Von Gaby Weber – 27. Oktober 2026

Am Sonntag hat der amtierende Präsident Lula da Silva die Stichwahl knapp gewonnen, und viele Staatschefs (darunter die Trump-Verbündeten wie der Kolumbianer Abelardo de la Espriella und José Antonio Kast aus Chile) haben ihm bereits gratuliert. Nur der US-Präsident hat sich noch nicht geäußert und eine bereits vorbereitete Message des State Departments zurückgehalten. Das verspricht nichts Gutes, unken die lateinamerikanischen Medien. Will auch er, wie der Wahlverlierer Flávio Bolsonaro, von Betrug reden und die Wahl anfechten? Wird er darauf verweisen, dass der Oberste Richter Cristiano Zanin die Wahlkabinen zwei Stunden länger öffnen ließ, weil die privaten Busunternehmen den Urnengang im Bundesstaat Bahia sabotiert hatten? Damit wird er kaum durchkommen. Zwar ist Zanin der frühere Anwalt Lulas und wurde von diesem nominiert, aber auch der Bolsonaro-Clan hatte mit Hinweis auf die heftigen Regenfälle im Süden des Landes längere Öffnungszeiten erbeten.
Man kann nur hoffen, dass Trumps Berater ihm einflüstern werden, dass es sich bei Brasilien nicht um Venezuela handelt – auch wenn die geographischen Kenntnisse bei den Entscheidungsträgern in Washington oft zu wünschen übriglassen.
Aber die wichtigere Frage ist, ob man sich über den Wahlsieg Lulas freuen soll oder nicht. Klar, sich über die Niederlage Bolsonaros und damit über die Ohrfeige für Trump, Milei und Bukele zu freuen, ist einfach; auch ich habe tief durchgeatmet; das Schlimmste wurde erst einmal verhindert. Aber welche Lehren sind aus diesem knappen Sieg zu ziehen? Denn immerhin sollte nicht vergessen werden, dass Bolsonaro stolze 60 Millionen Stimmen erhalten hatte. Und bei ihm handelt es sich um eine Person, die dem organisierten Verbrechen nahesteht, Korruptionsverfahren nur aufgrund von „Verfahrensfehlern“ überstanden hat und den Amazonasstaat den USA unterordnen will. War die Wut der Brasilianer auf den 80-jährigen ehemaligen Arbeiterführer wirklich so groß, dass sie auch so Jemandem ihre Stimme geben wollten?
Es war sicher ein Fehler, dass sich die Arbeiterpartei (PT) zu einer vierten Amtszeit Lulas entschieden hat und keinen Nachfolger aufgebaut hatte – so wie das in Mexika AMLO getan und eine glückliche Hand mit der Unterstützung von Claudia Sheinbaum bewiesen hat. Ist das Ego Lulas so groß, dass er niemanden neben sich dulden konnte? Die frühere Präsidentin, die PT-Politikerin Dilma Rousseff, leitet inzwischen die Brics-Bank und pendelt zwischen Shanghai und Brasilia; sein ehemaliger Finanz- und Wirtschaftsminister Fernando Haddad hatte im Oktober die Wahlen zum Gouverneur von São Paulo verloren.
Und warum fiel der Sieg in der Stichwahl so gering aus? Angesichts der Person Bolsonaros ist es fast schon beschämend, dass die beiden Kandidaten nur 4 Millionen Stimmen trennen. Wenn sein Gegenspieler wenigstens ein Fernando Henrique Cardoso gewesen wäre, von 1995 bis 2003 brasilianischer Präsident und angesehener Akademiker in aller Welt! Aber offensichtlich verfügt die lateinamerikanische Rechte über keine auch nur einigermaßen vorzeigbaren Personen, die die frühere Rechte durchaus hatte. So ist es wohl inzwischen um die repräsentative Demokratie bestellt. Ihr lag einst zugrunde, dass es die besten Söhne und Töchter einer Nation sind, die sich um das höchste Amt im Staate bewerben, und heute sind es die Mileis, die Bolsonaros und die Espriellas, deren Skrupellosigkeit und Keifereien an den Urnen goutiert wird.
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