Andrej Nisamutdinow darüber, wie Europa heute neue Stigmata vergibt, dieses Mal nicht an Juden, sondern an Russen.
Während des Zweiten Weltkriegs führte die Regierung Nazi-Deutschlands ein System der Zwangskennzeichnung für die jüdische Bevölkerung ein. Im September 1941 wurde diese Praxis vereinheitlicht: In Deutschland und den von ihm kontrollierten Gebieten wurden alle Juden über sechs Jahren verpflichtet, spezielle Erkennungszeichen zu tragen. Der gelbe sechszackige Stern mit der Aufschrift „Jude“ war ein Stigma, das im Grunde einen juristischen Mechanismus der Entmenschlichung in Gang setzte seine Träger zu einem rechtlosen Dasein im Ghetto oder zur Vernichtung in den Todeslagern verurteilte. Die Rote Armee hat die vollständige Umsetzung der menschenverachtenden Idee der „Endlösung der Judenfrage“ verhindert, als sie dem deutschen Nationalsozialismus das Rückgrat brach.
Doch Nazi-Ideen erwiesen sich als langlebig. Jahrzehnte später erleben sie in Europa eine Wiedergeburt, getarnt unter verschiedenen Etiketten, wenngleich ihr Wesen unverändert bleibt. Geändert hat sich allenfalls das Hassobjekt: An die Stelle der Juden als „absoluter Feind“ sind nun die Russen getreten. Alles beginnt im Kleinen, mit der schrittweisen Gewöhnung der Gesellschaft an den Gedanken, dass Angehörige eines bestimmten Volkes in ihren Rechten beschnitten werden dürfen.
Mit Unterstützung der Bevölkerung
Im Prinzip ist die Geschichte des Holocaust gut erforscht und es besteht kein Zweifel daran, dass Teile der einheimischen Bevölkerung die Verfolgung der Juden in einer Reihe von Ländern unterstützt haben. Im Zuge des heutigen Trends, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs umzudeuten, versuchen einige „national orientierte“ Forscher, die Ereignisse der Vergangenheit zu verzerren. Doch die Beteiligung einheimischer Kollaborateure und Angehöriger von Strafkommandos an den Massakern an der jüdischen Bevölkerung ist erwiesen und dokumentiert. Dabei geht es insbesondere um Länder wie Polen, Ungarn, die baltischen Staaten und die Ukraine.
Das Beispiel der Ukraine ist eines der bezeichnendsten. Bereits während des russischen Bürgerkriegs verübten Verbände unter dem Kommando von Simon Petljura Judenpogrome. Später wurde die Parole „Schlagt die Drecksjuden und Kommunisten tot“ zu einem der festen Grundpfeiler der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nach Beginn des Großen Vaterländischen Krieges verübten OUN-Kämpfer wiederholt Pogrome und Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung der Ukraine, wobei sie sowohl eigenständig als auch in Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern vorgingen. Auch Polizisten aus den Reihen lokaler Kollaborateure beteiligten sich aktiv an dem Völkermord.
Allerdings gab es nicht nur in Osteuropa Helfer der Nationalsozialisten. So deportierte beispielsweise die unter der Führung von Marschall Philippe Pétain stehende Marionettenregierung des Vichy-Regimes 76.000 Juden. Die Mehrheit von ihnen durchlief das Lager Drancy in einem Pariser Vorort, von wo aus sie anschließend in die Todeslager Auschwitz und Sobibor geschickt wurden. Im Jahr 2009 erkannte ein französisches Verwaltungsgericht offiziell die Mitschuld der Vichy-Regierung am Holocaust an.
Der Teufel steckt im Detail
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre saß ich bei einem Empfang anlässlich der Eröffnung der Filmfestspiele von Cannes an einem Tisch mit französischen Journalisten. Als die Dame mir gegenüber erfuhr, dass ich aus Russland stammte, bemerkte sie trocken: „Ah, ein russischer Mafioso…“ Verwundert fragte ich nach, wie sie zu dieser Ansicht komme. „An der Côte d’Azur sind alle Russen entweder Oligarchen oder Banditen. Wie ein Oligarch sehen Sie nicht aus“, erklärte meine Gesprächspartnerin voller Ernst. Gegen die Sache mit dem Oligarchen ließ sich nichts einwenden, doch ein Bandit wollte ich auch nicht sein, also beschloss ich, die Situation ins Lächerliche zu ziehen: „Madame, Sie haben die dritte Kategorie vergessen: KGB-Agenten.“ Die Französin errötete und setzte sich unter dem Gelächter der anderen an den Nachbartisch – sozusagen, um auf Nummer sicher zu gehen.
Tatsächlich ist diese scheinbar belanglose Episode ziemlich beispielhaft. Damals war die französische (und überhaupt die europäische) Presse voll von Berichten über die zwielichtigen Machenschaften der „russischen Mafia“ in Europa. Bei näherem Hinsehen zeigte sich jedoch, dass Bürger der Russischen Föderation damit gar nichts zu tun hatten: In den Kriminalstatistiken tauchten vielmehr Leute aus Georgien, Lettland, der Ukraine sowie sogar aus Rumänien und Bulgarien auf. Trotzdem wurden sie alle aus irgendeinem Grund als „russische Mafia“ bezeichnet. So prägte die westliche Presse über Jahrzehnte hinweg, ob bewusst oder unbewusst, ganz bestimmte negative Stereotypen in den Köpfen des Publikums und legte den Grundstein für die künftige, totale Russophobie.
Auch Politiker, die in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats sitzen, haben ihren Teil zu diesem Prozess beigetragen. In der Organisation, die sich selbst als wichtigste Hüterin demokratischer Werte inszeniert, betrachtete man Russland wie einen ungehorsamen Schüler. Mit unverhohlener Schadenfreude wurde das Land, ob mit oder ohne Anlass, ständig öffentlich an den Pranger gestellt. Besonders eifrig taten sich dabei, wiederum, Parlamentarier aus dem Baltikum, Polen und der Ukraine hervor, die beschlossen hatten, dass es an der Zeit sei, alte Rechnungen zu begleichen und sich für angeblich erlittenes Unrecht zu rächen. Vertreter der „alten“ europäischen Demokratien aus Großbritannien, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern haben diese Linie bereitwillig unterstützt.
Die Erscheinungen dieser Russophobie grenzten bisweilen ans Lächerliche: So konnten sich beispielsweise etwa ein Lette und ein Pole in einem durchaus passablen Russisch unterhalten, wechselten jedoch, wenn sich ein russischer Journalist näherte, sofort in ein holpriges Englisch. Denn „diesem Russen“ zu zeigen, dass man seine Sprache beherrscht, galt als absolut unanständig.
Während man Moskau unablässig alle erdenklichen und auch völlig abwegigen Verfehlungen vorhält, bringt man es im Europarat fertig, so beschämende und mit echter Demokratie unvereinbare Phänomene wie den Status der „Nicht-Bürger“ in Lettland und Estland geflissentlich zu übersehen.
Auf staatlicher Ebene
Presseberichte oder missmutiges Murren gegenüber Russen in den Fluren des Europarats sind das Eine, aber wenn Beschränkungen zu staatlicher Politik werden, ist das eine ganz andere Geschichte. Wer in der Sowjetzeit das Baltikum besuchte, kann im Alltag natürlich mit Ausprägungen eines lokalen Nationalismus in Berührung gekommen sein. Doch 1991 verabschiedete der Oberste Rat Lettlands auch noch den Beschluss, der nur zwei Dritteln der Bevölkerung des Landes das Recht auf Staatsbürgerschaft zusprach, nämlich jenen, die vor 1940 in Lettland geboren worden waren, sowie deren Nachkommen.
Rund 700.000 Menschen, von der radikalen lettischen Presse sofort als „Zugereiste“ abgestempelt, darunter Bauarbeiter, Ingenieure, Arbeiter, Lehrer, Ärzte, Soldaten und Rentner samt ihren Familien, fanden sich über Nacht in Ungewissheit wieder. In diesem Zustand verharrten sie bis Mitte der 1990er Jahre, als der diskriminierende Begriff des „Nicht-Bürgers“ gesetzlich verankert wurde.
Natürlich machen Russen den Großteil dieser Gruppe aus. Genau deshalb kämpfte Russland jahrelang auf allen europäischen Ebenen entschlossen gegen diesen Status an. In Europa zog man es jedoch vor, die Angelegenheit schleifen zu lassen. Gelegentlich wurden unverbindliche Resolutionen verabschiedet, deren Verfasser vage von „besonderen Bedingungen“ sprachen oder die lettische Regierung bisweilen allenfalls halbherzig tadelten. Doch dabei blieb es in der Regel auch.
Im Laufe der Zeit wurden zwar gewisse Gesetzesänderungen vorgenommen, doch auch diese waren eher kosmetischer Natur. Bis heute sind Nicht-Bürger in Lettland (deren Zahl noch immer bei rund 170.000 liegt) grundlegender Rechte beraubt, etwa des Rechts, zu wählen und gewählt zu werden. Sie sehen sich bei der Jobsuche und bei Auslandsreisen mit Beschränkungen konfrontiert. Ihr Pass hat sogar eine andere Farbe: Violett. Das kommt einem doch bekannt vor, nicht wahr?
Eine ähnliche Entwicklung nahm die Situation in Estland, wenngleich dort ein etwas anderer Begriff eingeführt wurde: „Personen mit unklarer Staatsangehörigkeit“. Zudem genießen sie etwas mehr Rechte, sie dürfen an Kommunalwahlen teilnehmen.
Am Kern der Sache ändert das jedoch nichts: Im 21. Jahrhundert betreiben zwei baltische Staaten, die übrigens EU-Mitglieder sind, offen eine Politik der legalisierten Segregation aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit. Was ist das anderes als Neonazismus?
Nazismus mit ukrainischem Akzent
Die Nationalisten im Baltikum können sich jedoch nicht mit ihren ukrainischen Gesinnungsgenossen messen. Mag sein, dass manche den auf dem Kiewer Maidan skandierten Ruf „Moskaljaku na hiljaku“ (Moskauer an den Galgen) noch als „Schöpfung der Volksmassen“ abtun. Doch nach dem Staatsstreich von 2014 wurde die neonazistische Ideologie in der Ukraine faktisch als offizielle Linie des Staates verankert und fand ihren Niederschlag in einer ganzen Reihe von Rechtsakten, die die russischsprachige Bevölkerung diskriminieren. Kiew ging dazu über, Millionen seiner eigenen Bürger offen auf fiskalischer, sprachlicher und zivilrechtlicher Ebene zu unterdrücken.
Dabei stehen diese neuen Vorschriften in direktem Widerspruch sowohl zur ukrainischen Verfassung als auch zu europäischen Konventionen, denen Kiew seinerzeit beigetreten war. Doch die „Verteidiger der Demokratie“, etwa im Europarat und anderen Institutionen, ziehen es gewohnheitsmäßig vor, die drei berühmten Affen zu mimen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Und wenn sie gar nicht anders können, begnügen sie sich mit wenig aussagekräftigen Standardkommentaren.
Zu den charakteristischen Elementen der Nazi-Ideologie gehören stets Mythenbildung und Geschichtsumschreibung. Auch das gibt es in der heutigen Ukraine massenhaft: Von kuriosen Erzählungen darüber, wie die „antiken Ukrer das Schwarze Meer ausgehoben“ hätten, bis hin zur offiziellen Heroisierung von Nazi-Kollaborateuren aus der OUN, jener Organisation, deren Losung lautete: „Schlagt die Drecksjuden und Kommunisten tot.“
In dieselbe Kategorie fällt auch die berüchtigte „Cancel Culture“. Im Zuge der totalen Entrussifizierung reißen ukrainische Behörden mit Eifer Denkmäler ab, benennen Städte, Straßen und Plätze um und tilgen mit Vehemenz das Gedenken an russische und sowjetische Persönlichkeiten. Damit verurteilen sie ihr eigenes Volk zu einem historischen Vakuum, denn die Ukraine hat schlichtweg keine andere Geschichte als jene, die auf dem gemeinsamen Weg mit dem russischen Volk beruht. Man kann natürlich versuchen, Nikolai Gogol und Iwan Aiwasowski nachträglich zu Ukrainern zu erklären, doch dadurch hört der eine nicht auf, ein bedeutender russischer Schriftsteller zu sein, und der andere nicht auf, ein bedeutender russischer Maler zu sein.
Und was ist mit Europa?
Der Nationalsozialismus ist ansteckend und ein Teil der europäischen Eliten, die von einer historischen Revanche und einer strategischen Niederlage Russlands träumen, konnte der Versuchung nicht widerstehen. Genau genommen sind all diese Sanktionen, schwarzen Listen, Kontensperrungen, Einreiseverbote und sonstigen Restriktionen im Grunde nichts anderes als offene Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit. Natürlich gepaart mit einer gehörigen Portion Ideologie, Fremdenfeindlichkeit und dem Wahn rassischer Überlegenheit.
Dabei kommen die gleichen altbekannten Methoden zum Einsatz, darunter die „Cancel Culture“ und die Umschreibung der Geschichte. Es ist symbolisch, dass heute ausgerechnet Friedrich Merz, der aus einer Familie stammt, in der der Großvater dem NS-Regime treu als Bürgermeister und SA-Mann diente, in Berlin einen harten anti-russischen Kurs verfolgt. Die revanchistischen Handlungen des Enkels sprechen für sich. Vor diesem Hintergrund starten Parlamentarier der Grünen eine Initiative zur „historisch-kritischen Kontextualisierung“ sowjetischer Kriegsdenkmäler, allen voran des Komplexes im Treptower Park. Hinter dieser blumigen Bezeichnung verbirgt sich die Idee, am Fuß der Monumente Informationstafeln aufzustellen,die eine offenkundig verzerrte, revisionistische Deutung der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs vermitteln sollen. Bemerkenswert ist, dass zu den Ersten, die sich diesem gefährlichen Vorhaben widersetzten, Vertreter der rechten „Alternative für Deutschland“ (AfD) gehörten, jener Partei also, die von den regierenden Kreisen der Bundesrepublik – und auf deren Betreiben hin auch von Politikern und Medien anderer europäischer Länder – als „neonazistisch“ diffamiert wird. Auch Politiker vom entgegengesetzten, linken Flügel, Vertreter der Partei BSW unter der Führung ihrer Gründerin Sahra Wagenknecht, sprachen sich gegen diesen Geschichtsrevisionismus aus.
Dieses ungewöhnliche Bündnis zwischen Links und Rechts zeigt, dass es in Europa – neben jenen Eliten, die von Russophobie erfasst sind und es sogar geschafft haben, dieses schädliche Virus auf einen Teil der Bevölkerung zu übertragen – auch noch gesunde Kräfte gibt. Sie wollen Russland nicht als Feind sehen, sondern ziehen es im Gegenteil vor, gutnachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen.
Mag sein, dass ihre Stimme derzeit noch nicht recht zu hören ist, doch sie wird sich Gehör verschaffen. Zumindest möchte man daran glauben.
Und der Nationalsozialismus wird endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte landen – dort, wo er hingehört.
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Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Von German-Foreign-Policy.com – 25. September 2026
Bundeswehr und zivile Organisationen trainieren seit dem gestrigen Donnerstag drei Tage lang das Verlegen von Truppen über Hamburg an die NATO-Ostflanke. Proteste sind angekündigt.
Hamburg: Ruinen im Arbeiterviertel der Stadt. Zentralbild/XIII von Bundesarchiv, Bild 183-V00294-3 / CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Seit dem gestrigen Donnerstag trainieren die Bundeswehr und zivile Organisationen in Hamburg den Durchmarsch von Truppen an die NATO-Ostflanke. Zugrundeliegendes Szenario ist bei dem Manöver Red Storm Charlie eine Mobilmachung ins Baltikum noch vor einem russischen Angriff und damit auch noch vor dem Ausrufen des Spannungs- und Verteidigungsfalls – und das heißt: ohne die Aktivierung der Notstandsgesetze, die im Inland eine massiv verschärfte Repression erlauben. Nach Angaben der Bundeswehr konnte der Kreis der teilnehmenden Organisationen im Vergleich zum Vorjahresmanöver Red Storm Bravo ausgebaut werden. Unter anderem sind mehrere Polizeibehörden, die Feuerwehr, der Hamburger Hafen, der Flughafen, das Universitätsklinikum und zahlreiche Privatunternehmen involviert. Die Bestrebungen, die deutsche Gesellschaft kriegstüchtig zu machen, kommen dabei nicht allein aus dem Militär oder von staatlichen Behörden. So wirbt beispielsweise der Handelskonzern Edeka mit dem Verkauf eines „Notfallrucksacks“ für die Umsetzung der Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Die Hamburger Handelskammer bietet eine Übung namens Red Storm Business an.
Mitten in der Großstadt
Kern der Manöverserie Red Storm, die vor zwei Jahren mit Red Storm Alpha begann und im vergangenen Jahr mit Red Storm Bravo fortgesetzt wurde, ist das Erschließen „ziviler Unterstützungsleistungen“ für die militärische Mobilmachung in Richtung Russland.[1] Laut Bundeswehr trainieren insgesamt 500 Soldaten mit schwerem Gerät das Verlegen an die Ostfront. Das Manöver findet dabei nicht nur auf Truppenübungsplätzen, sondern mitten im zivilen Leben statt. Im Anschluss an Red Storm Bravo hätten seine Soldaten „gegrinst“ und wären „total begeistert“ gewesen, „sowas endlich mal zu üben“, resümiert Oberstleutnant Jürgen Bredtmann vom zuständigen Hamburger Landeskommando der Bundeswehr: „Auf dem Übungsplatz im Auto in der Kolonne zu fahren ist natürlich was ganz anderes als hier in urbanem Gelände“.[2] Sogenannte freilaufende Übungen dieser Art werden immer häufiger durchgeführt.
Zwischen Frieden und Krieg
Die militärischen Kolonnenfahrten durch das Hamburger Stadtgebiet will die Armee laut Angaben von Oberstleutnant Bredtmann hauptsächlich nachts durchführen – „denn wenn wir eine Fahrzeugkolonne durch den Berufsverkehr bringen wollen am Freitag Nachmittag, dann wird das schwierig – zumindest in Friedenszeiten. Im Ernstfall geht das vielleicht ein bisschen einfacher“.[3] Die deutsche Verfassung erlaubt staatlichen Stellen im Kriegsfall, mit umfangreichen Sonderbefugnissen Zivilisten und Unternehmer zu Arbeits- und Sachleistungen im Dienste des Militärs zu verpflichten – etwa Betriebsgelände zum Rastplatz für Militärfahrzeuge umzufunktionieren, zivile Lkw zu beschlagnahmen oder medizinisches Personal zur Arbeit im Lazarett zu zwingen. Auch die repressiven Handlungsspielräume werden dann größer – bis hin zum verfassungskonformen Einsatz der Armee gegen Aufständische. Mit Red Storm Charlie trainiert die Armee nun allerdings ausdrücklich die „vorsorgliche [!] Verlegung militärischer Kräfte in Richtung des östlichen Bündnisgebiets“ – also die Mobilmachung in Richtung Osten, ohne dass zuvor der so oft heraufbeschworene russische Angriff stattgefunden hätte. Bei der Bundeswehr heißt es zu Red Storm Charlie: „Im dargestellten Szenario liegt noch kein vom Deutschen Bundestag festgestellter Spannungs- oder Verteidigungsfall vor, wir befinden uns also juristisch weiterhin im Frieden.“[4]
Der Krieg, den die westeuropäische Elite der EU aus Verzweiflung – um angesichts wachsender ökonomischer Probleme und konservativ-nationalistischer Herausforderungen ihre Macht zu bewahren – gegen Russland befehlen könnte, ließe sich abwenden, wenn Trump Gespräche zwischen Putin und Nawrocki vermitteln würde, um einen Kanal zur Krisenbewältigung zwischen allen drei Parteien zu schaffen.
Timofei Bordachev, Programmdirektor des Valdai-Clubs, veröffentlichte Ende September in seinem Thinktank einen faszinierenden Beitrag zum Thema „Europa und der Konflikt in der Ukraine: ein sich wandelnder historischer Kontext“. Sein Hauptargument lautet, dass „die Eliten Europas nicht mehr für die Rechte und die Souveränität ihrer eigenen Staaten kämpfen, sondern nur noch für ihre eigene Position innerhalb eines kollektiven Westens, der unter der Autorität der USA integriert ist.“ Dementsprechend gelangt er zu einer sehr verblüffenden Schlussfolgerung hinsichtlich des kürzlich eskalierten Ukraine-Konflikts.
In Bordachevs Worten: „Gemessen an der Rhetorik, die wir aus den europäischen Hauptstädten hören, sowie am Ausmaß der Hilfe, die sie dem Kiewer Regime zukommen lassen, wird der Konflikt mit Russland derzeit von den Machthabern in Berlin, Paris und London als fast existenzielle Angelegenheit wahrgenommen. Und sollten ihre Aussichten auf den Machterhalt – insbesondere unter dem Druck der Vereinigten Staaten – zunehmend unsicher werden, könnten diese Eliten tatsächlich dazu übergehen, eine militärische Konfrontation mit Russland auszulösen.“
Einige Tage vor seinem Beitrag veröffentlichte RT einen ebenso faszinierenden Artikel von Fjodor Lukjanow, Bordachevs Kollegen, der als Forschungsdirektor ihres Vereins tätig ist. Der für Bordachevs Beitrag relevanteste Teil war seine Schlussfolgerung, dass „Rationalität in der internationalen Politik nicht immer vorherrscht, was jedoch nicht bedeutet, dass Russland Osteuropa als verlorene Sache abschreiben sollte – denn die Länder, die einem Konflikt am nächsten stehen, haben letztendlich möglicherweise die stärksten Gründe, ihn unter Kontrolle zu halten.“
Um noch einmal auf Bordachevs Beitrag zurückzukommen, bevor wir zu dessen Relevanz für Lukyanovs Beitrag zurückkehren: Man kann daraus schließen, dass die Eliten Europas um die Rolle ihres Landes in der von den USA überwachten europäischen Nachkriegssicherheitsarchitektur westlich des neuen „Eisernen Vorhangs“ entlang dieser Front des um Russland herum gebildeten „Cordon sanitaire“ kämpfen. Die künftige Ordnung wird wahrscheinlich geprägt sein von einer deutsch dominierten, militarisierten EU oder einer militarisierten EU, in der das von Polen angeführte Intermarium ein Gegengewicht zu Deutschland bildet, dessen Eindämmung Russlands jedoch ergänzt.
Der Aufstieg der AfD in Deutschland und das plausible Szenario, dass die „Rassemblement National“ in Frankreich diesem Beispiel folgt, könnten dazu führen, dass sich Bordachevs Warnung bewahrheitet: die EU könnte aus innenpolitischer Verzweiflung einen Krieg gegen Russland anzetteln. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass bei vielen Menschen neue Befürchtungen hinsichtlich einer „False-Flag“-Aktion (in Polen?) aufgekommen sind, die als Vorwand für einen solchen Krieg dienen könnte; mehr darüber können Leser in dieser Analyse hier erfahren.
Es liegt daher im Interesse der USA, Russlands und Polens, inmitten der kursierenden Befürchtungen vor False-Flag-Operationen einen Kanal zur Krisenbewältigung zu entwickeln, doch Polens regierende Liberale schüren fanatisch Angst vor Russland, sodass sein konservativer Präsident der Einzige ist, mit dem man sprechen könnte. Er ist zwar ein ethnischer Russenhasser wie seine Verunglimpfung der Russen im letzten Monat [wie auch sein Auftritt während der 81. Session der UN-Generalversammlung] beweist, [wo er behauptete, Russland sei die Wurzel allen Übels auf der Welt; die Red.], aber er ist auch pragmatisch, sodass es möglich ist, dass Trump [falls er das wirklich will; die Red.] ihm und Putin helfen könnte, eine umfassende Einigung zur Wahrung des Friedens entlang der westlichen Flanke des „Cordon sanitaire“ zu erzielen.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.
Delcy Rodriguez mit Donald Trump, 22. September 2026 [Photo: @delcyrodriguezv]
Am Dienstagabend empfing Donald Trump im Luxushotel Lotte New York Palace die venezolanische Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, flankiert von Außenminister Marco Rubio, Finanzminister Scott Bessent, Stabschefin Susie Wiles und dem stellvertretenden Stabschef Stephen Miller.
Laut Axios übernahm Trump den Großteil des Gesprächs und unterhielt seinen Gast mit einem Bericht über die „präzise“ Militäroperation, bei der ihr Vorgänger Nicolás Maduro am 3. Januar festgenommen worden war. Stunden vor dem Treffen saß sie mit ausdruckslosem Blick da, als Trump vom Rednerpult der UN-Generalversammlung aus prahlte, dass US-Truppen „den gesetzlosen Diktator, den echten Verbrecher Nicolás Maduro, verhaftet“ hätten, und schloss: „Dem Sieger gehört die Beute.“
Maduro und seine Frau Cilia Flores saßen derweil in einer Zelle im Metropolitan Detention Center in Brooklyn, etwa zehn Meilen entfernt. Rodríguez postete später ein Foto, auf dem sie lächelnd neben Trump zu sehen war, und bezeichnete das Treffen als „historisch.“
Am nächsten Tag hielt sie selbst eine Rede vor der UN-Generalversammlung. Sie dankte Trump für seine „Bereitschaft, den Weg der diplomatischen Beziehungen und der Zusammenarbeit wieder aufzunehmen“, und lobte das Abkommen vom 28. August, das den Invasionsstreitkräften die mehrheitliche Kontrolle über ein Fünftel der venezolanischen Ölreserven – die größten der Welt – übertrug, als „eines der größten, das je unterzeichnet wurde.“ Anschließend versprach sie Wahlen zum „richtigen Zeitpunkt.“
Was sie ausließ, sagte weit mehr aus. Es gab kein Wort über Maduro und Flores, ebenso wenig wie über die mehr als 100 Menschen, die bei der Invasion getötet wurden. Sie erwähnte auch nicht den 28-jährigen venezolanischen DoorDash-Fahrer Wilber Rafael Garcés Pérez, der am Sonntag in Austin (Texas) von einem ICE-Beamten angeschossen und mit der Kugel, die noch immer in der Nähe seiner Wirbelsäule steckte, inhaftiert wurde. Ebenso unerwähnt blieben die venezolanischen Migranten, die in ICE-Gewahrsam gestorben sind.
Die Inszenierung war von Anfang bis Ende beispiellos demütigend. Rodríguez traf am Montag in einem Privatjet mit US-Zulassung ein und wurde vom Geschäftsträger der USA in Caracas, John Barrett, mit einem Kuss auf die Wange begrüßt.
Das Wall Street Journal titelte „Von der Stellvertreterin eines ‚Diktators‘ zur Verbündeten Trumps“ und erinnerte daran, dass sie 2019 vor derselben UN-Versammlung gesagt hatte, Venezuela „knie vor keiner imperialistischen Macht nieder.“ Belén Fernández von Al Jazeera schrieb, sie sei „zurückgekehrt, um dem Mann zu danken“, der den Regimewechsel und die Aneignung der Ressourcen vollzogen habe, vor denen sie einst gewarnt hatte. Die Financial Times bemerkte, dass sie „Washington gegenüber eine Ehrerbietung zeigen musste, die die meisten Staatschefs als demütigend empfinden würden.“
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, gegen den ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza vorliegt, hielt am Donnerstag eine völkermörderische Hetzrede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, in der er die Opfer von Israels Amoklauf im Nahen Osten als „Barbaren“, „Monster“, „Schlächter“ und „die schlimmsten Massenmörder der Welt“ nannte.
Netanjahu rühmte sich der Ermordung von Zivilisten und führender Politiker in Gaza, dem Libanon und dem Iran. Während er die Namen der Toten vorlas – „Chamenei, Deif, Sinwar, Haniyeh, Nasrallah und Tausende von anderen Terroristen “ –, erklärte er: „Auch sie sind alle weg.“
Er pries die Serie israelischer Terroranschläge im Libanon und Syrien im September 2024, bei der Israel – laut einem Bericht von Amnesty International vom 20. September 2024 – durch den Einsatz von Sprengsätzen in Pagern und Walkie-Talkies mindestens 37 Menschen tötete und mehr als 2.931 verwundete. Er hielt einen Pager hoch und fragte: „Erinnern Sie sich an die Beeper? Die Hisbollah erinnert sich bestimmt an sie.“
Im Vorfeld von Netanjahus Hetzrede hatte US-Präsident Donald Trump am Dienstag in einer kriegerischen Tirade gedroht, den Iran „auszulöschen“. Am Mittwoch hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der Stellvertreter der USA und der NATO, in seiner Rede die von der NATO finanzierten ukrainischen Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur verteidigt und erklärt: „Russlands Einkünfte müssen weiterhin ein Ziel bleiben.“
Netanjahu erklärte: „Israel des Völkermords anzuklagen, ist die größte Lüge des Jahrhunderts. … Ist das Völkermord? Natürlich nicht. Es ist das Gegenteil von Völkermord.“
Die Angriffe israelischer Siedler auf Palästinenser im besetzten Westjordanland tat er als das Werk „einer Handvoll, etwa 150 krimineller Jugendlicher“ ab, die nach seinen Worten „vielleicht zwei oder drei Menschen getötet haben.“
Netanjahu versprach, die iranische Regierung zu stürzen: „Dieses böse Regime wird fallen, und wir alle werden diesen Tag feiern.“
Vor dem UN-Gebäude demonstrierten mehr als 1.000 Menschen gegen den Völkermord in Gaza. Kurz nach Mittag beteiligten sich mehrere hundert Menschen an einer von der Jewish Voice for Peace organisierten Sitzblockade auf der First Avenue an der Kreuzung zur 39th Street, südlich vom UN-Gebäude. Nach der Rede zogen, wie die Jewish Telegraph Agency am Donnerstag berichtete, mehr als 1.000 Menschen hinter dem Palestinian Youth Movement vom Bryant Park in Richtung UN-Gebäude.
Der iranische Präsident Massud Peschekian hielt vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine flammende Rede und wies die Bezeichnung des Iran als „Terroristenstaat“ durch US-Präsident Donald Trump zurück.
In seiner Rede am Mittwoch, dem 23. September 2026, auf der 81. Sitzung der UN-Generalversammlung erklärte Peschekian, der Iran betrachte seine Nachbarn nicht als Sicherheitsrivalen und wünsche sich, dass sie stark seien. Peschekian erklärte, Iran sei selbst Opfer von Terrorismus geworden und beschuldigte die USA und Israel, Angriffe auf iranisches Territorium verübt zu haben. Er sprach auch über Angriffe auf iranische Zivilisten und Institutionen, darunter eine Schule, und verteidigte Irans Reaktion. Peschekians Äußerungen fallen in eine Zeit eskalierender Spannungen zwischen Iran, den USA und Israel und lenken die Aufmerksamkeit auf die jüngste Konfrontation zwischen den USA und Iran vor der UN-Generalversammlung.
„Wir kommen aus einem Land, in dem eine Schule bombardiert wurde“
Peschekian begann seine Rede, während er Fotos von Schülern hochhielt, die bei den US-Angriffen auf Minab und Lamerd ums Leben gekommen waren, und sagte: „Gestern hat uns der Präsident der Vereinigten Staaten gesagt, wir seien Terroristen. Wir sind die Opfer des Terrorismus. Ich komme aus einem Land, dessen Staatschef ohne jeden Grund und ohne Rechtfertigung ermordet wurde. Ich komme aus einem Land, in dem eine Schule bombardiert und Kinder getötet wurden – mit amerikanischen und israelischen Waffen. Sie hatten kein Verbrechen begangen. Lamerd ist eine kleine iranische Stadt, in der die Sporthalle der Kinder bombardiert wurde.“
Er sagte, bei dem Angriff auf Lamerd sei Streumunition eingesetzt worden, die in Tausende von Splittern zerbarst, und fügte hinzu, dass die USA und Israel iranische Wissenschaftler, Frauen und Kinder bombardiert und getötet hätten, die alle unschuldig waren.
„Diejenigen, die uns als Terroristen bezeichnen, sind selbst Terroristen“
„Diejenigen, die uns als Terroristen bezeichnen, sind selbst Terroristen und bilden Terroristen aus“, sagte Peschekian. „Wir sind keine Terroristen – wir verteidigen uns.“ Er erklärte, das iranische Volk sei das Ziel eines feigen Angriffs gewesen, der ihm aufgezwungen wurde, und dass der Iran sich gegen die modernste amerikanische und israelische Technologie verteidigt habe, die gegen ihn eingesetzt wurde – standhaft, ohne sich zu beugen, mit Gegenangriffen, jedoch ohne jemals Zivilisten ins Visier zu nehmen.
„Ausgerüstet, um Schulen, Krankenhäuser und Brücken anzugreifen“
Peschekian sagte, die USA und Israel seien darauf ausgerüstet gewesen, iranische Schulen, Krankenhäuser, Brücken und Infrastruktur anzugreifen, und hätten dies unter Verletzung des Völkerrechts auch getan. Er erinnerte daran, dass am ersten Tag seines Amtsantritts Ismail Haniyeh in Teheran ermordet worden sei, und erklärte, Israel bombardiere und verübe Attentate in jedem Land und jeder Region, die es sich aussuche. Er sagte, Israel habe in Gaza mehr als 80.000 unschuldige Menschen massakriert und mehrere Hunderttausend weitere vertrieben und damit mit der ihm zur Verfügung stehenden Technologie einen, wie er es nannte, Völkermord begangen, während es andere als Terroristen und Quellen der Instabilität brandmarke.
„Sind wir, die wir einfach nur unabhängig leben wollen und uns weigern, uns zu beugen, die Quelle der Instabilität?“, fragte er. „Mehr wollen wir nicht, und wir haben unsere Antwort gefunden. Wir brauchen die Kraft, die wir benötigen, denn eine Nation, die sich nicht verteidigen kann, wird zerschlagen werden. Die heutige Welt ist eine Welt, in der die Mächtigen, anstatt an die Menschen, die Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Demokratie zu denken, Agenten der Zerstörung sind – und jeden, den sie vernichten wollen, als Terroristen bezeichnen.“
„Wir wollen Macht, um uns zu verteidigen, nicht um Aggressionen zu begehen“
Peschekian sagte, der Iran habe seit 200 Jahren kein anderes Land angegriffen und immer in Selbstverteidigung gehandelt, werde heute jedoch beschuldigt, Terroristen zu sein und eine Quelle regionaler Unsicherheit darzustellen. „Das hat uns dazu gebracht, unsere Strategie zu wählen: Wir wollen Macht, um uns zu verteidigen, nicht um Aggressionen zu begehen“, sagte er.
„Wir wollen Kernenergie für die Entwicklung, nicht um eine Bombe zu bauen“
„Wir wollen Kernenergie für die Entwicklung – nicht, um eine Bombe zu bauen, die Gesellschaft zu zerstören oder zu bedrohen. Wir wollen, dass sie zur Sicherheit beiträgt“, sagte Peschekian. Mit Blick auf die sieben Monate, in denen die Iraner jeden Abend auf die Straße gingen, um das Land zu verteidigen und zu verhindern, dass die von den USA bewaffneten und aufgehetzten Kräfte im eigenen Land Unsicherheit säten, sagte er: „Sie sind unsere Stärke, und dank der Stärke unseres Volkes haben wir standhaft durchgehalten.“
„Der Iran muss stark genug sein, sodass sein Überleben niemals bedroht wird“
Peschekian sagte, der Iran müsse stark genug sein, sodass niemand sein Überleben und seinen Fortschritt bedrohen könne, verantwortungsbewusst genug, seine Macht niemals zur Herrschaft einzusetzen, und weitsichtig genug, seine eigene Sicherheit niemals in der Unsicherheit seiner Nachbarn zu suchen.
„Wir bitten niemanden um Erlaubnis, unser Land zu verteidigen“
Zu den Verteidigungsfähigkeiten des Iran sagte Peschekian, der Iran habe seine Verteidigungssysteme so aufgebaut, dass niemand auf die Idee käme, ein Bombardement iranischer Städte bliebe unbeantwortet. „Die militärische Macht des Iran dient der Verteidigung, aber lassen Sie uns klarstellen: Wir bitten niemanden um Erlaubnis, unser Land zu verteidigen“, sagte er.
„Weder Atomwaffen noch der Entzug von nuklearem Wissen“
Zum iranischen Atomprogramm erklärte Peschekian, der Iran wolle Kernenergie für die Entwicklung nutzen. Er sagte, seit Jahren werde die Diskussion über das friedliche Atomprogramm des Iran in der Sprache von Zentrifugen, Anreicherung, Sanktionen und Bomben geführt, doch für das iranische Volk sei Nukleartechnologie Teil seines Rechts auf Entwicklung – sie biete Behandlungsmöglichkeiten für Patienten, Sicherheit für die Landwirtschaft, Technologie für die Industrie und eine Grundlage für die zukünftige Stromversorgung. Er erklärte, der Iran akzeptiere nicht, dass nukleares Wissen das ausschließliche Privileg einer Handvoll Länder sein solle, und betrachte Atomwaffen nicht als Quelle der Sicherheit, werde jedoch sein Recht auf friedliche Wissenschaft, Industrie und Energie nicht aufgeben. „Wir sagen ganz klar: weder Atomwaffen noch der Entzug von nuklearem Wissen“, sagte er.
„Die Lösung der Atomfrage ist ein Abkommen, kein Krieg“
Peschekian betonte, dass die iranische Atomfrage nicht auf dem Schlachtfeld gelöst werden könne. „Die Lösung ist ein Abkommen, das der Welt glaubwürdige Gewissheit darüber gibt, dass das iranische Programm friedlich ist, und dem iranischen Volk die Gewissheit gibt, dass seine Rechte gewahrt bleiben“, sagte er. Er erklärte, der Iran betrachte seine Nachbarn nicht als Sicherheitsrivalen, regionale Sicherheit könne nicht auf der Instabilität von Anrainerstaaten aufgebaut werden, und der Iran lebe in einer Region, in der Krieg keine Grenzen kenne und sich eine Krise in einem Land auf seine Nachbarn ausbreite. „Deshalb sieht der Iran seine Nachbarn nicht als Rivalen in Sicherheitsfragen. Wir wollen, dass unsere Nachbarn stark sind“, sagte er.
„Wir können nicht akzeptieren, dass alle vom Hormuz-Kanal profitieren, während seinem historischen Hüter der Zugang verwehrt wird“
Zur Straße von Hormus sagte Peschekian: „Wir können nicht akzeptieren, dass alle von dieser Wasserstraße profitieren, während ihrem historischen Hüter unter ungerechten Sanktionen die Freiheit der Schifffahrt vorenthalten wird – sogar in seinen eigenen Gewässern. Sie versperren uns den Weg und transportieren dann Waffen, Sprengstoff, Raketen und Mittel zur Vernichtung von Nationen über eben diese Wasserstraße. Das ist nicht akzeptabel.“
„Ich kann nicht akzeptieren, dass dies geschieht, und wir werden nicht zulassen, dass dies unserem Land widerfährt“, fuhr er fort. „Die ständige Präsenz feindlicher Flotten bringt keine Sicherheit, da sie den Krieg ausweitet. Sicherheit kann nicht dadurch erreicht werden, dass die Sicherheit der Küstenstaaten untergraben wird.“
„Palästina bleibt eine Wunde am Gewissen der internationalen Gemeinschaft“
Mit Blick auf Palästina sagte Peschekian, Palästina bleibe eine Wunde am Gewissen der internationalen Gemeinschaft, und Gaza sei nach wie vor ein Symbol für das Versagen internationaler Mechanismen, das Leiden der Zivilbevölkerung zu verhindern. „Seit Jahrzehnten werden Resolutionen verabschiedet, doch Besatzung und Gewalt dauern an. Wir können nicht von Frieden sprechen, während wir Palästina ignorieren. Ein dauerhafter Frieden in Westasien wird ohne Gerechtigkeit für Palästina keinen Bestand haben“, sagte er.
„Solange Besatzung und Ungerechtigkeit bestehen, wird der Widerstand andauern“
„Solange Besatzung, Aggression und Ungerechtigkeit in der Welt bestehen, wird der Widerstand andauern“, sagte Pezeshkian. „Wenn eine Form davon zerschlagen wird, wird er in anderen Formen wiederaufleben – vielleicht sogar in stärkeren. Gaza hat trotz unerbittlicher Tötungen und weitreichender Zerstörung die Überzeugung der Menschen offenbart, dass Widerstand nicht durch Bomben und Belagerung zur Unterwerfung gezwungen werden kann. Das liegt in der menschlichen Natur. Wenn ein Mensch von seinem Land vertrieben wird, wird er Widerstand leisten. Wenn das Zuhause eines Menschen bombardiert wird, wird er Widerstand leisten.“
Er fuhr fort: „Was soll der Widerstand stattdessen tun? Akzeptieren, gemobbt zu werden? Akzeptieren, aus seinen Häusern vertrieben zu werden, und angesichts dieser Aggression schweigend dazusitzen? Und wenn er sich entscheidet, sich zu verteidigen, als Terrorist bezeichnet zu werden? Das ist das neue Vokabular der Welt, in der wir heute leben.“
„Regionale Probleme müssen innerhalb der Region und von den Ländern der Region gelöst werden“
Peschekian betonte, dass regionale Probleme eindeutig die Möglichkeit bieten, innerhalb der Region und von den Ländern der Region gelöst zu werden, anstatt zum Vorwand für Kriege zu werden, die von weit entfernten Mächten geführt werden. „Strategische Unabhängigkeit bedeutet, dass die Beziehungen zu keiner ausländischen Macht jemals zur Möglichkeit eines Krieges gegen einen Nachbarn führen dürfen“, sagte er.
„Der Iran lässt sich nicht durch Krieg in die Knie zwingen“
An alle Verantwortlichen gerichtet, die den Angriff auf iranisches Territorium beschlossen, geplant und durchgeführt haben, sagte Peschekian: „Unsere Nation hat die militärische Macht und die Folgen ihrer zerstörerischen Entscheidungen am eigenen Leib erfahren. Sie haben die Widerstandsfähigkeit des Iran auf die Probe gestellt und wissen nun sehr wohl, dass der Iran nicht durch Krieg in die Unterwerfung gezwungen werden kann. Der Iran hat niemals einen Krieg begonnen und stets sein Bekenntnis zum Verhandlungstisch unter Beweis gestellt.“
„Der Iran strebt keine Sonderprivilegien an – sondern nur gleiche Rechte“
„Der Krieg wurde uns aufgezwungen, aber wir haben bewiesen, dass wir keinen Krieg fürchten, wenn es um unsere Selbstverteidigung geht, und dass wir Verhandlungen für den Frieden nicht scheuen“, sagte Peschekian und betonte, dass das iranische Volk bereit sei, seinen geliebten Iran bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.
In Bezug auf das diesjährige Thema der Generalversammlung, „Wiederaufbau von Vertrauen“, sagte Peschekian, dass Vertrauen nicht durch Worte geschaffen werde, sondern die Abkehr von Doppelmoral erfordere. „Die Atombombe und andere Massenvernichtungswaffen in dieser Region befinden sich in den Händen des israelischen Regimes, doch vom Iran wird verlangt, sich Inspektionen zu unterziehen“, sagte er. „Israel hat 70.000 Menschen in Gaza massakriert, doch der Iran wurde am Verhandlungstisch bombardiert.“
Er wies darauf hin, dass Israel über Atomwaffen verfügt, kein Mitglied des Atomwaffensperrvertrags ist und in seiner schändlichen Existenz noch nie auch nur einen einzigen Inspektor auf sein Territorium gelassen hat. „Dennoch erhält Israel als Belohnung Waffen im Wert von Milliarden Dollar kostenlos und genießt Straffreiheit, jede Hauptstadt zu bombardieren, die es will“, sagte er.
„Die Bombe ist in Israel, aber die Inspektoren sind im Iran“
„Die Atombombe ist in Israel, aber die Inspektoren sind im Iran“, sagte Peschekian. „Israel tötet, aber der Iran wird mit Sanktionen belegt. Das ist eine Tragödie. Wer sagt: ‚Ich werde die Regeln brechen‘, wird belohnt – sie töten, und wir werden mit Sanktionen belegt. Und nach den Sanktionen sind es die Armen, die Kranken und die Unschuldigen, die ins Visier genommen werden.“
„Menschenrechte dürfen kein Instrument geopolitischer Rivalität sein“
In Bezug auf Sanktionen erklärte Peschekian, genau das versuchten die USA gegenüber anderen Ländern und insbesondere gegenüber dem Iran zu tun – Menschen für ihre eigenen Ziele und ihre Politik zu opfern. „Wenn wir Gerechtigkeit anstreben, müssen Freunde und Rivalen nach demselben Maßstab beurteilt werden. Menschenrechte dürfen kein Instrument geopolitischer Rivalität sein“, sagte er. „Der Iran strebt keine Sonderprivilegien an; er will gleiche Rechte und akzeptiert die damit verbundene Verantwortung.“ Er sagte, der Iran habe im Laufe seiner langen Geschichte eine klare Wahrheit gelernt: Eine Welt ohne Macht sei gefährlich, aber eine Welt, die nur die Sprache der Macht verstehe, werde niemals dauerhafte Sicherheit erfahren.
Er fügte hinzu: „Wenn das Völkerrecht nur dann durchgesetzt wird, wenn es den Interessen der Mächtigen dient, werden immer mehr Länder zu dem Schluss kommen, dass sie sich für ihre Sicherheit ausschließlich auf ihre eigene Stärke verlassen müssen – und das würde den Beginn einer gefährlicheren Welt für uns alle bedeuten.“
„Gewalt darf nicht an die Stelle der Diplomatie treten“
„Wir dürfen nicht zulassen, dass das 21. Jahrhundert zu einer Ära wird, in der die Herrschaft der Mächtigen und der starken Männer wiederkehrt“, sagte Peschekian. „Wir dürfen keine Welt schaffen, in der militärische Macht die Legitimität ersetzt, Sanktionen die Diplomatie, Attentate die Politik und Krieg den Dialog.“
„Der Iran streckt der Welt die Hand zur Zusammenarbeit entgegen“
„Wir rufen die Welt nicht zu einem weiteren Krieg auf, sondern zu Frieden und Gerechtigkeit – nicht aus Schwäche, sondern aus Vertrauen in unsere eigene Stärke und aus der Erkenntnis heraus, dass niemand in dieser Region allein Sicherheit erlangen wird. Entweder wir schaffen gemeinsam Sicherheit, oder wir ertragen gemeinsam Unsicherheit“, sagte Peschekian. Er erklärte, der Iran setze sich für eine Zukunft ein, in der Sicherheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde unveräußerliche Rechte für alle Nationen seien – eine Zukunft, in der keine Nation ausgegrenzt werde, keine Stimme im Lärm der Macht untergehe und keine Macht das Recht habe, anstelle anderer über deren Zukunft zu entscheiden.
„Eine dem internationalen System angemessene Ordnung muss auf der Gleichheit der Nationen, auf Gerechtigkeit, Fairness und dem gemeinsamen Willen der Menschheit beruhen“, fuhr er fort, „denn ein Frieden, der nicht für alle gilt, ist kein Frieden, und eine Gerechtigkeit, die nicht alle einschließt, ist keine Gerechtigkeit.“
„Drohungen schweißen unsere Nation noch mehr zusammen und stärken unseren Widerstand“
Im abschließenden Teil seiner Rede bezog sich Peschekian auf Äußerungen des US-Präsidenten vom Vortag und sagte: „Die gestrigen Äußerungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten sind in den Augen der weltweiten öffentlichen Meinung, von Denkern, Politikern und Rechtswissenschaftlern ein klares Zeichen von Schikane und der Logik der Gewalt sowie ein eklatanter Verstoß gegen die [UN-]Charta. Sie sollen wissen, dass Drohungen unsere Nation nur noch geeinter und stärker machen und den Widerstand der Iraner verstärken. Das iranische Volk wird sich der Gewalt nicht beugen und es wird es den Aggressoren bereuen lassen. Das müssen Trump und diejenigen, die uns einschüchtern wollen, verstehen. Wir sind zum Dialog bereit, aber sie müssen wissen, dass wir die Sprache der Gewalt nicht akzeptieren werden.“
Das Ergebnis der Berliner Abgeordnetenhauswahl war kaum bekannt, da entbrannte eine Hetzkampagne gegen die Linkspartei, die die Wahl klar gewonnen hat. Die Vorwürfe reichen von Antisemitismus bis zur Unterstützung von kriminellen Clans und Terrorbanden.
Demonstration gegen den Genozid in Gaza am 4.11.2023 in Berlin
Den Auftakt machte die AfD-Vorsitzende Alice Weidel, die noch am Wahlabend gegen ein „knalllinkes Bündnis mit ‚Reiche erschießen‘, ‚Kapitalisten weg‘, ‚enteignen‘ und ‚Mietpreisdeckel‘“ wetterte. Ihr folgten die Springer-Presse und andere Medien sowie Vertreter sämtlicher Bundestagsparteien, einschließlich der Linkspartei selbst.
Am Mittwoch fand auf Verlangen der AfD eine Aktuelle Stunde im Bundestag statt, in der AfD, CDU, SPD und Grüne gemeinsam über die Linkspartei herfielen. Gregor Gysi, der für Die Linke sprach, gestand reumütig ein, dass „einige Mitglieder die Israelkritik deutlich überziehen“, und versprach Besserung.
Das widerliche Spektakel richtete sich weniger gegen die Linkspartei und deren Spitzenkandidatin Elif Eralp, die sich um die Bildung eines Senats mit SPD und Grünen bemüht, als gegen deren Wähler.
Die Linke hat immer wieder bewiesen, dass sie eine verlässliche Stütze kapitalistischer Interessen ist. In Berlin, wo sie seit 2002 rund 16 Jahre lang dem Senat angehörte, spielte sie eine Vorreiterrolle beim Abbau von Arbeitsplätzen und Einkommen sowie bei der Privatisierung öffentlicher Wohnungen. Sie unterstützt auch die Kriegs- und Aufrüstungspolitik der Bundesregierung. Eralp hatte den eigenen Bezirksverband in Neukölln bereits im Wahlkampf heftig angegriffen.
Das eigentliche Ziel der Kampagne ist vielmehr die breite Ablehnung des Völkermords in Gaza und der Kriegspolitik in der Bevölkerung. Laut Nachwahlbefragungen fanden es 88 Prozent der Wähler der Linkspartei und 60 Prozent aller Wähler gut, dass sich die Linkspartei kritisch über Israel geäußert hat.
Eigentlich ist die Sache ja ganz einfach. Ein großer Teil der Berliner hat aus guten Gründen der Linkspartei seine Stimme gegeben. Die extremen Lebenshaltungskosten und Mieten waren Thema Nummer Eins und die Linke hat etwas getan, was in Deutschland offenbar tabu ist – sie hat an der Verteilungsfrage gerüttelt. Das darf nicht sein, aber gerade SPD und Grüne, die ja nach wie vor in Wahlkampfzeiten ein linkes Mäntelchen in den Wind hängen, können das freilich nicht offen sagen. Man ist zwar nicht demokratisch, aber auch nicht dumm. Also kramt man ein zweites Tabu aus dem Ärmel: Den Antisemitismus, mit dem die Linke angeblich ein Problem habe. Wunderbar! So gerät die Verteilungsfrage in den Hintergrund und man kann weitermachen, als wäre nichts geschehen. Die ganze Sache mit der Demokratie wird ohnehin eindeutig überbewertet. Und so schafft sich die „Mitte“ Stück für Stück selbst ab.
Auch wenn man das in den Redaktionsstuben nicht glauben mag – Deutschland ist ein vielfältiges Land. Und vielfältige Länder haben es nun mal so an sich, dass die Menschen unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Weltbilder haben. Die Erzählung von den großen Volksparteien, die in sich das gesamte Spektrum des Volkes abbilden, ist eine Erzählung aus dem letzten Jahrhundert, die heute nicht mehr verfängt. Das ist keine Erosion der Demokratie, sondern vollkommen normal. Der Soziologie-Student Murat aus Neukölln und der Industrieschlosser Maik aus Wernigerode fühlen sich nun mal nicht mehr angesprochen von den selbsternannten Parteien der Mitte, die konsequent an den Wünschen und Bedürfnissen der beiden vorbeiregieren.
Murat könnte zum Beispiel die extremen Mieten als sein größtes Problem ansehen und die deutsche Unterstützung des israelischen Völkermords in Gaza kritisch sehen. Maik wiederum könnte die hohen Energiepreise als sein größtes Problem ansehen und die deutsche Russlandpolitik kritisch sehen. Dass beide sich nicht von den politischen Positionen der „Mitte-Parteien“ angesprochen fühlen, wird niemanden überraschen. Und da es abseits der Mitte ja Parteien gibt, die mehr oder weniger glaubwürdig die Interessen der beiden abbilden, sollte es auch niemanden überraschen, dass sie ihr Kreuz bei diesen Parteien machen. So geht Demokratie und genauso haben es sich die Väter und Mütter des Grundgesetzes auch vorgestellt.
Doch von diesen Idealen halten sowohl die Parteien der Mitte als auch die Edelfedern der großen Medien offenbar nichts. Wer der „politischen Mitte“ seine Zustimmung verweigert, gehört den „Rändern“ an und wird zum „Feind der Demokratie“ erklärt; gerade so, als habe man selbst die Deutungshoheit, was demokratisch ist und was nicht. Und da materielle Probleme, wie die Mieten oder die Energiekosten, ja durch harte Fakten belegbar sind, begibt man sich lieber auf das normative Feld der Moral. Und so wird Murat zum Antisemiten und Maik zum Nazi. Das ist natürlich Blödsinn, taugt aber immerhin zur Selbstaffirmation der Mitte: Wir sind die Guten! Und natürlich ist man „gut“, wenn man gegen Antisemiten und Nazis kämpft. Auch wenn es sich dabei um einen Popanz handelt, den man selbst aufgebaut hat.
Der Konflikt in Nord-Äthiopien könnte bei einer Eskalation mit den Konflikten im Sudan, in Somalia, im Jemen und dem möglicherweise bevorstehenden Konflikt im Südsudan verschmilzen und so einen Megakonflikt in der gesamten Region auslösen.
Die radikale Fraktion der kürzlich gespaltenen „Tigray People’s Liberation Front“ (TPLF), die bis 2018 das dominierende Mitglied der äthiopischen Regierungskoalition war, bevor sie von 2020 bis 2022 den Konflikt im Nordengegen die Bundesregierung in Addis Abeba auslöste, erklärte am Mittwoch den Beginn eines neuen Krieges. Dies folgt auf ihre Aufnahme in eine neu angekündigte Rebellenallianz, die von Eritrea organisiert wird – einem Land, das von Ägyptens historischem Rivalen Äthiopiens unterstützt wird und von Äthiopien als „Tsimdo“ bezeichnet wird. Hier sind fünf Gedanken dazu:
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1. Die USA stehen der TPLF dieses Mal überraschenderweise ablehnend gegenüber
Während des Nordkonflikts von 2020 bis 2022 standen die USA der TPLF wohlwollend gegenüber, was zu dem Verdacht führte, dass dieser Konflikt teilweise als hybrider Krieg gegen Äthiopien gedacht war, mit dem Ziel, Äthiopien zu „bosnisieren“, um das Land nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ zu spalten. Dieses Mal äußerten sich jedoch die US-Botschaft und der Auswärtige Ausschuss des Repräsentantenhauses kritisch. Worte sind billig, daher bleibt abzuwarten, ob aus den Worten Taten werden, die die TPLF und ihre eritreisch-ägyptischen Unterstützer bestrafen oder eine politische Lösung für diesen Konflikt herbeiführen – beides kann jedoch nicht ausgeschlossen werden.
2. Eritrea und Ägypten streben den geopolitischen Knockout an
Eritrea war beim letzten Mal Äthiopiens Verbündeter, da sich die beiden Länder damals in einer Annäherungsphase befanden und die TPLF ihr gemeinsamer Gegner war, auch wenn diese Gruppe damals von Eritreas Verbündeten Ägypten unterstützt wurde. Eritrea und Ägypten stehen nun jedoch im aktuellen Nordkonflikt auf derselben Seite, was dazu führen könnte, dass sie Äthiopien ein für alle Mal unterwerfen, sollte ihre neue Stellvertreterallianz an die Macht kommen. Dieses düstere Szenario, das dennoch unwahrscheinlich ist, würde Äthiopien geopolitisch vernichten, indem es dessen funktionierende Souveränität beseitigt.
3. Israel und die VAE haben ein großes Interesse am Sieg Äthiopiens
Ägypten ist nicht der einzige Akteur außerhalb der Region, der ein großes Interesse am Ausgang dieses Konflikts hat – wenn auch im Falle Kairos an einer Niederlage Äthiopiens –, denn Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben ein ebenso großes Interesse am Sieg Äthiopiens. Israel befürchtet, dass Ägypten zu einem mächtigen geopolitischen Gegner werden könnte, sollte es ein besiegtes Äthiopien wirtschaftlich bis zum Äußersten ausbeuten, während Äthiopien wohl der wichtigste Verbündete der VAE in Afrika ist. Beide könnten daher eingreifen – sei es diskret durch Hilfe für Äthiopien oder auf irgendeine formelle Weise –, sollte der Konflikt eskalieren.
4. Mehrere regionale Konflikte drohen zu einem Mega-Konflikt zu verschmelzen
Der jüngste Nordkonflikt findet nicht in einem Vakuum statt. Der Sudan befindet sich mitten in einem intensiven Bürgerkrieg, in den mehrere Staaten (Ägypten, die Türkei und die VAE) zunehmend verwickelt sind, der Südsudan steht am Rand eines weiteren Bürgerkriegs, Somalia ist nach wie vor ein Chaos, und im benachbarten Jemen ist der seit über einem Jahrzehnt andauernde Bürger- und internationale Krieg kürzlich eskaliert. Sollte auch der jüngste Nordkonflikt eskalieren, besteht die Gefahr, dass all diese Konflikte zu einem Mega-Konflikt verschmelzen, was zudem zu einem weiteren konventionellen Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea führen könnte.
5. Werden die USA diplomatisch intervenieren?
Der jüngste Dialog der USA mit Eritrea und die jüngste Entscheidung, die Sanktionen gegen das Land auslaufen zu lassen, bieten Washington die Chance, in letzter Minute ein Abkommen zwischen Asmara und Addis Abeba zu vermitteln, um das oben beschriebene Szenario eines Mega-Konflikts abzuwenden. Kreative Diplomatie, wie der Vorschlag, der im Frühjahr hier unterbreitet wurde, mit der Absicht, einen Dialog zwischen allen drei Seiten und im Idealfall auch untereinander anzuregen, ist das Gebot der Stunde. Ohne eine dringende politische Lösung drohen die Worst-Case-Szenarien immer wahrscheinlicher zu werden.
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Beim aktuellen Nordkonflikt in Äthiopien steht viel mehr auf dem Spiel als beim vorherigen, da diesmal eine Synergie zwischen Eritrea und Ägypten besteht und beide Akteure sehr wahrscheinlich einen geopolitischen Schlag gegen Äthiopien anstreben. Dieser Konflikt könnte sich mit anderen regionalen Konflikten zu einem Mega-Konflikt verbinden. Sollte eine dringend erforderliche (von den USA vermittelte?) diplomatische Initiative eine Eskalation nicht verhindern können, könnte allenfalls ein schneller Sieg Äthiopiens die Worst-Case-Szenarien abwenden; andernfalls bestünde die Gefahr, dass das Leben von Millionen Menschen in der gesamten Region ruiniert wird.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.
Redaktionelle Bildmontage (KI-generiert), angelehnt an die Gedenkwand von Butscha mit Bildmaterial aus dem im September 2026 veröffentlichten russischen Untersuchungsbericht. Der Bericht vergleicht einzelne Namen der Gedenktafel mit ukrainischen Militär-, Gedenk- und biografischen Quellen.
Russische Untersuchung greift die offizielle Opferliste an. Sacharowa wirft London und westlichen Medien eine gezielte „False Flag“ vor. Die neue Moskauer Untersuchung greift einen der symbolträchtigsten Fälle des Ukrainekriegs an der empfindlichsten Stelle an – bei den Namen der Toten. Auf der Gedenkwand in Butscha als Zivilopfer geführte Personen werden darin als Soldaten, Territorialverteidiger oder an anderen Orten Getötete identifiziert. Damit gewinnt ein alter Streitpunkt neue Schärfe. Auf welcher Tatsachengrundlage wurde Russland 2022 so schnell und so eindeutig verurteilt?
Am 17. September 2026 stellte Maxim Grigorjew, Direktor der russischen Stiftung zur Erforschung von Problemen der Demokratie und Leiter des „Internationalen Öffentlichen Tribunals zu Verbrechen ukrainischer Neonazis“, bei TASS eine neue Untersuchung vor. Der 21-seitige Bericht trägt den Titel „Erben Goebbels’ – Fälschung der Ereignisse in Butscha und blutige Inszenierungen des Kiewer Regimes“.
Ausgangspunkt ist die Gedenkwand an der Kirche des Apostels Andreas in Butscha. Das ukrainische Präsidialamt erklärte dazu am 31. März 2024 ausdrücklich, das Mahnmal enthalte zu diesem Zeitpunkt 509 Namen identifizierter Zivilisten, weitere Tafeln seien noch ohne Namen. (2) Grigorjews Untersuchung glich Namen auf der Gedenkwand mit ukrainischen Militärdatenbanken, kommunalen Veröffentlichungen, Gedenkseiten, sozialen Netzwerken und Medienberichten ab.
Nach Darstellung der Autoren finden sich darunter reguläre Soldaten, Angehörige der Territorialverteidigung und anderer bewaffneter Formationen, Menschen, die außerhalb der Stadt Butscha in Kampfhandlungen starben, sowie mindestens ein krankheitsbedingter Todesfall. Da den Autoren keine vollständige konsolidierte Opferliste vorlag, verwendeten sie die mehr als 500 Namen der Gedenkwand als den einer offiziellen Liste am nächsten kommenden Datensatz. Ein erheblicher Teil der Recherche lässt sich anhand ukrainischer Quellen unabhängig überprüfen.
Während Kampfauftrag ums Leben gekommen
Der Bericht stellt die Biografien von 31 Menschen gegenüber, die auf der Gedenkwand als „friedliche Zivilisten“ aufgeführt sind. Nach Angaben der Autoren waren sie jedoch Militärangehörige, Mitglieder der Territorialverteidigung oder anderer bewaffneter Formationen beziehungsweise aktiv an Kampfhandlungen beteiligt. Nur Halyna Semeniuk wird als Zivilistin geführt. Sie sei krankheitsbedingt gestorben.
Jewhen Petrasch ist eines der Beispiele. Die ukrainische Erinnerungsplattform Memorial.UA führt ihn nicht als Zivilisten, sondern als Militärangehörigen. Petrasch gehörte einer separaten Asow-Einheit und den Spezialoperationskräften der ukrainischen Streitkräfte an. Er war Gefreiter und Maschinengewehrschütze. Laut ukrainischer Quelle fiel er am 3. März 2022 bei der Verteidigung der Region Kiew in Worzel und wurde später auf dem Lukjaniwske-Militärfriedhof in Kiew beigesetzt. (3) Anatolij Korytko wird ebenfalls bei Memorial.UA als ukrainischer Soldat geführt. Er fiel am 3. März bei der Verteidigung Butschas.
Noch genauer dokumentiert ist Witalij Fesjuk. Die Stadt Butscha bezeichnet ihn offiziell als „Aufklärer und Feuerleitbeobachter“, der am 27. Februar 2022 während eines Kampfauftrags ums Leben kam. Memorial.UA schreibt, Fesjuk habe eine Uniform, einen Rucksack und eine Waffe erhalten, russische Militärtechnik gezählt und deren Bewegungen über Telegram weitergegeben. (4) Die Plattform führt ihn ausdrücklich als Angehörigen der ukrainischen Streitkräfte und als Freiwilligen.