Von Andrej Nisamutdinow – 26. September 2026
Andrej Nisamutdinow darüber, wie Europa heute neue Stigmata vergibt, dieses Mal nicht an Juden, sondern an Russen.

Während des Zweiten Weltkriegs führte die Regierung Nazi-Deutschlands ein System der Zwangskennzeichnung für die jüdische Bevölkerung ein. Im September 1941 wurde diese Praxis vereinheitlicht: In Deutschland und den von ihm kontrollierten Gebieten wurden alle Juden über sechs Jahren verpflichtet, spezielle Erkennungszeichen zu tragen. Der gelbe sechszackige Stern mit der Aufschrift „Jude“ war ein Stigma, das im Grunde einen juristischen Mechanismus der Entmenschlichung in Gang setzte seine Träger zu einem rechtlosen Dasein im Ghetto oder zur Vernichtung in den Todeslagern verurteilte. Die Rote Armee hat die vollständige Umsetzung der menschenverachtenden Idee der „Endlösung der Judenfrage“ verhindert, als sie dem deutschen Nationalsozialismus das Rückgrat brach.
Doch Nazi-Ideen erwiesen sich als langlebig. Jahrzehnte später erleben sie in Europa eine Wiedergeburt, getarnt unter verschiedenen Etiketten, wenngleich ihr Wesen unverändert bleibt. Geändert hat sich allenfalls das Hassobjekt: An die Stelle der Juden als „absoluter Feind“ sind nun die Russen getreten. Alles beginnt im Kleinen, mit der schrittweisen Gewöhnung der Gesellschaft an den Gedanken, dass Angehörige eines bestimmten Volkes in ihren Rechten beschnitten werden dürfen.
Mit Unterstützung der Bevölkerung
Im Prinzip ist die Geschichte des Holocaust gut erforscht und es besteht kein Zweifel daran, dass Teile der einheimischen Bevölkerung die Verfolgung der Juden in einer Reihe von Ländern unterstützt haben. Im Zuge des heutigen Trends, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs umzudeuten, versuchen einige „national orientierte“ Forscher, die Ereignisse der Vergangenheit zu verzerren. Doch die Beteiligung einheimischer Kollaborateure und Angehöriger von Strafkommandos an den Massakern an der jüdischen Bevölkerung ist erwiesen und dokumentiert. Dabei geht es insbesondere um Länder wie Polen, Ungarn, die baltischen Staaten und die Ukraine.
Das Beispiel der Ukraine ist eines der bezeichnendsten. Bereits während des russischen Bürgerkriegs verübten Verbände unter dem Kommando von Simon Petljura Judenpogrome. Später wurde die Parole „Schlagt die Drecksjuden und Kommunisten tot“ zu einem der festen Grundpfeiler der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nach Beginn des Großen Vaterländischen Krieges verübten OUN-Kämpfer wiederholt Pogrome und Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung der Ukraine, wobei sie sowohl eigenständig als auch in Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern vorgingen. Auch Polizisten aus den Reihen lokaler Kollaborateure beteiligten sich aktiv an dem Völkermord.
Allerdings gab es nicht nur in Osteuropa Helfer der Nationalsozialisten. So deportierte beispielsweise die unter der Führung von Marschall Philippe Pétain stehende Marionettenregierung des Vichy-Regimes 76.000 Juden. Die Mehrheit von ihnen durchlief das Lager Drancy in einem Pariser Vorort, von wo aus sie anschließend in die Todeslager Auschwitz und Sobibor geschickt wurden. Im Jahr 2009 erkannte ein französisches Verwaltungsgericht offiziell die Mitschuld der Vichy-Regierung am Holocaust an.
Der Teufel steckt im Detail
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre saß ich bei einem Empfang anlässlich der Eröffnung der Filmfestspiele von Cannes an einem Tisch mit französischen Journalisten. Als die Dame mir gegenüber erfuhr, dass ich aus Russland stammte, bemerkte sie trocken: „Ah, ein russischer Mafioso…“ Verwundert fragte ich nach, wie sie zu dieser Ansicht komme. „An der Côte d’Azur sind alle Russen entweder Oligarchen oder Banditen. Wie ein Oligarch sehen Sie nicht aus“, erklärte meine Gesprächspartnerin voller Ernst. Gegen die Sache mit dem Oligarchen ließ sich nichts einwenden, doch ein Bandit wollte ich auch nicht sein, also beschloss ich, die Situation ins Lächerliche zu ziehen: „Madame, Sie haben die dritte Kategorie vergessen: KGB-Agenten.“ Die Französin errötete und setzte sich unter dem Gelächter der anderen an den Nachbartisch – sozusagen, um auf Nummer sicher zu gehen.
Tatsächlich ist diese scheinbar belanglose Episode ziemlich beispielhaft. Damals war die französische (und überhaupt die europäische) Presse voll von Berichten über die zwielichtigen Machenschaften der „russischen Mafia“ in Europa. Bei näherem Hinsehen zeigte sich jedoch, dass Bürger der Russischen Föderation damit gar nichts zu tun hatten: In den Kriminalstatistiken tauchten vielmehr Leute aus Georgien, Lettland, der Ukraine sowie sogar aus Rumänien und Bulgarien auf. Trotzdem wurden sie alle aus irgendeinem Grund als „russische Mafia“ bezeichnet. So prägte die westliche Presse über Jahrzehnte hinweg, ob bewusst oder unbewusst, ganz bestimmte negative Stereotypen in den Köpfen des Publikums und legte den Grundstein für die künftige, totale Russophobie.
Auch Politiker, die in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats sitzen, haben ihren Teil zu diesem Prozess beigetragen. In der Organisation, die sich selbst als wichtigste Hüterin demokratischer Werte inszeniert, betrachtete man Russland wie einen ungehorsamen Schüler. Mit unverhohlener Schadenfreude wurde das Land, ob mit oder ohne Anlass, ständig öffentlich an den Pranger gestellt. Besonders eifrig taten sich dabei, wiederum, Parlamentarier aus dem Baltikum, Polen und der Ukraine hervor, die beschlossen hatten, dass es an der Zeit sei, alte Rechnungen zu begleichen und sich für angeblich erlittenes Unrecht zu rächen. Vertreter der „alten“ europäischen Demokratien aus Großbritannien, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern haben diese Linie bereitwillig unterstützt.
Die Erscheinungen dieser Russophobie grenzten bisweilen ans Lächerliche: So konnten sich beispielsweise etwa ein Lette und ein Pole in einem durchaus passablen Russisch unterhalten, wechselten jedoch, wenn sich ein russischer Journalist näherte, sofort in ein holpriges Englisch. Denn „diesem Russen“ zu zeigen, dass man seine Sprache beherrscht, galt als absolut unanständig.
Während man Moskau unablässig alle erdenklichen und auch völlig abwegigen Verfehlungen vorhält, bringt man es im Europarat fertig, so beschämende und mit echter Demokratie unvereinbare Phänomene wie den Status der „Nicht-Bürger“ in Lettland und Estland geflissentlich zu übersehen.
Auf staatlicher Ebene
Presseberichte oder missmutiges Murren gegenüber Russen in den Fluren des Europarats sind das Eine, aber wenn Beschränkungen zu staatlicher Politik werden, ist das eine ganz andere Geschichte. Wer in der Sowjetzeit das Baltikum besuchte, kann im Alltag natürlich mit Ausprägungen eines lokalen Nationalismus in Berührung gekommen sein. Doch 1991 verabschiedete der Oberste Rat Lettlands auch noch den Beschluss, der nur zwei Dritteln der Bevölkerung des Landes das Recht auf Staatsbürgerschaft zusprach, nämlich jenen, die vor 1940 in Lettland geboren worden waren, sowie deren Nachkommen.
Rund 700.000 Menschen, von der radikalen lettischen Presse sofort als „Zugereiste“ abgestempelt, darunter Bauarbeiter, Ingenieure, Arbeiter, Lehrer, Ärzte, Soldaten und Rentner samt ihren Familien, fanden sich über Nacht in Ungewissheit wieder. In diesem Zustand verharrten sie bis Mitte der 1990er Jahre, als der diskriminierende Begriff des „Nicht-Bürgers“ gesetzlich verankert wurde.
Natürlich machen Russen den Großteil dieser Gruppe aus. Genau deshalb kämpfte Russland jahrelang auf allen europäischen Ebenen entschlossen gegen diesen Status an. In Europa zog man es jedoch vor, die Angelegenheit schleifen zu lassen. Gelegentlich wurden unverbindliche Resolutionen verabschiedet, deren Verfasser vage von „besonderen Bedingungen“ sprachen oder die lettische Regierung bisweilen allenfalls halbherzig tadelten. Doch dabei blieb es in der Regel auch.
Im Laufe der Zeit wurden zwar gewisse Gesetzesänderungen vorgenommen, doch auch diese waren eher kosmetischer Natur. Bis heute sind Nicht-Bürger in Lettland (deren Zahl noch immer bei rund 170.000 liegt) grundlegender Rechte beraubt, etwa des Rechts, zu wählen und gewählt zu werden. Sie sehen sich bei der Jobsuche und bei Auslandsreisen mit Beschränkungen konfrontiert. Ihr Pass hat sogar eine andere Farbe: Violett. Das kommt einem doch bekannt vor, nicht wahr?
Eine ähnliche Entwicklung nahm die Situation in Estland, wenngleich dort ein etwas anderer Begriff eingeführt wurde: „Personen mit unklarer Staatsangehörigkeit“. Zudem genießen sie etwas mehr Rechte, sie dürfen an Kommunalwahlen teilnehmen.
Am Kern der Sache ändert das jedoch nichts: Im 21. Jahrhundert betreiben zwei baltische Staaten, die übrigens EU-Mitglieder sind, offen eine Politik der legalisierten Segregation aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit. Was ist das anderes als Neonazismus?
Nazismus mit ukrainischem Akzent
Die Nationalisten im Baltikum können sich jedoch nicht mit ihren ukrainischen Gesinnungsgenossen messen. Mag sein, dass manche den auf dem Kiewer Maidan skandierten Ruf „Moskaljaku na hiljaku“ (Moskauer an den Galgen) noch als „Schöpfung der Volksmassen“ abtun. Doch nach dem Staatsstreich von 2014 wurde die neonazistische Ideologie in der Ukraine faktisch als offizielle Linie des Staates verankert und fand ihren Niederschlag in einer ganzen Reihe von Rechtsakten, die die russischsprachige Bevölkerung diskriminieren. Kiew ging dazu über, Millionen seiner eigenen Bürger offen auf fiskalischer, sprachlicher und zivilrechtlicher Ebene zu unterdrücken.
Dabei stehen diese neuen Vorschriften in direktem Widerspruch sowohl zur ukrainischen Verfassung als auch zu europäischen Konventionen, denen Kiew seinerzeit beigetreten war. Doch die „Verteidiger der Demokratie“, etwa im Europarat und anderen Institutionen, ziehen es gewohnheitsmäßig vor, die drei berühmten Affen zu mimen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Und wenn sie gar nicht anders können, begnügen sie sich mit wenig aussagekräftigen Standardkommentaren.
Zu den charakteristischen Elementen der Nazi-Ideologie gehören stets Mythenbildung und Geschichtsumschreibung. Auch das gibt es in der heutigen Ukraine massenhaft: Von kuriosen Erzählungen darüber, wie die „antiken Ukrer das Schwarze Meer ausgehoben“ hätten, bis hin zur offiziellen Heroisierung von Nazi-Kollaborateuren aus der OUN, jener Organisation, deren Losung lautete: „Schlagt die Drecksjuden und Kommunisten tot.“
In dieselbe Kategorie fällt auch die berüchtigte „Cancel Culture“. Im Zuge der totalen Entrussifizierung reißen ukrainische Behörden mit Eifer Denkmäler ab, benennen Städte, Straßen und Plätze um und tilgen mit Vehemenz das Gedenken an russische und sowjetische Persönlichkeiten. Damit verurteilen sie ihr eigenes Volk zu einem historischen Vakuum, denn die Ukraine hat schlichtweg keine andere Geschichte als jene, die auf dem gemeinsamen Weg mit dem russischen Volk beruht. Man kann natürlich versuchen, Nikolai Gogol und Iwan Aiwasowski nachträglich zu Ukrainern zu erklären, doch dadurch hört der eine nicht auf, ein bedeutender russischer Schriftsteller zu sein, und der andere nicht auf, ein bedeutender russischer Maler zu sein.
Und was ist mit Europa?
Der Nationalsozialismus ist ansteckend und ein Teil der europäischen Eliten, die von einer historischen Revanche und einer strategischen Niederlage Russlands träumen, konnte der Versuchung nicht widerstehen. Genau genommen sind all diese Sanktionen, schwarzen Listen, Kontensperrungen, Einreiseverbote und sonstigen Restriktionen im Grunde nichts anderes als offene Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit. Natürlich gepaart mit einer gehörigen Portion Ideologie, Fremdenfeindlichkeit und dem Wahn rassischer Überlegenheit.
Dabei kommen die gleichen altbekannten Methoden zum Einsatz, darunter die „Cancel Culture“ und die Umschreibung der Geschichte. Es ist symbolisch, dass heute ausgerechnet Friedrich Merz, der aus einer Familie stammt, in der der Großvater dem NS-Regime treu als Bürgermeister und SA-Mann diente, in Berlin einen harten anti-russischen Kurs verfolgt. Die revanchistischen Handlungen des Enkels sprechen für sich. Vor diesem Hintergrund starten Parlamentarier der Grünen eine Initiative zur „historisch-kritischen Kontextualisierung“ sowjetischer Kriegsdenkmäler, allen voran des Komplexes im Treptower Park. Hinter dieser blumigen Bezeichnung verbirgt sich die Idee, am Fuß der Monumente Informationstafeln aufzustellen,die eine offenkundig verzerrte, revisionistische Deutung der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs vermitteln sollen. Bemerkenswert ist, dass zu den Ersten, die sich diesem gefährlichen Vorhaben widersetzten, Vertreter der rechten „Alternative für Deutschland“ (AfD) gehörten, jener Partei also, die von den regierenden Kreisen der Bundesrepublik – und auf deren Betreiben hin auch von Politikern und Medien anderer europäischer Länder – als „neonazistisch“ diffamiert wird. Auch Politiker vom entgegengesetzten, linken Flügel, Vertreter der Partei BSW unter der Führung ihrer Gründerin Sahra Wagenknecht, sprachen sich gegen diesen Geschichtsrevisionismus aus.
Dieses ungewöhnliche Bündnis zwischen Links und Rechts zeigt, dass es in Europa – neben jenen Eliten, die von Russophobie erfasst sind und es sogar geschafft haben, dieses schädliche Virus auf einen Teil der Bevölkerung zu übertragen – auch noch gesunde Kräfte gibt. Sie wollen Russland nicht als Feind sehen, sondern ziehen es im Gegenteil vor, gutnachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen.
Mag sein, dass ihre Stimme derzeit noch nicht recht zu hören ist, doch sie wird sich Gehör verschaffen. Zumindest möchte man daran glauben.
Und der Nationalsozialismus wird endgültig auf dem Müllhaufen der Geschichte landen – dort, wo er hingehört.
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