Von Peter F. Mayer und Jochen Mitschka – 8. Juni 2026

Was sich in den letzten 48 Stunden im Westasien abgespielt hat, ist keine bloße Fortsetzung eines Konflikts es ist der gefährlichste Eskalationssprung seit Beginn des Iran-Kriegs im Februar. Netanyahu hat damit offenbar sein Ziel erreicht.
Die Ereignis seit Sonntagmorgen bis Montagfrüh zeigt eine massive Esakaltion Israels gegen Beirut, Iran antwortet mit ballistischen Raketen, Israel schlägt in Teheran und Isfahan zurück ‒ und Washington steht daneben, unfähig oder unwillig, seinen Stellvertreter in Westasien zu zügeln.
Die Abfolge der letzten Tage liest sich wie ein Drehbuch zur regionalen Katastrophe:
Sonntag, 7. Juni ‒ morgens: Israelische Truppen stehen seit Monaten im Südlibanon und töten Zivilisten und zerstören Wohnhäuser, Ackerflächen und Olivenhaine; die Hisbollah betrachtet dies als Besatzung und handelt entsprechend. Hisbollah greift mit Raketen und Drohnen israelische Militärinstallationen und Kommandozentren jenseits der Grenze an Grenzgemeinden ab.
Sonntag, 7. Juni ‒ nachmittags: Israel bombardiert Dahiyeh, das südliche Vorstadtviertel Beiruts. Der Angriff erfolgt ohne Vorwarnung, trifft ein Wohngebäude, tötet mindestens zwei Menschen und verletzt 20 weitere ‒ nur Tage nachdem die libanesische und israelische Regierung in von den USA moderierten Gesprächen einem erneuten Waffenstillstand zugestimmt hatten. Hisbollah war an diesen Gesprächen nicht beteiligt und lehnte den Deal ab.
Sonntag, 7. Juni ‒ abends: Iran startet mehrere Wellen ballistischer Raketen auf Nordisrael ‒ der erste derartige Angriff seit der fragilen Waffenruhe vom April. Die Revolutionsgarden (IRGC) bestätigen, das Ramat-David-Luftwaffenstützpunkt ins Visier genommen zu haben, und nennen es eine Reaktion auf „die massenhafte Tötung und Vertreibung der unterdrückten Menschen in den Regionen Tyre und Nabatäa“. Die IRGC-Erklärung warnt unmissverständlich: „Sollten diese Aggressionen wiederholt werden, werden die Antworten umfassender sein und alle amerikanischen und zionistischen Ziele in der gesamten Region einschließen.“
Montag, 8. Juni ‒ 4.43 Uhr Ortszeit: Israelische Luftstreitkräfte schlagen in West- und Zentraliran zu. Explosionen werden aus Teheran, Isfahan, Täbris, Karadsch und Nadschafabad gemeldet. Die IRGC gibt an, Israel habe luftgestützte ballistische Raketen eingesetzt. Irans Luftraum über dem Imam-Khomeini-Flughafen wird gesperrt.
Berichte aus: BBC News Live-Blog, 7.-8. Juni 2026 , Al Jazeera Live-Blog, 8. Juni 2026, Al Mayadeen.
Netanjahu ignoriert Trump
Das vielleicht Aufschlussreichste an dieser Eskalation ist die vollständige Entmachtung des amerikanischen Präsidenten durch seinen eigenen Verbündeten.
Donald Trump hatte Netanjahu bereits vor einer Woche in einem Telefonat ‒ das Berichten zufolge mit den Worten „You’re f*****g crazy“ gespickt war ‒ davon überzeugt, Angriffe auf Beiruts Vororte zu unterlassen. Als Israel am Sonntag dennoch Dahiyeh bombardierte, sagte Trump gegenüber Fox News: „I‚m not happy about it.“
Nach den iranischen Raketenstarts rief Trump Netanjahu erneut an und drängte ihn, nicht zurückzuschlagen. Ein hochrangiger US-Beamter wurde mit den Worten zitiert, Trump habe „Bibi dazu gebracht, vorerst abzuwarten“. Trump selbst sagte gegenüber israelischen Medien, er wolle „heute Nacht keinen weiteren Angriff sehen“.
Wenige Stunden später schlug Israel im Iran zu.
Das ist nicht nur eine diplomatische Ohrfeige ‒ es ist der Beweis, dass Netanjahu Washington als optionalen Konsultationspartner betrachtet, nicht als bestimmende Kraft. Ein US-Präsident, der einen Waffenstillstand vermitteln will, während sein „Partner“ jeden Stillstand als Gelegenheit zur nächsten Eskalation nutzt, steht vor einem Scherbenhaufen seiner Nahost-Politik.



