Der Schlag blieb aus – die deutsche Verstrickung nicht

Von Sabiene Jahn – 29. April 2026

Friedrich Merz und Wolodymyr Selenskyj bei ihrem Treffen in Berlin am 14. April 2026. Das Gespräch drehte sich um gemeinsame Drohnenproduktion, Verteidigungskooperation und strategische Partnerschaft. Deutschland positioniert sich als Organisator von Kriegsfähigkeit.

Deutschland erscheint von außen immer weniger als zurückhaltender europäischer Staat und immer mehr als militärischer Taktgeber. Wenn es heute als militärische Führungsmacht Europas gelesen wird, dann hat das Gründe. Sie liegen nicht nur in Berlin, Kiew oder Ramstein. Sie finden sich in Exportakten, in Raketenabwehrdeals und in einer Sonderbeziehung zu Israel, die älter ist, als die Bundesrepublik in ihrer heutigen Selbsterzählung wahrhaben will.

Man muss die Wortwahl des US-Analysten Gilbert Doctorows nicht übernehmen, um den Alarmton dahinter ernst zu nehmen. Seine Diagnose ist grob, aber sie verweist auf einen Widerspruch, der sich nicht mehr wegreden lässt. Deutschland tritt in der Ukraine offen als militärischer Dauerpartner auf und behauptet im Kriegskomplex Israel–USA–Iran zugleich, es halte sich heraus. Diese Doppelrolle macht jedoch die deutsche Frage dieses Krieges aus.

Als Friedrich Merz vor mittlerweile zwei Wochen in Berlin mit Wolodymyr Selenskyj über Drohnenproduktion, Verteidigungskooperation und strategische Partnerschaft sprach, war das nicht bloß ein weiterer Termin im Protokoll eines europäischen Krieges. Es war die Szene eines Landes, das sich als Organisator von Kriegsfähigkeit präsentiert. Von hier aus wird auch die deutsche Rolle im Nahen Osten lesbar. Denn wer im einen Krieg auf Dauerbindung, Rüstungsproduktion und militärische Verstetigung setzt, kann im anderen nicht glaubwürdig die Pose des unbeteiligten Beobachters einnehmen. (1)

Doctorow spricht von zwei parallelen Kriegen. Einem ‚Forever War‘ im Nahen Osten und einer europäischen Verlängerung des Krieges in der Ukraine. Das ist polemisch formuliert. Der strukturelle Punkt aber trägt. In beiden Konflikten erscheint Deutschland als Finanzierer, Ausrüster, Transitstaat, Käufer, politischer Rückhalt und industrieller Verstärker. Deshalb ist der deutsche Satz von Zurückhaltung auch irreführend.

Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte fast im selben Atemzug eine Liste europäischer Produktionsstandorte, die es als Teil der ukrainischen Drohnenkriegsführung betrachtet. „Reuters“ nannte Betriebe in Großbritannien, drei Standorte in Deutschland, Spanien, Italien, Israel und Polen. In den veröffentlichten Listen tauchen unter anderem London, München, Riga, Vilnius, Prag, Madrid, Venedig und Haifa auf. Dmitri Medwedew erklärte anschließend, solche Standorte könnten zu legitimen militärischen Zielen werden. Genau an diesem Punkt verlässt deutsche Politik die Sphäre wohlfeiler Solidaritätsrhetorik. Wer Kriegsfähigkeit organisiert, darf sich nicht darüber täuschen, dass andere ihn bereits als Teil der Kriegsinfrastruktur lesen. (2)

[Hier weiterlesen]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.