Von Karin Leukefeld – 19. Mai 2026

Karin Leukefelds Berichte sind keine wertlosen Produkte einer Schreibtisch-Täterin. Im Gegenteil! Sie hat viele Jahre in Syrien gelebt und hat dabei auch den Libanon oft besucht – und das auch jetzt wieder: Eben war sie wieder ein paar Wochen im Libanon und hat das Elend der Bevölkerung, das Israel mit seinen Bombardierungen unaufhörlich verursacht, mit eigenen Augen gesehen und teilweise auch fotografieren können. (cm)
„Warum passiert das mit uns, was machen die mit uns, wie lange soll das noch dauern?“ J. ist blass, das Kopftuch ist eng ums Gesicht gebunden, es fällt ihr schwer, die Tränen zurückzuhalten. Die Mitfünfzigerin ist ganz in schwarz gekleidet. Während des Krieges hat sie ihre Mutter verloren, die sie Jahrelang mit Hingabe gepflegt hatte.
Als Israel Anfang März begann, Libanon Tag und Nacht zu bombardieren, hatten sie, ihr Mann und die Tochter ihr Haus im Südlibanon verlassen. Mit den Familien ihres Schwagers und ihres Bruders waren sie nach Jezzine geflohen. Die Stadt liegt hoch in den Bergen inmitten von Pinienwäldern, Weinbergen und Obstgärten und ist ein beliebter Ausflugsort. Ferienwohnungen, die dort angeboten werden, wurden schon im Krieg 2024 Zufluchtsort für Familien aus dem Süden. Auch die Familie von J. war dort während des Krieges 2024, wo ein Familienangehöriger – der Ehemann der Tochter ihres Schwagers – eine Wohnung hat.
Doch als die Wohnung mit immer neu ankommenden Familienmitgliedern zu eng wurde, zogen J., ihr Mann und ihre Tochter weiter in den Norden in den Gebirgsort Beisour, wo eine befreundete Familie ihnen Zuflucht gewährte. Ihre Mutter reiste mit ihnen, trotz der Strapazen, die für die 85-jährige bettlägerige Frau mit der langen Fahrt verbunden waren.
Christen und Drusen in Beissour hatten schon 2024 die Inlandsvertriebenen aus dem Süden willkommen geheißen. J., ihr Mann und die Tochter waren froh über die erneute freundliche Aufnahme. Mitte März verstarb ihre Mutter und es war nicht einfach, die Genehmigung zu erhalten, während des Krieges in das Heimatdorf im Süden zurückzukehren, um die Mutter zu bestatten. Nicht alle Familienangehörigen, die in alle Winde vertreut waren, konnten kommen. Unmittelbar nach einer kurzen Zeremonie kehrte J. mit Familie zurück nach Beisour, wo sie bis zum 17. April blieben. An dem Tag sollte eine Waffenruhe beginnen, die US-Präsident Donald Trump ausgerufen hatte. Besser wäre vielleicht zu sagen, die er angeordnet hatte. Israel hielt sich nicht daran und Einheiten der Hisbollah widersetzten sich, mit Drohnen, Raketen und Sprengsätzen am Straßenrand gegen die feindlichen Militärfahrzeuge, dem Einmarsch der israelischen Armee auf das libanesische Territorium. Die massive Vertreibung der Bevölkerung setzt Israel inzwischen noch massiver und völlig ungestraft mit Kampfjets und Drohnen, mit Artilleriebeschuss und der systematischen Zerstörung von Wohnhäusern und Dörfern fort.