Hamburg im Krieg (II)

Von German-Foreign-Policy.com – 25. September 2026

Bundeswehr und zivile Organisationen trainieren seit dem gestrigen Donnerstag drei Tage lang das Verlegen von Truppen über Hamburg an die NATO-Ostflanke. Proteste sind angekündigt.

Hamburg: Ruinen im Arbeiterviertel der Stadt. Zentralbild/XIII von Bundesarchiv, Bild 183-V00294-3 / CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Seit dem gestrigen Donnerstag trainieren die Bundeswehr und zivile Organisationen in Hamburg den Durchmarsch von Truppen an die NATO-Ostflanke. Zugrundeliegendes Szenario ist bei dem Manöver Red Storm Charlie eine Mobilmachung ins Baltikum noch vor einem russischen Angriff und damit auch noch vor dem Ausrufen des Spannungs- und Verteidigungsfalls – und das heißt: ohne die Aktivierung der Notstandsgesetze, die im Inland eine massiv verschärfte Repression erlauben. Nach Angaben der Bundeswehr konnte der Kreis der teilnehmenden Organisationen im Vergleich zum Vorjahresmanöver Red Storm Bravo ausgebaut werden. Unter anderem sind mehrere Polizeibehörden, die Feuerwehr, der Hamburger Hafen, der Flughafen, das Universitätsklinikum und zahlreiche Privatunternehmen involviert. Die Bestrebungen, die deutsche Gesellschaft kriegstüchtig zu machen, kommen dabei nicht allein aus dem Militär oder von staatlichen Behörden. So wirbt beispielsweise der Handelskonzern Edeka mit dem Verkauf eines „Notfallrucksacks“ für die Umsetzung der Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Die Hamburger Handelskammer bietet eine Übung namens Red Storm Business an.

Mitten in der Großstadt

Kern der Manöverserie Red Storm, die vor zwei Jahren mit Red Storm Alpha begann und im vergangenen Jahr mit Red Storm Bravo fortgesetzt wurde, ist das Erschließen „ziviler Unterstützungsleistungen“ für die militärische Mobilmachung in Richtung Russland.[1] Laut Bundeswehr trainieren insgesamt 500 Soldaten mit schwerem Gerät das Verlegen an die Ostfront. Das Manöver findet dabei nicht nur auf Truppenübungsplätzen, sondern mitten im zivilen Leben statt. Im Anschluss an Red Storm Bravo hätten seine Soldaten „gegrinst“ und wären „total begeistert“ gewesen, „sowas endlich mal zu üben“, resümiert Oberstleutnant Jürgen Bredtmann vom zuständigen Hamburger Landeskommando der Bundeswehr: „Auf dem Übungsplatz im Auto in der Kolonne zu fahren ist natürlich was ganz anderes als hier in urbanem Gelände“.[2] Sogenannte freilaufende Übungen dieser Art werden immer häufiger durchgeführt.

Zwischen Frieden und Krieg

Die militärischen Kolonnenfahrten durch das Hamburger Stadtgebiet will die Armee laut Angaben von Oberstleutnant Bredtmann hauptsächlich nachts durchführen – „denn wenn wir eine Fahrzeugkolonne durch den Berufsverkehr bringen wollen am Freitag Nachmittag, dann wird das schwierig – zumindest in Friedenszeiten. Im Ernstfall geht das vielleicht ein bisschen einfacher“.[3] Die deutsche Verfassung erlaubt staatlichen Stellen im Kriegsfall, mit umfangreichen Sonderbefugnissen Zivilisten und Unternehmer zu Arbeits- und Sachleistungen im Dienste des Militärs zu verpflichten – etwa Betriebsgelände zum Rastplatz für Militärfahrzeuge umzufunktionieren, zivile Lkw zu beschlagnahmen oder medizinisches Personal zur Arbeit im Lazarett zu zwingen. Auch die repressiven Handlungsspielräume werden dann größer – bis hin zum verfassungskonformen Einsatz der Armee gegen Aufständische. Mit Red Storm Charlie trainiert die Armee nun allerdings ausdrücklich die „vorsorgliche [!] Verlegung militärischer Kräfte in Richtung des östlichen Bündnisgebiets“ – also die Mobilmachung in Richtung Osten, ohne dass zuvor der so oft heraufbeschworene russische Angriff stattgefunden hätte. Bei der Bundeswehr heißt es zu Red Storm Charlie: „Im dargestellten Szenario liegt noch kein vom Deutschen Bundestag festgestellter Spannungs- oder Verteidigungsfall vor, wir befinden uns also juristisch weiterhin im Frieden.“[4]

[Hier weiterlesen]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.