Vom Dinner-Club zum Weltlenkungsinstrument: Die Geschichte der US-Denkfabriken und ihr langer Arm nach Deutschland

Von Jochen Mitschka – 10. Mai 2026

Wir haben in dieser Artikelserie bereits gezeigt, wie einzelne Strategiepapiere – von „Which Path to Persia?“ bis „Extending Russia“ – in reale Kriege und Krisen mündeten. Doch woher kommen diese Institutionen? Wer gründete sie, für wen, und mit welchem Ziel? Und wie gelang es ihnen, noch im besiegten Nachkriegsdeutschland Fuß zu fassen und die politische Landschaft der Bundesrepublik bis heute zu prägen? Eine Spurensuche durch ein Jahrhundert verdeckter Elitenherrschaft.

Die Geschichte der modernen US-Denkfabriken beginnt nicht in Washington, sondern in Paris. Im Januar 1919 trafen sich die Sieger des Ersten Weltkriegs zur Friedenskonferenz von Versailles. In der US-Delegation arbeitete eine Gruppe von Akademikern, Bankiers und Diplomaten, die sich selbst „The Inquiry“ nannte – ein Expertenkreis, den Präsident Wilson persönlich zur Vorbereitung der Friedensverhandlungen zusammengestellt hatte.

Wie es begann

Laut Wikipedia fanden sich am 30. Mai 1919 im Pariser Hotel Majestic gut 50 Teilnehmer zusammen – darunter Edward Mandell House, Wilsons engster Berater, britische Round-Table-Mitglieder und führende US-Akademiker von Columbia, Harvard und Yale. Ihr Beschluss: eine dauerhafte Institution zu gründen, die das außenpolitische Denken der anglosphärischen Elite koordinieren sollte.

Zwei Jahre später, 1921, wurde in Manhattan das Council on Foreign Relations (CFR) aus der Taufe gehoben. Mitgründer waren neben Edward M. House die deutschstämmigen Bankiers Paul M. Warburg und Otto Hermann Kahn, der führende Journalist Walter Lippmann sowie New Yorker Unternehmer und hochrangige Politiker. Warburg war kein Unbekannter: Er hatte 1913 maßgeblich an der Gründung der US-Notenbank Federal Reserve mitgewirkt. Was so begann, sollte die amerikanische Außenpolitik des gesamten 20. Jahrhunderts prägen.

Das CFR: Ein „Politbüro für den Kapitalismus“

Der CFR ist keine Behörde, kein Ministerium, kein gewähltes Gremium. Er ist ein privater Mitgliederclub – und dennoch vielleicht die einflussreichste außenpolitische Institution der westlichen Welt. Der Spiegel, als er noch ein investigatives Medium war, bezeichnete ihn einmal als die „einflussreichste private Institution Amerikas und der westlichen Welt“ und als ein „Politbüro für den Kapitalismus„.

Der Zugang ist streng geregelt: Man kann nur durch Kooptation Mitglied werden – ein bestehendes Mitglied muss vorschlagen, drei weitere müssen unterstützen. Unternehmensmitgliedschaften kosten bis zu 50.000 Dollar jährlich, erkaufen aber das Recht auf Teilnahme an privaten Dinners mit Staats- und Regierungschefs.

Die Zahlen sprechen für sich: Eine Studie der Historiker Laurence Shoup und William Minter belegte, dass zwischen 1945 und 1972 von 502 US-Regierungsmitgliedern mehr als die Hälfte CFR-Mitglieder waren. CFR-Studiengruppen erarbeiteten die Regierungsexpertisen für den Kalten Krieg und den Vietnamkrieg. Der Historiker Peter Grose schrieb in seiner offiziellen CFR-Geschichte: Der ehemalige „Elite-Dinner-Club aus Wall-Street-Bänkern und ihren akademischen Protegés wuchs zu einer weitreichenden Gemeinschaft von Amerikanern mit Kompetenz und Verantwortung für die Weltrolle der USA.“

Seit seiner Gründung, so der Befund einer Analyse von Swiss Propaganda Research, waren nahezu alle US-Präsidenten vor ihrer Wahl CFR-Mitglieder – oder zumindest enge Verbündete. Das CFR verleiht seiner Zeitschrift „Foreign Affairs“ das Gewicht eines quasi-offiziellen Organs amerikanischer Außenpolitik. Wer dort publiziert, formuliert die Agenda; wer die Agenda formuliert, regiert.

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