»Die Schwierigkeit besteht darin, den Dialog ohne Vorurteile anzugehen«

Von Thomas Kaiser und Jacques Baud – 14. Juli 2026

Aufgrund seiner beruflichen Erfahrung erlaubte sich Jacques Baud eine eigene Beurteilung der militärischen Situation – und wurde per Dekret zum Schweigen gebracht. (Foto Christian Müller)

»Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, in der Ukraine und im Iran Frieden zu schaffen«. Das sagt Jacques Baud, der in Brüssel lebende Schweizer Diplomatie-Spezialist, der von der EU sanktioniert wurde und noch immer sanktioniert ist, weil er Meinungen vertritt, die der EU nicht schmecken. Aber wer ihn in Brüssel besucht, kann mit ihm reden. Das hat Thomas Kaiser getan, der seinerseits die Schweizer Zeitschrift Zeitgeschehen im Fokus herausgibt. Hier das Interview: (cm)

Zeitgeschehen im Fokus: Die Schweiz hat seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs den Weg der Neutralität immer weiter verlassen. Bundesrat Cassis war und ist hier sicher eine treibende Kraft, der auch verschiedene Varianten von Neutralität kreiert hat wie zum Beispiel die «kooperative» Neutralität oder die »flexible «Neutralität. Welche Bedeutung hat die Neutralität heute noch?

Jacques Baud: Wer die Neutralität der Schweiz verstehen will, muss die Geschichte unseres Landes in all ihren Facetten kennen. Die Grundlagen der modernen Schweizer Neutralität reichen bis ins Jahr 1815 zurück. Die europäischen Grossmächte – Preussen, Österreich, Russland, Frankreich und Grossbritannien – haben auf dem Wiener Kongress die Selbstständigkeit der Schweiz mit der Neutralität verknüpft. Um selbstständig und souverän zu werden, musste die Schweiz akzeptieren, neutral zu sein. Indem sie der Schweiz die Neutralität auferlegten, verliehen die Grossmächte ihr nicht nur einen Status, sondern auch eine Aufgabe im Interesse der Sicherheit ganz Europas.

Zeitgeschehen im Fokus: Was wurde von der Schweiz erwartet?

Jacques Baud: Über Jahrhunderte hinweg wurde das Schweizer Gebiet von verschiedenen europäischen Mächten genutzt, um ihre Rivalen anzugreifen und die Kontrolle über strategisch wichtige Alpenpässe zu erlangen. Die Schweiz hatte dadurch die Verpflichtung, ihr Territorium zu verteidigen. Unsere Neutralität diente also den umliegenden Staaten. Das ist der Hintergrund unserer bewaffneten Neutralität. Das ist sehr wichtig und wird heute von vielen nicht verstanden. Dass niemand sich das Gebiet der Eidgenossenschaft einverleiben konnte, war zum Vorteil aller. 

Zeitgeschehen im Fokus: Neutralität wird heute häufig mit »Abschottung« oder »Egoismus« gleichgesetzt. Nach Ihren Darlegungen ist das unhaltbar. Dennoch operieren die Kritiker der Neutralität damit. 

Jacques Baud: Es ist wichtig zu verstehen, dass es die Neutralität selbst ist – nicht nur ihre »Begleiterscheinungen« wie die Politik der guten Dienste, Vermittlung und so weiter –, die einen Mehrwert für die europäische Sicherheit darstellt. Niemand erwartet von der Schweiz, dass sie in der Lage ist, die europäischen Mächte – heute beispielsweise die NATO – zu stärken. Ihre Fähigkeit, ihre Neutralität zu verteidigen, war hingegen ihr Beitrag zur kollektiven europäischen Sicherheit. 

Die Neutralität ist keine Art, sich aus der Welt zurückzuziehen. Im Gegenteil, es geht darum, sich zu engagieren. Nicht, um die Bemühungen anderer zu ergänzen, sondern um sie zu vervollständigen. Heute haben die Alpenpässe einen Teil ihrer strategischen Bedeutung verloren, aber in den Bereichen Politik und Völkerrecht könnte die Schweiz eine entscheidende Rolle spielen. Unsere Politiker haben ein Verständnis von Neutralität, das weder mit unserer Tradition noch mit den Realitäten des modernen Krieges etwas zu tun hat. Wer die von mir im Militärmuseum von Morges organisierte Ausstellung über die Rolle der Schweiz im geheimen Krieg während des Zweiten Weltkriegs besucht – geöffnet bis Dezember 2026 –, wird sehen, dass unser Land 1945 eine zentrale Rolle bei der Kapitulation der deutschen Truppen in Italien gespielt hat. Die seltsame Übereinstimmung mit der europäischen Politik im Ukraine-Konflikt zeigt, dass unser EDA nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen.

Unser Mehrwert besteht nicht darin, das politisch-militärische Schlachtfeld zu erweitern, sondern einen Raum für den Dialog zu schaffen, der frei von Konflikten ist. 

Angesichts der sich verschlechternden Lage in der Ukraine bemüht sich die EU derzeit um eine Wiederannäherung an Russland, weiss aber nicht, wie sie dabei vorgehen soll. Sie hat keine Strategie, keine Vorschläge, keine klare Linie. In dieser Situation hätte die Schweiz ihre Vermittlungsdienste anbieten können.

Heute haben wir die Möglichkeit zu vermitteln völlig aus der Hand gegeben. Im Nahen Osten übernehmen die Vermittlungstätigkeiten unter anderem Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien, Pakistan, Katar, Oman oder China. 

Sanktionen von der EU zu übernehmen, führte zu nichts. Auch haben sie gezeigt, dass sie kontraproduktiv sind. Der Krieg dauert an, die westlichen Volkswirtschaften haben sich vor allem selbst geschwächt. Da die Schweiz alles mitgemacht hatte, verlor sie die Möglichkeit, der Menschheit, dem Frieden und nicht der einen oder der anderen Seite zu dienen. 

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