Stern: „Wie Experten den Sieg zusammenfantasieren“

Von Thomas Röper – 3. November 2023

Beginnt nun eine Kehrtwende in der deutschen Berichterstattung? Im Stern wurde ein bemerkenswerter Kommentar veröffentlicht. – Ich weise seit langer Zeit darauf hin, dass die deutschen Medien in Sachen Ukraine Kriegspropaganda verbreiten, die an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert. Die deutschen Medien wollen Siegeszuversicht verbreiten, wo eine totale militärische Niederlage bereits sicher ist. Mal sollte die ukrainische Offensive den Sieg bringen, dann waren es die westlichen „Wunderwaffen“, die Russlands Armee schlagen sollten. Und vor allem der Spiegel bringt immer noch fast täglich die Meldungen des britischen Geheimdienstes, der sich durch eine besonders reiche Fantasie auszeichnet, denn wenn man ihm glauben wollte, hatte Russland schon Ende März 2022 keine Raketen mehr. Dass all diese Meldungen aus London sich schnell als frei erfundene Kriegspropaganda entpuppt haben, hat Medien wie den Spiegel nicht daran gehindert, sie fleißig weiterhin zu veröffentlichen.

In britischen und US-amerikanischen Medien kann man schon seit Monaten immer wieder lesen, dass es um die Ukraine schlecht bestellt ist. Dieses Muster ist bekannt: Wenn sich die Politik des Westens ändert, werden die nötigen Entscheidungen in den angelsächsischen Hauptstädten getroffen, weshalb die dortigen Medien wesentlich informativer sind, denn sie formen die öffentliche Meinung dort und berichten daher schon Monate früher über sich abzeichnende Tendenzen als deutsche Medien.

Erst wenn dort eine Entscheidung zur Änderung der Politik gefallen ist, ändern auch die deutschen Medien – für ihre Leser meist sehr überraschend – plötzlich die Berichterstattung.

Das erwarte ich schon seit einiger Zeit und vielleicht hat das jetzt begonnen, denn im Stern ist unter der Überschrift „Russlands Angriff – Krieg längst gewonnen? Wie Experten den Sieg zusammenfantasieren – und damit der Ukraine schaden“ ein Kommentar erschienen, der über weite Strecken erstaunlich kritisch und ehrlich war.

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„Schwerter aus Eisen“ – ein Völkermord in Gaza

Von Norman Paech – 3. November 2023

Nur eines scheint in diesem furchtbaren Krieg in Gaza nicht bestreitbar, die Zahl der Opfer, ob Tote, Verletzte oder zerstörte Wohnungen, steigt unablässig und wird weiter steigen. Alles andere ist umstritten, wie viele Menschen dem Bombenterror bereits zum Opfer gefallen sind und das Ausmaß der Zerstörungen. Nur manchmal lassen die gelegentlich übermittelten Bilder von den Trümmern das unendliche Elend erahnen, welches die Raketen, Kampfflugzeuge, Drohnen und Panzer bei den Bewohnern in Gaza hinterlassen. Die Medien widmen sich vordringlich der Trauer der Hinterbliebenen des tödlichen Angriffs der Hamas und den Protesten der Verwandten der entführten Geiseln. Die Abgeordneten des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag werden mit einem Papier „Schwerter aus Eisen“ von Israels Botschafter Ron Prosor gefüttert, und die Chefs der EU-Staaten quälen sich zu einem Beschluss, der zeitweise Korridore fordert, um die zwei Millionen eingepferchten Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen – damit die nächste Welle der Gewalt und Zerstörung zumindest das Etikett einer „humanen Kriegsführung nach den Normen des humanitären Völkerrechts“ sich anheften kann.

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Moldawien: Wenn die Opposition Regionalwahlen gewinnt, werden der Region Gelder gesperrt

Von Thomas Röper/TASS – 3. November 2023

In der moldawischen Region Gagausien hat eine Vertreterin der Opposition die Wahl gewonnen. Die pro-westliche Regierung von Präsidentin Sandu erkennt den Wahlsieg nicht an und sperrt der Region kurzerhand Gelder. – Gagausien ist ein autonomes Gebiet innerhalb Moldawiens. Es verfügt über weitreichende Autonomie, hat drei Amtssprachen (Gagausisch, Russisch und Rumänisch) und eine eigene Regierung. In der Region leben knapp 160.000 Menschen. In Gaugasien gab es vor kurzem Wahlen, bei denen eine Kandidatin der Opposition gewonnen hat, was der pro-westlichen Präsidentin Sandu überhaupt nicht gefallen hat. Die moldawische Regierung hat daher mit Repressionen gegen die Region begonnen, um sie dafür zu bestrafen, die „falsche“ Kandidatin gewählt zu haben. Dazu gehören Kürzungen von Geldern. Da ich darüber bisher noch nicht berichtet habe, obwohl ich die Meldungen seit Wochen verfolge, werde ich hier zunächst eine aktuelle Meldung der russischen Nachrichtenagentur TASS übersetzen und danach noch auf weitere Vorgänge aus der letzten Zeit eingehen.

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Israels Bombardierung des Flüchtlingslagers Dschabalia: eine neue Stufe der imperialistischen Barbarei

Von Andre Damon – 3. November 2023

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten haben die schrecklichen Luftangriffe auf das Flüchtlingslager Dschabalia in Gaza am Dienstag nicht nur gerechtfertigt, sondern auch die dortige Zivilbevölkerung zum legitimen militärischen Ziel erklärt.

Am Dienstag warfen israelische Kampfflugzeuge mehrere Bomben auf das Wohnviertel Dschabalia ab, in dem sich das größte Flüchtlingslager des Gazastreifens befindet. Dutzende Menschen wurden getötet. Auf die weltweite Empörung über das Massaker reagierten die israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) am nächsten Tag mit einem erneuten Angriff auf das Lager Dschabalia. Die Zahl der Todesopfer beider Bombenanschläge ist inzwischen auf 195 gestiegen, 120 Menschen werden noch vermisst.

Die israelischen Behörden brüsteten sich damit, absichtlich ein Gebiet angegriffen zu haben, in dem Hunderte Frauen und Kindern leben. „Aber Sie wissen, dass sich in diesem Flüchtlingslager auch viele Flüchtlinge befinden, viele unschuldige Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder, oder?“, fragte CNN-Moderator Wolf Blitzer den IDF-Sprecher, Oberstleutnant Richard Hecht. Hecht bejahte das eindeutig: „Das ist die Tragödie des Kriegs, Wolf.“

Als der Sprecher des Pentagon, Brigadegeneral Pat Ryder, um eine Stellungnahme zu Hechts Äußerung gebeten wurde, billigte er den Luftangriff, indem er den Palästinensern vorwarf, „menschliche Schutzschilde“ zu sein. Als Reaktion auf die Bombardierung erklärte Senator Lindsay Graham öffentlich, es gebe „keine Obergrenze“ für die Zahl der zivilen Todesopfer, die Washington in Gaza tolerieren wird.

Die Pläne der USA und Israels werden immer deutlicher. Seit 50 Jahren reden die imperialistischen Mächte von einer „Lösung“ für das „Problem“ der Palästinenser. Jetzt haben sie eine gefunden: die „Endlösung der palästinensischen Frage“. Israel führt mit Unterstützung der imperialistischen Mächte einen Krieg der Massenvernichtung und ethnischen Säuberung, der darauf abzielt, so viele Palästinenser wie möglich zu töten und die Überlebenden aus dem Gazastreifen zu vertreiben. Sie werden entweder als staatenlose Flüchtlinge über den ganzen Globus verstreut oder in die Wüste Sinai getrieben.

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Belgische Flughafengewerkschaften rufen zum Boykott von Waffenlieferungen an Israel auf

Von Alex Lantier – 3. November 2023

Am 31. Oktober rief ein Bündnis belgischer Flughafengewerkschaften ihre Mitglieder im Bodenpersonal auf, keine Waffenlieferungen nach Israel mehr abzufertigen. Fast einen Monat nach Ausbruch des Kriegs zwischen Israel und Gaza ist dies das erste und bisher einzige Mal, dass Gewerkschaften in den imperialistischen Nato-Ländern auf den Aufruf der palästinensischen Gewerkschaften vom 16. Oktober reagieren und die Aufrüstung Israels boykottieren.

Die Erklärung der belgischen Gewerkschaften trägt den Titel: „Ablehnung des Transports von für den Krieg in Palästina bestimmtem Militärmaterial“. Darin wird festgestellt, dass „Arbeiter auf verschiedenen belgischen Flughäfen sehen können, wie Waffen in Kriegsgebiete geliefert werden. Mit dem Be- und Entladen dieser Waffen werden Organisationen versorgt, die unschuldige Menschen töten.“ Auf dieser Grundlage ruft das Gewerkschaftsbündnis seine Mitglieder auf, sich zu weigern, für Israel bestimmte Waffen ein- oder auszuladen:

„Wir, die verschiedenen im Bodentransport tätigen Gewerkschaften, fordern unsere Mitglieder auf, keine Flüge mehr zu bedienen, die militärisches Material in Richtung Palästina/Israel transportieren, wie dies zu Beginn des Konflikts mit Russland und der Ukraine auf der Grundlage klarer Vereinbarungen und Regeln geschehen ist.

Wir rufen daher zu einem sofortigen Waffenstillstand auf und fordern die belgische Regierung auf, konsequent zu sein und den Transit von Waffen über belgische Flughäfen nicht länger zu tolerieren. Als Gewerkschaften erklären wir unsere Solidarität mit denjenigen, die sich für den Frieden einsetzen.“

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Bidens Rede zur Lage der Nation macht nachdenklich. Beiläufige Ankündigung von Weltkrieg Nummer 3?

Von Wolfgang Effenberger – 2. November 2023

In seiner Rede zur Lage der Nation am 19. Oktober 2023 gab sich US-Präsident Joe Biden als Oberbefehlshaber der USA sehr kriegsaffin. Diplomatische Lösungsansätze waren nicht herauszuhören:

„Wir stehen vor einem Wendepunkt in der Geschichte – einem dieser Momente, in denen die Entscheidungen, die wir heute treffen, die Zukunft für die nächsten Jahrzehnte bestimmen werden.“

Welche Szenarien sind in diesem Moment Biden wohl durch den Kopf gegangen? In seiner Vizepräsidentschaft unter Barack Obama wurde im September 2014 das Langzeitstrategie-Dokument TRADOC 525-3-1 „Win in a Complex World 2020-2040“ verabschiedet.

In diesem Papier erhielten die US-Streitkräfte den Auftrag, die von Russland und China ausgehende Bedrohung „abzubauen”. Der damalige Befehlshaber von TRADOC, der Vier-Sterne-General David Perkins, führte dazu aus, dass „Win in a Complex World“ (Siegen in einer komplexen Welt) die Bedeutung einsatzbereiter Landstreitkräfte für den Schutz der Nation und die Sicherung der lebenswichtigen Interessen gegen entschlossene, schwer fassbare und zunehmend fähige Gegner unterstreicht und die grundlegenden Fähigkeiten hervorhebt, die das Heer zur Verhinderung von Kriegen und zur Gestaltung des Sicherheitsumfelds benötigt. „Problem“

TRADOC 525-3-1 soll die Feinde abschrecken, die Verbündeten beruhigen und die Neutralen beeinflussen. In der US-Sicherheitsstrategie vom Oktober 2022 werden die in „Win in a Complex World“ festgelegten Ziele noch einmal verdeutlicht.

Im Vorwort zur neuen Sicherheitsstrategie schreibt Biden:

„Seit den ersten Tagen meiner Präsidentschaft vertrete ich die Auffassung, dass unsere Welt an einem Wendepunkt steht. Die Art und Weise, wie wir auf die enormen Herausforderungen und die noch nie dagewesenen Chancen reagieren, mit denen wir heute konfrontiert sind und denen wir heute gegenüberstehen, wird die Richtung unserer Welt bestimmen und sich auf die Sicherheit und den Wohlstand des amerikanischen Volkes für die kommenden Generationen auswirken. In der Nationalen Sicherheitsstrategie 2022 wird dargelegt, wie meine Regierung dieses entscheidende Jahrzehnt nutzen wird, um Amerikas lebenswichtige Interessen zu fördern und die Vereinigten Staaten zu positionieren, um unsere geopolitischen Konkurrenten auszumanövrieren, gemeinsame Herausforderungen zu bewältigen und unsere Welt [die westliche, W.E.] fest auf den Weg in eine hellere und hoffnungsvollere Zukunft zu bringen“.

Viele können diese Sätze nur als eine Kampfansage an den Rest der Welt empfinden – vor allem Russland, Nordkorea, Iran und China.

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Der Nahen Osten verkommt zu einer rechtslosen Geographie

Von Amalia van Gent – 2. November 2023

Südisrael, Gaza und Rojava: der Nahe Osten verkommt in einen rechtslosen Zustand, in dem die Menschen nur als wertlose Manövriermasse geduldet werden. – Eine knappe Woche nach dem Überfall der Hamas in Israel wandte sich die israelische Journalistin Amira Hass mit einem offenen Brief an den Bundeskanzler Olaf Scholz: Die Aufgabe der deutschen Regierung sei es, „Israels Zerstörungsfeldzug jetzt zu stoppen“, schrieb sie in ihrem in der israelischen Zeitung Haaretz veröffentlichten Brief. Sie klagte die Regierung Scholz an, ihre „aus dem Holocaust erwachsene Verantwortung“ verraten zu haben. Mit einer vorbehaltlosen Unterstützung für Tel Aviv erteile Berlin „einen Blankocheck für ein verwundetes, verletztes Israel, hemmungslos zu vernichten, zu zerstören und zu töten“. Amira Hass mahnte, der Bundeskanzler riskierte damit, „uns alle in einen regionalen Krieg zu verwickeln, wenn nicht sogar in einen dritten Weltkrieg, der auch Israels Überleben gefährden würde, seine Sicherheit und Existenz.“

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„Kriegstüchtigkeit“: Medien, Politiker und „Experten“ wie im Rausch

Von Tobias Riegel – 2. November 2023

Die Äußerungen von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), dass „wir“ wieder kriegstüchtig werden müssten, sind infam, aber durchschaubar – es geht mal wieder auch ums Geld. Denn „Kriegstüchtigkeit“ und ein damit verbundenes außenpolitisches Auftrumpfen erhöht nicht nur die Gefahr von Kriegen, sondern wirkt bereits lange vorher zerstörerisch für die Bürger: Um der Kriegswirtschaft Unsummen in den Rachen werfen zu können, muss die Gesellschaft bereit sein, zu verzichten. An dieser Bereitschaft wird nun gearbeitet, in den letzten Tagen unter anderem auch in ARD und ZDF. Das nennt sich dann „mentaler Wandel“ angesichts einer „unbequemen Wahrheit“. Zur Erinnerung hier das betreffende Zitat von Pistorius vom Sonntagabend: „Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte. Und das heißt: Wir müssen kriegstüchtig werden. Wir müssen wehrhaft sein. Und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.“

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„Dies hier ist ein Paradebeispiel für Völkermord“ – Rücktrittsschreiben von Craig Mokhiber, Direktor des UN-Büros in New York

Von Craig Mokhiber – 28. Oktober/2. November 2023

Lieber Herr UN-Hochkommissar,

dies ist meine letzte offizielle Mitteilung als Direktor des New Yorker Büros des UN-Menschenrechtskommissars an Sie.

Ich schreibe dies in einem Augenblick großer Pein für die Welt, darunter auch für viele unserer Kollegen. Wieder einmal sehen wir, wie sich vor unseren Augen ein Völkermord vollzieht, und die Organisation, der wir dienen, scheint machtlos, ihn aufzuhalten. Für mich als jemand, der sich seit den 1980er Jahren intensiv mit den Menschenrechten in Palästina befasst hat, der in den 1990er Jahren als Menschenrechtsberater in Gaza gelebt hat und der davor und danach mehrmals im Dienste der Menschenrechte in diesem Land war, hat das eine tiefe persönliche Bedeutung.

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Alle Unmenschen ausrotten

Von Chris Hedges* – 2. November/29. Oktober 2023

Alle kolonialen Projekte der Siedler, einschließlich Israels, erreichen einen Punkt, an dem sie sich auf ein Gemetzel und einen Völkermord einlassen, um eine einheimische Bevölkerung auszurotten, die sich weigert, zu kapitulieren.

Während der Belagerung von Sarajewo, als ich für die New York Times berichtete, haben wir nie ein solches Ausmaß an Bombardierung und fast vollständiger Blockade von Lebensmitteln, Wasser, Treibstoff und Medikamenten ertragen, wie es Israel im Gazastreifen praktiziert hat. Wir haben nie Hunderte von Toten und Verwundeten pro Tag ertragen müssen. Wir haben nie die Komplizenschaft der internationalen Gemeinschaft mit dem serbischen Völkermord ertragen. [Siehe hierzu: Internationale Untersuchungskommission: kein Völkermord in Srebrenica, Anm. der GG-Red.] Wir haben nie ertragen, dass Washington interveniert hat, um Waffenstillstandsresolutionen zu blockieren. Wir haben nie die massiven Waffenlieferungen aus den USA und anderen westlichen Ländern zur Aufrechterhaltung der Belagerung ertragen. Wir haben es nie ertragen, dass Presseberichte aus Sarajevo von der internationalen Gemeinschaft routinemäßig diskreditiert und abgetan wurden, obwohl 25 Journalisten während des Krieges von der belagernden serbischen Armee getötet wurden.

Wir haben nie massive Waffenlieferungen aus den USA und anderen westlichen Ländern zur Aufrechterhaltung der Belagerung ertragen. Wir haben nie ertragen, dass Presseberichte aus Sarajevo von der internationalen Gemeinschaft routinemäßig diskreditiert und abgetan wurden, obwohl 25 Journalisten während des Krieges von den belagernden serbischen Truppen getötet wurden. Wir haben nie ertragen, dass westliche Regierungen die Belagerung mit dem Recht der Serben auf Selbstverteidigung rechtfertigten, obwohl die nach Bosnien entsandten UN-Friedenstruppen vor allem eine PR-Geste waren, die das Gemetzel nicht stoppen konnte, bis sie nach den Massakern an 8.000 bosnischen Männern und Jungen in Srebrenica zum Einsatz gezwungen wurden. [Zum sogenannten Massaker bzw. Völkermord von Srebrenica siehe: Internationale Untersuchungskommission: kein Völkermord in Srebrenica, Anm. der GG-Red.]

Ich möchte den Schrecken der Belagerung von Sarajewo nicht herunterspielen, der mir auch fast drei Jahrzehnte später noch Alpträume bereitet. Aber was wir erleiden mussten ‒ drei- bis vierhundert Granaten pro Tag, vier bis fünf Tote pro Tag und zwei Dutzend Verwundete pro Tag ‒ ist nur ein winziger Bruchteil dessen, was in Gaza an Tod und Zerstörung angerichtet wird. Die israelische Belagerung des Gazastreifens ähnelt eher dem Angriff der Wehrmacht auf Stalingrad, bei dem über 90 Prozent der Gebäude der Stadt zerstört wurden, als Sarajevo.

Am Freitag wurde die gesamte Kommunikation im Gazastreifen unterbrochen. Kein Internet. Kein Telefondienst. Kein Strom. Israels Ziel ist die Ermordung von Zehn-, wahrscheinlich Hunderttausenden von Palästinensern und die ethnische Säuberung derjenigen, die überleben, in Flüchtlingslagern in Ägypten. Es ist ein Versuch Israels,

Es ist ein Versuch Israels, nicht nur ein Volk, sondern auch die Idee von Palästina auszulöschen. Es ist eine Kopie der massiven Kampagnen rassistisch motivierter Tötungen durch andere koloniale Siedlerprojekte, die glaubten, dass wahllose und groß angelegte Gewalt die Bestrebungen eines unterdrückten Volkes, dessen Land sie gestohlen haben, zum Verschwinden bringen könnte. Und wie andere Völkermörder will auch Israel den Völkermord geheim halten.

Israels Bombardierung, eine der schwersten des 21. Jahrhunderts, hat mehr als 7.300 Palästinenser getötet, fast die Hälfte davon Kinder, sowie 26 Journalisten, medizinisches Personal, Lehrer und Mitarbeiter der Vereinten Nationen. Etwa 1,4 Millionen Palästinenser im Gazastreifen wurden vertrieben, und schätzungsweise 600.000 sind obdachlos. Moscheen, 120 Gesundheitseinrichtungen, Krankenwagen, Schulen, Wohnhäuser, Supermärkte, Wasser- und Abwasseraufbereitungsanlagen und Kraftwerke wurden in Schutt und Asche gelegt. Krankenhäuser und Kliniken, denen es an Treibstoff, Medikamenten und Strom mangelt, wurden bombardiert oder müssen schließen. Sauberes Wasser geht zur Neige. Am Ende der israelischen Kampagne der verbrannten Erde wird Gaza unbewohnbar sein ‒ eine Taktik, die die Nazis regelmäßig anwandten, wenn sie auf bewaffneten Widerstand trafen, so auch im Warschauer Ghetto und später in Warschau selbst. Wenn Israel fertig ist, wird der Gazastreifen, oder zumindest der Gazastreifen, wie wir ihn kannten, nicht mehr existieren.

Nicht nur die Taktik ist dieselbe, sondern auch die Rhetorik. Die Palästinenser werden als Tiere, Bestien und Nazis bezeichnet.

Sie haben kein Recht zu existieren. Ihre Kinder haben kein Recht zu existieren. Sie müssen von der Erde getilgt werden.

Die Ausrottung derjenigen, deren Land wir stehlen, deren Ressourcen wir plündern und deren Arbeitskraft wir ausbeuten, ist in unserer DNA kodiert. Fragen Sie die amerikanischen Ureinwohner. Fragen Sie die Indianer. Fragen Sie die Kongolesen. Fragen Sie die Kikuyu in Kenia. Fragen Sie die Herero in Namibia, die wie die Palästinenser in Gaza niedergeschossen und in Konzentrationslager in der Wüste getrieben wurden, wo sie verhungerten und an Krankheiten starben. Achtzigtausend von ihnen. Fragen Sie die Iraker. Fragen Sie die Afghanen. Fragen Sie Syrer. Fragen Sie Kurden. Fragen Sie die Libyer. Fragen Sie indigene Völker auf der ganzen Welt. Sie wissen, wer wir sind.

Israels verzerrtes, siedler-koloniales Antlitz ist unser eigenes. Wir tun so, als ob es nicht so wäre. Wir schreiben uns selbst Tugenden und zivilisatorische Qualitäten zu, die, wie in Israel, fadenscheinige Rechtfertigungen dafür sind, ein besetztes und belagertes Volk seiner Rechte zu berauben, sein Land zu beschlagnahmen und es durch lange Inhaftierung, Folter, Demütigung, erzwungene Armut und Mord unterjocht zu halten.

Unsere Vergangenheit, einschließlich der jüngsten Vergangenheit im Nahen Osten, beruht auf der Idee, die „minderwertigenʺ Rassen der Erde zu unterwerfen oder auszurotten. Wir geben diesen „minderwertigenʺ Rassen Namen, die das Böse verkörpern. ISIS. Al Qaida. Hisbollah. Hamas. Wir benutzen rassistische Schimpfwörter, um sie zu entmenschlichen: „Hajiʺ, „Sandniggerʺ, „Kameljockeyʺ, „Ali Babaʺ, „Mistschauflerʺ. Und dann, weil sie das Böse verkörpern, weil sie weniger als Menschen sind, fühlen wir uns berechtigt, wie Nissim Vaturi, ein Mitglied des israelischen Parlaments für die regierende Likud-Partei, sagte, „den Gazastreifen vom Angesicht der Erde zu tilgen.ʺ

Naftali Bennett, Israels ehemaliger Premierminister, sagte in einem Interview auf Sky News am 12. Oktober: „Wir kämpfen gegen Nazisʺ, mit anderen Worten, gegen das absolut Böse.

Um nicht übertroffen zu werden, bezeichnete Premierminister Benjamin Netanjahu die Hamas in einer Pressekonferenz mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz als „die neuen Nazisʺ.

Stellen Sie sich das vor. Ein Volk, das sechzehn Jahre lang im größten Konzentrationslager der Welt gefangen gehalten wurde, dem Nahrung, Wasser, Treibstoff und Medikamente verweigert wurden, das keine Armee, keine Luftwaffe, keine Marine, keine mechanisierten Einheiten, keine Artillerie, keine Kommando- und Kontrollsysteme und keine Raketenbatterien hat, wird von einer der fortschrittlichsten Streitkräfte der Welt abgeschlachtet und ausgehungert, und sie sind die Nazis?

Es gibt hier eine historische Analogie. Aber es ist keine, die Bennett, Netanjahu oder irgendein anderer israelischer Führer anerkennen will.

Wenn die Besetzten sich weigern, sich zu unterwerfen, wenn sie weiterhin Widerstand leisten, lassen wir jeden Anschein unserer „zivilisatorischenʺ Mission fallen und entfesseln, wie in Gaza, eine Orgie des Gemetzels und der Zerstörung. Wir werden trunken von der Gewalt. Diese Gewalt macht uns wahnsinnig. Wir töten mit rücksichtsloser Grausamkeit. Wir werden zu den Bestien, die wir den Unterdrückten vorwerfen zu sein. Wir entlarven die Lüge von unserer gepriesenen moralischen Überlegenheit. Wir entlarven die grundlegende Wahrheit über die westliche Zivilisation ‒ wir sind die rücksichtslosesten und effizientesten Mörder auf dem Planeten. Das allein ist der Grund, warum wir die „Elenden der Erdeʺ beherrschen. Das hat nichts mit Demokratie, Freiheit oder Ungebundenheit zu tun. Das sind Rechte, die wir den Unterdrückten niemals zugestehen wollen.

„Ehre, Gerechtigkeit, Mitgefühl und Freiheit sind Ideen, die keine Verwandten habenʺ, erinnert uns Joseph Conrad, der Autor von „Herz der Finsternisʺ. „Es gibt nur Menschen, die, ohne zu wissen, zu verstehen oder zu fühlen, sich an Worten berauschen, sie wiederholen, sie schreien und sich einbilden, sie zu glauben, ohne an etwas anderes zu glauben als an den Profit, den persönlichen Vorteil und die eigene Zufriedenheit.ʺ

Völkermord ist der Kern des westlichen Imperialismus. Das gilt nicht nur für Israel. Er ist nicht nur bei den Nazis zu finden. Er ist der Grundstein der westlichen Vorherrschaft. Die humanitären Interventionisten, die darauf bestehen, dass wir andere Nationen bombardieren und besetzen sollten, weil wir das Gute verkörpern‒obwohl sie ‒ obwohl sie militärische Interventionen nur dann befürworten, wenn sie in unserem nationalen Interesse liegen ‒ sind nützliche Idioten der Kriegsmaschinerie und der globalen Imperialisten. Sie leben in einem Alice-im-Wunderland-Märchen, in dem die Ströme von Blut, die wir vergießen, die Welt zu einem glücklicheren und besseren Ort machen. Sie sind die lachenden Gesichter des Völkermords. Ihr könnt sie auf euren Bildschirmen sehen. Sie können ihnen zuhören, wenn sie im Weißen Haus und im Kongress ihre Pseudomoral verkünden. Sie sind immer im Unrecht. Und sie gehen nie weg.

Vielleicht lassen wir uns von unseren eigenen Lügen täuschen, aber der größte Teil der Welt sieht uns und Israel ganz klar. Sie verstehen unsere völkermörderischen Neigungen, unsere Heuchelei und Selbstgerechtigkeit. Sie sehen, dass die Palästinenser, die größtenteils ohne Freunde und ohne Macht sind, die gezwungen sind, in elenden Flüchtlingslagern oder in der Diaspora zu leben, denen ihr Heimatland verwehrt wird und die auf ewig verfolgt werden, ein Schicksal erleiden, wie es einst den Juden vorbehalten war. Dies ist vielleicht die letzte tragische Ironie. Diejenigen, die einst Schutz vor Völkermord brauchten, begehen ihn nun.

*Chris Hedges ist ein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Journalist, der 15 Jahre lang als Auslandskorrespondent für die New York Timesʺ tätig war, wo er das Büro für den Nahen Osten und das Büro für den Balkan leitete. Zuvor arbeitete er im Ausland für The Dallas Morning News, The Christian Science Monitor und NPR.  Er ist der Gastgeber der Sendung „The Chris Hedges Reportʺ.

[Zum Originalbeitrag auf ScheerPost und auf Consortium News]

Übersetzung aus dem Englischen mit Hilfe von DeepL