Die Privatisierung der Menschenverfolgung

Von Günther Burbach – 5. Juli 2026

Die US-Einwanderungsbehörde ICE hat rund 1,5 Millionen Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus durch private Auftragnehmer verfolgen, überprüfen und fotografieren lassen. Damit ist eine neue Schwelle überschritten. Der Staat überwacht nicht mehr nur selbst. Er lagert die Suche nach Menschen an Firmen aus.

Ein Mann steht vor seiner Wohnungstür. Draußen warten keine uniformierten Beamten, sondern private Ermittler. Sie haben seinen Namen, sein Geburtsdatum, ein Foto, vielleicht seine Telefonnummer, seine alte Adresse, seine E-Mail-Adresse. Sie sollen herausfinden, ob er wirklich dort wohnt. Wenn nötig, sollen sie ihn fotografieren. Möglichst schnell, denn Schnelligkeit wird bezahlt.

Das klingt nach einem dystopischen Thriller. Tatsächlich beschreibt es ein Programm der US-Einwanderungsbehörde ICE. Nach Recherchen der Washington Post begann ICE Ende 2025 ein landesweites „Skip Tracing“-Programm, um rund 1,5 Millionen Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus durch private Auftragnehmer verfolgen, überprüfen und fotografieren zu lassen. Die Unternehmen sollen zunächst digitale Spuren nutzen und, wenn nötig, physisch vor Ort auftauchen. Für schnelle Treffer sind finanzielle Anreize vorgesehen.

Aus staatlicher Macht wird ein Geschäftsmodell

Damit ist eine neue Schwelle überschritten. Der Staat überwacht nicht mehr nur selbst. Er lagert die Suche nach Menschen an Firmen aus. Aus staatlicher Macht wird ein Geschäftsmodell. Aus Verwaltung wird Jagdlogik. Aus Daten werden Kopfgeldstrukturen.

Parallel dazu wächst in den USA eine technische Infrastruktur, die das Ganze beschleunigt. Eine aktuelle Recherche des Guardian berichtet, dass ICE und die Grenzschutzbehörde CBP im Jahr 2026 Verträge mit Überwachungstechnik-Firmen im Umfang von 513 Millionen Dollar vergeben haben sollen. 2025 waren es demnach etwas über 310 Millionen Dollar, 2013 weniger als 50 Millionen. Genannt werden unter anderem Palantir und Anduril, also Unternehmen, die längst nicht mehr nur Software liefern, sondern an der Schnittstelle von Polizei, Militär, Grenze und Datenanalyse arbeiten.

Hier geht es nicht um ein einzelnes Programm und auch nicht um eine technische Spielerei. Hier entsteht ein Markt, dessen Ware nicht mehr ein Auto, ein Telefon oder eine Maschine ist. Die Ware ist der Mensch: sein Gesicht, seine Adresse, sein Bewegungsmuster, seine Kontakte, sein Aufenthaltsstatus, seine Wahrscheinlichkeit, am nächsten Ort gefunden zu werden.

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