Von German-Foreign-Policy.com – 25. August 2026

Eine führende deutsche Tageszeitung öffnet sich für die Relativierung der deutschen Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg und für die Zuschreibung einer Kriegs-„Mitschuld“ an die Sowjetunion.
Eine führende deutsche Tageszeitung öffnet sich für die Relativierung der deutschen Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg. Wie es in einem ganzseitigen Beitrag heißt, den die einflussreiche Frankfurter Allgemeine Zeitung in der vergangenen Woche veröffentlichte, habe die Sowjetunion – „diktiert von dem Bedürfnis nach Krieg in Europa“ – per Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags am 23. August 1939 „grüne[s] Licht“ für den deutschen Überfall auf Polen gegeben. Dies erst habe „die destruktive Entfaltung“ der „gleichsam instinktiven Disposition“ von Adolf Hitler zum Krieg „ermöglicht“; „ein vorsätzlich handelnder Stalin“ habe sich dadurch „mitschuldig“ am Zweiten Weltkrieg gemacht. Der Autor des Textes, der Historiker Manfred Kittel, sorgte bereits vor Jahren für Schlagzeilen, als in der Berliner Staats-Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung unter seiner Leitung drastisch revisionistische Tendenzen zutage traten. Aktuell beklagt Kittel „Stalins Mittäterschaft beim Entfesseln des Krieges 1939“ und will eine „fatale Rolle des russischen Imperialismus klar und deutlich […] benennen“ – bis heute. Bereits 2025 hatte er Russlands Krieg gegen die Ukraine zum „Vernichtungskrieg“ erklärt.
„Falsche Volkspädagogik“
Kittel war einer breiteren Öffentlichkeit in den Jahren ab 2009 bekannt geworden. Damals wurde er zum Direktor der Ende 2008 gegründeten Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung ernannt, deren Aufgabe es war, in Berlin ein Dokumentationszentrum über Zwangsmigration zu schaffen. Als Kern des Zentrums galt die Darstellung der Umsiedlung deutschsprachiger Bevölkerungsteile aus diversen Staaten Ost- und Südosteuropas infolge der deutschen Massenverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Kittel hatte den Posten des Stiftungsdirektors trotz – oder wegen – der inhaltlichen Orientierung seiner 1993 publizierten Dissertation erhalten, in der er die Ansicht vertrat, die NS-Verbrechen seien schon in der frühen Bundesrepublik unter Bundeskanzler Konrad Adenauer angemessen aufgearbeitet worden; wer das in Abrede stelle, bereite einer „Zerknirschungsmentalität“ den Boden.[1] Wolle man die „breite Masse des Volkes“ zur „Vergangenheitsbewältigung“ motivieren, dann rieche dies nach „falscher Volkspädagogik“.[2] 2008 war unter Kittels „Koordination“ am Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ), finanziert mit Steuergeldern, eine „Machbarkeitsstudie“ zur Erforschung der NS-Vergangenheit von Funktionären der Vertriebenenverbände erstellt worden, deren Autor über einen in Massenmorde involvierten SS-Obersturmführer behauptete, ob der Mann „auch innerlich nationalsozialistisch ausgerichtet“ gewesen sei, lasse sich nicht klären.[3]
„Reise in ein besetztes Land“
Unter Kittels Leitung sorgte die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung gleich mehrmals für Schlagzeilen. Im Sommer 2010 etwa wurde bekannt, dass reguläre sowie stellvertretende Mitglieder des Stiftungsrats offen revisionistische Positionen vertraten. So hatte ein Mitglied des Gremiums eine Reise nach Nordostpolen („Ostpreußen“) einst als „Reise in ein besetztes Land“ bezeichnet. Ein stellvertretendes Mitglied hatte in einem Zeitungsbeitrag suggeriert, Polen könne eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg tragen; weiter hieß es in dem Artikel, erst Großbritannien habe den „Krieg um Danzig zu einem weltweit ausgetragenen Krieg“ gemacht.[4] Einen letzten Skandal provozierte die Stiftung unter Kittels Leitung im Herbst 2014, als sie – eine Art Vorarbeit für das geplante Dokumentationszentrum zum Thema Zwangsmigration – im Berliner Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung eröffnete. Darin wurden nicht nur die NS-Massenverbrechen als die Ursache für die Umsiedlung der deutschsprachigen Bevölkerungsteile aus den Ländern Ost- und Südosteuropas beschwiegen; es wurden auch drastisch überhöhte Opferzahlen genannt. So hieß es, es hätten „mehr als zwei Millionen Deutsche ihr Leben während gewaltsamer Vertreibungen aus Polen, Böhmen und Ostpreußen verloren“.[5] Beim Deutschen Historischen Museum konnte man dagegen erfahren, bei den Umsiedlungen seien in den Jahren „zwischen 1944 und 1947 bis zu 600.000“ Menschen zu Tode gekommen – wissenschaftlich gesichert.