Von Jens Berger – 6. August 2026

Der Ölpreis ist ein Mysterium. Zu Beginn des amerikanisch-israelischen Angriffskriegs gegen den Iran hatten sämtliche Experten und Branchenkenner eine mittelfristige „Explosion“ der Rohölpreise von 150 US-Dollar und mehr vorausgesagt. Obgleich sich die Versorgungslage seit März noch einmal deutlich verschlechtert hat, wird Öl zurzeit für rund 80 US-Dollar gehandelt, was dem langjährigen Durchschnitt entspricht. Wie konnten die Experten so deutlich danebenliegen? Die Antwort ist ebenso einfach wie für viele überraschend: China – der mit Abstand größte Ölimporteur der Welt – hat binnen Wochen seine Importe halbiert und so das weltweite Verhältnis von Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht gebracht. Ohne diesen Importrückgang würden die Preise tatsächlich durch die Decke gehen und die Weltwirtschaft ins Chaos stürzen. Die spannende Frage: Warum hat China so gehandelt?
Schaut man sich den derzeitigen Ölmarkt an, müsste einem eigentlich angst und bange werden. Iran hat die Straße von Hormus für Ölexporte aus den Golfstaaten de facto blockiert. Iranische Ölexporte über diesen Seeweg werden mittlerweile von den Amerikanern blockiert. Am Bab al-Mandab vor der jemenitischen Küste sorgen die Raketenangriffe der Huthi-Miliz dafür, dass vor allem saudische Öllieferungen in Richtung Asien größtenteils gestoppt wurden, da die Versicherer sich weigern, die Risiken abzudecken. Aber auch anderenorts hat der Krieg gegen Öllieferungen eine neue Qualität angenommen. Drohnenangriffe der Ukraine auf die russische Ölinfrastruktur sorgen dafür, dass Russlands Exporte von Öl und Ölprodukten zurückgehen. Die Ukraine greift jedoch nicht nur die russische, sondern auch die kasachische Ölinfrastruktur und kasachische Öltanker an. In der Folge haben sich die kasachischen Ölexporte nahezu halbiert.
Es brennt an allen Ecken und Enden, und dennoch sieht es an den Warenterminmärkten relativ entspannt aus – ein Widerspruch, auf den viele Analysten keine Antwort haben. Der ehemalige New-York-Times-Journalist Max Fisher ist dieser Frage in seinem Podcast nachgegangen und konnte den Widerspruch in großen Teilen aufklären. Vereinfacht gesagt: Der globale Ölmarkt ist – wie alle physischen Gütermärkte – ein Markt, bei dem Angebot und Nachfrage immer exakt übereinstimmen. Ein Barrel Öl, das exportiert wird, muss woanders importiert werden. Der wichtigste Faktor, um Angebot und Nachfrage zu steuern, ist der Preis. Übersteigt die Nachfrage das Angebot, steigt der Preis so lange, bis die Nachfrage wieder sinkt und Angebot und Nachfrage wieder im Gleichgewicht sind.
Ein Grund dafür sind alternative Lieferrouten. Sowohl Saudi-Arabien als auch die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über leistungsstarke Pipelines, mit denen sie die blockierten Lieferwege zum Teil umgehen können. Zusammen kommen diese Pipelines auf eine Förderleistung von sieben Millionen Barrel pro Tag, was rund ein Drittel der durch die Blockaden wegfallenden Mengen ausgleicht. Hinzu kommt die Freigabe der nationalen Ölreserven durch die USA, Japan und mehrere EU-Staaten, die rund 2,5 Millionen Barrel pro Tag entspricht und damit die nötige Importmenge abermals reduziert. Doch auch mit diesen Notmaßnahmen bleibt noch ein Defizit von zehn Millionen Barrel pro Tag übrig. Und hier kommt China ins Spiel.







