Interview mit Fjodor Lukjanow. Interview: Anna Cherkasova – 18. Juli 2026

In Russland wird immer deutlicher gesagt, dass Europa de facto bereits mit Russland im Krieg ist, und dass Russland darauf irgendwann entsprechend reagieren muss.
Ich warne seit langem davor, dass die offene Beteiligung der Europäer am Krieg gegen Russland irgendwann dazu führen muss, dass Russland entsprechend antwortet. Es ist ja nicht nur so, dass Polen, die Baltenstaaten und Finnland die Ukraine nicht daran hindern, ihre Lufträume für Angriffe auf Ziele in Russland zu nutzen, sondern offensichtlich werden Drohen für Angriffe auf Russland auch in den Baltenstaaten gestartet.
Und als wäre das noch nicht genug, werden die Drohnen und Raketen, die in Russland einschlagen ganz offiziell in Europa hergestellt und von Europa bezahlt. Und da die Ukraine keine eigene Satellitenaufklärung hat, muss man kein Hellseher sein, um zu verstehen, wer der Ukraine dafür die Ziel- und Aufklärungsdaten liefert, zumal die Staaten des Westens das ja auch gar nicht verheimlichen.
Der russische Experte Karaganow fordert schon lange, dass Russland auf die kleinen Eskalationsschritte, die von der Lieferung von Schutzwesten im März 2022 zur Lieferung von Panzern, Langstreckenraketen und Kampfjets geführt haben, von Beginn an hart hätte reagieren müssen. Und zwar notfalls sogar mit dem Einsatz einer Atomwaffe, um den Europäern zu zeigen, dass Russland es ernst meint.
Inzwischen geben immer mehr russische Experten Karaganow Recht und gestehen ein, dass – wenn die russische Regierung 2022 auf ihn gehört hätte – der Krieg wahrscheinlich schnell geendet hätte, weil der Westen sich dann nicht getraut hätte, sich so offen an dem Krieg zu beteiligen. So interpretieren die Europäer die russische Geduld jedoch als Schwäche und fühlen sich bemüßigt, immer offener am Krieg gegen Russland teilzunehmen.
Nun hat Fjodor Lukjanow, der Chef der berühmten Waldai-Konferenz und einer der führenden russischen Geostrategen, in einem Interview in diesen Chor eingestimmt, was deshalb bemerkenswert ist, weil Lukjanow eigentlich bekannt für seine deeskalierende Haltung ist. Thomas Röper hat das Interview übersetzt.
Fjodor Lukjanow: Halbherzige Maßnahmen reichen nicht, denn Europa verheimlicht nicht mehr, dass es Krieg gegen Russland führt
Während die Europäer entspannt Kaffee trinken und ihre Staatschefs Krieg „spielen“, haben die USA beschlossen, das Andenken an ihren wichtigsten Falken, Lindsey Graham, durch die Annahme ihres härtesten Sanktionsgesetzes gegen Russland zu verewigen. Der Westen hat keine Angst mehr vor roten Linien mehr, was bedeutet, dass es an der Zeit ist, dass Russland nun auch Ziele außerhalb der Ukraine angreift.
Fjodor Lukjanow, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, äußerte sich dazu in einem Interview mit Ukraina.ru.
Die EU wird Wehrpflichtigen aus der Ukraine ab März 2027 nicht mehr als Flüchtlinge aufnehmen, wie der Pressedienst des Rates der EU am 15. Juli mitteilte.
Bereits am 14. Juli hatte Donald Trump während eines offiziellen Treffens mit dem irakischen Premierminister Ali al-Zaidi im Weißen Haus den vom verstorbenen Lindsey Graham eingebrachten Gesetzentwurf zu Sanktionen gegen Russland kommentiert: „Es besteht eine gute Chance, dass das geschieht.“
Frage: Die neue Fassung von Grahams Gesetzentwurf scheint hinsichtlich der Sekundärsanktionen gegen China und Indien abgeschwächt. Kann man sagen, dass die Versuche, Russland zu isolieren, gescheitert und die USA zum Rückzug gezwungen sind?
Lukjanow: Über diese Sanktionen wurde lange gesprochen. Der verstorbene Senator Graham hat im vergangenen Jahr wiederholt erklärt, alles sei bereit und der Präsident stehe kurz vor der Unterzeichnung des Dokuments, doch dann ist alles „im Sande verlaufen“. Nun könnte sein unerwarteter Tod seltsamerweise als Katalysator dienen: Trump hat bereits erklärt, dass das Andenken an eine so herausragende Persönlichkeit bewahrt werden müsse. Daher gehe ich davon aus, dass das Gesetz verabschiedet wird.
Die Besonderheit der amerikanischen Planung liegt darin, dass Graham ein Meister der Inszenierung war. Das Ziel ist es, „unerschütterliche Entschlossenheit“ zu demonstrieren. Gleichzeitig agieren die Amerikaner jedoch sehr vorsichtig, um ihre eigenen Interessen nicht zu gefährden. Anders als die Europäer, die sich eher von politischen Parolen leiten lassen, meiden die USA [bei Sanktionsgesetzen] sorgfältig Themen, bei denen sie auf Russland angewiesen sind.