Der Iran setzt sich seit langem für eine Region ohne Massenvernichtungswaffen ein

Interview mit Karin Leukefeld. Interview ZiF – 16. Juli 2026

In den Ländern des Mittleren und Nahen Ostens sieht man sämtliche Instrumente der Interventionspolitik des Westens.

Das Interview mit Karin Leukefeld, freie Journalistin und Nahost-Expertin, wurde am wurde am 9. Juli 2026 geführt.

Zeitgeschehen im Fokus Die letzten Tage sind von Unsicherheit geprägt, was die Entwicklung im Nahen Osten betrifft. Wie war der Ablauf?

Karin Leukefeld Erst wurde bombardiert, dann meldete sich Trump zu Wort und drohte, den Iran zu zerstören. Anschließend erklärte er, das Memorandum habe keinen Bestand mehr. Wenige Stunden später – auf dem Rückflug in die USA – hörte sich das schon wieder ganz anders an. Der Iran habe ihn angerufen, die Iraner wollten unbedingt ein Friedensabkommen. Es würde zwar nicht viel bringen, weil die Iraner «verrückt» seien, doch seiner Ansicht nach könne man weiterreden. Von einem Ende des Memorandums war keine Rede mehr.

Brachte das Memorandum eine Beruhigung in der Region?

Es ist bereits über vier Wochen alt. Das ist darum erwähnenswert, weil die Entwicklung in der Region rasant ist. Was gestern noch galt, ist heute völlig über den Haufen geworfen, wie man aktuell sieht. Dieses Memorandum hat zunächst dazu geführt, dass der Waffenstillstand, der am 8. April vereinbart worden war, fortgesetzt und im Memorandum-Text bestätigt wurde.

Im Memorandum sind 14 Punkte aufgelistet, die in den nächsten zwei Monaten – die Rede ist von 60 Tagen – in einzelnen Gesprächsrunden technisch und wirtschaftlich geklärt werden sollen. Das heißt, es gibt ein Arbeitsprogramm. Das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung, weil beide Seiten damit sagen, dass die Kriegsphase ein Ende haben und es zu weiteren Verhandlungen kommen soll.

Wie stellt sich Israel dazu?

Das Memorandum wird von Israel abgelehnt, während es die Hisbollah im Libanon unterstützt und sich militärisch darauf bezieht. Zur Hisbollah sei angemerkt, dass sie – mit der Amal Bewegung – die schiitische Bevölkerung im Libanon vertritt. Das ist auf das politische System der Machtteilung nach Religionen zurückzuführen: maronitische Christen, sunnitische und schiitische Muslime. Real wird die Hisbollah wegen ihres politischen Kurses gegen Israel von vielen Libanesen unterstützt, ungeachtet ihrer religiösen Zuordnung. Doch zurück zum Memorandum. Wichtig ist, dass in dem Text ausdrücklich steht, dass der Waffenstillstand nicht nur für Iran, sondern für die ganze Region gilt und vor allem auch für Libanon. Auch deswegen wird es von Israel abgelehnt.

Ein positiver Punkt ist, dass innerhalb eines Monats ab Unterschrift die Strasse von Hormuz für den Schiffsverkehr – für Handelsschiffe – wieder geöffnet sein soll. Die US-Marine zieht sich aus den Häfen des Iran zurück, womit sie bereits begonnen hat, und die Durchfahrt durch die Meerenge wird von Iran und Oman verwaltet. Die beiden Anrainerstaaten haben eine gemeinsame Arbeits­ebene gefunden. Im Memorandum ist festgehalten, dass in Zukunft die Meerenge von Hormuz von beiden Staaten gemanagt wird, und zwar soll das in Absprache mit allen Staaten, die eine Küste am Persischen Golf haben, geschehen. Dazu gehören Irak, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrein, Kuweit und Katar. Alle Länder haben auch Häfen am Persischen Golf und sollen miteinbezogen werden. Es bleibt abzuwarten, ob die USA sich an diese 14 Punkte des Memorandums halten werden. Die Durchfahrt der Schiffe hat zugenommen. Gespräche haben begonnen.

Veröffentlichung: Zeitgeschehen im Fokus; Ausgabe 11/12 2026; 16.07.2026

Ist Russland ein wichtiger Schlag gegen die ukrainische Luftabwehr gelungen?

Von Daria Fedotova (Übersetzung: Thomas Röper) – 16. Juli 2026

In letzter Zeit sind die russischen Luftangriffe auf die Ukraine erfolgreicher geworden und Kiew gesteht ein, dass es oft nicht eine einzige russische Rakete abfangen konnte. Was ist der Grund dafür und wie lange wird Russland diesen Vorteil behalten?

In letzter Zeit werden besonders schwere russische Luftangriffe auf militärische Ziele und die Rüstungsindustrie in der Ukraine gemeldet, wobei Kiew inzwischen offen eingesteht, dass ihm die Mittel zur Luftverteidigung ausgehen und es manchmal nicht eine einzige russische Rakete abfangen kann.

Viele vermuten, der Grund für die russischen Erfolge sei der Mangel an Luftabwehrraketen in der Ukraine, aber möglicherweise gibt es noch einen weiteren Grund, denn russische Analysten vermuten, bei den russischen Angriffen sei ein wichtiger Kommandopunkt der ukrainischen Luftabwehr zerstört worden, was die Vorwarnung vor Angriffen und die Koordination von Abwehrmaßnahmen behindern würde. Ich habe dazu einen russischen Artikel vom 13. Juli übersetzt, in dem ein Luftabwehrexperte seine Einschätzung abgibt. […]

„Die russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte haben die ukrainische Luftverteidigung zerschlagen“: Die ukrainischen Streitkräfte haben ihre zentrale Kommandostelle verloren

Nach einem hochpräzisen Angriff haben die ukrainischen Streitkräfte ein Dutzend qualifizierter Luftverteidigungsoffiziere verloren.

Die zentrale Kommandostelle der ukrainischen Luftverteidigung wurde höchstwahrscheinlich bei den jüngsten Angriffen der russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte auf Militäreinrichtungen des Gegners zerstört. Militärs weisen darauf hin, dass das verdächtig lange Schweigen der Luftverteidigung des Gegners vor Angriffen ein indirekter Beweis dafür ist.

Der Militärexperte und Luftverteidigungshistoriker Jurij Knutow sprach in einem Interview mit MK die Folgen dieser Niederlage und merkte an, dass die Zerstörung der Kommandostelle die Ausschaltung des amerikanischen KI-gestützten Gefechtsführungssystems bedeutet, das die Amerikaner auch im Iran eingesetzt haben.

Am Sonntag, dem 12. Juli, erschien ein Bericht über die mögliche Zerstörung des zentralen Kommandos der ukrainischen Luftverteidigung. Laut Angaben des Militärs wird das indirekt durch den drastischen Rückgang der Effektivität der ukrainischen Luftverteidigung bei der Abwehr russischer Angriffe sowie durch das Versagen des Frühwarnsystems für Luftbedrohungen bestätigt. „Es gibt keine Meldungen mehr wie ‚Zwei Raketen, zwei Minuten bis zum Ziel oder eine wir verfolgen aktiv russische Flugzeuge und Raketen’“, berichten Quellen.

Militäranalysten schließen daraus, dass alle ukrainischen Luftverteidigungseinheiten nun isoliert und unabhängig agieren. Darüber hinaus haben unsere Präzisionsschläge wahrscheinlich viele hochqualifizierte Luftverteidigungsspezialisten getötet.

Laut dem Militärexperten Jurij Knutow sind die Präzisionsschläge unserer Luft- und Weltraumstreitkräfte, der Marine und der Raketentruppen des Heeres für den Gegner sehr schmerzhaft, insbesondere in jüngster Zeit:

„Dabei muss man berücksichtigen, dass wir unsere Angriffe nicht mit voller Stärke durchführen. Unter diesen Umständen scheint unsere Aufklärung tatsächlich sehr gute Arbeit geleistet zu haben. Hier kann man sich an das zerstörte Lager in Wyschnewe erinnern, in dem Uranmunition gelagert war. Die Folgen eines Angriffs auf eine solche Anlage wären aus Sicht der Umwelt eine Katastrophe, vergleichbar mit einem kleinen Tschernobyl. Das spricht Bände über die wahre Haltung der ukrainischen Regierung gegenüber ihrer Bevölkerung, denn die Lagerung solcher Munition in einer Stadt ist ein Verbrechen.“

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Die EU plant, China zu bezahlen, damit es der Ukraine hilft, Russen zu töten

Von Andrew Korybko – 16. Juli 2026

Die unmittelbare Verschärfung des neuen „Zermürbungskriegs“ der USA gegen Russland hängt davon ab, ob China der Ukraine aus Profitgier und im Interesse einer „Entspannung“ auf Kosten russischer Zivilisten hilft, indem es ihr von der EU finanzierte Drohnen verkauft, oder ob es dies aus Solidarität mit Russland im Geiste ihrer strategischen Partnerschaft ablehnt.

Die Financial Times veröffentlichte am Mittwoch einen Artikel, in dem behauptet wird, dass „die Ukraine chinesische Drohnenteile mit EU-Mitteln kaufen will“. Laut ihren Quellen „hat Kiew eine Ausnahmeregelung für einen Teil einer Tranche in Höhe von 6 Mrd. Euro erhalten, um Drohnenkomponenten aus China zu kaufen“, was auf die Auszahlung der ersten 1 Mrd. Euro folgt. Selenskyj kündigte an, dass das Ziel dieses Drohnen-Deals darin bestehe, die jährliche Produktion auf 20 Millionen zu verdoppeln, indem die finanziellen und industriellen Kapazitäten der EU genutzt werden. Dies kann nur mit chinesischer Unterstützung geschehen.

Der ehemalige stellvertretende Verteidigungsminister der Ukraine bestätigte im Sommer 2023, dass die „Freiwilligen“ seines Landes chinesische Drohnen für ihre Streitkräfte beschaffen. Die New York Times berichtete Anfang dieses Jahres: „Bis 2024 wurde die überwiegende Mehrheit der Drohnen, die die Ukraine an die Front schickte, im Inland zusammengebaut – allerdings nach wie vor fast ausschließlich mit chinesischen Komponenten. Ein Jahr später war der Anteil der Teile aus China an den ukrainischen Drohnen jedoch auf etwa 38 Prozent gesunken.“

Sie fügten hinzu: „Die Ukraine kauft nach wie vor günstigere chinesische Komponenten, da das ukrainische Militär eine enorme Anzahl von Drohnen benötigt und nur über ein begrenztes Budget für deren Anschaffung verfügt … Laut einem ukrainischen Beamten, der anonym bleiben wollte, um sensible Beschaffungsfragen zu erörtern, beziehen ukrainische und russische Unternehmen Teile oft aus denselben Fabriken in China.“ Diese Fakten setzen die gemeldete Ausnahmeregelung im EU-Kredit in den richtigen Kontext. Weder die EU noch die Ukraine verfügen über die industriellen Kapazitäten, um die Drohnenproduktion zu verdoppeln; nur China tut dies.

Manche mögen bezweifeln, dass China Zahlungen von der EU akzeptieren würde, um der Ukraine dabei zu helfen, Russen zu töten, da sie China und Russland als Verbündete wahrnehmen; in Wirklichkeit sind sie jedoch nur strategische Partner, und Russland rüstet Indien und Vietnam im Rahmen seiner regionalen Ausgleichspolitik seit Jahrzehnten gegen China auf. Zudem kam man Anfang 2023 zu dem Schluss, dass „China nicht will, dass in der Ukraine irgendjemand gewinnt“, weil nämlich die unbefristete Fortdauer des Konflikts zynischerweise seinen großstrategischen Interessen dient.

Die USA wären nicht in der Lage, sich „(wieder) nach (Ost-)Asien auszurichten“, um China entschlossener in Schach zu halten, während Russland so weit geschwächt werden könnte, dass es zu Chinas Juniorpartner wird. Die Bedeutung des ersten Ziels liegt auf der Hand, während das zweite es China ermöglichen könnte, die Schnäppchenpreise zu sichern, die es Berichten zufolge für die Gaspipeline „Power of Siberia 2“ gefordert hat, und Russland dazu zu bewegen, militärtechnische Exporte nach Indien einzuschränken oder gänzlich einzustellen, was Peking im Streit mit Neu Delhi einen Trumpf in die Hand geben würde. Das alles ist logisch.

Zudem verkündete Xi während Trumps Besuch eine neue Vision der „konstruktiven strategischen Stabilität“ mit den USA, sodass es möglich ist, dass Chinas neuer, robuster militärischer Balanceakt zwischen Russland und der EU-Ukraine (wobei China den Verkauf von EU-finanzierten Drohnen an die Ukraine hochfährt) Teil eines Quid-pro-quo mit den USA ist. So könnte China beispielsweise die Zölle vermeiden, die der Gesetzentwurf des verstorbenen Lindsey Graham dem Land auferlegen könnte, wenn Trump im Namen „nationaler Interessen“ darauf verzichtet – was eine Belohnung für die umfangreiche Bewaffnung der Ukraine wäre.

Die unmittelbare Verschärfung des neuen „Zermürbungskriegs“ der USA gegen Russland hängt daher davon ab, ob China der Ukraine aus Profitgier und im Sinne einer „Entspannung“ auf Kosten russischer Zivilisten hilft oder sich aus Solidarität mit Russland im Geiste ihrer strategischen Partnerschaft weigert. Russlands Waffenverkäufe an Indien und Vietnam wahren das regionale Gleichgewicht und haben keine Zivilisten getötet, während Chinas Drohnenverkäufe an die Ukraine das regionale Gleichgewicht stören und Zivilisten töten würden. China würde Russland somit „in den Rücken fallen“, wenn es diesem Geschäft zustimmt.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Aus dem Lot geraten (I/II)

Von German-Foreign-Policy.com – 14/16. Juli 2026

Merz wohnt heute trotz steigender Spannungen zwischen Berlin und Paris der Militärparade zum französischen Nationalfeiertag bei. Deutschland hat einen Durchmarsch in der Rüstung gestartet, der Frankreich zu deklassieren droht – mit Folgen.

Rasch wachsende Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich begleiten die Anwesenheit von Bundeskanzler Friedrich Merz in Paris bei der Militärparade zum französischen Nationalfeiertag am heutigen Dienstag. Die Parade wird von rund 500 Soldaten aus Ländern der „Koalition der Willigen“ zur Unterstützung der Ukraine angeführt. Sie solle nicht nur die „strategische Aufrüstung Frankreichs“, sondern vor allem auch „das strategische Erwachen Europas“ symbolisieren, heißt es im Élysée-Palast. Gleichzeitig sorgt es in Paris für schweren Unmut, dass Berlin nach seinem Ausstieg aus dem gemeinsamen Bau eines Kampfjets der sechsten Generation nicht nur ein nationales Kampfjetprojekt angestoßen hat, sondern auch die mit dem Flugzeug verbundene Combat Cloud im Alleingang entwickeln will – und nicht, wie jüngst noch abgemacht, in Kooperation mit Frankreich. Schon zuvor war Paris beim Aufbau eines Satellitennetzwerks abgedrängt worden: Berlin arbeitet an einem „deutschen Starlink“, was ein schon viel länger geplantes „europäisches Starlink“ mit französischer Beteiligung scheitern lassen dürfte. Experten warnen, der deutsche Durchmarsch bringe die EU strategisch aus dem Lot.

„Europas Erwachen“

Bundeskanzler Friedrich Merz ist schon am gestrigen Montag in Paris eingetroffen, wo er an einer Zusammenkunft der „Koalition der Willigen“ zur Unterstützung der Ukraine teilnahm. Am heutigen Dienstag wohnt er auf Einladung von Präsident Emmanuel Macron der traditionellen Militärparade zum französischen Nationalfeiertag bei. Zuletzt hatte das im Jahr 2019 Bundeskanzlerin Angela Merkel getan. An der Spitze der Militärparade sollen diesmal, wie der Élysée-Palast vorab mitteilte, rund 500 Soldaten aus Mitgliedsländern der „Koalition der Willigen“ marschieren; ihnen sollen 25 ukrainische Soldaten folgen. Auch in die Flugparade werden Militärs aus anderen Ländern integriert, darunter zwei Kopiloten aus der Ukraine. Die Militärparade solle ein „starkes Symbol“ für ein „Europa“ sein, „das sich der Gefährlichkeit der Welt und der Tatsache bewusst ist, dass es sein Schicksal in die eigene Hand nehmen muss“, wird der Élysée-Palast weiter zitiert.[1] Dabei werde man zeigen, dass man über „starke Streitkräfte“ verfüge, die jederzeit „in der Lage“ seien, „als Erste in einen Konflikt einzugreifen“. Die Parade führe nicht nur die „strategische Aufrüstung Frankreichs“ vor, sondern vor allem auch „das strategische Erwachen Europas“.

National statt europäisch

Während Merz an der Parade teilnimmt, schwelen hinter den Kulissen gravierende deutsch-französische Auseinandersetzungen. Gegenwärtig spitzen sie sich einmal mehr auf dem Feld der Rüstungsindustrie zu. Auslöser war, dass die Bundesregierung die bereits 2017 gestartete gemeinsame Entwicklung eines Kampfjets der sechsten Generation abbrach und jetzt einen Kampfjet auf nationaler Basis – eventuell mit Zuarbeit aus Spanien und Schweden – fertigen will.[2] Dazu hat Airbus Defence & Space ein Konsortium namens „Team Gen 6“ gegründet, dem MTU, Hensoldt, MBDA Deutschland, Diehl Defence, Rohde & Schwarz, Liebherr und Autoflug angehören.[3] Die Bundesrepublik ist in der Lage, den ungemein teuren Jet mit einem beispiellosen Schuldenprogramm zu finanzieren; Frankreich hingegen kann sich einen Alleingang, wie ihn Deutschland anstrebt, wegen seiner schon jetzt immensen Schulden nicht leisten.[4] Hat der sich abzeichnende deutsche Alleingang in Paris heftigen Unmut ausgelöst, so wird dieser noch dadurch verstärkt, dass fast alle anderen binationalen Rüstungsprojekte nicht von der Stelle kommen oder endgültig gescheitert sind.[5] An diesem Freitag sollen beim Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrat auf dem Fliegerhorst Nörvenich neue Projekte vorgestellt werden, um den Unmut zu dämpfen.

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[Zum zweiten Teil]

„Foreign Affairs“ hat Recht: Das alte Modell der nuklearen Abschreckung ist passé

Von Andrew Korybko – 15. Juli 2026

Der NATO-Russland-Stellvertreterkrieg in der Ukraine, die Kriege in Westasien und die indisch-pakistanischen Auseinandersetzungen im Frühjahr 2025 haben die Annahmen der letzten fast 80 Jahre in Bezug auf strategische Sicherheit auf den Kopf gestellt – mit ungewissen Folgen für die strategische Stabilität.

Rose Gottemoeller, die US-Staatssekretärin für Rüstungskontrolle und internationale Sicherheit aus der Obama-Ära, veröffentlichte letzten Monat in Foreign Affairs einen aufschlussreichen Artikel mit dem Titel „Die seltsame Niederlage der nuklearen Abschreckung“. Dieser wird in diesem Beitrag zusammengefasst und kurz analysiert. Der Kernpunkt ist, dass die ukrainische „Operation Spiderweb“, die iranischen Angriffe auf Israel und die indisch-pakistanischen Zusammenstöße im Frühjahr 2025 gezeigt haben, dass Atomwaffen allein Gegner nicht abschrecken. Das alte Modell der nuklearen Abschreckung ist daher nicht mehr gültig.

Was früher „Abschreckung durch die Androhung nuklearer Vergeltungsmaßnahmen“ war, weicht nun der Abschreckung durch Verhinderung im Sinne einer „Entmutigung des Angreifers, indem ein Angriff durch robustere Verteidigungsmaßnahmen als sinnlos erscheint“. Israel wird in dieser Hinsicht aufgrund seiner mehrstufigen Luftabwehr als Vorreiter dargestellt, doch selbst diese hat sich als unzureichend erwiesen, um das Land – einschließlich seiner Plutoniumaufbereitungsanlage in Dimona – vollständig zu schützen. Zudem spielen sehr klare Kosten-Nutzen-Abwägungen eine Rolle, die gegen den verteidigenden, atomar bewaffneten Staat sprechen.

Gottemoeller stellt interessanterweise fest, dass „widersprüchliche Trends hinsichtlich der nuklearen Abschreckung bestehen. Die nukleare Stabilität zwischen den beiden Supermächten der Zeit des Kalten Krieges scheint konventionelle Konflikte in Europa und Ostasien in Schach zu halten. Der neue Konkurrent, China, könnte diese Stabilität stören, doch vorerst hält sie an. In Südasien hingegen kommt es zu konventionellen Kriegen, obwohl beide Seiten über Atomwaffen verfügen. Diese Realitäten legen nahe, dass die bestehenden Atommächte ihre Atomwaffen weiterhin aufrechterhalten müssen“.

Sie rät: „Die Länder müssen die sich wandelnde Landschaft der konventionellen Kriegsführung erkennen und begreifen, wie Drohnen und ballistische Raketen die zentrale strategische Rolle von Atomwaffen bedrohen. Regierungen müssen bessere Verteidigungsmaßnahmen entwickeln und ein widerstandsfähiges Bollwerk gegen konventionelle Angriffe auf ihre Nuklearstreitkräfte errichten.“ Sie schlägt außerdem vor, dass sie ihre erklärte Politik überdenken sollten, und argumentiert, dass Russland in ein schlechtes Licht geriet, nachdem es erklärt hatte, Atomwaffen einsetzen zu können, falls seine Triade angegriffen würde, sich dann aber dagegen entschied, als die Ukraine genau dies tat.

Insgesamt ist Gottemoellers Beitrag aufschlussreich und für alle, die sich für dieses Thema interessieren, durchaus lesenswert. Wie es der Zufall will, spiegelt ihr Vorschlag die Äußerungen des ehemaligen russischen Top-Spions Andrey Bezrukov wider, der auf die dringende Notwendigkeit seines Landes hinwies, seine kritische Infrastruktur zu sichern. Im Gegensatz zu ihr argumentierte Bezrukov jedoch überzeugend, dass die Ukraine als Stellvertreter des Westens fungiere, um nach dem Prinzip des „kochenden Frosches“ durch schrittweise eskalierende Provokationen die Reaktion Russlands unterhalb der nuklearen Schwelle zu halten.

Bezrukov behauptete zudem, dass die USA Russlands nukleare Fähigkeiten durch weitere „Operation Spiderwebs“ und weltraumgestützte Systeme neutralisieren wollen. Seine Ausführungen darüber, wie Atommächte zu diesem Zweck nicht-nukleare Staaten als Stellvertreter gegen andere Atommächte einsetzen können, sowie seine Warnung vor weltraumgestützten Systemen sind relevant für das Thema der sich entwickelnden Trends zur strategischen Stabilität und des Wandels der nuklearen Abschreckung. Gottemoeller und Bezrukov sollten daher in dieser Hinsicht als die führenden Denker ihrer jeweiligen Länder angesehen werden.

Die Kernaussage von Gottemoellers Artikels lautet, dass der Proxy-Krieg in der Ukraine, die Kriege in Westasien und die indisch-pakistanischen Zusammenstöße im Frühjahr 2025 die Annahmen der letzten fast 80 Jahre über strategische Sicherheit auf den Kopf gestellt haben – mit ungewissen Folgen für die strategische Stabilität. Zwar bleibt das herkömmliche Denken im Hinblick auf das Szenario eines konventionellen Konflikts zwischen Russland und den USA relevant, doch selbst dieses wurde durch den Einsatz der Ukraine als Stellvertreter gegen Russland durch die USA weitgehend untergraben, sodass es nun an der Zeit ist, dass Experten völlig neue Modelle entwickeln.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert.

Russland verhindert ukrainische Angriffe auf die russischen Nuklearstreitkräfte

Von Thomas Röper – 15. Juli 2026

Die Ukraine hat wieder versucht, mit mehreren Terrorzellen die russischen Nuklearstreitkräfte anzugreifen, aber der russische Geheimdienst konnte das verhindern und die Terroristen festnehmen. Im Erfolgsfalle hätte sogar eine nukleare Eskalation drohen können.

Vor etwa einem Jahr haben westliche Medien euphorisch über die ukrainische sogenannte „Operation Spinnennetz“ berichtet, bei der ukrainische Terroristen mehr als 100 Drohnen nach Russland geschmuggelt und diese dann aus Lastwagen gegen vier Flugplätze der russischen Nuklearstreitkräfte gestartet haben. Über die Folgen gingen die Meldungen auseinander, die Ukraine behauptete, sie habe dabei viele Flugzeuge der russischen Nuklearstreitkräfte beschädigt oder zerstört, Russland hingegen meldete, der Schaden halte sich in engen Grenzen.

Das Spiel mit dem Feuer

Das Problem bei diesen Angriffen war, dass dabei Teile der russischen Nuklearstreitkräfte beschädigt wurden, was für eine Atommacht ein Grund für eine nukleare Reaktion ist. Auch in der russischen Atomdoktrin ist das eindeutig so festgelegt.

Der Grund liegt auf der Hand: Die Nuklearstreitkräfte sind die letzte und ultimative Sicherheitsgarantie einer Atommacht. Wenn diese beschädigt wird, indem beispielsweise nötige Frühwarnradare oder auch Trägersysteme beschädigt werden, dann läuft eine Atommacht Gefahr, sich gegen einen atomaren Angriff nicht mit gleicher Münze verteidigen zu können.

Dass die Ukraine im letzten Sommer – offensichtlich mit Billigung oder sogar Unterstützung des Westens – die russischen Nuklearstreitkräfte angegriffen hat, war daher brandgefährlich. Wie würden die USA wohl reagieren, wenn der Iran Terroristen in den USA anwirbt, ihnen hochmoderne Kampfdrohnen zur Verfügung stellt und diese dann US-amerikanische Atombomber auf Flugplätzen in den USA angreifen würden?

Der Westen scheint Russlands Geduld mit Schwäche zu verwechseln, denn Ende Juni versprach Selensky – ohne irgendwelche Widerworte aus dem Westen –, Russland „40 Tage der Hölle“, denn Kiew werde eine Operation des ukrainischen Geheimdienstes SBU starten. Er nannte keine Details, doch Experten vermuteten, dass er Terroranschläge auf russischem Territorium meinte.

„Operation Spinnennetz 2.0“

Später sickerte durch, dass es um eine Art „Operation Spinnennetz 2.0“ gehen soll. Auf Deutsch findet sich dazu praktisch nichts im Netz, wer aber unter dem englischen Begriff „Spiderweb 2.0“ sucht, der findet durchaus einige Hinweise darauf.

Und tatsächlich scheint es genau darum gegangen zu sein, denn der russische Geheimdienst FSB hat in den letzten Tagen Terroranschläge ukrainischer Geheimdienste auf drei Militärflugplätze vereitelt. Dabei ging es um Ukrainka in der Region Amur, Schagol in der Region Tscheljabinsk und den Flugplatz bei Rostov am Don.

Der Flugplatz Ukrainka ist ein russischer Langstreckenflugplatz im Fernen Osten, der im Juni 2025 eines der Ziele der ersten Operation Spinnennetz gewesen ist, doch der Lkw mit den Drohnen für den Flugplatz explodierte auf dem Weg dorthin. Nach der Operation Spinnennetz wurden dort strategische Bomber Tu-95MS, Tu-22M3 und Tu-160 stationiert.

Laut der Pressestelle des FSB konnten die geplanten Angriffe dank rechtzeitig erhaltener Informationen verhindert und die gesamte Kette der Drahtzieher neutralisiert werden.

Im Rahmen der Operationen haben ukrainische Geheimdienste mit Sprengköpfen und mobilen Bodenstationen ausgestattete FPV-Drohnen in die Region Brjansk transportiert. Der Transport erfolgte in Containern, die von Starrflügler-Drohnen und Fesselballons transportiert wurden. Anschließend wurden die Kampfdrohnen getarnt als Haushaltsgeräte in Pkw mit doppelwandigen Anhängern weiter ins Land transportiert. Am Ziel angekommen wurden die Drohnen in angemieteten Garagen montiert und für den Kampfeinsatz vorbereitet. Allerdings war die Gruppe da bereits im Visier des FSB und alles wurde beobachtet und mit versteckten Kameras aufgezeichnet.

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Wie die USA die NATO umbauen wollen und was das für Europa, Asien und den Nahen Osten bedeutet

Von Mehmet Ali Guller (Übersetzung: Thomas Röper) – 15. Juli 2026

Der NATO-Gipfel hat gezeigt, wie die USA sich die Zukunft der NATO vorstellen und wie sie die NATO dazu umbauen wollen. Wenn der Plan aufgeht, kann das zu tektonischen Verschiebungen in der weltweiten Machtpolitik führen.

Über die sehr kurze Abschlusserklärung des NATO-Gipfels habe ich bereits ausführlich berichtet und dabei auch aufgezeigt, dass die Jubel-Meldungen aus Europa, die Trump-Regierung würde wieder auf den Kurs der EU zurückkehren, verfrüht waren. Auch Trumps Vorgehen gegen den Iran hat das bestätigt.

Aber Trumps Vorgehen gegen den Iran zeigt, welche geopolitischen Pläne die USA haben und wie sie die NATO umbauen wollen, um ihre weltweite Machtprojektion zu erhalten. Dazu ist bei The Cradle ein sehr interessanter Artikel erschienen, den ich übersetzt habe.

Die Strategie der USA und der Übergang zu NATO 3.0

Eine kürzere Abschlusserklärung verdeckt tiefere Spannungen, während Washington versucht, die Rolle der NATO von Europa auf Westasien und den asiatisch-pazifischen Raum auszurichten.

von Mehmet Ali Guller | The Cradle

Die sechs Punkte umfassende Abschlusserklärung des NATO-Gipfels in Ankara gehört zu den kürzesten der vergangenen Jahre und ähnelt der fünf Punkte umfassenden Erklärung des letztjährigen Gipfels in Den Haag. Zum Vergleich: Die Erklärung des Brüsseler Gipfels von 2021 umfasste 79 Punkte, jene von Madrid im Jahr 2022 immerhin 22 Punkte, die Erklärung von Vilnius im Jahr 2023 gar 90 Punkte und die von Washington im Jahr 2024 insgesamt 38 Punkte.

Die deutliche Verkürzung spiegelt die anhaltenden Spannungen zwischen den USA und Europa wider. Die Erklärung fällt deshalb so knapp aus, weil die Bereiche, in denen Einigkeit besteht, begrenzt bleiben. Die Debatte darüber, ob die NATO lediglich ein „Papiertiger“ sei, wurde nicht gelöst, sondern lediglich vertagt. In der Erklärung wird dieses Problem vorübergehend mit dem Slogan „ein stärkeres Europa in einer stärkeren NATO“ kaschiert.

Die Erklärung von Ankara richtet sich gegen Russland und Iran

Der erste Punkt der sechsteiligen Erklärung von Ankara bekräftigt das Bekenntnis zu Artikel 5 des Washingtoner Vertrages, während der letzte Punkt dem Gastgeberland Dank ausspricht.

Die übrigen vier Punkte konzentrieren sich auf Russland, enthalten ein Unterstützungspaket in Höhe von 70 Milliarden US-Dollar für die Ukraine, sehen eine Ausweitung der Verteidigungsausgaben vor, verweisen auf Waffengeschäfte im Umfang von 50 Milliarden US-Dollar und gehen am Rande auch auf den Iran ein.

Die Donroe-Doktrin und die NATO 3.0

Washington versucht, die NATO an eine aus seiner Sicht neue strategische Phase anzupassen, die hier als NATO 3.0 bezeichnet wird. Die sogenannte Donroe-Doktrin zielt darauf ab, die Vorherrschaft auf der westlichen Hemisphäre zu festigen, mehr Verantwortung auf die Verbündeten in Europa und anderswo zu übertragen sowie China im asiatisch-pazifischen Raum durch Partnerschaften einzukreisen.

EU-Parlament bedauert Nazi-Verehrung in der Ukraine, aber verurteilt sie nicht

Von Strategic Culture (Übersetzung: Thomas Röper) – 15. Juli 2026

Das Europäische Parlament hat die Verherrlichung von Nazis in der Ukraine in einer Resolution “bedauert”, aber nicht verurteilt.

Ich übersetze hier einen in Russland erschienenen Artikel ohne weitere Vorrede, weil er für sich spricht.

Das Europäische Parlament „bedauert“ die Verherrlichung von Nazis durch die Ukraine zwar, verurteilt sie jedoch nicht

Das Europäische Parlament ist zu einer Maschine für die Reinwaschung des Nationalsozialismus geworden.

Europäische Abgeordnete schienen sich in dem Streit mit dem Kiewer Regime über dessen Ehrung von Nazis aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs auf die Seite Polens zu stellen. Ein genauerer Blick auf die Formulierungen offenbart jedoch eine unheilvolle Vertuschung: Der Schritt Kiews wird lediglich als „bedauerlich“ bezeichnet, während eine eindeutige Verurteilung vermieden wird.

Unterm Strich stimmten die Mitglieder des Europäischen Parlaments in Straßburg mit großer Mehrheit (460 zu 136 Stimmen) für eine Resolution zum EU-Beitritt der Ukraine. Bestandteil dieser Resolution war ein Änderungsantrag, der das Kiewer Regime dafür „kritisierte“, ukrainische historische Persönlichkeiten mit Verbindungen zum nationalsozialistischen Deutschland zu ehren und dabei die Befindlichkeiten Polens zu „missachten“.

Anmerkung: Kritik ist keine Verurteilung. In diesem Zusammenhang ist das ein lächerlich schwacher Klaps auf die Finger, der faktisch nichts bedeutet und im Grunde Immunität ermöglicht.

Nach Angaben des Europäischen Parlaments lautete der Änderungsantrag: “Bezüglich der Umbenennung einer Eliteeinheit der ukrainischen Streitkräfte nach den Helden der UPA [Ukrainische Aufstandsarmee] bedauern die Mitglieder des Europäischen Parlaments die Missachtung der polnischen Befindlichkeiten und Trauer und sind der Auffassung, dass diese Entscheidung die nachbarschaftlichen Beziehungen untergräbt. Sie fordern eine Deeskalation sowie erneute Bemühungen in gutem Glauben an Versöhnung.”

All dies ist nichts weiter als verschachteltes Wortgeklingel, das dazu dient, die Tatsache zu verschleiern, dass ein Regime, das von europäischen Parlamentariern finanziert und bewaffnet wird, den Nationalsozialismus verherrlicht.

Westliche Medien versuchten, die Abstimmung in Straßburg als „Verurteilung“ des nicht gewählten ukrainischen Präsidenten Wladimir Selensky darzustellen. Es war jedoch keine Verurteilung. Vielmehr ist das eine erbärmliche Vertuschung des Neonazi-Regimes und seiner abscheulichen Politik.

Das Europäische Parlament war weit mehr daran interessiert, die Kontroverse und die diplomatische Krise zwischen Polen und der Ukraine einzudämmen, um den Eindruck eines geschlossenen Vorgehens im Stellvertreterkrieg gegen Russland aufrechtzuerhalten. Daher all die beschwichtigenden Formulierungen darüber, die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht zu untergraben, sowie die eifrigen Aufrufe zur Versöhnung zwischen Warschau und Kiew.

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»Die Schwierigkeit besteht darin, den Dialog ohne Vorurteile anzugehen«

Von Thomas Kaiser und Jacques Baud – 14. Juli 2026

Aufgrund seiner beruflichen Erfahrung erlaubte sich Jacques Baud eine eigene Beurteilung der militärischen Situation – und wurde per Dekret zum Schweigen gebracht. (Foto Christian Müller)

»Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, in der Ukraine und im Iran Frieden zu schaffen«. Das sagt Jacques Baud, der in Brüssel lebende Schweizer Diplomatie-Spezialist, der von der EU sanktioniert wurde und noch immer sanktioniert ist, weil er Meinungen vertritt, die der EU nicht schmecken. Aber wer ihn in Brüssel besucht, kann mit ihm reden. Das hat Thomas Kaiser getan, der seinerseits die Schweizer Zeitschrift Zeitgeschehen im Fokus herausgibt. Hier das Interview: (cm)

Zeitgeschehen im Fokus: Die Schweiz hat seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs den Weg der Neutralität immer weiter verlassen. Bundesrat Cassis war und ist hier sicher eine treibende Kraft, der auch verschiedene Varianten von Neutralität kreiert hat wie zum Beispiel die «kooperative» Neutralität oder die »flexible «Neutralität. Welche Bedeutung hat die Neutralität heute noch?

Jacques Baud: Wer die Neutralität der Schweiz verstehen will, muss die Geschichte unseres Landes in all ihren Facetten kennen. Die Grundlagen der modernen Schweizer Neutralität reichen bis ins Jahr 1815 zurück. Die europäischen Grossmächte – Preussen, Österreich, Russland, Frankreich und Grossbritannien – haben auf dem Wiener Kongress die Selbstständigkeit der Schweiz mit der Neutralität verknüpft. Um selbstständig und souverän zu werden, musste die Schweiz akzeptieren, neutral zu sein. Indem sie der Schweiz die Neutralität auferlegten, verliehen die Grossmächte ihr nicht nur einen Status, sondern auch eine Aufgabe im Interesse der Sicherheit ganz Europas.

Zeitgeschehen im Fokus: Was wurde von der Schweiz erwartet?

Jacques Baud: Über Jahrhunderte hinweg wurde das Schweizer Gebiet von verschiedenen europäischen Mächten genutzt, um ihre Rivalen anzugreifen und die Kontrolle über strategisch wichtige Alpenpässe zu erlangen. Die Schweiz hatte dadurch die Verpflichtung, ihr Territorium zu verteidigen. Unsere Neutralität diente also den umliegenden Staaten. Das ist der Hintergrund unserer bewaffneten Neutralität. Das ist sehr wichtig und wird heute von vielen nicht verstanden. Dass niemand sich das Gebiet der Eidgenossenschaft einverleiben konnte, war zum Vorteil aller. 

Zeitgeschehen im Fokus: Neutralität wird heute häufig mit »Abschottung« oder »Egoismus« gleichgesetzt. Nach Ihren Darlegungen ist das unhaltbar. Dennoch operieren die Kritiker der Neutralität damit. 

Jacques Baud: Es ist wichtig zu verstehen, dass es die Neutralität selbst ist – nicht nur ihre »Begleiterscheinungen« wie die Politik der guten Dienste, Vermittlung und so weiter –, die einen Mehrwert für die europäische Sicherheit darstellt. Niemand erwartet von der Schweiz, dass sie in der Lage ist, die europäischen Mächte – heute beispielsweise die NATO – zu stärken. Ihre Fähigkeit, ihre Neutralität zu verteidigen, war hingegen ihr Beitrag zur kollektiven europäischen Sicherheit. 

Die Neutralität ist keine Art, sich aus der Welt zurückzuziehen. Im Gegenteil, es geht darum, sich zu engagieren. Nicht, um die Bemühungen anderer zu ergänzen, sondern um sie zu vervollständigen. Heute haben die Alpenpässe einen Teil ihrer strategischen Bedeutung verloren, aber in den Bereichen Politik und Völkerrecht könnte die Schweiz eine entscheidende Rolle spielen. Unsere Politiker haben ein Verständnis von Neutralität, das weder mit unserer Tradition noch mit den Realitäten des modernen Krieges etwas zu tun hat. Wer die von mir im Militärmuseum von Morges organisierte Ausstellung über die Rolle der Schweiz im geheimen Krieg während des Zweiten Weltkriegs besucht – geöffnet bis Dezember 2026 –, wird sehen, dass unser Land 1945 eine zentrale Rolle bei der Kapitulation der deutschen Truppen in Italien gespielt hat. Die seltsame Übereinstimmung mit der europäischen Politik im Ukraine-Konflikt zeigt, dass unser EDA nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen.

Unser Mehrwert besteht nicht darin, das politisch-militärische Schlachtfeld zu erweitern, sondern einen Raum für den Dialog zu schaffen, der frei von Konflikten ist. 

Angesichts der sich verschlechternden Lage in der Ukraine bemüht sich die EU derzeit um eine Wiederannäherung an Russland, weiss aber nicht, wie sie dabei vorgehen soll. Sie hat keine Strategie, keine Vorschläge, keine klare Linie. In dieser Situation hätte die Schweiz ihre Vermittlungsdienste anbieten können.

Heute haben wir die Möglichkeit zu vermitteln völlig aus der Hand gegeben. Im Nahen Osten übernehmen die Vermittlungstätigkeiten unter anderem Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien, Pakistan, Katar, Oman oder China. 

Sanktionen von der EU zu übernehmen, führte zu nichts. Auch haben sie gezeigt, dass sie kontraproduktiv sind. Der Krieg dauert an, die westlichen Volkswirtschaften haben sich vor allem selbst geschwächt. Da die Schweiz alles mitgemacht hatte, verlor sie die Möglichkeit, der Menschheit, dem Frieden und nicht der einen oder der anderen Seite zu dienen. 

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Weshalb spielt das russische Außenministerium die Bedrohung Russlands durch TRIPP herunter?

Von Andrew Korybko – 14. Juni 2026

Es ist unrealistisch anzunehmen, dass die Trump-Administration oder nachfolgende US-Regierungen diesen beispiellosen militärlogistischen NATO-Korridor entlang der südlichen Peripherie Russlands bis in dessen weiche zentralasiatische Unterbauchregion freiwillig aufgeben würden; sich also weiterhin an Wunschdenken zu klammern, ist – gelinde gesagt – kontraproduktiv.

Der stellvertretende russische Außenminister Michail Galuzin schloss sich in seinem jüngsten Interview Ende Juni in allen Punkten dem an, was der Leiter der vierten GUS-Abteilung, Michail Kalugin, im Mai dargelegt hatte, und spielte dabei die im August letzten Jahres vorgestellte „Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand“ (TRIPP) herunter. Er begann mit der Andeutung, dass der Iran möglicherweise auf Gewalt zurückgreifen könnte, um dieses Projekt zu stoppen, dessen weiterer Zweck ein militärischer Logistikkorridor der NATO ist. Diese Option ist jedoch unwahrscheinlich, da ihre Umsetzung durch Teheran einen großen Krieg mit Aserbaidschan und dem NATO-Mitglied Türkei auslösen würde.

Galuzins zweiter Punkt war, dass China möglicherweise keinen von den USA kontrollierten Logistikkorridor nutzen wolle, allerdings habe Xi während Trumps Besuch im Mai eine neue „konstruktive, strategische und stabile Beziehung“ zu den USA erklärt, und TRIPP optimiere zudem Chinas „Mittleren Korridor“ nach Europa, sodass es mit ziemlicher Sicherheit zu einer gewissen Nutzung durch China kommen werde. Galuzin erinnerte seinen Gesprächspartner daraufhin daran, dass die künftige Eisenbahnstrecke wahrscheinlich mit russischer Spurweite gebaut werde – mit der Andeutung, dass somit ein russisches Unternehmen den Bau übernehmen würde –, doch technisch gesehen kann jedes Eisenbahnunternehmen dies tun.

Galuzins nächster Punkt, dass Russland nach wie vor die armenischen Eisenbahnen verwaltet. Er gehe davon aus, dass Armenien entweder in Zukunft unter amerikanischem Druck nicht von seiner Vereinbarung zurücktreten wird oder aufgrund der Mehrheitsbeteiligung der USA und des 99-jährigen Pachtvertrags keine Ausnahme für TRIPP machen wird. Armenien könnte Russland in dieser Hinsicht unangenehm überraschen. Galuzins weiterer Punkt, dass Armenien nach wie vor Teil der Eurasischen Wirtschaftsunion sei, ist eine weitere Tatsache, die nicht als selbstverständlich angesehen werden kann. Armenien hat dem TRIPP-Projekt zudem ohne Rücksprache mit Russland zugestimmt.

Auch Galuzins letzter Punkt, dass Russland nach wie vor die armenisch-iranische Grenze bewacht und dies auch weiterhin tun wird, ist eine weitere Annahme, und Außenpolitik sollte nicht auf einer Abfolge solcher Annahmen beruhen, wie sie Galuzin herangezogen hat, um die Aussichten auf eine Umsetzung von TRIPP herunterzuspielen. In diesem Zusammenhang ist relevant, dass „Putin vor vier Jahren in einer Ansprache vor seinem Auslandsgeheimdienst russische Strategieexperten davor warnte, sich Wunschdenken hinzugeben“, doch genau das tut sein Außenministerium.

Nachdem Kalugin diese Narrative in die Debatte eingebracht hatte, wurde Mitte Mai eingeschätzt, dass drei Gründe, die sich nicht gegenseitig ausschließen, für seine Rhetorik verantwortlich sein könnten: „Erstens kann das Außenministerium bis zur Naivität optimistisch sein, was ein Merkmal seiner strategischen Kultur ist. Zweitens könnte es den Unterstützern Russlands signalisieren wollen, dass ‚alles unter Kontrolle ist‘, während der dritte Grund darin bestehen könnte, dass es hofft, die armenischen Medien würden über Kalugins Äußerungen berichten, um die Meinung der lokalen Bevölkerung zu TRIPP zu beeinflussen.“

Diese Analyse gilt nach wie vor, doch Galuzins Nachplappern derselben Argumente lässt besorgniserregend vermuten, dass er und das Außenministerium tatsächlich glauben könnten, dass TRIPP nicht umgesetzt wird, was teilweise erklären könnte, warum russische Experten jede Erwähnung des Themas vermeiden, wie hier im letzten Monat festgestellt wurde. Bei allem Respekt gegenüber dem russischen Außenministerium wäre das eine epische Fehleinschätzung, da TRIPP Trump 2.0s „Cordon sanitaire“ um Russland vervollständigt und es für ihn zudem eine persönliche Angelegenheit ist, da es seinen Namen trägt.

Es hypothetisch aus irgendeinem unerklärlichen Grund verkümmern zu lassen, würde folglich sein Vermächtnis trüben und einer freiwilligen Aufgabe dieses beispiellosen militärlogistischen NATO-Korridors rund um Russlands gesamte südliche Peripherie bis hin zu seiner weichen zentralasiatischen Schwachstelle gleichkommen. Es ist daher unrealistisch anzunehmen, dass er oder nachfolgende Regierungen dies zulassen würden; weiterhin an solchen Wunschvorstellungen festzuhalten, birgt daher das Risiko, ineffektive Strategien zu entwickeln, die Russlands Interessen nicht schützen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.