Von Ralf Wurzbacher – 18. September 2026
Stuttgart 21 ist mehr als nur Pleiten, Pech und Pannen. Errichtet wurde ein gigantisches Lügengebäude mit ausufernden Kosten und fehlender Sicherheit. Nun ist klar: Selbst am Fundament waren Betrüger am Werk. Der Stresstest, der die Leistungsfähigkeit des Bahnprojekts beweisen sollte, war nur ein Gefälligkeitsgutachten – damit die Bürger beim Volksentscheid ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen. Das haut den dicksten Elch um. Aber weitergebaut wird trotzdem.
Wer erinnert sich noch? An den legendären Elchtest. Oktober 1997, Mercedes hatte gerade seinen ersten Kompaktwagen, die A-Klasse, auf den Markt gebracht. Journalisten aus Schweden stellten das Modell auf die Probe. Unter anderem prüften sie die Fahrstabilität, anhand eines doppelten Spurwechsels bei zügiger Fahrt und ungebremst, zuerst nach links, dann nach rechts. Einen patenten Pkw wirft das nicht aus der Bahn. Anders das kleine Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst. Der Mini-Benz kippte einfach um und landete auf dem Dach, wie ein Käfer. Peinlich! Aber Mercedes kriegte doch noch die Kurve: Man stoppte die Auslieferung, baute das Auto um und versah es serienmäßig mit dem Elektronischen Stabilitätsprogramm (ESP), das danach weltweit zum Standard wurde. Und die A-Klasse schaffte es zum Verkaufsschlager. So gab es nach einer Pleite am Ende doch nur Gewinner.
Beim sogenannten Stresstest zu Stuttgart 21 verhielten sich die Dinge genau umgekehrt. Fachkundige Kritiker bezweifelten von Beginn an den von den Verantwortlichen behaupteten technischen Mehrwert des Bahnprojekts. Vor allem erachten sie den im Stuttgarter Boden begrabenen Tiefbahnhof als viel zu klein, um den Erfordernissen zu genügen. Die 2011 von Experten aus der Schweiz vorgenommene Untersuchung – der Stresstest – nahm den Gegnern den Wind aus den Segeln. Ihr Gutachten bescheinigte dem geplanten unterirdischen Durchgangsbahnhof, in der Spitzenzeit 30 Prozent mehr Verkehr mit guter Betriebsqualität zu bewältigen als der bestehende Kopfbahnhof. Prüfung bestanden, Bravo. Aber mit welchen Konsequenzen?
Größter Flop der Eisenbahnhistorie
Das Ergebnis lieferte die Legitimation, die die Macher brauchten, um sich beim anschließenden Volksentscheid grünes Licht für den Weiterbau S21 von den Bürgern Baden-Württembergs geben zu lassen. Das taten sie, mit deutlicher Mehrheit, ohne zu ahnen, was sie damit anrichten. Es folgte ein Debakel ohne Ende: Pfusch am Bau, ständige Verzögerungen, „Kostenexplosionen“ in Serie, Flickschusterei mittels „Ergänzungsprojekten“, etliche verpasste Eröffnungstermine. Dazu eine wohl zwei Jahrzehnte währende Lähmung des Stuttgarter Bahnknotens, die auf den Betrieb in ganz Deutschland ausstrahlt, ewiges Verkehrschaos, ein am Ende mit fast 100 Kilometern Tunneln durchwühlter Untergrund in Stuttgart und Umgebung, was Geologen Angst und Schrecken bereitet. Kurzum: Der größte Flop in der Eisenbahnhistorie – im weltweiten Maßstab. Und das alles nur, weil seinerzeit ein Test gemeistert wurde.
Von wegen. Zu den vielen schon überlieferten Lügen im Zusammenhang mit der Durch- und Umsetzung des Projekts gesellt sich neuerdings die Mutter aller Lügen: Der Stresstest war eine Täuschung, ein Gefälligkeitsgutachten. 15 Jahre später ist der ehemalige Chef des ausführenden Schweizer Verkehrsberatungsunternehmens SMA, Werner Stohler, mit der Wahrheit herausgerückt.