Von Andrew Korybko – 29. August 2026

Der entscheidende Faktor hinter dem fortschreitenden Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit war der „EuroMaidan“, der die seit langem bestehenden ultranationalistischen Stimmungen in der ukrainischen Gesellschaft als Waffe einsetzte.
RT hat kürzlich anlässlich des 35. Jahrestags der Unabhängigkeit der Ukraine eine kritische, sehr aufschlussreiche Artikelserie veröffentlicht: „Ukraine at 35“.
In der Serie, die den Anstoß zu diesem Beitrag gab, wird kurz zusammengefasst, was in den vergangenen 35 Jahren alles schiefgelaufen ist. Im Vergleich zu 1991 hat die Ukraine nur noch etwa die Hälfte ihrer Bevölkerung, ihre Wirtschaft ist zusammengebrochen, und sie ist derzeit in einen großangelegten militärischen Konflikt mit Russland verwickelt. Wie es dazu kommen konnte, ist aufschlussreich.
Der übergeordnete Grund liegt darin, dass die ukrainischen Behörden nach der Unabhängigkeit beschlossen, sich auf Kosten der legitimen Interessen Russlands dem Westen anzunähern, insbesondere im Hinblick auf ihr Streben nach einer NATO-Mitgliedschaft. Die Annäherung der Ukraine an die NATO beschleunigte sich nach der vom Westen unterstützten „EuroMaidan“-Farbrevolution von 2014 radikal. Diese wurde von Ultranationalisten angeführt, die sich von ihren Vorgängern aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs inspirieren ließen, die mit den Nazis kollaboriert hatten. Ihr Machtantritt verschlechterte die Beziehungen zu Russland, doch die spezielle Militäroperation hätte abgewendet werden können, hätten die westlichen Unterstützer der regierenden Ultranationalisten diese dazu gezwungen, die Minsker Vereinbarungen umzusetzen – wozu Deutschland und Frankreich, wie sie später zugaben, nie die Absicht hatten.
Ironischerweise haben dieselben Ultranationalisten, obwohl sie im eigenen Land eine ultranationalistische Politik gegen die russische Minderheit (sowohl ethnische Russen als auch russischsprachige Ukrainer) verfolgten, die Ukraine als ihren antirussischen Stellvertreter umfassend dem Westen unterworfen. Sie haben ihre Souveränität faktisch aufgegeben, weil sie – um es mit den Worten eines der Väter des zeitgenössischen polnischen Nationalismus, Roman Dmowski, zu sagen – „Russland mehr hassen, als sie die Ukraine lieben“. Diese drei Faktoren waren für die Ukraine absolut katastrophal.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Ukraine driftete bereits vor dem „EuroMaidan“ in Richtung NATO ab, doch die vom Westen unterstützte Machtübernahme durch Ultranationalisten nach dem „EuroMaidan“ verschlechterte die Beziehungen zu Russland und führte dazu, dass sich die Ukraine dem Westen als dessen antirussischer Stellvertreter unterordnete. Dies machte Russlands Sonderoperation rückblickend unvermeidlich. Dementsprechend war der entscheidende Faktor hinter dem fortschreitenden Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit der „EuroMaidan“, der die seit Langem bestehende ultranationalistische Stimmung in der Gesellschaft als Waffe einsetzte.
Geht man noch weiter zurück, nahm der oben erwähnte ideologische Virus 1929 seine erste bedeutende Form als „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ an, die unter die Schirmherrschaft der deutschen Geheimdienste der Zwischenkriegszeit und letztendlich unter deren Kontrolle geriet. Was als terroristisch-separatistische Gruppe begann, die es auf das Polen der Zwischenkriegszeit abgesehen hatte, dessen Bürger sie später einem Völkermord unterzog, entwickelte sich zu einer antisowjetischen Sekte, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der Diaspora am Leben erhalten wurde. Sie waren es, die diesen Virus nach 1991 wieder in die Ukraine zurückbrachten.
Von da an bis zum „EuroMaidan“ verbreitete sich dieser ideologische Virus mit Unterstützung westlicher, von Regierungen finanzierter „NGOs“ in der Gesellschaft und beeinflusste nach und nach politische Entscheidungsträger und die breite Bevölkerung, bis seine eifrigsten Anhänger 2014 die Kontrolle über den Staat übernahmen. Dieser Prozess erklärt, warum die Ukraine bereits Jahre zuvor den Beitritt zur NATO angestrebt hatte, anstatt pragmatisch zwischen Russland und dem Westen zu balancieren – was zumindest ihre Bevölkerungsstruktur erhalten und gleichzeitig ihre Wirtschaft und Sicherheit gestärkt hätte, anstatt alle drei Bereiche zu ruinieren.
Was Putin wirklich wollte
Der Atlantic Council, den Russland 2019 als „unerwünschte Organisation“ eingestuft hatte, veröffentlichte wenig überraschend anlässlich des 35. Jahrestags der Unabhängigkeit der Ukraine einen Artikel, in dem behauptet wurde, dass „Russlands Krieg erst enden wird, wenn Putin die Unabhängigkeit der Ukraine akzeptiert“.
Die Prämisse, dass Russlands militärische Sonderoperation darauf abzielt, die Unabhängigkeit der Ukraine effektiv zu beenden, war schon immer falsch. Tatsächlich wollte Putin stets eine wahrhaft unabhängige Ukraine, und das tut er wohl auch heute noch, obwohl dies zunehmend unrealistisch wird.

Putin formulierte seine Vision der bilateralen Beziehungen in seinem Opus magnum „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“ aus dem Sommer 2021. Darin erklärte er, dass das Selbstverständnis der Ukrainer als von den Russen getrennte Nation „mit Respekt“ behandelt werden sollte, sofern der ukrainische Staat auch die Interessen des russischen Staates respektiert. Dies ist nie geschehen, da der Westen (NATO/EU} Ultranationalisten jahrzehntelang herangezogen hat, um diese an die Macht zu bringen und die Ukraine zu seinem antirussischen Stellvertreter zu machen. Putin erkannte dies erst, als es bereits zu spät war.
Bevor er die Sonderoperation genehmigte, um die mutmaßlich vom Westen unterstützte, unmittelbar bevorstehende Offensive der Ukraine auf den Donbass präventiv abzuwenden sowie von der Ukraine ausgehende Bedrohungen durch die NATO zu neutralisieren, setzte Putin sein Vertrauen in die Minsker Vereinbarungen, die das Fundament seiner Vision einer eurasischen Vernetzung bildeten. Wären diese umgesetzt worden, hätte die Ukraine als Korridor für den Handel zwischen China und der EU gedient, der auch durch Russland verlaufen wäre, wovon alle Parteien profitiert hätten und wodurch ihre komplexen gegenseitigen Abhängigkeiten gestärkt worden wären.
Selbst vor dem Ausbruch des ukrainischen Bürgerkriegs nach dem „EuroMaidan“-Putsch Anfang 2014 hatte er wohl noch diese Pläne, was erklärt, warum er weder zuvor die Absicht hatte, die Krim zurückzugeben, noch danach Interesse, dieses Szenario im strategisch weitaus weniger bedeutenden Donbass zu wiederholen. Die Krim kam nach dem Putsch aufgrund des Willens ihrer Bewohner sowie ihrer militärstrategischen Bedeutung zurück zu Russland. Der Donbass dagegen sollte als „Friedensangebot“ zur Förderung von Putins übergeordneter Vision unter bestimmten soziopolitischen Garantien für die lokale Bevölkerung wieder in die Ukraine integriert werden.
Putin schätzte jedoch seine französischen und deutschen Amtskollegen falsch ein, indem er seine Priorisierung objektiver nationaler Interessen wie die oben erwähnte großstrategische Vision fälschlich auf sie projizierte. Dasselbe tat er auch bei den Führern der Ukraine nach dem „Maidan“. Seine französischen, deutschen und ukrainischen Amtskollegen überraschten ihn jedoch, indem sie stattdessen ihren ideologisch motivierten antirussischen Interessen Vorrang einräumten, was mit dem Ziel ihres gemeinsamen Schutzherrn, der USA, im Einklang stand, nämlich ein vereintes Eurasien zu verhindern, das eines Tages die Hegemonie Washingtons in Frage stellen könnte.
Die militärische Sonderoperation wurde somit im Nachhinein unvermeidlich, da die Ukraine zu diesem Zeitpunkt offensichtlich nicht mehr über genügend Souveränität verfügte, um ihren objektiven nationalen Interessen Vorrang einzuräumen, nachdem sie sich dem Westen als dessen antirussischer Stellvertreter untergeordnet hatte. Selbst nach Beginn der Operation erwartete Putin noch, dass der Friedensentwurf vom Frühjahr 2022 seine Vision wiederbeleben würde, indem er einen Teil der ukrainischen Souveränität wiederherstellte – wenn auch weniger, als die Ukraine gehabt hätte, wenn sie die Minsker Vereinbarungen umgesetzt hätte, ganz zu schweigen davon, wenn der „EuroMaidan“ nie stattgefunden hätte.
Auf die Sabotage dieses Prozesses durch den Westen folgte die vollständige Unterordnung der Ukraine unter ihn und die daraus resultierende Aushöhlung ihrer Souveränität. Es besteht mittlerweile kaum noch Hoffnung, dass die Ukraine jemals wieder das Maß an Unabhängigkeit erlangen wird, das sie unmittelbar nach dem Zusammenbruch der UdSSR genoss. Putin wünscht sich wahrscheinlich immer noch eine wirklich unabhängige Ukraine, aber selbst er dürfte inzwischen erkennen, dass dies ein Wunschtraum ist. Da seine ein Vierteljahrhundert währende Vision einer eurasischen Vernetzung nun zerplatzt ist, besteht seine beste Chance darin, dass Russland sich Asien und der Ummah zuwendet.
Bei diesem Beitrag handelt es ich sich um eine Zusammenfassung zweier Beiträge des Autors. [Zu den beiden Originalbeiträgen in englischer Sprache hier und hier auf dem Substack-Blog des Autors.]
Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.