Von Ralph Bosshard – 6. Oktober 2026

Während die Weltpolitik sich quasi im Wartesaal befindet und auf die politischen Weichenstellungen der nächsten Wochen bis Monate wartet, könnten im Krieg in der Ukraine vor Ort Fakten geschaffen werden, welche das weitere Geschehen längerfristig bestimmen. Das entsprechende Zeitfenster ist offen, solange wetterbedingt noch günstige Voraussetzungen für den Einsatz von Abstandswaffen, namentlich Drohnen herrschen. Dementsprechend aktiv sind die Kriegsparteien, was wiederum seinen Niederschlag im Informationskrieg in den westlichen Medien findet.
In diesen Wochen steckt die internationale Politik in einer Phase des Übergangs, in welcher alle Akteure auf ein einziges Epizentrum starren, nämlich die bevorstehenden Zwischenwahlen in den USA. Mehr als für US-Präsident Donald Trump steht für sein Umfeld viel auf dem Spiel. Trumps Regierungsmannschaft steht unter massivem innenpolitischem Druck, messbare außenpolitische Resultate zu liefern. Seine damals im Wahlkampf versprochene, schnelle Lösung des Konflikts hat sich in den Mühen der geopolitischen Realität festgefahren. Die Administration Trump könnte nun den Druck, unter welchem sie selbst steht, an die Kriegsparteien weitergeben, um ihnen die Einwilligung in einen Waffenstillstand abzuringen.
Doch auf der Gegenseite läuft die Dynamik quer zu diesen Hoffnungen. Die Führung in Kiew versucht unter Hochdruck, ihre eigene Verhandlungsposition vor etwaigen aufgezwungenen Gesprächen spürbar zu verbessern. Jede Offensive, jeder Geländegewinn soll als Faustpfand für den Tag dienen, an dem die Unterstützung aus dem Westen bröckeln könnte.
In Moskau hingegen herrscht eine kühl kalkulierte Ruhe. Die jüngsten Duma-Wahlen in Russland – völlig unabhängig von der Frage, ob die Ergebnisse manipuliert waren oder nicht – werden vom Kreml als Demonstration staatlicher Stabilität genutzt (1). Wladimir Putin befindet sich in einer innenpolitisch komfortablen Lage und kann sich den Luxus erlauben, selbst militärische Teil-Misserfolge auszusitzen, ohne durch gesellschaftlichen oder politischen Druck zu drastischen Maßnahmen gezwungen zu sein. Er kann seine Strategie defensiv-abwartend gestalten. Putin wird jetzt darauf spekulieren, dass Trump nervös wird und Moskau im Gegenzug für einen schnellen Deal weitreichende Zugeständnisse macht. Sollte aber Trump nach den Zwischenwahlen zur sprichwörtlichen „Lame Duck“ werden, besitzt Russland die Geduld, auf die nächste Generation amerikanischer Politiker zu warten (2). Moskau wird dann schlicht mit denjenigen sprechen, die Trumps Erbe antreten wollen. Im Kreml kann man gelassen bleiben.
Europa im Vakuum
Während die Supermächte taktieren, präsentiert sich Westeuropa politisch so handlungsunfähig wie selten zuvor. Deutschland befindet sich inmitten einer tiefen politischen Instabilität: Die Zukunft des Kabinetts unter Bundeskanzler Friedrich Merz steht auf Messers Schneide. Der jüngste Versuch der Bundesregierung, einen mysteriösen Zwischenfall auf dem Flughafen Leipzig-Halle politisch zu eskalieren, um innenpolitisch Stärke zu demonstrieren, ist verpufft (3). Zurück bleibt eine massive Glaubwürdigkeitslücke, welche die Handlungsfähigkeit Berlins auf internationalem Parkett lähmt.
Frankreich wiederum erlebt die Agonie der ausgehenden Ära Macron. Der französische Präsident, innenpolitisch isoliert, sucht im Spätherbst seiner Amtszeit noch schnell die große Bühne. Mit demonstrativer Härte und symbolträchtigen Auftritten versucht er sich als starken Führer der Grande Nation und als Vordenker Europas in Szene zu setzen – ein bühnenreifes Aufbäumen, dem es jedoch an realpolitischem Rückhalt mangelt. Derzeit verspricht er seinen Partnern in Osteuropa einen französischen Ersatz für den löchrig gewordenen US-amerikanischen Raketenschirm. Dabei lenkt Macron aber davon ab, dass er und nach ihm jeder weitere französische Präsident die Entscheidungsgewalt über den Einsatz französischer Kernwaffen ebenso wenig an seine Verbündeten abgeben kann, wie die US-Präsidenten jene über die amerikanischen. Und dann wären noch ein paar technische Probleme zu lösen: Die F-35 Tarnkappen-Bomber, welche mehrere europäische Staaten als Träger für die US-Atombomben aus dem Programm der nuklearen Teilhabe beschafften, sind nicht in der Lage, französische Kernwaffen abzuwerfen (4). Die hierfür notwendigen Umbauten müsste ausgerechnet der Präsident der USA bewilligen.
Großmundige Ankündigungen und die Realität der Kessel
Schaut man auf die militärische Lagekarte, so klafft zwischen der medialen Darstellung und der Realität in den Schützengräben eine gewaltige Schere. Die ausgiebig gefeierte ukrainische Operation „Vivaldi“ hat sich bei näherer Betrachtung als begrenzter Vorstoß entpuppt. Im Raum Lyman griff ein divisionsstarker ukrainischer Verband auf einer Breite von etwa 20 Kilometern an und drang dabei gerade einmal rund drei Kilometer tief in die gegnerischen Linien vor. Was in der westlichen Presse als großer Durchbruch gefeiert wird, entspricht operativ lediglich dem, was auf russischer Seite in den vergangenen Monaten beinahe täglich zu beobachten war. Das primäre Ziel der Ukrainer dürfte hierbei wohl der Fluss Zherebets darstellen, welchen sie als topografisch günstige Verteidigungslinie für den Winter nutzen wollen. Damit soll der Versuch Russlands verhindert oder zumindest verzögert werden, die strategisch wichtige Stadt Sloviansk (Slawiansk) von Norden her zu umgehen.