Von Ulrich Heyden – 5. Juli 2026

In den vergangenen vier Wochen werden das russische Kernland und die von Russland eroberten Regionen fast täglich von ukrainischen Drohnenattacken gegen zivile Ziele, Schulen, Autobusse und Privathäuser überzogen. Diese Massivität erinnert an die Jahre 2014 bis 2021, als die ukrainische Armee und rechtsradikale Bataillone Wohngebiete in den 2014 auf Basis des von der UNO garantierten Selbstbestimmungsrechts der Völker gegründeten Volksrepubliken Donezk und Lugansk mit Artillerie, Raketen und aus Suchoi-Kampfflugzeugen beschossen. Der deutsche Aktivist Marco Leo Samm aus Freiburg im Breisgau besuchte Anfang Juni das Wohnheim und das College von Starobelsk, in dem am 22. Mai 21 Schüler durch ukrainische Drohnen getötet wurden.[1]
Zu dem Drohnenangriff auf das Wohnheim in Starobelsk erklärte Kiew, in den zerstörten Schulgebäuden habe sich eine „russische Kommandozentrale“ befunden. Auf einer von Russland initiierten Sitzung des UNO-Sicherheitsrates erklärten westliche Delegationen, die Vorwürfe Russlands könnten nicht überprüft werden.
Nur eine Handvoll deutscher freier Journalisten und Aktivisten berichten aus den Gebieten im Donbass, welche von Kiew seit 2022 nicht mehr kontrolliert werden. Zu ihnen gehört der Friseur-Meister Marco Leo Samm.
Langwierige Anreise
Die Anreise nach Lugansk war nach Angaben von Samm nicht ganz einfach. Er flog von Kaliningrad nach Moskau und fuhr dann weiter mit dem Nachtzug nach Rostow am Don. Von dort wurde er von Vertretern der Volksrepublik Lugansk mit dem Auto abgeholt. So konnte Samm die Grenze zwischen der Volksrepublik Lugansk und der Russischen Föderation, die immer noch sehr streng kontrolliert wird, ohne große Verzögerungen überqueren.
Samm war 2018 schon mal als Wahlbeobachter in Lugansk gewesen. Seitdem hat er mit der Stadt Kontakt gehalten. In der Verwaltung von Lugansk war man froh, ihn wieder zu sehen.
Wie kommt nun ausgerechnet ein Friseur-Meister in den Teil des Donbass, der 2022 von der russischen Armee erobert wurde? Das hängt offenbar mit der Familiengeschichte des Friseur-Meisters zusammen. Er kommt aus einer multiethnischen Familie. Viele seiner Familienangehörigen wurden während der deutschen Besatzungszeit in Lettland ermordet und in den Wäldern vor Riga verscharrt. Das habe ihn veranlasst, sich mit Geschichte und Politik tiefer zu beschäftigen. Nach einer Ausbildung zum Friseur ging er frustriert über die politische Starrheit in der damaligen DDR, noch vor dem Mauerfall, in den Westen. Er begann eine Ausbildung als Maskenbildner am Staatstheater Oldenburg. 25 Jahre war er Unternehmer und Meister im Friseurhandwerk. Heute ist er freiberuflich in verschiedenen Bereichen tätig.
Was sah der Reisende aus Freiburg in Starobelsk?
Am 3. Juni fuhr Marco Samm mit dem Auto in Begleitung eines Vertreters der Volksrepublik Lugansk nach Starobelsk. Die Stadt liegt 120 Kilometer nördlich von Lugansk und etwa 70 Kilometer östlich der Front. In der Stadt leben 16.000 Menschen.
Was sah der Beobachter aus Freiburg in Starobelsk? „Rechts und links von der Straße sah man ein zerstörtes Areal, auf der einen Seite das Schüler-Wohnheim, auf der anderen Seite das College mit seinen Hörsälen. Ich sah eine Schneise von 200 bis 300 Metern, die zerstört war. Die Gebäude waren von zehn Drohnen oder mehr angegriffen worden. Auch Privathäuser und ein Ball-Saal waren zerstört. Um die Häuser gab es einen Park. Dort gab es einen Krater von einer Explosion.“ Militärische Einrichtungen habe er in Starobelsk nicht gesehen. Aber dass man auf den Straßen der Volksrepublik Lugansk immer wieder Militärlaster sehe, sei in der Region nichts Ungewöhnliches.
Sein Besuch sei nicht angekündigt worden, erzählt Samm. Er habe den Rektor des Colleges getroffen. In der Schule fanden Aufräumarbeiten statt. Der Schutt wurde weggeräumt.