Wie bedeutsam war Bulgariens Wahlentscheidung?

Von Andrew Korybko – 21. April 2026

Wer mit nennenswerten – außen und innenpolitisch – Veränderungen in Bulgarien rechnet, der dürfte enttäuscht werden. Doch symbolisch gleicht der Sieg des russlandfreundlichen Rumen Radev die Niederlage Orbáns aus.

Die Koalition „Progressives Bulgarien“ des ehemaligen bulgarischen Präsidenten Rumen Radev haben bei den jüngsten Parlamentswahlen am Sonntag, den achten in den letzten fünf Jahren, mit sensationellen 44,7 Prozent der Stimmen einen Erdrutschsieg errungen.

Dies ist auf das Verhältniswahlrecht zurückzuführen, da kleinere Parteien die 4-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament nicht überwinden konnten. Die beiden nächstplatzierten Parteien erhielten nur 13,4 Prozent bzw. 13,2 Prozent.

Radev und seine Koalition „Progressives Bulgarien“ stehen, anders als der Name vermuten lässt, für einen Sozialkonservatismus ähnlich dem von Robert Fico in der Slowakei. Manche glauben, dass die Rückkehr des russlandfreundlichen Radev ein Schlag gegen die anti-russische und pro-ukrainische Linie der EU gewesen wäre, weil er einen pragmatischeren Kurs vertritt. Eine Niederlage hätte diese Politik hingegen gestärkt. Doch Radev wird es schwer haben. Der amtierende Ministerpräsident hat kurz vor den Wahlen ein umstrittenes zehnjähriges Militärabkommen mit der Ukraine durchgepaukt hatte, das Radevs außenpolitischen Spielraum deutlich einschränken könnte.

Trotzdem stellt seine Rückkehr an die Macht eine symbolische Niederlage für die EU dar – genauso wie die Niederlage des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán bei den jüngsten Wahlen eine symbolische Niederlage für Russland war. Ähnlich wie manche russische Experten die Folgen von Orbáns Abwahl für Russland herunterspielen, wird man wohl auch in Brüssel versuchen, die Konsequenzen von Radevs Sieg kleinzureden.

In Wahrheit ändert keines der beiden Ergebnisse etwas Grundlegendes. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow hatte bereits zu Orbán gesagt: „So oder so hätte die EU einen Weg gefunden, die Gelder freizugeben – mit oder ohne ihn.“ Und selbst wenn Radev das Militärabkommen mit der Ukraine kündigen würde (was er mit einer sechsmonatigen Frist schriftlich darf), könnte die EU Bulgarien „kreativ bestrafen“ – die Hebel, die Brüssel gegenüber dem Land hat, sind enorm.

Bulgarien ist nach wie vor arm und korrupt. Genau deswegen haben die Wähler Radev mit der ersten absoluten Mehrheit seit fast drei Jahrzehnten zurückgeholt – in der Hoffnung, dass er endlich aufräumt. Sollte die EU aus Rache die Mittel wegen Korruptionsvorwürfen kürzen, würde das das Land hart treffen. Es wäre dann nicht schwer vorstellbar, dass Radevs Koalition zerbricht, Neuwahlen ausgerufen werden und er selbst wieder abgesetzt wird. Er wird daher innerhalb enger Grenzen agieren müssen.

Zusammengefasst: Es ändert sich nichts Wesentliches. Die Symbolik eines russlandfreundlichen Führers, der genau dann zurückkehrt, als ein anderer abgesetzt wird, gleicht das Ergebnis dieser beiden „Schlachten“ wieder aus. Sowohl Russland als auch die EU werden versuchen, das Ganze zu ihren Gunsten zu drehen, aber faktisch bleibt der Status quo erhalten.

Der Blick richtet sich daher bereits auf die nächsten Parlamentswahlen in Armenien im Juni. Dort wird sich entscheiden, ob das Land den West-Kurs fortsetzt oder sich wieder stärker Russland zuwendet. Die erste Variante würde die westliche Einkreisung Russlands weiter vorantreiben, die zweite könnte Russlands ursprüngliche Rolle als Schutzmacht dieses Korridors wiederherstellen und die Einkreisung ausgleichen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

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