Warum die EU die Türkei nun als „Feind“ betrachtet

Von Peter F. Mayer – 23. April 2026

Man muss den geopolitischen Zyklen nur aufmerksam folgen, um zu erkennen, dass wir uns in einer Phase der massiven Destabilisierung befinden. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat bei einer Rede zum 80. Jubiläum der [Wochenzeitung Die] Zeit in Hamburg die diplomatische Maske gegenüber der Türkei fallen gelassen.

Mit der Aussage, Europa müsse „die Vervollständigung des europäischen Kontinents“ sicherstellen, damit dieser nicht unter den Einfluss von „Russland, der Türkei oder China“ falle, hat sie die Türkei – einen nominellen NATO-Partner – in eine Reihe mit den erklärten strategischen Rivalen des Westens gestellt. Die EU verschiebt ihre Haltung gegenüber der Türkei radikal – von einem strategischen NATO-Partner, wobei die EU ja mittlerweile deckungsgleich mit der NATO ist, zu einer Bedrohung, die man mit Russland und China in einen Topf wirft. Genau diese Entwicklung hat Ursula von der Leyen mit einer einzigen Aussage in Hamburg öffentlich gemacht und damit den Bruch sichtbar werden lassen. Statt Allianz: Misstrauen. Statt Kooperation: geopolitische Abgrenzung. Das ist nicht nur ein diplomatischer Fauxpas – das ist der nächste Schritt in einem sich ausweitenden Kriegscyclus, der Allianzen auflöst und neu definiert.

Diplomatischer Tabubruch als System-Signal

Was Leyen hier betreibt, ist nicht ein bloßer „Versprecher“, wie es die nachgeschobenen Klarstellungen der Kommission verzweifelt zu suggerieren versuchen. Es ist das Signal einer neuen geopolitischen Realität. In den Augen der Brüsseler Eliten ist die Türkei kein Partner mehr, sondern eine Bedrohung für das „europäische Projekt“.

Und es hat weiter reichende Konsequenzen und Implikationen:

Am selben Tag, an dem die EU erneut versagt, ihren Einfluss zu nutzen, um Israel zu bremsen, erklärt von der Leyen: „Wir müssen Erfolg haben, den europäischen Kontinent zu vollenden, damit es nicht von russischem, türkischem oder chinesischem Einfluss geprägt wird.“

Die Türkei wird erstmals in dieselbe Kategorie wie Russland und China gestellt: eine systemische Bedrohung, gerade als auf der anderen Seite des Mittelmeers ein imperialistischer Krieg, angeheizt von religiösem Fanatismus, tobt.

Und das geschieht genau in dem Moment, in dem Netanyahu seinen Feldzug gegen die Türkei eskaliert.

Wie die Türkei von der Mehrheit der Europäer als größere Bedrohung denn Israel gesehen werden kann, ist ein Rätsel.

Das ist liberaler Nationalismus, der seine Verankerung und seine Logik der „Clash of Civilizations“ entblößt.

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