Strategie ohne Praxis

Von German-Foreign-Policy – 27. Juli 2026

Deutschland und die EU liegen bei Entwicklung und Nutzung Künstlicher Intelligenz (KI) weit hinter den USA und China zurück. Lediglich bei der Strategiebildung gehörte die Bundesrepublik zu den globalen Vorreitern. Deutschland und die EU liegen bei Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz (KI) weit hinter den globalen Vorreitern USA und China zurück. Dies bestätigen zahlreiche Untersuchungen, darunter eine aktuelle Studie, die von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung veröffentlicht worden ist. Dieser zufolge befindet sich Europa etwa beim globalen Marktanteil von KI-Anwendungen dramatisch im Rückstand: Während amerikanische KI-Apps 1,35 Milliarden mal heruntergeladen wurden, beliefen sich die Downloads europäischer KI-Apps auf lediglich 1,26 Millionen. Auch bei der Entwicklung fortschrittlicher KI-Modelle, der Gewinnung von Investitionen für KI, der Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten zum Thema KI sowie bei Patenten hinkt Europa hinter den USA und China hinterher. Das einzige europäische Unternehmen, das bei der Entwicklung von KI-Modellen globale Bedeutung besitzt – Mistral –, kommt aus Frankreich. Darüber hinaus treiben deutsche Unternehmen die Einführung von KI vergleichsweise zögerlich voran. Nur die Strategieformulierung gelingt: Deutschland war eines der ersten Länder weltweit mit einer nationalen KI-Strategie. Bei der Umsetzung in die Praxis hapert es allerdings.

Europa: weit abgeschlagen

Bei den Downloads von KI-Apps „dominieren US-Unternehmen weltweit, wobei China seit Mitte 2025 aufholt und Europa zurückliegt“: So lautet das Ergebnis einer neuen Studie der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung mit dem Titel „The Geopolitics of AI App Exports“, die von einem Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) erstellt wurde.[1] Die Ergebnisse, die auf der Anzahl der Downloads von Android-Apps basieren, zeichnen ein für Europa desillusionierendes Bild. Von Anfang 2023 bis April 2026 dominierten US-amerikanische KI-Apps weltweit mit rund 1,35 Milliarden Downloads, während China mit 205,41 Millionen an zweiter Stelle lag; die EU hinkte mit lediglich 1,26 Millionen Downloads von KI-Apps des französischen Unternehmens Mistral weit hinterher. Eines der auffälligsten Ergebnisse der Studie ist die Dominanz chinesischer KI-Apps in lateinamerikanischen Ländern. Abgesehen davon, dass sie in Russland, Belarus, auf den Philippinen und in Indonesien den größten Marktanteil hatten, waren die Downloadzahlen der chinesischen Apps in Ländern wie Argentinien, Brasilien, Bolivien, Peru, Ecuador und Mexiko am höchsten. Demgegenüber behalten US-amerikanische KI-Apps ihre Dominanz in Nordamerika, Westeuropa, Zentral- und Südasien sowie in den arabischen Ländern.

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Rheinmetall im Roten Wedding – Nachbarn wehren sich

Film von Gaby Weber – 27. Juli 2026

Im Berliner Norden, im einst „Roten Wedding“, wird protestiert. Gegen die Firma Rheinmetall. Im Humboldthain diskutiert zwei Tage lang das Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion über weitere Schritte.

Anfang 2025 wurde bekannt, dass der Waffenkonzern Rheinmetall den Weddinger Autoteile-Hersteller Pierburg gekauft hatte, um dort Artilleriemunition zu fabrizieren. Die deutsche Automobilindustrie hat die Elektromobilität verschlafen und macht Verluste, Werke schließen.

Wirtschaftsführern wie Politikern fällt als „Ausweg“ nichts Besseres ein – als auf Rüstung umzusatteln. Und die mächtige IG Metall spielt dabei mit. Schließlich fließt seit der Zeitenwende Geld an die Bundeswehr ohne Ende.

Im Film kommen die – meist jungen – Aktivisten zu Wort, die gegen die Militarisierung auf die Barrikaden gehen. Sie organisieren Schulstreiks und beraten junge Männer, wie sie sich angesichts der drohenden Wehrpflicht verhalten können. „Die Regierung rüstet sich für den nächsten großen Krieg“, meint ein 18-Jähriger, der gerade den Fragebogen der Bundeswehr erhalten hat. Zu Wort kommen auch eine Lehrerin aus Neukölln, die über die zunehmenden Auftritte von Offizieren im Unterricht spricht, sowie ein Sprecher von Verdi; diese beiden Gewerkschaften unterstützen, im Gegensatz zur IG Metall, die Friedensaktivitäten und haben zu ihrer Demonstration aufgerufen.

Es ging während der Aktionstage auch um die Auseinandersetzung mit den Argumenten der Kriegsbefürworter, die sagen, man müsse kriegstüchtig werden, sonst komme der Russe. Darüber sprach der Youtuber Fabian Lehr. Und es ging auch um die deutsch-israelische Zusammenarbeit bei der Rüstung: „Deutschland ist der zweitgrößte Waffenlieferant an Israel und macht sich an den Verbrechen in Gaza mitschuldig“, hieß es vom Podium herab.

Der Film ist ohne Fremd-Finanzierung entstanden. Spenden über Paypal, (gaby.weber@gmx.net) oder Banküberweisung, IBAN DE43120300001207441294, BIC: BYLADEM1001.

USA bombardieren Iran die 13. Nacht in Folge, Weißes Haus plant „massive“ Eskalation

Von Andre Damon – 26. Juli 2026

Personen auf einer Brücke in der südiranischen Provinz Hormosgan, die bei einem Angriff zerstört wurde, 18. Juli 2026 [AP Photo/Amirhosein Khorgooi/Iranian Students‘ News Agency]

Mit Kampfflugzeugen und Raketen griffen die USA in der Nacht auf Freitag, den 24. Juli – der 13. Nacht in Folge – den Iran an. Dabei wurden Ziele in der Straße von Hormus bis zur Küste des Kaspischen Meeres getroffen.

Bei einem US-Angriff auf Ahwas wurden nach Berichten des staatlichen Senders IRIB vier Menschen getötet und fünf verwundet.

US-Präsident Donald Trump traf sich laut New York Times derweil am Freitag mit hochrangigen Beratern und Kabinettsmitgliedern, um über eine massive Ausweitung des Kriegs zu beraten. Dies berichtete die Zeitung am selben Tag unter Berufung auf vier über die Gespräche informierte Personen.

Am Freitagnachmittag erklärte Trump vor Reportern im Weißen Haus: „Sehen Sie, wir haben geladen und entsichert.“

Das Treffen bildete den Abschluss einer Woche öffentlicher Drohungen. Axios veröffentlichte am Donnerstag ein Interview mit Trump, in dem er ankündigte, er erwäge „einen massiven Angriff. Größer denn je zuvor“. Der Iran habe „noch nicht genug Schmerz zu spüren bekommen“.

Am Mittwoch drohte er damit, im Iran jedes Mal „EINE BRÜCKE ODER EIN KRAFTWERK“ zu bombardieren und zu zerstören, wenn eine iranische Waffe ein Schiff in der Straße von Hormus treffe.

Die für eine solche Eskalation notwendigen Streitkräfte sind bereits vor Ort. Das Wall Street Journal berichtete am Mittwoch über die Verlegung zusätzlicher Spezialeinheiten, Kampfflugzeugstaffeln und Sanitäter in die Region.

Die Times berichtete am Freitag:

Laut mehreren Vertretern des US-Militärs, die sich anonym zu operativen Fragen äußerten, sind in den letzten Tagen zusätzliche F-16-Kampfjets aus Deutschland und F-35-Tarnkappenjets aus Großbritannien im Nahen Osten eingetroffen. Sie ergänzen die bereits dort stationierten zahlreichen Kampfflugzeuge und Angriffsdrohnen, die auf Stützpunkten an Land oder auf zwei Flugzeugträgern bereitstehen.

Laut dem gleichen Bericht wurden in den USA die Besatzungen von B-2- und B-52-Bombern in Alarmbereitschaft versetzt, und eine Flotte von fast 20 Kriegsschiffen operiert im Arabischen Meer und dessen Umgebung. Etwa 50.000 US-Soldaten sind in der Region und in Europa für den Krieg vorgesehen.

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Joe Kent: Iran-Falle, US-Bodeninvasion & israelische Täuschung

Glenn Diesen im Gespräch mit Joe Kent – 26. Juli 2026

Joe Kent ist der ehemalige Direktor des National Counterterrorism Center, der im März 2026 aufgrund des Angriffskrieges der USA und Israels gegen den Iran zurücktrat.

„Wenn wir aufhören, in der Straße von Hormus die Aggressoren zu sein, dann glaube ich nicht, dass die Iraner künftig irgendein Interesse daran haben, von allen eine Art Maut zu verlangen … Trump weigert sich. Er sitzt in dieser Zwickmühle fest. Er will nicht ohne irgendein Stück Papier, eine Erklärung, irgendetwas gehen, bei dem er sagen kann: Die Iraner haben das unterschrieben, und sie haben mir einen Sieg beschert. Oder er will einen vollständigen militärischen Sieg. Und ich glaube einfach nicht, dass es derzeit irgendeinen denkbaren Weg gibt, wie er eines von beidem bekommen kann. … Er ist in das hineingefallen, wie immer man es nennen will, den Spielerfehlschluss, den Sunk-Cost-
Fehlschluss. Er kann einfach nicht weggehen. Und deshalb, deshalb fürchte ich wirklich, dass er weiter eskalieren wird. Denn im Moment sieht er das Militär einfach als sein einziges Instrument.“

Eritreas hybrider Krieg gegen Äthiopien droht, das gesamte Horn von Afrika in Brand zu setzen

Von Andrew Korybko – 27. Juli 2026

Äthiopien ist auf sich allein gestellt und kann sich bei der Lösung des eskalierenden regionalen Sicherheitsdilemmas, das Ägypten inszeniert hat und nun über Eritrea gegen das Land einsetzt, nicht auf diplomatische Unterstützung der USA verlassen.

Getachew Reda, Berater des äthiopischen Premierministers Abiy Ahmed für ostafrikanische Angelegenheiten und Mitautor eines kürzlich bei Al Jazeera erschienenen Artikels, in dem vor der Bedrohung gewarnt wird, die Eritrea für den regionalen Frieden darstellt, hielt Ende Juni auf der jährlichen Konferenz zur nationalen Sicherheit am äthiopischen Nationalen Verteidigungskolleg eine Rede zu diesem Thema. Diese wurde vom öffentlich-rechtlichen Sender Fana hier rezensiert. Der vorliegende Beitrag fasst seine Ausführungen zusammen und analysiert sie anschließend im Kontext der regionalen Sicherheit.

Der Kernpunkt ist, dass der eritreische Präsident Isaias Afwerki die Sicherheit seines Landes als durch ein schwaches Äthiopien gewährleistet betrachtet. Er möchte zudem die bilaterale wirtschaftliche Integration nicht vorantreiben, weshalb er Abiys großzügige wirtschaftliche Anreize – wie bedeutende Beteiligungen an führenden nationalen Unternehmen und Projekten im Austausch für einen uneingeschränkten Zugang Äthiopiens zum Meer – abgelehnt hat, mit der Andeutung, dass eine aufstrebende Mittelschicht seinen Machterhalt gefährden könnte. Eritrea führt derzeit einen hybriden Krieg gegen Äthiopien.

Dies geschieht in Form der Unterstützung bewaffneter regierungsfeindlicher Gruppen, um das Land dauerhaft zersplittert zu halten und damit auch seine allgemeine wirtschaftliche Entwicklung zu bremsen. Aus diesem Grund schlug Reda vor, die Entwicklungsinitiativen zu verstärken, dabei aber die von Eritrea ausgehenden neuen Bedrohungen im Auge zu behalten und auf Diplomatie zu setzen, um Äthiopiens Ziel eines uneingeschränkten Zugangs zum Meer voranzutreiben. Dies ist eine zutreffende Einschätzung der Bedrohung, die Eritrea für den regionalen Frieden darstellt, und ein vernünftiger Weg, ihr entgegenzutreten.

Natürlich ist das alles leichter gesagt als getan, und das Horn von Afrika steht nun aufgrund der Unterstützung der oben genannten Gruppen durch Eritrea am Rande eines Krieges. Uninformierte Leser sollten zudem wissen, dass Ägypten Eritrea unterstützt und es als Stellvertreter einsetzt, um seinen traditionellen äthiopischen Rivalen nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ zu spalten. Das bedeutet, dass die eigentliche Bedrohung für den regionalen Frieden von Ägypten ausgeht, die unmittelbarste jedoch von Eritrea, das sich Ägypten untergeordnet und unter Afwerkis Führung zu einem anti-äthiopischen Staat gewandelt hat.

Wie im vergangenen November nach der ausführlichen Rede des äthiopischen Außenministers Dr. Gedion Timothewos vor Mitgliedern des diplomatischen Korps über die Spannungen seines Landes mit Eritrea festgestellt wurde, „hat Äthiopien nachdrücklich angedeutet, dass Eritrea in die Fußstapfen der Ukraine tritt“. Um dies näher zu erläutern: Das anti-äthiopische Eritrea erfüllt für Ägypten gegenüber Äthiopien dieselbe Funktion der Eindämmung und Destabilisierung durch Stellvertreter, wie die anti-russische Ukraine sie für die USA gegenüber Russland erfüllt. Ihr „negativer Nationalismus“ wurde, wie hier erläutert, bis zum Äußersten als Waffe eingesetzt.

Dementsprechend könnte, genau wie derzeit ein großer Konflikt in Osteuropa tobt, bald auch am Horn von Afrika einer ausbrechen – aufgrund ihrer spiegelbildlichen Sicherheitsdilemmata, die dadurch entstehen, dass ein Land sich auf ein kleineres stützt, um seinen gleich großen Rivalen einzudämmen und zu destabilisieren. Die USA haben Einfluss auf Ägypten, einen „wichtigen Nicht-NATO-Verbündeten“, und streben Berichten zufolge denselben Einfluss auf Eritrea an. Doch die Trump-Regierung hat kein ernsthaftes Interesse daran signalisiert, die von Ägypten provozierten Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea zu entschärfen – nicht einmal, um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen.

Das bedeutet, dass Äthiopien de facto auf sich allein gestellt ist und sich nicht auf diplomatische Unterstützung der USA verlassen kann, um das eskalierende regionale Sicherheitsdilemma zu lösen, das Ägypten inszeniert hat und nun über Eritrea gegen Äthiopien als Waffe einsetzt. Im besten Fall stirbt Afwerki und sein Nachfolger revolutioniert das gesamte Land zum Wohle der einfachen eritreischen Bevölkerung – doch das ist nicht selbstverständlich, sodass die Region bald erneut in einen Krieg stürzen könnte, sofern der launische Trump nicht einen Sinneswandel vollzieht und dies verhindert.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Die Handschrift der ukrainischen Nachrichtendienste

Von Ralph Bosshard – 25. Juli 2026

Wien – im Bild mit dem Schloss Schönbrunn – hat in der Geschichte Europas über die Jahrhunderte eine wichtigere Rolle gespielt als alle anderen Städte. Und auch heute ist Wien eine Stadt, in der viele internationale Kontakte stattfinden – zum Beispiel auch im Rahmen der OSZE, also durchaus im Sinne internationaler Diplomatie. (Foto: Christian Müller)

Wenn korrupte Regierungen, kriminelle Nachrichtendienste und naive Journalisten zusammenarbeiten, um einen Friedensprozess zu torpedieren, dann bleiben Organisationen und Personen auf der Strecke, welche versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Gerade die beteiligten Personen wären dabei auf den Schutz ihrer Auftraggeber angewiesen, sowie auf die kritische Prüfung von Informationen durch Behörden und Medien. Wer das nicht zu leisten bereit ist, bleibt diesem Geschäft besser fern.  

Das Forum für Sicherheitskooperation (FSK) ist eines der wichtigsten Organe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE. Die sogenannten Vertrauens- und Sicherheitsbildenden Maßnahmen (VSBM), welche Hauptgegenstand der Diskussionen in diesem Forum darstellen, trugen zu Zeiten des Kalten Kriegs zur Verhinderung eines Kriegs in Mitteleuropa bei, der mit höchster Wahrscheinlichkeit rasch zu einem atomaren Schlagabtausch eskaliert wäre. Es ist Usus, dass die Agenda der jeden Mittwoch um zehn Uhr stattfindenden Sitzungen des FSK jeweils drei Monate im Voraus abgemacht werden. Die Agenda braucht die Zustimmung aller 57 Teilnehmerländer der OSZE und muss folglich mit allen besprochen werden. Das ist in der Regel eine Formsache, aber das Auslassen eines Landes könnte dazu führen, dass dieses sich querstellt. Um genau dies zu vermeiden, traf sich im März 2023 der Schweizer Militärdiplomat Oberst A. F. in einem Café in Wien mit russischen Diplomaten, um die Sitzungsagenda für die kommenden drei Monate zu besprechen. Im Dezember 2024 – über eineinhalb Jahre nach dem Treffen – erging ein Bericht über dieses Treffen via den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) an den schweizerischen Nachrichtendienst des Bundes NDB. Wie es im nachrichtendienstlichen Handwerk üblich ist, ergänzten die Deutschen den Bericht mit einer Bewertung der Zuverlässigkeit der Quelle und kamen zum Schluss, dass diese als „drittklassig“ zu beurteilen sei. Der NDB unterließ aber eine analoge Prüfung und veranlasste bei der Militärjustiz anstatt dessen eine Strafuntersuchung wegen Landesverrats. Wer mit der Arbeitsweise in der OSZE vertraut ist, wusste rasch, dass an den Vorwürfen an die Adresse des Obersten A. F. substanziell nichts dran sein kann. 

Eine wohlfeile Dreckschleuder

In der Zwischenzeit ist klargeworden, dass es sich bei dieser „drittklassigen“ Quelle um den Ukrainer Oleksandr Danylyuk handelt, der in Großbritannien beim Royal United Services Institute (RUSI) arbeitet, einer von der britischen Regierung finanzierten Nichtregierungsorganisation, die darauf spezialisiert ist, nachrichtendienstliche Erkenntnisse aus der Ukraine in Großbritannien zu verbreiten. Danylyuk war 2014 Angehöriger einer extrem nationalistischen Partei in der Ukraine, musste Kiew dann verlassen und heuerte in London bei dieser NGO an. Er arbeitete zu keinem Zeitpunkt in Wien und schon gar nicht zu jenem Zeitpunkt, über die er später dem Schweizer Nachrichtendienst berichtete. Das hinderte Danylyuk aber nicht daran, von gut einem halben Dutzend Treffen schweizerischer Diplomaten mit ihren russischen Kollegen zu berichten, namentlich in einem Zeitraum, in welchem intensive Gespräche in Gang waren, um die Zustimmung der Russischen Föderation zur Schweizer Kandidatur für den Vorsitz der OSZE zu sichern. Danylyuk hat so gut wie alle Militärdiplomaten der Schweiz in Wien der Kooperation mit den russischen Nachrichtendiensten bezichtigt, ohne jemals auch nur den Hauch eines Beweises vorzulegen. Diese Vorgänge geben Anlass zur Vermutung, dass die militärischen Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der Schweiz in Wien von den ukrainischen Nachrichtendiensten systematisch überwacht wurden.

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Neue Ordnungsmacht in Europa?

Von Michael Silnizki – 25. Juli 2026

Die Mappa Humorístico da Europa entstand 1914 von dem portugiesischen Maler und Illustrator António Soares (1894-1978).  Bild: BioKnowlogy/public domain

Russland und die europäische Sicherheit.

 „Es ist ein fast unglaublicher Vorgang in der Geschichte, dass ein Land (wie Russland) in einem Zustand wirtschaftlicher Schwäche und technischer Rückständigkeit in wenigen Jahren das Beispiel eines reichen …, technisch und industriell … überlegenen, dazu vom Kriege verschonten und ungleich mächtigeren Landes in einem zentralen Entwicklungsbereich wie dem einer … modernen Rüstungstechnologie wiederholt.“  – Lothar Ruehl, 19811

1. Der Unbelehrbare

    Ein Tag vor dem Beginn des NATO-Gipfels in Ankara veröffentlichte Wolfgang Ischinger (Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz) am 6. Juli 2026 einen Artikel in Foreign Affairs mit einem vorwurfsvollen Titel „The Transatlantic Alliance Can’t Survive Without Trust. Washington Dismisses NATO’s Value at Its Own Peril“ (Die transatlantische Allianz kann ohne Vertrauen nicht überleben. Washington ignoriert den Wert der NATO auf eigenes Risiko).

Als strammer Transatlantiker, der im gleichen Jahr wie der amtierende US-Präsident geboren wurde und sogar zwei Monate älter als dieser ist, wagt Ischinger es, „Seine Majestät“, Donald I., zu belehren. Sehr mutig! Die beiden Zeitgenossen können in ihren Geisteshaltungen und Weltanschauungen nicht unterschiedlicher sein.

Der eine geht mit der Zeit, der andere geht mit der Zeit. Der eine möchte vor dem Hintergrund der dramatischen geopolitischen und geoökonomischen Umwälzungen radikal alles verändern, koste es, was es wolle, und will retten, was noch zu retten ist2. Dazu hat er Macht, die er auch exzessiv nützt. Allein die Kosten dieser entgrenzten Machtausübung stürzten die Welt, wie der halsbrecherische Irankrieg zeigt, in Turbulenzen, die ihr nicht bekommen.

Der andere tritt auf die Bremse, ist ein Mann des Status quo, will die „glorreichen“, weil weltbeherrschenden Errungenschaften der transatlantischen Welt um jeden Preis zementieren und merkt nicht, dass der geopolitische Zug längst abgefahren ist und nicht mehr zurückkommt. „Ein Mann von gestern“ nannte ich einst Herrn Ischinger3.

Zwei unterschiedliche Gestalter der Zeitgeschichte – der US-Amerikaner und der Deutsche – verkörpern zwei widerstreitenden politischen Richtungen innerhalb der transatlantischen Welt und repräsentieren zwei Zukunftsvisionen, die zwar gegensätzlicher nicht sein können, nichtsdestotrotz aber beide realitätsfern sind.

Der achtzig Jahre alte US-Amerikaner hat einen postmodernen Imperialismus entdeckt4 und glaubt Amerika mit brachialer Gewalt des reanimierten Neokolonialismus zur alten Größe zu verhelfen. Er ignoriert freilich nur eine triviale Erkenntnis, dass die Welt des 21. Jahrhunderts nicht die des 19. Jahrhunderts ist und sich nicht mehr kolonialisieren lässt, zumal die USA, wie der Irankrieg und die vorangegangenen Kriege der vergangenen zwei Jahrzehnte gezeigt haben, kein entsprechendes militärisches Machtpotenzial mehr besitzen.

Und der achtzig Jahre alte Deutsche, der kein Militärexperte ist, träumt von der Wiedererstarkung der NATO, die bereits die besten Zeiten hinter sich hat, ziellos dahinvegetiert und vom Zerfall bedroht ist.

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Kiews Drohnenkampagne gegen das „russische Amazon“ ist politisch motiviert

Von Andrew Korybko – 25. Juli 2026

Das Ziel der jüngsten ukrainischen Drohnenattacken besteht darin, eine wachsende Gruppe Unzufriedener zu schaffen, indem Kleinunternehmern erheblicher Schaden zugefügt wird. Diese könnten dann im Vorfeld der nächsten Duma-Wahlen im September die Wahlchancen der Regierungspartei verschlechtern und später möglicherweise den Kern einer zukünftigen Protestbewegung bilden, die vom Ausland aus instrumentalisiert werden könnte.

Die von den USA unterstützte ukrainische Langstrecken-Drohnenkampagne gegen Russland hat vor kurzem begonnen, den Online-Händler Wildberries ins Visier zu nehmen, der im Wesentlichen das „russische Amazon“ ist. Jüngste Angriffe haben mehrere seiner Logistikzentren entweder vollständig zerstört oder schwer beschädigt. Die Financial Times zitierte die russische Ausgabe von Forbes und berichtete, dass diese Angriffe bislang möglicherweise Lagerbestände im Wert von 150 bis 275 Milliarden Rubel zerstört haben könnten, was etwa zwei bis 3,5 Milliarden US-Dollar entspricht – mehr als der Nettogewinn von Wildberries im letzten Jahr.

Wichtig ist, dass sie zudem Alexander Kolyandr, einen Direktor bei der Eurasia Group, zitierten, der ihnen mitteilte: „Der Verlust der Waren wird Tausende von Händlern in den Ruin treiben, was zu Steuerausfällen, Kreditausfällen und Ähnlichem führen wird.“ Darin liegt das politische Motiv hinter der Drohnenkampagne der Ukraine gegen das „russische Amazon“. Selenskyj kündigte Ende letzten Monats eine 40-tägige Einflussoperation gegen Russland an, mit dem Ziel, das Land zu einem Waffenstillstand zu zwingen, ohne dass die Ukraine oder ihre westlichen Unterstützer Zugeständnisse machen müssten.

Die Operation wird offiziell Anfang August enden, also fast sechs Wochen vor den nächsten Duma-Wahlen Ende September – den ersten seit Beginn der Sonder-Operation, da die letzten Wahlen im Jahr 2021 stattfanden. Seine Einflussoperation wird jedoch wahrscheinlich verlängert werden, wenn auch nur informell. Vor dem Hintergrund dieses politischen Kontexts sowie des ausdrücklich genannten Ziels, das er erreichen will, wird deutlich, dass Selenskyj seine Streitkräfte ermächtigt hat, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Durchschnittsrussen maximale Unannehmlichkeiten zu bereiten, mit dem Ziel, sie gegen Putin aufzubringen.

Dies erklärt die vorangegangene Welle von Angriffen auf die russische Energieinfrastruktur, die zu einem Anstieg der Kraftstoffkosten führte, von dem die Ukraine erwartete, dass er aufgrund höherer Transportkosten zu einem allgemeinen Preisanstieg führen und damit das verfügbare Einkommen der durchschnittlichen Russen schmälern würde – und die Wildberries-Kampagne ist die nächste Phase. Die Schädigung kleiner Unternehmen wirkt sich direkter auf die durchschnittlichen Russen aus, sowohl auf Käufer als auch natürlich auf Verkäufer, und die konkrete Absicht scheint darin zu bestehen, eine neue und wachsende Klasse von Unzufriedenen innerhalb des Landes zu schaffen.

Wird dies auf die Spitze getrieben – und es ist möglich, dass weitere Logistikzentren ins Visier genommen und zumindest beschädigt werden, da sich 18 der 20 größten in Russland Berichten zufolge in Reichweite ukrainischer Drohnen befinden –, könnte dies langfristige gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Folgen für Russland haben. Der Staat, der aufgrund der Kombination aus Sanktionen, Angriffen auf seine Energieinfrastruktur und der jüngsten großflächigen Zerstörung des steuerpflichtigen Lagerbestands kleiner Unternehmen ohnehin bereits unter finanziellem Druck steht, könnte somit unter Druck geraten, diese Unternehmen zu retten.

Eine unzureichende Unterstützung für in Schwierigkeiten geratene Kleinunternehmer könnte die Wahlaussichten zu Ungunsten der Regierungspartei verschieben – was dann als symbolischer Rückschlag für Putin dargestellt würde –, die zuvor erwähnte Gruppe Unzufriedener hervorbringen und somit möglicherweise ein lange schlummerndes Protestpotenzial wieder entfachen, das vom Ausland aus ausgenutzt werden könnte. Die Folgen könnten daher im schlimmsten Fall eine Kettenreaktion auslösen – was zugegebenermaßen unwahrscheinlich ist, da der Staat noch Zeit hat, dies abzuwenden; es ist also verfrüht, dies bereits zu erwarten, doch sollte es auch nicht ausgeschlossen werden.

Der übergeordnete Trend ist, dass sich die Welle der ukrainischen Angriffe gegen Russland allmählich von einer Show zu einer Strategie entwickelt, unterstützt durch die USA, die ihrem Stellvertreter Zielinformationen und allgemeine Anleitung liefern. „Die Eskalationsstrategie von Trump 2.0 gegen Russland nimmt Gestalt an“, und sie konzentriert sich auf einen „Zermürbungskrieg“, der nun vor allem zivile Ziele wie Wildberries ins Visier nimmt, mit dem Ziel, politische Ziele voranzutreiben, die Putin ohnehin kaum dazu bewegen dürften, einen Waffenstillstand zu erklären.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Chinas Unterdrückung in Xinjiang – nur ein Lügenmärchen?

Von Stephan Ossenkopp – 25. Juli 2026

Ein internationales Kompendium will dem westlichen Narrativ vom angeblichen „Völkermord” an den Uiguren in der chinesischen Autonomen Region Xinjiang mit umfangreichen Fakten, Hintergründen und historischen Vergleichen entgegentreten. Die zusammengestellten Belege überzeugen und enthüllen eine perfide und systematische, geopolitisch motivierte Verleumdungskampagne.

Die Berichterstattung westlicher Medien ist voll von Schauergeschichten über den angeblichen repressiven Umgang der chinesischen Führung mit muslimischen Uiguren in der westchinesischen Provinz Xinjiang. Es wimmelt vor Behauptungen, Spekulationen und Anschuldigungen. Doch wer weiß wirklich etwas über die Situation vor Ort und ist sich bewusst, woher diese üble Nachrede stammt, ob es Belege und Quellen dafür gibt und welchem Zweck sie wirklich dient? Das Buch „Telling Tall Tales“ (Lügengeschichten erzählen) von Barry Sautman erfüllt mehrere dieser Zwecke: Es liefert eine Bestandsaufnahme der Institutionen und Einzelpersonen, die die antichinesische Rhetorik, insbesondere in Bezug auf vermeintliche Menschenrechtsverletzungen oder gar einen Genozid in Xinjiang, vorangetrieben haben.

Darüber hinaus enthält es eine juristische völkerrechtliche Bewertung vor dem Hintergrund der entsprechenden UN-Konventionen. Man erhält ein 460-seitiges, minutiös recherchiertes Kompendium mit Hunderten von Fußnoten und einer sehr umfangreichen Bibliografie, um diesem höchst polarisierenden Thema auf den Grund zu gehen. Sautman und seine Mitstreiter haben hier wahre Fleißarbeit geleistet. Das Buch sollte von der Bundeszentrale für politische Bildung oder anderen relevanten Einrichtungen zur öffentlichen Aufklärung, einschließlich der Rezensionsspalten großer Tageszeitungen, aufgegriffen werden. Es ist in der Reihe „Studien der politischen Ökonomie globaler Arbeit“ erschienen und ist das Ergebnis einer internationalen Gruppe von Forschenden aus den USA, Indien, den Niederlanden, Südafrika und China.

„Kultureller Genozid”?

Der sehr breit gefasste erste Teil beschäftigt sich weniger mit China und Xinjiang, sondern vielmehr mit der Kontextualisierung des Begriffs „Genozid” und der historischen Vereinnahmung dieses hoch politisch aufgeladenen Begriffs in Bezug auf zahlreiche Menschenrechtsverletzungen in allen Regionen der Welt.

Was die chinesische Region Xinjiang betrifft, behaupten die Wortführer des Genozid-Narrativs jedoch meist nicht, dass massenhafte Tötungen oder eine absichtliche Auslöschung der muslimischen Uiguren in Xinjiang stattfinden würden. Denn selbst für unsachkundige Beobachter haben sich diese extremen Behauptungen als völlig haltlos herausgestellt.

Anti-China-Falken sprechen mittlerweile von „kulturellem Genozid”, einer angeblich erzwungenen Unterdrückung der Geburtenraten muslimischstämmiger Minderheiten. Doch es gibt keinen völkerrechtlichen oder strafrechtlichen Begriff dafür. Begriffe wie „Internierung” oder „Umerziehung” dienen dazu, die schrecklichsten Vorstellungen heraufzubeschwören. Doch vieles beruht auf Hörensagen, Behauptungen und Extrapolationen, ohne dass reale Tatbestände nachgewiesen werden können. Das zeigt sich laut Argumentation des Autors vor allem bei dem Aspekt der angeblich unterdrückten Geburtenraten.

China ist bekannt für seine langjährige Ein-Kind-Politik, die jedoch unter den mehrheitlichen Han-Chinesen deutlich strenger durchgesetzt wurde als bei ethnischen Minderheiten. Die Geburtenraten der Uiguren stiegen und steigen auch aktuell an und könnten laut statistischen Projektionen bis 2040 bei 15 Millionen liegen. Beschränkungen seitens der chinesischen Regierung gibt es dazu nicht. Der Autor will vor allem mit umfangreichen demografischen Statistiken Argumente für einen demografischen Völkermord, strengste Geburtenkontrolle oder gar Sterilisierung ad absurdum führen.

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Völkermord ist falsch, wenn die Richtigen ihn begehen

Von Hassan Al Khalaf – 25. Juli 2026

Zwei Jesidinnen, Überlebende eines Genozids, als Kinder vom IS versklavt und misshandelt, verklagten die Täter, ein in Deutschland lebendes Ehepaar. Das Urteil war längst überfällig. Während München die IS-Angehörigen schuldig sprach, müssen IDF-Soldaten in dieser sowie in anderen deutschen Städten keine rechtlichen Konsequenzen für ihre Kriegsverbrechen befürchten.

13. Juli 2026: Es ist ein historischer Tag für alle Jesiden, die aus ihrer Heimat im Irak fliehen mussten und in Deutschland ein neues Zuhause fanden, als der IS 2014 einen andauernden Völkermord an den Jesiden startete. Bei der Religionsgemeinschaft handelt es sich um eine eigenständige Ethnoreligion, die mehrheitlich im Irak und Syrien beheimatet war, bis die Terrormiliz begann, Massaker an ihnen zu verüben. Aktuell leben bis zu 250.000 Jesiden in Deutschland. Ein Großteil von jesidischen Frauen und Kindern kamen im Rahmen des Sonderkontingents des Bundeslandes Baden-Württemberg, aber auch anderer Städte nach Deutschland, wo ihnen Schutz vor dem IS und humanitäre Hilfe geboten werden.

Als der IS die traditionellen Siedlungsgebiete der Jesiden im Nordirak einnahm, stellten sie die kleine Gemeinde vor die Wahl, entweder zum Islam zu konvertieren oder getötet zu werden. Alle Männer, die sich weigerten, wurden erschossen oder enthauptet. Daraufhin warfen die Terroristen sie in Massengräber, die heute noch ausgegraben werden. Dabei galt jeder Junge als Mann, der schon Körperbehaarung aufwies, womit ein Großteil von pubertierenden Jungs systematisch ermordet wurde. Jungen, die für die Terrororganisation noch nicht als Männer galten, wurden aus ihren Familien entrissen mit dem Ziel, sie zu indoktrinieren und Kindersoldaten aus ihnen zu machen.

Einige Überlebende erzählen in ihren Büchern, dass ihre Brüder und Neffen nach der Gehirnwäsche nicht mehr wiederzuerkennen seien. Den Großteil der Überlebenden bilden Jesidinnen, die nach den Massakern an ihren Familien verschleppt und als Sklavinnen verkauft oder sogar verschenkt wurden. Nicht wie Menschen, sondern als Kriegsbeute wurden sie betrachtet. Ältere Frauen wurden ebenfalls getötet und in Massengräbern verscharrt, da die Terrormiliz keine Verwendung für sie war. Zahlreiche Frauen und Mädchen, manche von ihnen hatten gerade erst das Grundschulalter erreicht, wurden auf Sklavenmärkten IS-Kämpfern und Sympathisanten angeboten. Systematische Vergewaltigungen, Misshandlungen und körperliche Gewalt prägten das Kollektivbewusstsein der Überlebenden dieses Völkermordes. Dieser Genozid wurde 2023 im Bundestag als solcher anerkannt.

An diesen Gräueltaten beteiligten sich auch ein irakischer Migrant aus Deutschland sowie seine damals minderjährige Frau, die er kennenlernte, als er 2015 in den Irak zurückkehrte. Auf einem Basar in Mosul kaufte das Paar eines der versklavten Kinder, das sie später in München aufgrund von Vergewaltigung anklagen wird. Zu dem Zeitpunkt war das Mädchen fünf bis sechs Jahre alt. Die Angeklagte soll sich das Mädchen als Brautgabe gewünscht haben. Zwei Jahre später kauften sie sich ein zwölfjähriges Mädchen, das ebenfalls gegen ihren Willen verschleppt wurde. Beide Mädchen, inzwischen Frauen, berichteten von mehrfacher Vergewaltigung durch den Angeklagten, wozu seine Frau ihm Beihilfe geleistet habe, die beiden Opfer schminkte und zur Folter sogar ihre Hände mit heißem Wasser verbrannte. Ihnen wurde verboten, ihre Religion auszuüben, nicht mal ihre Muttersprache Kurdisch durften sie sprechen. Die Jüngere, heute 20 Jahre alt, verlernte infolge des Völkermordes ihre Muttersprache und kann sich nur durch Drittpersonen mit ihrer Mutter verständigen.

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