu verärgern? Ein Thema, das Globalbridge beschäftigt. Eine erste kurze Stellungnahme liegt vor: ein Gespräch mit dem russischen Nahost-Experten Artyom Kirpitschenok. (cm)

In den ersten Tagen nach dem jüngsten Angriff der USA und Israels auf den Iran gab es eine Flut von Berichten darüber, dass die Enthauptung der islamischen Regierung im Iran, ähnlich wie die Ereignisse in Syrien und Venezuela, eine außenpolitische Demütigung für Russland darstelle. Kaja Kallas, die Hohe Vertreterin der Europäischen Union für Außenpolitik (die „Außenministerin“der EU), implizierte genau das, in ihrem charakteristisch unverblümten Stil, mit sanfter Stimme und einem unschuldigen Lächeln. Aber der Ton hat sich bereits geändert. Jetzt wird Russland trotz des Verlusts eines Verbündeten im Nahen Osten als einer der ersten Gewinner dieses Konflikts dargestellt, vor allem wegen der Auswirkungen des Krieges auf den globalen Markt für natürliche Ressourcen, über die Russland reichlich verfügt.

Darüber hinaus behauptet eine neue Reihe von Berichten, dass Russland keineswegs passiv zusieht, während ein Verbündeter angegriffen wird: Russlands Geheimdienste sollen möglicherweise Informationen über US-Ziele an den Iran weitergeben. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran könnte sich als viel schwieriger erweisen, als Netanjahu und das US-Kriegsministerium geplant hatten. Um diesen Krieg aus der Sicht Russlands besser zu verstehen, sprach Globalbridge mit dem russischen Professor und Nahost-Experten Artyom Kirpitschenok vom Zentrum für arabisch-eurasische Studien, einem unabhängigen russisch-ägyptischen Think Tank. 

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Iran: ein Schlüsselstaat Eurasiens

Von Uwe Froschauer – 14. März 2026

Heartland-Theorie, Mackinder
Halford J. Mackinder, Public domain, via Wikimedia Commons

Oder: der wahre Kriegsgrund der Vereinigten Staaten.

Geht es den USA im Konflikt mit dem Iran wirklich um Menschenrechte, Demokratie oder die angebliche Gefahr iranischer Atomwaffen? Oder verbirgt sich hinter der moralischen Rhetorik ein wesentlich nüchterneres strategisches Kalkül? Ein Blick auf die geopolitische Landkarte legt eine andere Interpretation nahe. Der Iran liegt an einer der wichtigsten Schnittstellen Eurasiens – zwischen den Energiezentren des Nahen Ostens, den Rohstoffregionen Zentralasiens und den aufstrebenden Wirtschaftsmächten Asiens. Wer diesen Raum kontrolliert oder politisch schwächt, beeinflusst zugleich die Entwicklung eines ganzen Kontinents. Genau deshalb steht der Iran seit Jahrzehnten im Fokus US-amerikanischer Machtpolitik. Nicht Menschenrechte oder Atomprogramme bilden den eigentlichen Kern des Konflikts, sondern die strategische Rolle des Landes als geopolitischer Schlüsselstaat auf dem eurasischen Schachbrett.

Das Zusammenwachsen Eurasiens versuchen die USA zur Erhaltung einer unipolaren, von ihnen gesteuerten Weltordnung mit allen denkbaren Mitteln zu verhindern.

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