Von Robert Lapuente – 3. Mai 2026

Der Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros legt ein Bekenntnis ab: So überkritisch dürfe man die Politik journalistisch nicht mehr begleiten. Denn das würde Systemfeinden nutzen. So ähnlich rechtfertigen sich Journalisten in allen Totalitarismen.
Sagen, was ist! Das war das Motto von Rudolf Augstein, seinerzeit Gründer des größten deutschen Magazins namens Spiegel. [Galt aber bereits für den »Spiegel« unter Augstein in der redaktionellen Praxis, wie bekannt, nur selektiv! Anm. der GG-Red.]. Dass es der Wahrheitsfindung dient, wenn man sagt, was ist, hatte schon vor Augstein und seinem Spiegel Anklang gefunden : denn bereits Rosa Luxemburg empfand es als »revolutionärste Tat«, wenn man sagt, was ist – sie wiederum bediente sich beim SPD-Gründer Ferdinand Lasalle, der »alle große politische Aktion« mit dem Aussprechen, was ist, verband. Ja, mehr noch, für ihn begann »alle politische Kleingeisterei« mit »dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist«.
Wie sehr sich Rudolf Augstein durch diese Koryphäen deutscher Politikgeschichte beeinflussen ließ, als er sein Motto formulierte, ist mindestens umstritten. Doch das Credo stand dem Magazin, ja überhaupt aller journalistischen Arbeit, gut an. Sagen, was ist! ist ein Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit. Dem Journalisten steht es nicht an, die Wirklichkeit zu formen, ihr seinen Stempel aufzudrücken – auch wenn er es freilich unbewusst immer tut, schon deswegen, weil seine bloße Existenz die Dynamiken von Ereignissen verändert. Gleichwohl sollte er seine Einflussnahme auf ein Minimum reduzieren. Das ist die Haltung, die Journalismus benötigt – dezidierte Meinungsbeiträge sind hiervon ausgeschlossen. Beim Spiegel sieht man all das heute ganz offenbar anders.
Sagen, was sein soll
Augsteins Magazin hat in den letzten Jahren eine Transformation durchlitten – oder sagen wir lieber: die Leser und Abonnenten, so es noch gelesen und abonniert haben, haben schwere Zeiten durchgemacht. Ihr Magazin hat sich selten damit begnügt, das zu sagen, was auch wirklich ist. Sicher, da war die Episode Claas Relotius – ein Journalist, der sich Geschichten ersann. Und da er wusste, was sein Publikum und seine Kollegen, die deutsche Öffentlichkeit an sich, gerne liest, kam er zu großen Ehren: 2013, 2015, 2016 und 2018 gewann er den Deutschen Reporterpreis für seine Reportagen. Ein beschwingter Wortkünstler war Relotius nie. Aber er traf den Zeitgeist, man lag ihm zu Füßen, er kannte den Spirit – vereinfacht formuliert: Relotius schrieb aus der Warte des anständigen Justemilieu gegen jene an, die man als »kritische Masse« betrachtete – später würde man sie als »Querdenker«, »Schwurbler« oder »rechtsoffen« bezeichnen.






