Dissonanzen

Von Moshe Zuckermann – 25. Juli 2026

Bild: Montecruz Foto, CC BY-SA 3.0

Warum Deutsche aus der Fassung geraten, wenn israelische Intellektuelle über die Entwicklung im eigenen Land entsetzt sind und darüber berichten.

Oft wird die Frage gestellt, warum israelische Intellektuelle und Aktivisten nach Deutschland reisen, um ihre kritische Sicht des Zustands in ihrem Land und des Nahostkonflikts einem nichtisraelischen Publikum darzulegen. Die Antwort darauf ist denkbar einfach: Weil sie um ihr Land besorgt sind. Entsprechend treten sie auch in Israel kritisch auf, kämpfen um dessen Emanzipation (und zahlen im heutigen Israel einen nicht geringen öffentlichen Preis dafür). Und weil sie über die Entwicklung im eigenen Land entsetzt sind, mithin die Hoffnung verloren haben, dass die israelische Bevölkerung es noch aus eigener Kraft schafft, den herrschenden Zustand umzuwälzen und den Frieden herbeizuführen, wenden sie sich an Öffentlichkeiten im Ausland, in der fahlen Zuversicht, dass eventuell „von dort“ die „Erlösung“ kommen mag. In Israels politischer Kultur ist dieses Vorgehen der Hinwendung zum Ausland mitnichten ungewöhnlich: Israel war seit seinem Anbeginn ein Land, das offiziell auf Spender und Sponsoren – seien es Juden in aller Welt, seien es geopolitische Schutzmächte, allen voran die USA – zählte.

Interessanter ist indes die Frage, was gewisse Deutsche derart aus der Fassung geraten lässt, wenn die israelischen Intellektuelle und Aktivisten in Deutschland auftreten, dass sie meinen, sie besudeln und mit orchestrierten Schmutzkampagnen verleumden zu dürfen, auf dass deren Aktivität lahmgelegt bzw. völlig delegitimiert wird. Auch darauf ließe sich eine einfache Antwort geben: Weil sie um Israels Wohl besorgt sind und in der massiven Kritik an seiner Politik Antisemitismus gewahren.

So bleibt auch der antizionistische Verein Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost im Visier des deutschen Inlandsgeheimdienstes. Im Verfassungsschutzbericht für 2025 erscheint der Verein dieses Mal sogar groß mit Logo als „gesichert extremistisch“. Der Grund: Er protestiert gegen deutsche Beihilfe für Israels fortgesetzten Massenmord an der Bevölkerung in Palästina. (Hinzufügung der GG-Redaktion)

Diese Antwort ist allerdings verlogen: Denn besagte Deutsche scheren sich für gewöhnlich einen feuchten Kehricht um Israels Wohl; sie wissen kaum, was in diesem Land sich real zuträgt, oft genug haben sie das Land noch nie besucht, und wenn sie sich bequemt haben, es aufzusuchen, haben sie sich von jenen Leuten und Instanzen ins Bild setzen lassen, die sie mit all dem ausgestattet haben, was sie dann in ihrer perfiden Agitation in Deutschland gegen die israelischen Intellektuelle und Aktivisten in Anschlag bringen. Die sie „informiert“ haben, sind auch jene, die die Kritiker Israels im eigenen Land verfolgen bzw. jenes politische Elend generieren, das Gegenstand der jüdischen Kritiker geworden ist. Nicht auszuschließen, dass die deutschen Agitatoren in ihrer Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden Deutschlands von der israelischen Botschaft propagandistisch angeleitet, funktionalisiert und – wer weiß? – vielleicht auch von dieser bezahlt werden.

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