Welche Folgen hat die US-Entführung des Präsidenten von Venezuela?

Von Rainer Rupp – 4. Januar 2025

Larry Johnson, ein ehemaliger CIA-Analyst beschreibt die US-Operation zur Entführung von Nicolás Maduro als einen taktisch erfolgreichen, aber strategisch katastrophalen Schritt. Er vergleicht sie mit George W. Bushs pompösem „Mission Accomplished“-Moment nach der Invasion im Irak.

Am 3. Januar interviewte der finnische Professor Glen Diesen in einem einstündigen Gespräch auf Utube den ehemaligen hochrangigen CIA-Mitarbeiter und Experten für Terrorismusbekämpfung Larry Johnson. Nachfolgend habe ich die wichtigsten Punkte zusammengefasst und einige Kommentare hinzugefügt.

Vergleich mit historischen US-Interventionen

Zum Einstieg in die Diskussion, die unter dem Titel „U.S. War on Venezuela Has Global Ramifications“ (US-Krieg gegen Venezuela hat globale Auswirkungen“) betont Johnson, dass Trump glaubt, wie damals Bush mit seinem „Mission Erfüllt“-Moment glaubt, „ein Problem gelöst zu haben, stattdessen aber neue, größere Probleme geschaffen hat“.

Johnson zieht Parallelen zu früheren Operationen, bei denen der Sturz eines einzelnen Staatschefs keine Stabilität gebracht hat. Beispiele sind Manuel Noriega in Panama (1989), Saddam Hussein im Irak, Muammar Gaddafi in Libyen oder Bashar al-Assad in Syrien. „Diese Vorstellung im Westen, dass wir nur einen Mann ersetzen müssen, um unsere Probleme zu lösen, hat in der Vergangenheit schon nicht funktioniert.“

Er warnt vor einer Wiederholung des Vietnam-Szenarios: Am Anfang sind es einige wenige US-Militärstiefel am Boden in Venezuela, aber um diese dann gegen immer gefährlichere Angriffe zu schützen, müssen immer mehr US-Truppen kommen, um die Situation zu „stabilisieren“; eine nur schwer zu stoppende Eskalation, die zu einem Selbstläufer wird, zumal sich Venezuela aus einer Reihe von geographischen und logistischen Gesichtspunkten – unübersichtliche und lange Grenzen zu US-kritischen Nachbarländern Kolumbien und Brasilien – ideal für den Guerillakrieg eignet.

Innere Lage in Venezuela und Risiko einer Aufstandsbewegung

Johnson hebt hervor, dass die Bevölkerung in Venezuela schwer bewaffnet ist und die porösen Grenzen zu Kolumbien und Brasilien, die Guerilla-Kämpfe begünstigen – ähnlich wie das bei der FARC in Kolumbien nach seit 1964 der Fall war. Für die innere Lage in Venezuela prognostiziert Johnson einen Anstieg von Kriminalität, Attentaten und Angriffen auf US-Interessen: „Die Kriminalitätsrate, die Zahl der Attentate und Ähnliches werden steigen.“ Er erwartet eine hausgemachte „Widerstandsbewegung“, die Venezuela instabil macht, und warnt, dass bereits in den nächsten zwei bis drei Monaten die US-Regierung gezwungen sein könnte, weitere Truppen zu schicken. Laut Johnson hätten Oppositionelle wie María Corina Machado keine breite Unterstützung um das Land ideologisch „zu säubern“.

Dazu eine Anmerkung des Autors: Während einer Pressekonferenz am 3. Januar wurde Trump gefragt, ob er mit Machado in Kontakt stehe oder sie nach Maduros Festnahme als lebensfähige Führerin ansehe. Abschätzig sagte er: „Ich denke, es wäre sehr schwer für sie, die Anführerin zu sein. Sie hat weder die Unterstützung noch den Respekt innerhalb des Landes. Sie ist eine sehr nette Frau, aber sie hat nicht den Respekt“.

Laut Trump werden vorerst die USA Venezuela regieren, wobei Marco Rubio und Pete Hegseth diese Mission erhalten, um – wie in früheren Zeiten als das britische Imperium die Ozeane regierte – als Trumps Vizekönige Venezuela zu regieren. Das dürfte interessant sein. In diesem Zusammenhang erinnerte Johnson an die historische CIA-Kontrolle über Venezuela in den 1970er/80er Jahren unter dem damaligen Präsident Carlos Andrés Pérez, der nachweislich auf der Lohnliste der CIA gestanden hatte. Aber durch Missmanagement und anti-soziale Politik habe er letztlich dem sozialistischen Revolutionär Chávez‘ und seinem Nachfolger den Weg an die Macht freigemacht.

Rolle der CIA und Verrat im Inneren

Die Entführung Maduros und seiner Frau sei von einer US-Spezialeinheit der „Delta Force“ durchgeführt worden. Johnson ist überzeugt, dass der reibungslose Ablauf der Operation nur mit Hilfe von „Insidern“ aus Maduros Abwehr und Apparat zum Schutz des Präsidenten möglich war. Durch diesen Verrat dürften einige Leute in Caracas über Nacht stinkreich geworden sein. „Da sind Leute bezahlt worden“, ist sich Johnson sicher und verweist darauf, dass auch die venezolanischen Luftabwehrsysteme nicht aktiviert worden waren, die Sicherheitskräfte um Maduro inkompetent oder bestochen worden waren, vergleichbar mit der Bin-Laden-Operation in Pakistan.

Geopolitische Motive: Öl und Vorbereitung auf einen Iran-Krieg

Johnson sieht den Zugriff auf venezolanisches Öl als zentrales Motiv, insbesondere als Absicherung gegen einen möglichen Krieg mit Iran: „Der Versuch, sich das Öl in Venezuela unter den Nagel zu reißen, ist die Vorbereitung eines Angriffs auf den Iran … eine Notfallplanung für den Fall, dass die Straße von Hormus geschlossen werden könnte.“ Venezuela soll als alternative Ölquelle dienen, falls der Persische Golf blockiert wird. Dies müsse mit den aktuellen Protesten in Iran, die Johnson als CIA/MI6-gesteuert einstuft, um einen Regimewechsel vorzubereiten, bzw. bei der US-Bevölkerung Zustimmung für eine erneute US-Bombardierung Irans zu schaffen.

Internationale Reaktionen und globale Konsequenzen

Zweifellos verstärkt die US-Operation gegen Maduro Misstrauen gegenüber den USA in Russland und China. Johnson verknüpft sie mit einem gescheiterten Drohnenangriff auf Präsident Putins Residenz und sieht eine russische Neubewertung von Verhandlungen bezüglich der Ukraine, nämlich den „Verlust jeglichen Vertrauens in den Westen“. China, als wichtiger Öl-Abnehmer Venezuelas, könnte ökonomisch kontern, z. B. durch Dumping von US-Treasuries (US-Schatzbriefen) oder Export-Einschränkungen bei kritischen „Seltenen Erden“ (Rare Earths). Die EU zeigt laut Johnson die übliche Heuchelei: Sie verurteilt Russland für die Ukraine, hat aber Verständnis für die US-Aktion. Trumps Monroe-Doktrin 2.0 sei eine Pervertierung der US-Außenpolitik mit negativen Folgen in Lateinamerika, vor allem für Kuba, Kolumbien und Mexiko.

Bewertung des Erfolgs und Ausblick

Johnson misst den Erfolg der US-Operation daran, ob Venezuela bis März 2026 stabil unter US-Kontrolle sein wird, was er stark bezweifelt: „Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Vereinigten Staaten scheitern werden.“ Stattdessen drohten in Venezuela Chaos, eine Flut von Flüchtlingen und Angriffe auf die Öl-Infrastruktur des Landes. Er sieht 2026 als „Jahr des Kriegs“: kein Ende des Kriegs in der Ukraine, Krieg mit Iran und nun Venezuela. „Die Lehre, die die USA der Welt erteilt haben, ist die, dass es keine echte US-Diplomatie gibt, sondern nur Täuschung, Betrug und Überraschungsangriffe.“

Insgesamt zeichnet Johnson ein düsteres Bild: Die Operation ist ein Rückfall in imperiales Gehabe, die regionale Instabilität schürt und globale Mächte wie Russland und China enger zusammenschweißt. Statt Stabilität wird der Sturz Maduros für die USA langfristig mehr Konflikte und Kosten bedeuten.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.