Von Michael Hollister – 28. August 2026

Wenn es um den Iran und um Öl geht, wird es kompliziert. Um von den USA ausgesprochene Sanktionen zu umgehen, wird so ungefähr alles gemacht: Öl wird auf offener See von einem Tanker auf einen anderen umgepumpt, Tanker wechseln auf hoher See ihre staatliche Zugehörigkeit, die Abrechnungen erfolgen über kleine und kleinste Banken … Wobei es durchaus Gremien gibt, die das alles genau zu beobachten und zu dokumentieren versuchen. Michael Hollister hat diese Untersuchungen genau studiert und darüber einen Bericht geschrieben – der allerdings auch nicht gerade einfach herausgekommen ist. Aber wirtschaftlich Interessierte und im Öl-Business Involvierte können daraus lernen. So schnell wird der absolute Unsinn mit den Sanktionen ja nicht zu Ende sein. (cm)
Artikelstand: 19. August 2026. Die hier verwendeten Volumendaten geben den Stand Juli / Anfang August 2026 wieder. Der „Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026″ wurde am 07. August 2026 vom US-Senat verabschiedet; die Abstimmung im Repräsentantenhaus steht zum Redaktionsschluss aus (Kongress tritt am 31. August wieder zusammen), ebenso die präsidiale Unterzeichnung. Die US-Marineblockade gegen iranische Häfen ist seit Mitte Juli wieder in Kraft. Ein Feld in Bewegung – Ende August wird die Hausabstimmung den Befund präzisieren; eine Ergänzung folgt an dieser Stelle.
Vor der Insel Kharg im nördlichen Persischen Golf ankern seit Wochen Schiffe, die nichts laden. Vom 31. Juli bis zum 11. August registrierte das Analysehaus Vortexa keine einzige Abfahrt von dem Terminal, über das rund 90 Prozent der iranischen Rohölexporte verschifft werden. Der westliche Verladepunkt lag 25 Tage lang leer, seit dem 18. Juli; das Flüssiggas-Terminal und der östliche Kai standen ähnlich lange still. In der Warteschleife lagen sechzehn bis siebzehn „dunkle“ Tanker ohne Transpondersignal. Erst am 12. August legte erstmals wieder ein einzelner, rund 333 Meter langer Rohöltanker am westlichen Kai an und begann zu laden – nach 25 Tagen Stillstand (Windward; Windward; The National).
Dieses Standbild – ein einzelnes ladendes Schiff vor einem Wald wartender Tanker – ist der genaue Gegenpol zu einer These, die ein Untersuchungsbericht des US-Kongresses im Frühjahr in Umlauf brachte: China sei zur „Waschstraße“ für das sanktionierte Öl der Welt geworden, zur zentralen Abnahmestelle für Rohöl aus Iran, Russland und Venezuela. Vier Monate später zeigen die Daten ein anderes Bild. Von den drei Zuflüssen dieser Waschstraße sind zwei schwer beschädigt – und ausgerechnet der größte läuft im Milliardenumfang weiter. Die Durchsetzung folgt nicht der Empörung. Sie folgt der Macht.
Der Bericht und seine Stoßrichtung
Die Quelle der Waschstraßen-These ist der Untersuchungsbericht „Crude Intentions: How China Became the Clearing Market for Sanctioned Oil„, veröffentlicht am 31. März 2026 vom House Select Committee on the Chinese Communist Party unter dem Vorsitz des Republikaners John Moolenaar; Ranking Member des Ausschusses ist der Demokrat Raja Krishnamoorthi (Pressemitteilung). Der Ton des Berichts lässt an seiner Richtung keinen Zweifel: In der Zusammenfassung ist von „Massengräbern“ die Rede, von „Folterkammern“, von „Schurkenregimen“ – es ist ein Dokument mit klarer politischer Absicht, kein neutrales Gutachten. Ein zweiter, sich stützender Kongresstext liegt daneben: der Mitarbeiterbericht „China’s Facilitation of Sanctions and Export Control Evasion“ der US-China Economic and Security Review Commission vom 14. November 2025, der ausdrücklich kein Votum der Kommission selbst darstellt (USCC). Beide sind Positionen einer Konfliktpartei, nicht die eines Schiedsrichters – und werden hier als solche behandelt.
Die Logik hinter dem Handel benennt der Bericht offen, und sie ist nüchterner als sein Ton: Autoritäre Ölstaaten hängen an ihren Exporterlösen. Russlands Energieausfuhren brachten 2024 rund 120,5 Milliarden Dollar ein, etwa 30 Prozent der Staatseinnahmen; Irans Öleinkommen wird für 2025 auf 50,56 Milliarden Dollar geschätzt und trägt einen erheblichen Teil des Staatshaushalts; Venezuela hing ähnlich am Rohöl als wichtigster Devisenquelle. Genau diese Abhängigkeit wollten die USA und ihre Verbündeten treffen, indem sie jedes sanktionierte Barrel unfinanzierbar zu machen suchten. Dass die Erlöse dennoch fließen, führt der Bericht auf einen einzigen Käufer am Ende fast jeder Kette zurück: China.
Die harte Zahl, mit der der Bericht überschrieben wird, verlangt Präzision. Beschlagnahmte Schattenflotten-Tanker hätten 69,3 Millionen Barrel sanktionierten Rohöls im Wert von fast 4 Milliarden Dollar nach China geliefert, bevor die USA eingriffen. Diese Zahl stammt jedoch von exakt neun Schiffen, die US-Kräfte zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 aufbrachten, und sie summiert deren Ladungen über den gesamten Zeitraum 2013 bis 2025. Der Bericht selbst rechnet vor, dass China in diesen zwölf Jahren rund 8,16 Milliarden Barrel aus den drei Ländern bezog – die neun Schiffe stehen also für „weniger als ein Prozent“ des Handels (Crude Intentions). Die vier Milliarden sind eine Stichprobe, kein laufendes Volumen. Die belastbarere Größenordnung liefert der Bericht an anderer Stelle: Sanktioniertes Rohöl aus Iran, Russland und Venezuela habe zuletzt rund ein Fünftel der gesamten chinesischen Ölimporte ausgemacht.