Für die NZZ ist die Ukraine zum »Defacto-Mitglied« der NATO geworden

Von Christian Müller – 20. Juli 2026

Diese Rakete FP-7.x soll künftig zu einem maßgebenden Teil in NATO-Ländern gebaut werden, wodurch die Ukraine de facto zum NATO-Mitglied wird – zur Freude der NZZ!

Unter der Headline »Raketenabwehr für die Ukraine: Europa handelt viel zu spät« lamentiert Andreas Rüesch in gewohnt russophober Art, dass Europa der Ukraine schon längst mehr hätte helfen können und müssen. Aber im gleichen Kommentar zeigt er sich happy, dass „die Ukraine nun in einen gesamteuropäischen Industrieverbund integriert wird.“ Und: „damit avanciert sie zum Defacto-NATO-Mitglied“!

Andreas Rüesch wörtlich: „Energisch, zukunftsweisend, voller Tatendrang: So präsentieren sich westliche Staatsführer dem Publikum gerne – besonders dann, wenn sie in Wirklichkeit eklatante Versäumnisse kaschieren wollen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Ukraine werde nun von allen Seiten mit Lösungen gegen die tödliche Bedrohung durch russische Raketen überhäuft. Doch der Schein trügt. Am Nato-Gipfel von vergangener Woche stellte der amerikanische Präsident Donald Trump in Aussicht, die Ukrainer könnten künftig die begehrten Patriot-Lenkwaffen in Lizenz im eigenen Land herstellen. Diese Woche zog der französische Präsident Emmanuel Macron nach und versprach dasselbe für ein vergleichbares französisches Produkt, die Aster-30-Abfangraketen. Zudem beschlossen neun europäische Länder, zusammen mit der Ukraine ein gesamteuropäisches Abwehrsystem aufzubauen. All dies sind gute Ideen, aber sie kommen viel zu spät.“

Zum Lesen des ganzen Kommentars hier anklicken.

Aber alles zu lesen ist nicht wirklich notwendig oder sinnvoll. Andreas Rüesch lamentiert einfach, dass der Westen nicht rechtzeitig genug die für einen Sieg der Ukraine nötigen Waffensysteme geliefert hat. Aber der Schluss seines Kommentars ist interessant. Wörtlich:

„Ziel ist es, eine günstigere Alternative zu Patriot zu beschaffen. Das ukrainische Rüstungsunternehmen Fire Point will in diesem Rahmen eine neue Abfangrakete namens FP-7.x entwickeln; westeuropäische Firmen sollen Komponenten wie Radare und die Technologie für die präzise Navigation beisteuern. Doch bis zum serienmässigen Einsatz gegen Russland dürften Jahre vergehen, auch wenn Selenski voller Optimismus lediglich zwölf Monate veranschlagt. Der Aufbau der erwähnten Patriot-Fabrik in Bayern ist seit 2024 im Gang – und dies, obwohl es um eine bereits entwickelte Technologie geht. Die Produktion der Waffen selber ist ebenfalls sehr zeitaufwendig; bei den Patriots beispielsweise dauert allein die Herstellung des Raketenmotors zweieinhalb Jahre.

Dies zeigt, dass sich die Produktionszahlen nicht über Nacht hochfahren lassen. Auf Wunder braucht niemand zu hoffen, wenn Regierungen es versäumen, die Weichen frühzeitig zu stellen. So erfreulich es ist, dass die Ukraine nun in einen gesamteuropäischen Industrieverbund integriert wird und damit zum Defacto-Mitglied der Nato avanciert: Für den fehlenden westlichen Weitblick wird die Ukraine noch eine ganze Weile die Zeche bezahlen, in Form von vielen Todesopfern und zerstörter Infrastruktur.“

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Trumps Rede zu den Wahlen: Die herrschende Klasse auf dem Weg in die Diktatur

Von Jacob Grosse – 19. Juli 2026

Die Ansprache, die Donald Trump zur Hauptsendezeit am Donnerstag letzter Woche im Weißen Haus hielt, muss von der Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten und weltweit als scharfe Warnung aufgefasst werden. Sie diente dazu, einen Vorwand zu schaffen, um die nächsten Wahlen – angefangen bei den Zwischenwahlen im November – zu verhindern, zu manipulieren oder ihr Ergebnis zu kippen.

Die Rede selbst, manisch und zeitweise völlig konfus, spiegelte das Ausmaß der Krise seiner Regierung und der herrschenden Klasse insgesamt wider. Trump spulte eine Litanei absurder Anschuldigungen herunter – dass China die Daten von 220 Millionen amerikanischen Wählern gestohlen habe, dass „Verbrennungssäcke“ mit belastenden Dokumenten aus Obamas Regierungszeit vernichtet worden oder durch „grobe Inkompetenz“ verloren gegangen seien, dass Wahlapparate in Zusammenarbeit mit Venezuela „auf eine Weise manipuliert“ worden seien, „die selbst bei einer Überprüfung nicht hätte entdeckt werden können“.

Trump prangerte China als Urheber eines riesigen Komplotts an, das darauf abziele, ihn zu vernichten – und das, während seine Regierung gerade ein Gipfeltreffen mit Xi Jinping im September vorbereitet.

Die Rede begann mit einer ausgiebigen Selbstbeweihräucherung – die Vereinigten Staaten seien „das angesagteste Land der Welt“, die Märkte stünden auf einem „Allzeithoch“, die Grenze sei abgeriegelt, die Kriminalität auf dem tiefsten Stand seit 125 Jahren, „wir haben in Venezuela gewonnen“, „wir gewinnen groß im Iran“. Dieses Paralleluniversum ist ein Symptom für ein Regime, das den Bezug zur Realität verliert.

Der ganze Auftritt atmete eine Verzweiflung, die durchaus begründet ist. Geopolitisch hat der amerikanische Imperialismus kein einziges seiner Ziele im Krieg gegen den Iran erreicht, den er nun eskalieren lässt – was die Ölpreise und die Inflation in die Höhe treibt, ein Platzen der aufgeblähten Finanzmärkte heraufbeschwört und die bereits untragbare Staatsverschuldung noch weiter in die Höhe treibt.

Die Regierung Trump ist für eine extreme soziale Ungleichheit verantwortlich. Gleichzeitig werden täglich neue Details über die Ausplünderung der Gesellschaft durch Trump, seine Familie und sein Umfeld bekannt: Mehr als 1,4 Milliarden Dollar wurden in einem einzigen Jahr aus Kryptowährungsgeschäften in die eigene Tasche gesteckt, während die angelockten Kleinanleger Milliarden verloren haben.

Politisch bewegen sich weite Teile der Arbeiterklasse und der Jugend nach links. Die Oligarchie antwortet darauf, indem sie ihre Gewalt gegen die Arbeiterklasse eskaliert, in erster Linie gegen Migranten.

Während Trumps Rede gab es Proteste gegen zwei weitere Morde durch die Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) – an Lorenzo Salgado Araujo in Texas und Joan Sebastián Guerrero in Maine –, und die Regierung verschärfte die brutale Repression im ganzen Land.

Am selben Tag wie Trump hielten Außenminister Marco Rubio und der Berater des Weißen Hauses Stephen Miller auf einer Konferenz des Außenministeriums faschistische Reden, in denen sie eine weltweite Offensive gegen den sogenannten „linken Terrorismus“ ausriefen.

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USA weiten Angriffe auf zivile Infrastruktur im Iran aus

Von Andre Damon – 19. Juli 2026

Zerstörung des Schiffstowers im iranischen Shahid-Kalantari-Hafen in der Stadt Tschahbahar. Das etwa 60 Meter hohe Gebäude diente der Überwachung und Koordinierung des Schiffsverkehrs in dem Frachthafen. Verteidigungsminister Pete Hegseth prahlte auf Social Media mit dem Angriff

Am Freitag, 17. Juli, dem siebten Tag der Angriffe in Folge, bombardierte das US-Militär Brücken, einen Bahnhof, einen Flughafen sowie den Kontrollturm des einzigen iranischen Tiefseehafens. Washington weitet damit seine Offensive von militärischen Zielen auf die zivile Infrastruktur aus.

Die iranischen Staatsmedien berichteten von Angriffen auf mindestens fünf Brücken in der südlichen Provinz Hormosgan, dabei kamen in der Hafenstadt Bandar Khamir sieben Menschen ums Leben; auch der Bahnhof wurde getroffen. Auch aus Sirik, Ahwas und Jesd wurden Explosionen gemeldet. Die neue Angriffswelle begann am Freitag um 15 Uhr Ostküstenzeit (21:00 Uhr deutscher Zeit).

Das iranische Energieministerium rief die Bevölkerung am Freitag auf, weniger Strom zu verbrauchen und bei Klimaanlagen zu sparen, da bei der vorherrschenden extremen Hitze die amerikanischen Angriffe auf das Energiesystem das Stromnetz belasten. Laut dem Gesundheitsministerium des Iran sind seit Wiederaufnahme der Kämpfe mindestens 38 Menschen durch die Angriffe getötet und mehr als 400 verwundet worden.

Angriffe auf zivile Infrastruktur sind Kriegsverbrechen. Das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs definiert „vorsätzliche gezielte Angriffe auf zivile Objekte, d.h. auf Objekte, die keine militärischen Ziele sind“, als Kriegsverbrechen. Das Völkerrecht, das für Washington und Teheran gleichermaßen gilt, obwohl beide die Verträge nicht ratifiziert haben, schützt „Trinkwasseranlagen und -versorgung“ ausdrücklich.

Ein Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres erklärte am Freitag, Guterres sei „vor allem besorgt über Angriffe auf zivile Infrastruktur im Iran und der gesamten Region (…) Solche Angriffe sind inakzeptabel.“

Verteidigungsminister Pete Hegseth feierte die Zerstörung in den sozialen Medien. Am Freitag veröffentlichte er ein Foto, das den Einsturz des Hafen-Kontrolltower in Tschahbahar inmitten von Rauchwolken zeigt. Darunter war zu lesen: „Der Iran kontrolliert die SvH nicht“ [SvH – die 560 km entfernte Straße von Hormus.]

Iranische Regierungsvertreter erklärten, der Tower, der nach dem dritten Angriff eingestürzt sei, habe der Steuerung der Handelsschifffahrt sowie der Rettung von Fischern auf See gedient. Der politische Geschäftsführer des National Iranian American Council, Ryan Costello, bezeichnete Hegseths Post als „abstoßenden Online-Jubel über die Bombardierung des Iran und seiner Infrastruktur“.

Die Absichtserklärung, die am 17. Juni unterzeichnet wurde, stoppte die amerikanischen Angriffe, öffnete die iranischen Häfen wieder und setzte die Ölsanktionen aus im Gegenzug für eine 60-tägige freie Durchfahrt durch die Straße von Hormus.

US-Präsident Donald Trump erklärte das Abkommen am 8. Juli für beendet und teilte dem Kongress am 10. Juli mit, dass die „Militäraktionen“ wiederaufgenommen würden. Am 11. Juli begann eine siebentägige Serie von nächtlichen Luftangriffen. Bis Dienstagnachmittag war die Seeblockade wieder in Kraft.

Die Trump-Regierung erwägt aktiv eine Bodenoffensive. Das Wall Street Journal berichtete am Mittwoch, dass Trump nach einem Treffen im Weißen Haus am Dienstag zu einer Ausweitung der Operationen tendiere. Er erwäge die Entsendung von Truppen zur Besetzung der Insel Charg, dem wichtigsten Ölexporthafen des Iran, und anderer Gebiete entlang der Straße von Hormus. Reuters berichtete am gleichen Tag, Regierungsvertreter beschrieben die jetzigen Angriffe als „vorbereitende Operationen“.

Am Freitag berichtete das Journal, die USA würden Kampfflugzeuge aus Europa zurückbeordern. Zudem operiere die aus mehr als 2.000 Soldaten bestehende 11. Marine-Expeditionseinheit in der Region.

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Warum haben die baltischen Staaten Polen im Europäischen Parlament zugunsten der UPA verraten?

Von Andrew Korybko19. Juli 2026

Viele „Nationalhelden“ der baltischen Staaten waren ebenfalls Nazi-Kollaborateure, weshalb sie empfindlich auf jegliche Kritik an Selensky reagieren, wenn dieser die „Helden“ seines eigenen Landes verherrlicht.

Die polnische Außenpolitik ging bislang von der politischen Verlässlichkeit der baltischen Staaten aus, die alle für unterschiedlich lange Zeiträume Teil des Polnisch-Litauischen Commonwealth waren, wobei die südliche Hälfte Estlands mit nur sechs Jahrzehnten die kürzeste Zeit dazugehörte, während Litauen mit der längsten Zugehörigkeit aufwartet, da es von 1386 bis 1795 mit Polen vereint war. Daher wurde erwartet, dass sie den im Europäischen Parlament von der „Europäischen Volkspartei“ unter Premierminister Donald Tusk initiierten Vorschlag unterstützen würden, in dem Selenskys Verherrlichung der OUN-UPA kritisiert wird.

Laut dem stellvertretenden Sejm-Marschall Krzysztof Bosak, der zugleich Vorsitzender des Flügels „Nationale Bewegung“ der Oppositionspartei „Konföderation“ ist, deren Vertreter im Europäischen Parlament sitzen, „haben sich die baltischen Staaten, und vor allem Litauen, am stärksten gegen die polnische Initiative gestellt … Dies ist ein weiterer Ausdruck des Zusammenbruchs der Illusionen und des Scheiterns der polnischen Ostpolitik. Die Balten sind eher bereit, mit der Ukraine zu spielen als mit Polen.“

Bosak veröffentlichte dies zur Bestätigung dessen, was der führende polnische Experte Sławomir Dębski schrieb, nämlich dass „die Führung (bei der Blockade der polnischen Initiative) von Europaabgeordneten aus Litauen übernommen wurde, unterstützt von ihren Kollegen aus Lettland und Estland.“ Er führte in den Kommentaren näher aus, dass „die Eröffnung einer Diskussion auf europäischer Ebene über eine Zusammenarbeit, z. B. mit Ypatingasis būrys und den Nazis – und genau das droht durch die UPA-Frage –, nicht ihren Interessen dient“.

Dębski kam zu dem Schluss, dass „es bemerkenswert ist, dass sie [die Vertreter der baltischen Staaten; die Red.] bereit sind, im Bereich der Beziehungen zu Polen den Preis für die Verteidigung der UPA zu zahlen. Natürlich mögen die Kosten gering erscheinen, aber wenn man bedenkt, dass die Haltung Polens darüber entscheidet, ob der Westen den baltischen Staaten in einer ernsthaften Krise Hilfe leisten wird, könnte es sich hier um eine Unterschätzung der Folgen handeln.“

Sein Kommentar zu diesem Thema enthält drei wichtige Punkte: Der erste ist, dass viele der „Nationalhelden“ der baltischen Staaten mit den Nazis kollaborierten. Deren Vertreter sahen sich daher gezwungen, Kritik an Selensky zurückzuweisen, der die mit den Nazis kollaborierenden „Helden“ seines eigenen Landes verherrlicht, um sich präventiv dafür zu verteidigen, dass sie dasselbe tun. Der zweite Punkt ist, dass sich die baltischen Staaten somit auf die Seite der Ukraine statt auf die Polens stellten, was darauf hindeutet, dass sie für Selenskys Vorschlag offen wären, ukrainische Truppen in ihren Ländern zu stationieren, um gegebenenfalls abgezogene US-Truppen zu ersetzen. Dies ist Teil von Kiews Plan, Polen auszumanövrieren, wie kürzlich hier erläutert wurde.

Und schließlich erklärt die folgende, über den Hyperlink zugängliche Analyse, warum „Polen der beste Sicherheitsgarant für die baltischen Staaten in der NATO 3.0 wäre“ – und nicht die Ukraine oder irgendein westeuropäisches Land –, vor allem aufgrund dessen, was Dębski angedeutet hat: dass Polen die einzige Landroute kontrolliert, über die die NATO die baltischen Staaten verteidigen kann. Polen muss die baltischen Staaten daher daran erinnern, die Ukraine im Wettstreit um den Einfluss auf sie zu übertrumpfen und so sicherstellen, dass Polen nach Beendigung des Konflikts geostrategisch nicht an Bedeutung verliert.

So wie es derzeit aussieht, wird dies ein harter Kampf werden, da die baltischen Staaten die Ukraine dafür verherrlichen, dass sie Krieg gegen ihren gemeinsamen russischen Feind führt – ganz zu schweigen von der ähnlichen staatlichen Verherrlichung von Nazi-Kollaborateuren. Im Gegensatz dazu führt Polen nur indirekt Krieg gegen Russland und lehnt mittlerweile die Verherrlichung solcher „Nationalhelden“ ab, verschließt jedoch die Augen vor Litauens Verherrlichung seiner Nazi-Kollaborateure, die Polen massakriert haben. Eine radikale Änderung der polnischen Ostpolitik ist daher erforderlich, wenn sie Erfolg haben soll.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Medienkampagnen gegen Kuba

Von Dieter Reinisch – 18. Juli 2026

Der Globale Süden kommt in den westlichen Medien vergleichsweise selten vor, und falls doch, ist er von kolonialen und eurozentrischen Vorurteilen geprägt. Dies wird deutlich bei einer kritischen Medienanalyse zu Kuba. In diesem zweiten Beitrag zum Thema Kuba werden die Medienkampagnen als von Falschinformationen, Ignoranz und selektiver Quellenwahl geprägt dargestellt, und alternative Medienberichterstattungen werden aufgezeigt, die ein anderes Bild von Kuba vermitteln als die westlichen Mainstream-Medien.

Neben dem Framing werden gezielte Medienkampagnen gegen Kuba geführt. Edgar Göll schrieb am 24. Juli 2024 in den NachDenkeiten über zwei derartige Kampagnen: „Um die Deviseneinkünfte Kubas zu reduzieren/schwächen, wurde eine Medienkampagne gestartet. Kuba wurde dabei vorgeworfen, seine medizinische Hilfe in anderen Staaten durch seine Ärzteteams sei ‚Menschenhandel‘, denn ein Teil der Honorierung der Ärzte in Form von Devisen würde dem kubanischen Staatshaushalt zugeteilt.“ Damit wird das hochentwickelte kubanische Gesundheitssystem erhalten, das der gesamten Bevölkerung zugutekommt, weil alle allgemeinen Gesundheitsdienste kostenlos sind. Die US-Regierung setzt andere Regierungen, die an den Ärzteteams interessiert waren, unter Druck: „Rechtsextreme Gruppen sowie einige Regierungen, wie z. B. die Brasilianer unter dem Extremisten Bolsonaro, nahmen dies dankbar auf und wiesen die Ärzteteams außer Landes oder luden sie erst gar nicht ein“, so Göll.

Neben dem Vorwurf des Menschenhandels ist ein weiteres Ziel der feindlichen Medienkampagnen der Tourismus: „Erstens werden Hotelunternehmen erpresst und unter Druck gesetzt.“ So müssen spanische Hotelunternehmen mit Investitionen in Kuba nicht nur juristische Angriffe ertragen – sondern auch Dutzenden von Klagen auf Grundlage der US-Blockadegesetze.“ Darüber hinaus seien sie Ziel geplanter Kampagnen zum Verlust an Ansehen, schreibt Göll.

Ignorieren kubanischer Ärzteteams

Doch es sind nicht nur das Framing und gezielte Kampagnen, sondern auch das bewusste Ignorieren, die die mediale Berichterstattung charakterisieren. Darüber berichtet die schottische Wissenschaftlerin Helen Yaffe in ihrem bei der Yale University Press erschienenen Buch „We are Cuba! How a Revolutionary People Survived in a Post-Soviet World. Sie schreibt darin von einer Begegnung mit dem kubanischen Arzt Dr. Fernández, der darauf hinwies, dass die Medienwirkung Kubas Ebola-Mission „einige glauben ließ, wir hätten etwas Außergewöhnliches geleistet, was uns zu Helden macht“. Tatsächlich wurde Kubas Beitrag international gelobt. Ein Leitartikel der New York Times rief aus: „Die Arbeit dieser kubanischen Mediziner kommt den gesamten globalen Bemühungen zugute und sollte dafür anerkannt werden.“ Mitte Oktober 2014 lobten sowohl der US-Außenminister John Kerry als auch die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, die Rolle Kubas in Westafrika. Als der damalige Präsident Barack Obama am 17. Dezember 2014 die Annäherung zwischen den USA und Kuba ankündigte, verwies er auf Kubas Ebola-Kampagne als Beispiel für die Vorteile einer Zusammenarbeit: „Amerikanische und kubanische Gesundheitsfachkräfte sollten Seite an Seite arbeiten, um die Ausbreitung dieser tödlichen Krankheit zu stoppen.“

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Die Türkei und Israel „balancieren am Rande eines militärischen Zusammenstoßes“

Von Alexey Martynov (Übersetzung: Thomas Röper) – 18. Juli 2026

Der Konflikt zwischen der Türkei und Israel eskaliert. Die Türkei hat Interpol nun sogar angewiesen, eine internationale Fahndung gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu auszustellen. Worum geht es im Streit zwischen den Ländern?

Der eskalierende Konflikt zwischen der Türkei und Israel spielt in deutschen Medien kaum eine Rolle, obwohl er den Westen im Extremfall in eine sehr schwierige Lage bringen kann, denn sollte es beispielsweise in Syrien zu einem militärischen Zusammenstoß zwischen den beiden Ländern kommen, müsste der Westen sich möglicherweise entscheiden, ob er dem NATO-Partner Türkei oder Israel beisteht.

In der TASS ist ein Artikel erschienen, der den Konflikt ein wenig beleuchtet und die letzten Entwicklungen schildert, und ich habe den Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Ankaras Angriff über Interpol: Was wird aus Netanjahu, der auf der Fahndungsliste steht?

Alexej Martynow erklärt, wozu die Türkei Israel geopolitisch isoliert.

Das 11. Istanbuler Strafgericht hat Interpol angewiesen, eine internationale Fahndung („Red Notice“) gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu auszustellen. Die Entscheidung ist Teil von Ankaras systematischer Strategie, Israel mit juristischen, diplomatischen, militärischen und wirtschaftlichen Mitteln zu delegitimieren. Ankara versucht, Jerusalem aus den regionalen Machtarchitektur zu verdrängen und nutzt dabei – so absurd es auch klingen mag – Washingtons vermeintliche diplomatische Unterstützung sowie seine eigene militärische Stärkung innerhalb der NATO.

Die Global Sumud Flotill als Auslöser

Der Grund für die aktuelle Eskalation waren die Ereignisse in der zweiten Jahreshälfte 2025. Ende August stach die Global Sumud Flotill (GSF), ein Konvoi von über 40 Schiffen mit fast 500 pro-palästinensischen Aktivisten, von spanischen und italienischen Häfen aus in See, um humanitäre Hilfe nach Gaza zu bringen. Am 1. und 2. Oktober fing die israelische Marine die Flottille im Mittelmeer ab, woraufhin die Aktivisten nach Europa abgeschoben wurden. Das türkische Außenministerium stufte das Abfangen umgehend als „Terrorakt in internationalen Gewässern“ ein. Die Anwesenheit mehrerer türkischer Staatsbürger in der Flottille gab Ankara die formale Rechtsgrundlage für die Einleitung eines Strafverfahrens.

Im November erließ die Istanbuler Staatsanwaltschaft Haftbefehle gegen Netanjahu und 36 israelische Beamte wegen „Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Im April 2026 bestätigte ein Istanbuler Gericht die Anklage und forderte lebenslange Haftstrafen für den israelischen Premierminister und 34 israelische Staatsbürger. Den letzten Schritt bildete die Entscheidung des Obersten Istanbuler Strafgerichts vom 14. Juli, Interpol um die Ausstellung der erwähnten „Red Notice“ zur sofortigen Festnahme Netanjahus zu ersuchen.

Dabei muss man anmerken, dass weder Israel noch die USA auf Bitte von Interpol ausliefern. Zwischen der Türkei und Israel besteht derzeit kein bilaterales Abkommen über die gegenseitige Koordinierung in Strafsachen und die Vollstreckung von Gerichtsurteilen.

Die türkischen Richter sparten angesichts der ohnehin schon angespannten Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht mit scharfen Worten. Sie verwendeten unter anderem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, „Völkermord“, „rechtswidrige Inhaftierung“, „grausame Behandlung von Gefangenen“, „vorsätzliche Gesundheitsschädigung“, „Raub“ und „Piraterie mit Einschränkung der Bewegungsfreiheit“.

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Wie lange wird die „vollständige Normalisierung“ der russisch-aserbaidschanischen Beziehungen anhalten?

Von Andrew Korybko – 18. Juli 2026

Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch der unausgesprochene hintergründige Zweck von TRIPP („Trump Route for International Peace and Prosperity“) – als eines militärischen Logistikkorridor der NATO – muss neutralisiert werden, damit diese Annäherung von Dauer ist. Dies würde von Aserbaidschan einige politisch schwierige Entscheidungen erfordern.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev erklärte letzte Woche: „Es ist wichtig festzuhalten, dass die Schwierigkeiten – jene herausfordernden Zeiten – hinter uns liegen (was die Beziehungen zu Russland betrifft). Ich kann mit Zuversicht sagen, dass unsere Beziehungen wieder vollständig normalisiert sind.“ Dies geschah neun Monate, nachdem Putin ihn am Rande des Gipfeltreffens der GUS-Staatschefs in Duschanbe getroffen hatte, um sich für den Vorfall mit Azerbaijan Airlines im Dezember 2024 zu entschuldigen, den Russland damals auf Drohnenangriffe aus der nahegelegenen Ukraine zurückführte.

Seitdem „riskierte Aserbaidschan, sich auf Kollisionskurs mit Russland zu begeben“ – aus den Gründen, die in der vorstehenden, verlinkten Analyse erläutert wurden, nämlich jenen, die mit seiner neuen Militär- und Sicherheitspolitik zusammenhängen. Es ging im vergangenen August eine strategische Partnerschaft mit Großbritannien ein, im selben Monat, in dem es der „Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand“ (TRIPP) zustimmte. Dieses regionale Projekt dient dem unausgesprochenen doppelten Zweck eines militärischen Logistikkorridors der NATO, der sich letztendlich über die gesamte südliche Peripherie Russlands erstrecken wird.

Im November desselben Jahres gab Alijew bekannt, dass die aserbaidschanischen Streitkräfte ihre Anpassung an die NATO-Standards abgeschlossen hätten, wodurch sein Land zu einem Schattenmitglied des Bündnisses wurde, ähnlich wie Finnland vor 2023. Einige Monate später schloss er während des Besuchs von Vance eine strategische Partnerschaft mit den USA ab, worauf Ende April sechs Abkommen zur Aufnahme einer gemeinsamen Rüstungsproduktion mit der Ukraine folgten. Darüber hinaus steht aserbaidschanisches Gas kurz davor, russisches Gas in Mitteleuropa zu ersetzen, worauf hier Anfang Juni bereits eingegangen wurde.

Fasst man all dies zusammen: Während die „vollständige Normalisierung“ der russisch-aserbaidschanischen Beziehungen ein positiver Schritt ist, verankert dieser „Neustart“ all das oben Genannte als „neue Normalität“. In der Folge würden jedwede russischen Beschwerden darüber von Aserbaidschan als „unfreundlich“ angesehen werden, was es dem Land ermöglichen würde, mühelos das Narrativ einer russischen „Einmischung“ zu konstruieren, die von dem Streben nach „Hegemonie“ getrieben sei. Dies könnte wiederum den Westen rasch mobilisieren, was zu Hilfe seitens der NATO als Ganzes und insbesondere seitens Aserbaidschans türkischen Verbündeten im Rahmen der gegenseitigen Verteidigung führen könnte.

Solange TRIPP weiterhin seinen unausgesprochenen hintergründigen Zweck als militärischer Logistikkorridor der NATO erfüllt, der sich letztendlich über die gesamte südliche Peripherie Russlands erstrecken wird, wird dieser geografische Vektor des „Cordon sanitaire“, den die Trump-Regierung im Zuge ihrer Neo-Reagan-Doktrin von im letzten Jahr aufgebaut hat, Russland ernsthaft bedrohen. Das liegt daran, dass die strukturellen (politischen, logistischen und sicherheitspolitischen) Grundlagen für eine weitere Krise nach ukrainischem Vorbild bestehen bleiben und sich so weit zuspitzen könnten, dass eine weitere militärische Sonderoperation erforderlich werden könnte.

Aserbaidschans energieabhängige Wirtschaft könnte in einem Konflikt schnell von Russland zerstört werden, sodass das Land Schwierigkeiten hätte, einen „Zermürbungskrieg“ zu überstehen, wie es derzeit die Ukraine mit Hilfe der NATO tut. Es liegt daher in Bakus bestem Interesse, das TRIPP-zentrierte Sicherheitsdilemma zwischen beiden Seiten zu lösen. Das könnte durch die Einhaltung des Geistes des russischen Vertragsentwurfs mit der NATO vom Dezember 2021 erreicht werden, deren Schattenmitglied Aserbeidschan nun ist. In der Praxis bedeutet dies: keine NATO-Waffen, -Manöver, -Truppen usw., einschließlich der Erleichterung ihres Transits nach Zentralasien.

Dies würde eine Reihe politisch schwieriger Entscheidungen von Alijew erfordern, da es darauf hinausläuft, dass er die beispiellose Ausweitung des militärisch-strategischen Einflusses der NATO entlang der gesamten südlichen Peripherie Russlands stoppt, die unter der Führung seines türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan aus „pantürkischen“ Gründen angestrebt wurde. Alijew könnte daher möglicherweise nicht den Mut aufbringen, sich seinen mächtigen Partnern zu widersetzen, doch die Alternative gefährdet die Sicherheit Aserbaidschans, da das Land eine militärische Sonderoperation Russlands wahrscheinlich nicht überleben würde; daher muss er sehr sorgfältig abwägen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Die Türkei als neue Ordnungskraft 

Von Amalia von Gent – 18. Juli 2026

Der NATO-Gipfel in Ankara legte den Grundstein für eine neue Ära der Machtverhältnisse im östlichen Mittelmeerraum! Die Demokratie wurde dabei „vergessen“.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan blickt mit Genugtuung auf den NATO-Gipfel zurück, der vom 7. bis zum 8. Juli in Ankara stattfand. „Durch die Ausrichtung eines historischen Gipfeltreffens mit historischem Erfolg hat Ankara seine internationale Präsenz mehr denn je gestärkt“, sagte er nach einer Kabinettssitzung Anfang dieser Woche selbstsicher. Und er konkretisierte seine Ausführungen: In einer sich wandelnen Welt bestimme die Türkei «mit ihrer militärischen Stärke, ihrer strategischen Lage, ihrer diplomatischen Erfahrung und ihren Kapazitäten in der Rüstungsindustrie als einer der stärksten Akteure der NATO» diesen Wandel massgeblich mit. 

Durchwegs zufrieden

Voller Lob zeigte sich auch Außenminister Hakan Fidan, der heute zweitmächtigste Mann im Land. Im Gespräch mit dem offiziellen Nachrichtensender TRT Haber nannte er den Gipfel „hinsichtlich seiner Organisation als auch hinsichtlich seiner Ergebnisse wahrhaft historisch“. Die Äußerungen des Verteidigungsministers Yasar Güler sowie des islamistischen Intellektuellen Ibrahim Kalin, des Chefs des Nachrichtendienstes (MIT), schlugen alle in dieselbe Kerbe. Die türkische Führungselite, die im letzten Jahrzehnt öfters durch ihre betont anti-westliche Rhetorik auffiel, zeigte sich vom Resultat dieses NATO-Gipfels durchwegs zufrieden.

Was geschah also genau in Ankara?

Für den 36. NATO-Gipfel reisten die Staats- und Regierungschefs aller 32 NATO-Mitgliedstaaten hin. Sie wurden von rund 100 Ministern und hochrangigen Diplomaten begleitet, sowie von Vertretern internationaler Organisationen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und der syrische Präsident Ahmad al-Sharaa traten ebenso die Ankara-Reise an. Selten zuvor war ein NATO-Gipfel von so vielen Teilnehmern besucht. Aus ersichtlichen Gründen: Nur kurz vor dem Gipfel hatte Donald Trump einmal mehr eine Fortsetzung der angeblich einseitigen Beziehung der USA zur NATO «lächerlich» genannt und offengelassen, ob er überhaupt daran teilnehmen wolle. 

Recep Tayyip Erdoğan empfing erleichtert den launischen Gast aus den USA auf der Landebahn, begleitet von Dutzenden berittener Wachen. Eine Militärkapelle spielte die amerikanische Nationalhymne, Kanonenschüsse hallten wider und Kampfflugzeuge flogen vorbei und hinterließen Spuren aus rotem, weißem und blauem Rauch. Dieser sprach plötzlich viel von «Liebe, die in der Luft liege». Der befürchtete Bruch innerhalb der NATO konnte in erster Linie offenbar dank der persönlichen Beziehung zwischen Erdoğan und Trump abgewendet werden. 

Eine beinah perfekte Bühne

Der türkische Präsident sah sich in seinen Machtambitionen bestätigt. Seit seinem Amtsantritt als Präsident träumt Erdoğan groß. Die westliche Presse sagt ihm oft nach, er strebe eine Wiederherstellung des ehemaligen osmanischen Reichs an, das sich vom Balkan über die heutige Türkei und den Nahen Osten bis nach Nordafrika erstreckte. Dieser Vergleich greift jedoch zu kurz. 

Die Führungselite in Ankara strebt vielmehr ein Einflussgebiet unter türkischer Kontrolle vom Nahen Osten bis nach Afrika, vom Südkaukasus bis zu Zentralasien an. Es handelt sich dabei um ein imperiales Projekt. Sichtbare Zeugen des neuen türkischen Selbstverständnisses sind die Bauten, die im Raum der türkischen Hauptstadt entstehen: Wie beispielsweise das Gebäude des türkischen Geheimdienstes (MIT) oder der halbfertige Megakomplex des türkischen Hauptquartiers mit dem Namen «Ay Yildiz» (zu Deutsch «Mondstern»), der noch größer werden soll als das entsprechende Gebäude in den USA. Dazu gehört auch eine Rüstungsindustrie, die mit Hochgeschwindigkeit ausgebaut wird. Ebenso der prunkvolle Präsidentenpalast mit den 1000 Zimmern, der bei diesem NATO-Gipfel so etwas wie eine «perfekte Bühne» für den Austausch der Gästen diente. Viele, europäische Bündnispartner waren von all dem beeindruckt. 

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„Europa verheimlicht nicht mehr, dass es Krieg gegen Russland führt“

Interview mit Fjodor Lukjanow. Interview: Anna Cherkasova – 18. Juli 2026

In Russland wird immer deutlicher gesagt, dass Europa de facto bereits mit Russland im Krieg ist, und dass Russland darauf irgendwann entsprechend reagieren muss.

Ich warne seit langem davor, dass die offene Beteiligung der Europäer am Krieg gegen Russland irgendwann dazu führen muss, dass Russland entsprechend antwortet. Es ist ja nicht nur so, dass Polen, die Baltenstaaten und Finnland die Ukraine nicht daran hindern, ihre Lufträume für Angriffe auf Ziele in Russland zu nutzen, sondern offensichtlich werden Drohen für Angriffe auf Russland auch in den Baltenstaaten gestartet.

Und als wäre das noch nicht genug, werden die Drohnen und Raketen, die in Russland einschlagen ganz offiziell in Europa hergestellt und von Europa bezahlt. Und da die Ukraine keine eigene Satellitenaufklärung hat, muss man kein Hellseher sein, um zu verstehen, wer der Ukraine dafür die Ziel- und Aufklärungsdaten liefert, zumal die Staaten des Westens das ja auch gar nicht verheimlichen.

Der russische Experte Karaganow fordert schon lange, dass Russland auf die kleinen Eskalationsschritte, die von der Lieferung von Schutzwesten im März 2022 zur Lieferung von Panzern, Langstreckenraketen und Kampfjets geführt haben, von Beginn an hart hätte reagieren müssen. Und zwar notfalls sogar mit dem Einsatz einer Atomwaffe, um den Europäern zu zeigen, dass Russland es ernst meint.

Inzwischen geben immer mehr russische Experten Karaganow Recht und gestehen ein, dass – wenn die russische Regierung 2022 auf ihn gehört hätte – der Krieg wahrscheinlich schnell geendet hätte, weil der Westen sich dann nicht getraut hätte, sich so offen an dem Krieg zu beteiligen. So interpretieren die Europäer die russische Geduld jedoch als Schwäche und fühlen sich bemüßigt, immer offener am Krieg gegen Russland teilzunehmen.

Nun hat Fjodor Lukjanow, der Chef der berühmten Waldai-Konferenz und einer der führenden russischen Geostrategen, in einem Interview in diesen Chor eingestimmt, was deshalb bemerkenswert ist, weil Lukjanow eigentlich bekannt für seine deeskalierende Haltung ist. Thomas Röper hat das Interview übersetzt.

Fjodor Lukjanow: Halbherzige Maßnahmen reichen nicht, denn Europa verheimlicht nicht mehr, dass es Krieg gegen Russland führt

Während die Europäer entspannt Kaffee trinken und ihre Staatschefs Krieg „spielen“, haben die USA beschlossen, das Andenken an ihren wichtigsten Falken, Lindsey Graham, durch die Annahme ihres härtesten Sanktionsgesetzes gegen Russland zu verewigen. Der Westen hat keine Angst mehr vor roten Linien mehr, was bedeutet, dass es an der Zeit ist, dass Russland nun auch Ziele außerhalb der Ukraine angreift.

Fjodor Lukjanow, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, äußerte sich dazu in einem Interview mit Ukraina.ru.

Die EU wird Wehrpflichtigen aus der Ukraine ab März 2027 nicht mehr als Flüchtlinge aufnehmen, wie der Pressedienst des Rates der EU am 15. Juli mitteilte.

Bereits am 14. Juli hatte Donald Trump während eines offiziellen Treffens mit dem irakischen Premierminister Ali al-Zaidi im Weißen Haus den vom verstorbenen Lindsey Graham eingebrachten Gesetzentwurf zu Sanktionen gegen Russland kommentiert: „Es besteht eine gute Chance, dass das geschieht.“

Frage: Die neue Fassung von Grahams Gesetzentwurf scheint hinsichtlich der Sekundärsanktionen gegen China und Indien abgeschwächt. Kann man sagen, dass die Versuche, Russland zu isolieren, gescheitert und die USA zum Rückzug gezwungen sind?

Lukjanow: Über diese Sanktionen wurde lange gesprochen. Der verstorbene Senator Graham hat im vergangenen Jahr wiederholt erklärt, alles sei bereit und der Präsident stehe kurz vor der Unterzeichnung des Dokuments, doch dann ist alles „im Sande verlaufen“. Nun könnte sein unerwarteter Tod seltsamerweise als Katalysator dienen: Trump hat bereits erklärt, dass das Andenken an eine so herausragende Persönlichkeit bewahrt werden müsse. Daher gehe ich davon aus, dass das Gesetz verabschiedet wird.

Die Besonderheit der amerikanischen Planung liegt darin, dass Graham ein Meister der Inszenierung war. Das Ziel ist es, „unerschütterliche Entschlossenheit“ zu demonstrieren. Gleichzeitig agieren die Amerikaner jedoch sehr vorsichtig, um ihre eigenen Interessen nicht zu gefährden. Anders als die Europäer, die sich eher von politischen Parolen leiten lassen, meiden die USA [bei Sanktionsgesetzen] sorgfältig Themen, bei denen sie auf Russland angewiesen sind.

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Durch Fehleinschätzungen und Eskalation wächst die Gefahr eines Krieges mit Russland

Von Harald Kujat 18. Juli 2026

Löscharbeiten in Kiew am 16. Juli. Bild: DSNS.GOV.UA

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler, Helmut Schmidt, äußerte in einem Interview im Mai 2014: »Zurzeit gibt es leider niemanden, der konstruktive Vorschläge zur Zukunft der Ukraine vorbringt.« Und weiter: »Ich halte nichts davon, einen dritten Weltkrieg herbeizureden, erst recht nicht von Forderungen nach mehr Geld für Rüstung der Nato. Aber die Gefahr, dass sich die Situation verschärft wie im August 1914, wächst von Tag zu Tag.» Worte von bestürzender Aktualität.

Die gleiche Sorge brachte der amerikanische Ökonom und ehemalige Wirtschaftsberater beim Aufbau osteuropäischer Marktwirtschaften, Jeffrey Sachs, in zwei offenen Briefen zum Ausdruck. Sachs forderte den Bundeskanzler auf, »den offenen Krieg mit Russland zu verhindern«, denn, »wenn wir vom Abgrund des Krieges wegwollen, müssen wir ehrlich sein.» In seinen Briefen hat Sachs konkrete Versäumnisse der deutschen Außenpolitik seit der Wiedervereinigung dargelegt. Dieses Prinzip der absichtsvollen Blindheit: des »Nicht-Hörens» und »Nicht-Sehen-Wollens« und »Nicht-Bedenken-Wollens« müsse überwunden werden.

Weder zum Zeitpunkt des Vorstoßes der russischen Streitkräfte auf Kiew im Februar 2022 noch danach ist von Seiten der Vereinigten Staaten und schon gar nicht von den EU-Staaten und Großbritannien ein ernsthafter Versuch unternommen worden, den Krieg zu verhindern noch den Krieg durch einen Verhandlungsfrieden zu beenden. Im Gegenteil, der Krieg ist politisch, finanziell und materiell unterstützt und auf inzwischen mehr als viereinhalb Jahre verlängert worden. Die von Jeffrey Sachs beschriebenen Versäumnisse wirken bis heute in der aktuellen Außenpolitik als Fehleinschätzungen fort.


Der Artikel von General a.D. Harald Kujat ist zuerst in der aktuellen Ausgabe der Zeitung Zeitgeschehen im Fokus erschienen.


Die Ukraine versuchte von Anfang an, NATO-Staaten in den Krieg zu ziehen

Im Mai 2024 griff die Ukraine die Woronesch-Radarstationen bei Armavir und Orsk des interkontinental-strategischen Frühwarnsystems Russlands, im Juni 2025 die Stützpunkte der interkontinentalstrategischen Bomberflotte in Olenja, Belaja, Djagilewo und Iwanowo-Sewerny an. Die Angriffe waren ohne jede Bedeutung für die Verteidigung der Ukraine und den Verlauf des Krieges: Diese Systeme dienen ausschließlich der nuklearstrategischen Abschreckung Russlands.

Die Ukraine hat mit ihren Angriffen vorsätzlich das Risiko einer Fehlkalkulation und eine nukleare Eskalation der beiden nuklearen Supermächte mit unabsehbaren Folgen in Kauf genommen. Ebenso wie beim Vorstoß auf das russische Kernkraftwerk Kursk im August 2024 war es das Ziel der Ukraine, den Krieg auf eine strategische Ebene zu eskalieren, um die NATO an ihrer Seite gegen Russland einzubinden.

Insbesondere der Angriff auf die strategische Bomberflotte (Operation »Spinnennetz«) wurde von westlichen Medien als beispiellos, kühn, genial oder als »Game Changer« gewertet, während das Eskalationspotential und die daraus erwachsenden Gefahren weit über den Ukraine-Krieg hinaus nur vereinzelt thematisiert wurden.

Die russische Nukleardoktrin bezeichnet »Handlungen eines Gegners gegen besonders wichtige staatliche oder militärische Einrichtungen der Russischen Föderation, deren Ausfall die Reaktionsmaßnahmen der Nuklearstreitkräfte vereiteln würde«, als eine Bedingung für den Nuklearwaffeneinsatz. Im russischen Verständnis gehören zu den »wichtigen militärischen Einrichtungen« vor allem Führungs- und Kommandozentralen, Frühwarnsysteme und strategische Nuklearkräfte.

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