Von Amalia von Gent – 18. Juli 2026
Der NATO-Gipfel in Ankara legte den Grundstein für eine neue Ära der Machtverhältnisse im östlichen Mittelmeerraum! Die Demokratie wurde dabei „vergessen“.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan blickt mit Genugtuung auf den NATO-Gipfel zurück, der vom 7. bis zum 8. Juli in Ankara stattfand. „Durch die Ausrichtung eines historischen Gipfeltreffens mit historischem Erfolg hat Ankara seine internationale Präsenz mehr denn je gestärkt“, sagte er nach einer Kabinettssitzung Anfang dieser Woche selbstsicher. Und er konkretisierte seine Ausführungen: In einer sich wandelnen Welt bestimme die Türkei «mit ihrer militärischen Stärke, ihrer strategischen Lage, ihrer diplomatischen Erfahrung und ihren Kapazitäten in der Rüstungsindustrie als einer der stärksten Akteure der NATO» diesen Wandel massgeblich mit.
Durchwegs zufrieden
Voller Lob zeigte sich auch Außenminister Hakan Fidan, der heute zweitmächtigste Mann im Land. Im Gespräch mit dem offiziellen Nachrichtensender TRT Haber nannte er den Gipfel „hinsichtlich seiner Organisation als auch hinsichtlich seiner Ergebnisse wahrhaft historisch“. Die Äußerungen des Verteidigungsministers Yasar Güler sowie des islamistischen Intellektuellen Ibrahim Kalin, des Chefs des Nachrichtendienstes (MIT), schlugen alle in dieselbe Kerbe. Die türkische Führungselite, die im letzten Jahrzehnt öfters durch ihre betont anti-westliche Rhetorik auffiel, zeigte sich vom Resultat dieses NATO-Gipfels durchwegs zufrieden.
Was geschah also genau in Ankara?
Für den 36. NATO-Gipfel reisten die Staats- und Regierungschefs aller 32 NATO-Mitgliedstaaten hin. Sie wurden von rund 100 Ministern und hochrangigen Diplomaten begleitet, sowie von Vertretern internationaler Organisationen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und der syrische Präsident Ahmad al-Sharaa traten ebenso die Ankara-Reise an. Selten zuvor war ein NATO-Gipfel von so vielen Teilnehmern besucht. Aus ersichtlichen Gründen: Nur kurz vor dem Gipfel hatte Donald Trump einmal mehr eine Fortsetzung der angeblich einseitigen Beziehung der USA zur NATO «lächerlich» genannt und offengelassen, ob er überhaupt daran teilnehmen wolle.
Recep Tayyip Erdoğan empfing erleichtert den launischen Gast aus den USA auf der Landebahn, begleitet von Dutzenden berittener Wachen. Eine Militärkapelle spielte die amerikanische Nationalhymne, Kanonenschüsse hallten wider und Kampfflugzeuge flogen vorbei und hinterließen Spuren aus rotem, weißem und blauem Rauch. Dieser sprach plötzlich viel von «Liebe, die in der Luft liege». Der befürchtete Bruch innerhalb der NATO konnte in erster Linie offenbar dank der persönlichen Beziehung zwischen Erdoğan und Trump abgewendet werden.
Eine beinah perfekte Bühne
Der türkische Präsident sah sich in seinen Machtambitionen bestätigt. Seit seinem Amtsantritt als Präsident träumt Erdoğan groß. Die westliche Presse sagt ihm oft nach, er strebe eine Wiederherstellung des ehemaligen osmanischen Reichs an, das sich vom Balkan über die heutige Türkei und den Nahen Osten bis nach Nordafrika erstreckte. Dieser Vergleich greift jedoch zu kurz.
Die Führungselite in Ankara strebt vielmehr ein Einflussgebiet unter türkischer Kontrolle vom Nahen Osten bis nach Afrika, vom Südkaukasus bis zu Zentralasien an. Es handelt sich dabei um ein imperiales Projekt. Sichtbare Zeugen des neuen türkischen Selbstverständnisses sind die Bauten, die im Raum der türkischen Hauptstadt entstehen: Wie beispielsweise das Gebäude des türkischen Geheimdienstes (MIT) oder der halbfertige Megakomplex des türkischen Hauptquartiers mit dem Namen «Ay Yildiz» (zu Deutsch «Mondstern»), der noch größer werden soll als das entsprechende Gebäude in den USA. Dazu gehört auch eine Rüstungsindustrie, die mit Hochgeschwindigkeit ausgebaut wird. Ebenso der prunkvolle Präsidentenpalast mit den 1000 Zimmern, der bei diesem NATO-Gipfel so etwas wie eine «perfekte Bühne» für den Austausch der Gästen diente. Viele, europäische Bündnispartner waren von all dem beeindruckt.