Von Michael Hollister – 11. Mai 2026

US-Präsident Donald Trump irritiert mit schnell wechselnden Absichtserklärungen und mit sich sogar widersprechenden Anordnungen und Aussagen. Aber hinter all dem gibt es auch einen Plan, der älter ist und nicht von Donald Trump „erfunden“ wurde. Michael Hollister hat eingehend recherchiert und macht die echten Erfinder der US-Strategie sichtbar. (cm)
1. Strategischer Einstieg
Im Sommer 2016 erschien bei der RAND Corporation eine Studie, deren Titel die analytische Kühle ihres Inhalts kaum verriet: „War with China – Thinking Through the Unthinkable“. David Gompert, ehemaliger Acting Director of National Intelligence, und seine Co-Autoren modellierten auf 116 Seiten vier Konfliktszenarien – niedrige und hohe Intensität, kurze und lange Dauer – über zwei Vergleichszeitpunkte: 2015 und 2025. Die Studie war keine Drohung. Sie war eine Bestandsaufnahme. Und sie enthielt einen Befund, der seither in keiner ernsthaften Strategiediskussion mehr fehlt: Bis 2025, so RAND, werde ein Krieg mit China „intense, highly destructive and yet protracted“ – verlustreich für beide Seiten, ohne klaren Sieger, mit kalkulierbaren Verlusten erst dann, wenn man ihn vermeidet.
Bis 2025. Geschrieben 2016.
Wir schreiben das Jahr 2026.
Wer in den vergangenen achtzehn Monaten amerikanische Außenpolitik beobachtet hat, ohne den Kalender daneben zu legen, hat das Wesentliche übersehen. Operation Absolute Resolve in Venezuela, Operation Epic Fury gegen Iran, die selektive Hormuz-Blockade, die Sanktionen gegen Hengli Petrochemical, das Verfassungsgerichtsurteil zu CK Hutchison in Panama, das Manöver Balikatan auf Luzon, der Ausbau von Quad und AUKUS, die Lastenverschiebung über das Fünf-Prozent-Ziel des NATO-Gipfels Den Haag – all das wirkt in der Tagesberichterstattung wie eine Aneinanderreihung von Einzelereignissen, getrieben von einem unberechenbaren Präsidenten und seinem Verteidigungsminister.
Es ist das Gegenteil. Es ist die Vollstreckung eines Plans, der in mehr als 30 Studien aus zwölf führenden amerikanischen Denkfabriken zwischen 2014 und 2026 niedergeschrieben wurde. Was die Trump-Administration seit Januar 2025 exekutiert, ist die Empfehlungsliste von RAND, Council on Foreign Relations, Heritage Foundation, Atlantic Council, Center for a New American Security, Center for Strategic and International Studies, Center for Strategic and Budgetary Assessments, Brookings, Carnegie Endowment, Quincy Institute, International Institute for Strategic Studies und American Enterprise Institute – abgearbeitet in einer Reihenfolge, die durch das Zeitfenster diktiert ist, das Gompert 2016 benannt hat.
Diese Analyse rekonstruiert, wie das Architektenkollektiv aus dem amerikanischen Think-Tank-Komplex die Eindämmungsstrategie gegen China entwickelt hat, welche sieben Empfehlungen sich quer durch alle Studien ziehen, und wie diese Empfehlungen in den Strategiedokumenten der Trump-Regierung – National Security Strategy Dezember 2025, National Defense Strategy Januar 2026 – Wort für Wort wieder auftauchen. Sie zeigt, an welchen Punkten die Empfehlungen bereits operative Realität sind. Was Trump als nächstes greifen wird – und welcher Mechanismus die Hand führt, die danach greift – ist dann Thema des zweiten Teils.
Wer Operation Pivot vom 01. Februar 2026 gelesen hat, kennt die These. Hier kommt der Beleg.
2. Architektenkollektiv: Wer sind diese zwölf?
Zwölf Denkfabriken, mehr als 30 Studien, ein Zeitraum von zwölf Jahren. Die Liste ist keine willkürliche Auswahl. Sie umfasst die zwölf Institutionen, die in Washington seit 2014 die strategische Debatte über China dominieren – gemessen an Auflage, Personal in der Drehtür zwischen Pentagon und Forschung, und an Zitationshäufigkeit in Regierungsdokumenten.
An der Spitze steht die RAND Corporation, gegründet 1948 als hauseigene Denkfabrik der U.S. Air Force, heute mit Forschungszentren in Santa Monica, Pittsburgh und Brüssel. RAND hat zwischen 2015 und 2025 mindestens neun Studien zur China-Frage veröffentlicht, von Eric Heginbothams „U.S.-China Military Scorecard“ 2015 über Gomperts „War with China“ 2016, „Conflict with China Revisited“ 2017, „China’s Quest for Global Primacy“ 2021 bis zu „U.S. Military Theories of Victory for a War with the PRC“ 2024 und „Economic Deterrence in a China Contingency“ 2025. RAND-Personal pendelt routinemäßig zwischen Forschungsstellen und Regierungsposten – Gompert selbst war von 2009 bis 2010 Acting Director of National Intelligence.
Der Council on Foreign Relations (CFR) lieferte 2015 mit Robert Blackwills und Ashley Tellis‘ „Revising U.S. Grand Strategy Toward China“ das Grundlagenpapier, das die analytische Wende von Engagement zu Eindämmung in der amerikanischen Außenpolitikelite eingeleitet hat. Blackwill, ehemaliger Botschafter in Indien und stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater unter Bush, knüpfte 2020 mit „Implementing Grand Strategy Toward China“ eine konkrete Umsetzungsanleitung daran.
Die Heritage Foundation ist die institutionelle Brücke zwischen konservativem Politikbetrieb und Trump-Administration. „The Prioritization Imperative“ von 2024, verfasst unter anderem von Alex Velez-Green, formuliert den heute in der National Defense Strategy NDS abgebildeten Kerngedanken: Das amerikanische Militär könne keine zwei großen Kriege mehr gleichzeitig führen, also müsse Washington Verbündete in Europa, Nahost und Korea zwingen, gegen Russland, Iran und Nordkorea selbst die Hauptlast zu tragen – damit alle US-Ressourcen für China verfügbar bleiben. Heritages „TIDALWAVE“-Kapitel von 2026 erweitert diese Logik um KI-gestützte Kriegssimulationen für einen China-Konflikt.
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