Bruch in der Weltordnung

Von German-Foreign-Policy.com – 23. Januar 2026

Mehrere westliche Länder wenden sich, um der Unterwerfung unter die USA zu entkommen, vorsichtig China zu, darunter Kanada und Großbritannien. Deutschland und die EU bleiben ambivalent, strecken aber ihre Fühler nach Osten aus.

Regierungen einiger westlicher Länder beginnen mit dem Wiederaufbau engerer Beziehungen zu China und bemühen sich damit um politische und ökonomische Alternativen zur Unterordnung unter die Trump-Administration. Ursache sind die Bestrebungen der Vereinigten Staaten, ihre Verbündeten in Nordamerika und in Europa in die Knie zu zwingen und sie immer stärker auszuplündern. Als erstes Land hat Kanada, von Washington mit Annexion bedroht, vergangene Woche eine Strategische Partnerschaft mit China geschlossen. Premierminister Mark Carney begründete dies in einer weithin beachteten Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mit dem Hinweis, man erlebe zur Zeit einen „Bruch in der Weltordnung“, der dadurch bedingt sei, dass Großmächte sich „keine Beschränkungen mehr“ auferlegten. Der Unterwerfung könne man bloß durch Kooperation mit anderen Staaten entkommen. Auch Großbritannien strebt den Wiederausbau seiner Beziehungen zur Volksrepublik an. Aus Berlin und Brüssel kommen widersprüchliche Signale. Beim European Council on Foreign Relations (ECFR) heißt es zu den Folgen der US-Gewaltpolitik: „Trump is making China great again“.

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Der „Bruch in der Weltordnung“ – Weltwirtschaftsforum dominiert von inter-imperialistischen Konflikten

Von Roger Jordan und Keith Jones – 23. Januar 2026

Der kanadische Premierminister Mark Carney hat in einer Rede vor dem Weltwirtschaftsforum am Dienstag ein düsteres Bild eines globalen kapitalistischen Systems gezeichnet, das von inter-imperialistischen Rivalitäten erschüttert wird und auf einen Weltkrieg zusteuert.

Vor einem Publikum aus kapitalistischen Politikern, imperialistischen Strategen, globalen CEOs und milliardenschweren Oligarchen erklärte Carney, die Welt befinde sich an einem „Wendepunkt“. Dies sei nicht nur ein einfacher Übergang, betonte er, sondern „der Bruch der Weltordnung“ und der Beginn einer „brutalen Realität, in der die Geopolitik zwischen den Großmächten keinen Beschränkungen unterliegt.“

Der Zusammenbruch der von den USA geführten wirtschaftlichen und geopolitischen Ordnung der Nachkriegszeit habe eine neue Ära der „Rivalitäten zwischen Großmächten“ eingeläutet, sagte Carney, in der „die Starken tun, was sie tun können, und die Schwachen erleiden, was sie erleiden müssen.“

Carneys Äußerungen waren ein vernichtendes Eingeständnis eines führenden Politikers der imperialistischen G7-Mächte, dass ein von den Imperialisten angeführter Kampf um die wirtschaftliche und territoriale Neuaufteilung der Welt im Gange ist – ähnlich dem, der im letzten Jahrhundert in den imperialistischen Weltkriegen gipfelte.

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Die Interessen des US-Imperialismus in Syrien und im Nahen Osten und der Bankrott der nationalistischen Perspektive

Von Barış Demir und Ulaş Sevinç – 23. Januar 2026

Nach dem Sturz des von Russland und dem Iran unterstützten Regimes von Präsident Baschar al-Assad im Dezember 2024 durch islamistische Dschihadisten, die von den USA und ihren regionalen Verbündeten wie der Türkei unterstützt wurden, stand Syrien Anfang 2026 am Rande eines neuen Bürgerkriegs.

Das syrische Regime unter Führung des al-Qaida-Ablegers Hayat Tahrir al-Sham (HTS) begann Anfang Januar eine Offensive auf Gebiete, die von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF), angeführt von kurdisch-nationalistischen Gruppen, kontrolliert werden. Sowohl die HTS als auch die SDF waren im Krieg zum Regimewechsel Stellvertreter des US-Imperialismus.

Das Regime in Damaskus eroberte zunächst die kurdischen Stadtteile von Aleppo und zwang mehr als 100.000 Zivilisten zur Flucht. Nachdem arabische Stämme innerhalb der SDF die Seiten gewechselt hatten, eroberte das Regime in Damaskus in kurzer Zeit dann auch die mehrheitlich arabischen Provinzen unter der Kontrolle der SDF wie Raqqa und Deir ez-Zor. Kurdische Truppen innerhalb der SDF zogen sich auf Verteidigungsstellungen in den mehrheitlich kurdischen Zentren wie Hasakah und Qamishli zurück. Berichten zufolge haben die Truppen aus Damaskus Orte wie Kobani umstellt.

Am 20. Januar, während einer viertägigen Waffenruhe, zwang das Regime in Damaskus den SDF ein Abkommen auf. Laut diesem Abkommen vom 18. Januar, das von den USA und der Türkei unterstützt wird, werden alle unter der Kontrolle der SDF stehenden Energieressourcen an Damaskus übertragen, während die SDF-Truppen und die de facto autonome Verwaltung der Region aufgelöst werden.

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Der misslungene Regime-Change im Iran

Von Jochen Mitschka – 22. Januar 2026

Die deutschsprachigen Massenmedien waren in den letzten Tagen voll von Berichten über die angeblichen Massaker der iranischen Sicherheitskräfte an „friedlichen Demonstranten“. Der geneigte Leser könnte vielleicht interessiert sein, einmal die Zusammenfassung der Ereignisse aus Sicht des Globalen Südens zu lesen.

Hier also eine Zusammenfassung, so wie sie außerhalb der Medien der den Iran dämonisierenden Kolonialmächte und ihren Vasallen wahrgenommen wird, wodurch natürlich auch eine Einseitigkeit gegeben ist. Die Angaben stammen zum großen Teil aus iranischen Meldungen. Der Leser mag sich selbst ein Urteil bilden.

Wie alles begann

Die friedlichen Proteste (1) gegen wirtschaftliche Missstände begannen letzten Monat im Großen Basar von Teheran. Sie eskalierten dann durch eine höchst komplex organisierte, von Außen orchestrierte und gesteuerte Kampagne zu blutigen Straßenschlachten zwischen bewaffneten Randalierer (2), die auf Sicherheitskräfte und normale Passanten losgingen. Ziel dieser Kampagne war es, die tatsächliche Unzufriedenheit in einen umfassenden gewaltsamen Aufstand umzuwandeln.

Zunächst ein Wort zu den Ursachen. Einerseits war der Verfall der iranischen Währung sicher zum Teil auf die Sanktionen, zum Teil auf Fehler in der Wirtschaftspolitik zurückzuführen, aber was kaum beleuchtet wurde: Auch Währungsspekulanten vom Typ eines Soros hatten die Währung an den Rand des Absturzes gebracht. Max Blumenthal berichtet (3):

„US-Finanzminister Scott Bessent rühmt sich damit, dass die sadistischen US-Sanktionen die iranische Währung absichtlich abgewertet hätten und ‚deshalb [die Iraner] auf die Straße gegangen sind‘. ‚Das ist Wirtschaftspolitik, ganz ohne Schüsse‘, fügte Bessent hinzu.“

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Lawrow warnt vor dem Versuch der USA, strategische Überlegenheit gegenüber Russland zu erlangen

Von Andrew Korybkov – 22. Januar 2026

Russland hat bewiesen, dass es in der Lage ist, seine nuklearen Zweitschlagfähigkeiten aufrechtzuerhalten, aber die fortgesetzten Versuche der USA, diese zu neutralisieren, sind extrem unfreundlich und behindern eine mögliche „neue Entspannung“ nach dem Ende des Ukraine-Konflikts erheblich.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hielt am Dienstag seine erste Pressekonferenz des Jahres ab, in der er die russische Politik zu einer Vielzahl von Themen erläuterte. Zu den wichtigsten Themen, die er ansprach, gehörte das bevorstehende Auslaufen des New-START-Vertrags Anfang nächsten Monats. Trump hatte zuvor Putins Vorschlag abgelehnt, dessen Laufzeit um ein weiteres Jahr zu verlängern. Lawrow interpretierte dies als Bestätigung des Versuchs der USA, „in bestimmten Bereichen der strategischen Stabilität” eine Überlegenheit gegenüber Russland zu erlangen.

Anschließend erläuterte er die vier miteinander verbundenen Wege, auf denen dies verfolgt wird. Der erste Ansatz ist die Stationierung von bodengestützten Mittelstrecken- und Kurzstreckenraketen durch die USA in Japan, auf den Philippinen und bald auch in Deutschland. Diese Politik wurde durch den Rückzug von Trump 1.0 aus dem Mittelstrecken-Nuklearstreitkräfte-Vertrag (INF-Vertrag) ermöglicht. Praktisch gesehen könnten die USA diese Raketen mit Atomwaffen ausrüsten, um sich in jedem Erstschlagszenario einen Vorteil zu verschaffen, da sie ihr Ziel treffen könnten, bevor der anvisierte Gegner Zeit hätte, die Bedrohung einzuschätzen.

Das zweite Element sind die Pläne der USA, den Einsatz ihrer Atomwaffen in Europa auszuweiten, über die der Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist. Dennoch ergänzt diese Politik die oben erläuterte und zeigt, dass die USA ihre strategischen Atomwaffenstützpunkte in Europa nicht aufgeben werden. Sie verstärkt auch die strategischen Bedrohungen, denen Russland aus westlicher Richtung ausgesetzt ist, und stellt so sicher, dass der Großteil seiner strategischen Fähigkeiten auch nach dem Ende des Ukraine-Konflikts in diese Richtung ausgerichtet bleiben wird.

Der dritte Weg, mit dem die USA versuchen, strategische Überlegenheit gegenüber Russland zu erlangen, ist Trumps „Golden Dome“, dessen Zweck es ist, Russlands silobasierte Zweitschlagfähigkeiten zu neutralisieren. Der Erwerb Grönlands durch die USA würde es ihnen ermöglichen, russische Interkontinentalraketen über der Arktis abzufangen. Russlands Antwort darauf ist der Bau weiterer Atom-U-Boote für Zweitangriffe aus anderen Richtungen sowie der Bau weiterer Poseidon-Atom-Unterwasserdrohnen, mit denen verheerende Tsunamis ausgelöst werden können.

Und schließlich war der letzte Teil das Thema, mit dem sich Lawrow am längsten befasste, nämlich die Militarisierung des Weltraums durch die USA. Er sagte, dass die USA nur ein Verbot von Atomwaffen im Weltraum vorschlagen, nicht aber von nicht-atomaren Waffen, was ein stillschweigendes Eingeständnis ihrer Pläne in diesem Bereich ist. Lawrow erwähnte es nicht, aber der „Golden Dome” hat auch eine weltraumgestützte Komponente, die dazu genutzt werden könnte, dort heimlich Offensivwaffen anstelle von rein defensiven Abfangraketen zu stationieren. Diese Möglichkeit wirft für Russland viele Probleme auf.

Wenn man diese vier Bestandteile zusammenfügt, wird deutlich, dass Trump die bisher rückläufige unipolare Hegemonie der USA in globalen Angelegenheiten wiederherstellen will, was er vor allem dadurch erreichen will, dass er sich eine strategische Überlegenheit gegenüber Russland und China verschafft, um diese dann mit Erstschlägen zu erpressen. Die Verhinderung dieses düsteren Szenarios war einer der Gründe für die Sonderoperation Russlands, nachdem der Kreml von den geheimen Plänen der USA erfahren hatte, eines Tages offensive und defensive strategische Mittel in der Ukraine zu stationieren.

Unter Trump 2.0 globalisieren die USA nun solche Bedrohungen für die nuklearen Zweitschlagfähigkeiten Russlands und lösen damit ein nicht erklärtes strategisches Wettrüsten aus. Russlands Test der atomgetriebenen Burevestnik-Rakete mit unbegrenzter Reichweite Ende letzten Jahres sowie die damit verbundene Entwicklung anderer offensiver strategischer Mittel beweisen, dass es in der Lage ist, seine oben genannten Fähigkeiten zu erhalten. Dennoch ist der Versuch der USA, eine strategische Überlegenheit gegenüber Russland zu erlangen, extrem unfreundlich, was eine mögliche „neue Entspannung“ erheblich behindert.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache]

Soll man Merz trauen? Russland-Signale, europäische Orientierungslosigkeit und britische Nüchternheit.

Von Sabiene Jahn – 22. Januar 2026

Ein Satz, beiläufig formuliert, kaum kommentiert – und doch politisch aufgeladen. Friedrich Merz spricht von Ausgleich mit Russland, während Europa strategisch orientierungslos wirkt und Großbritannien nüchtern bilanziert, was vom Westen übrig ist. Warum blieb die Reaktion aus – in der CDU wie in den Medien? Und was sagt diese Stille über Vertrauen, Strategie und politische Wirklichkeit im Jahr 2026?

Als Friedrich Merz beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau davon sprach, man müsse „in längerer Perspektive“ wieder zu einem Ausgleich mit Russland kommen, und Russland sei ein europäisches Land, wirkte der Satz wie ein Fremdkörper im deutschen Diskurs (1). Kaum aufgegriffen von großen Medien, verschwand er rasch aus der öffentlichen Debatte. Zu schlecht passte er in ein politisches Klima, das seit Jahren von Eskalationslogik, moralischer Eindeutigkeit und strategischer Sprachverhärtung geprägt ist.

Doch der Satz fiel nicht ins Leere. Fast zeitgleich äußerte sich auch Wladimir Putin in ähnlich allgemeiner Tonlage: Europa werde langfristig zu konstruktiven Beziehungen mit Russland zurückkehren, man sei offen für „gegenseitig vorteilhafte Kooperation“(3). Zwei Stimmen, die sich rhetorisch berühren – und dennoch aus völlig unterschiedlichen Machtpositionen sprechen. Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet daher nicht nur: Was meint Merz? Sondern vor allem: Soll man ihm trauen? Diese Frage lässt sich nicht beantworten, indem man Merz isoliert betrachtet. Sie verlangt einen Blick auf das, was folgte – und auf das, was ausblieb. Auf die innerparteiliche Stille. Auf die mediale Zurückhaltung. Und auf den europäischen Kontext, in dem ein solcher Satz überhaupt gesagt werden kann.

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Oxfam-Bericht: Milliardärsvermögen sprunghaft angestiegen – ein Plädoyer für Enteignung

Von Andre Damon – 22. Januar 2026

Vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen wirtschaftlichen, sozialen und geopolitischen Krise versammeln sich die Milliardäre diese Woche zum Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos. Der Konflikt zwischen den USA und Europa über Trumps Annexionspläne gegen Grönland spitzt sich weiter zu. Gleichzeitig hat Trump im eigenen Land Minneapolis unter militärisch-polizeiliche Besatzung gestellt und ist dabei, eine Diktatur zu errichten.

Der Jahresbericht der britischen Wohltätigkeitsorganisation Oxfam, der am Montag erschienen ist, macht deutlich, welche soziale und wirtschaftliche Entwicklung dieser explosiven Eskalation der kapitalistischen Krise zugrunde liegt. Er zeigt, wie die gewaltsame Ausweitung von Diktatur und Krieg mit einer ebenso gewaltsamen Zunahme der sozialen Ungleichheit auf Weltebene einhergeht.

In dem Bericht „Resisting the Rule of the Rich“ (Widerstand gegen die Herrschaft der Reichen) wird betont, dass die Welt „einen kritischen Punkt erreicht hat“, an dem „extreme Ungleichheit“ die demokratischen Regierungsformen zerstört.

Die Ungleichheit nimmt schon seit Jahrzehnten zu, aber 2025 war ein Rekordjahr: Die Anhäufung von Reichtum durch die kapitalistische Oligarchie hat sich drastisch beschleunigt.

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Unterstützung für Generalstreik in Minneapolis wächst, während Trump den ICE-Terror eskaliert

Von Jerry White – 22. Januar 2026

Unter Arbeitern und Jugendlichen in Minneapolis nehmen Wut und Entschlossenheit zu, während die Trump-Regierung ihre Unterdrückungs- und Gewaltkampagne der Einwanderungsbehörde ICE eskaliert und mit einer direkten Militärintervention droht.

Am Dienstag fanden in der ganzen Stadt weitere Proteste statt. Es wächst die Unterstützung für einen Generalstreik am 23. Januar, um Trumps paramilitärische Kräfte zum Abzug zu zwingen und eine Anklage gegen den Bundesagenten zu erheben, der Renée Nicole Good ermordet hatte. Weitere Proteste gab es am Dienstag in Wisconsin, Oklahoma, New York, Ohio, New Mexico, Kalifornien, Kansas, Virginia und anderen Bundesstaaten.

Audry, eine junge Pflegehelferin, erklärte bei einer Protestveranstaltung vor dem Rathaus gegenüber der WSWS: „Das Glück und die Sicherheit meiner Familie und meiner Community sind mir wichtiger als mein Lohn. Ich will nicht mehr mitansehen, dass Leute sterben. Ich will nicht erleben, dass meine Familie und meine Freunde verschleppt werden. Das ist nicht in Ordnung. Deshalb gehe ich am Freitag nicht zur Arbeit. Was Trump macht, ist Terrorismus. Die ICE sind die wirklichen Inlandsterroristen.“

Eine junge Beschäftigte im Einzelhandel erklärte bei einer Demonstration vor dem Gouverneurssitz: „Ich bin gegen die Invasion der Bundesagenten in Minneapolis und das Massaker an Menschen auf unseren Straßen. Wir sind hier und verschaffen uns Gehör, um zu sagen: Wir haben genug davon. Wir kommen am Freitag alle zusammen, viele Leute von meiner Arbeit, so viele Leute wie möglich, für einen Generalstreik. Wir wollen zeigen, dass wir, die Bevölkerung, das nicht mehr hinnehmen.“

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Die Kapitulation der Kurden in Syrien – die USA haben sie fallen gelassen …

Von Amalia van Gent – 21. Januar 2026

Die USA haben die Seiten gewechselt: Die Kurden sind nicht mehr gefragt, wohl aber neu die Türkei und Damaskus. Amalia van Gent verfolgt die dortigen Geschehnisse täglich sehr aufmerksam. (cm)

Die Politik der zweiten Regierungszeit von Donald Trump fiel bisher noch nie durch diplomatisches Geschick auf. Das gilt auch für Tom Barrack, den US-Sonderbeauftragten in Syrien und zugleich amerikanischen Botschafter in der Türkei. In einer Erklärung auf X wies Tom Barrack gestern daraufhin, dass Washington im Kampf gegen die Dschihadisten (IS) in Syrien nun auf die Unterstützung «neuer Alliierter» zählen könne. Die Regierung in Damaskus habe sich der von den USA geführten Globalen Koalition zur Bekämpfung des ISIS angeschlossen und sei «bereit und in der Lage», Sicherheitsaufgaben zu übernehmen, einschliesslich der Kontrolle der IS-Haftanstalten und -Lager. Die Zusammenarbeit mit den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) bezeichnete er als «obsolet».

Wechsel der Allianzen

So machte Tom Barrack kurz und bündig klar, dass Washington in Syrien die Seiten gewechselt hat und nun Damaskus im Kampf gegen die Dschihadisten als wichtigsten Partner betrachte, nicht mehr wie bisher die Kurden. Historischer Rückblick: Zehn Jahre lang kämpften die SDF gemeinsam mit den USA und anderen europäischen Ländern in Syrien gegen die Dschihadisten des IS, bis sie diese im Jahr 2019 endgültig besiegt hatten. Dabei gab es in der kleinen kurdischen Minderheit bis zu 11.000 Tote und um die 30.000 Verletzte. Nach dem Sieg über den IS wurden die SDF beauftragt, für die Sicherheit von rund 9.000 gefangenen IS-Kämpfern und 38.000 weiteren Personen, darunter viele Familienangehörige von Kämpfern, in 20 Gefängnissen ihres Gebiets zu sorgen. Dabei versprachen sich die Kurden in erster Linie Schutz: Solange sie die IS-Haftanstalten und -Lager kontrollierten, würden sie ihrerseits den Schutz ihrer westlichen Partner genießen, glaubten sie – bis zuletzt. Es war eine Illusion.

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