Von German-Foreign-Policy.com – 17. September 2026
Kanada nähert sich der EU an, um sich den US-Annexionsdrohungen zu entziehen. Von der Leyen will es zum ersten „assoziierten Mitglied“ der Union machen.
Kanada soll „das erste assoziierte Mitglied der EU“ werden. Dies fordert EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Wie von der Leyen am gestrigen Mittwoch in ihrer diesjährigen Rede zur Lage der Union mitteilte, müsse die EU „globale Koalitionen bilden“, um ihre „Widerstandsfähigkeit“ in der globalen Mächterivalität zu stärken. Dazu werde sie nun ihre „Beziehung zu Kanada auf das höchstmögliche Niveau bringen“. Kanada ist seinerseits unter Premierminister Mark Carney, der von der Leyens Rede beiwohnte, bemüht, die Bindungen an die EU auszubauen, um sich zumindest ein Stück weit aus der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu lösen. Das gilt als notwendig, um den US-Annexionsdrohungen zu entkommen. Carney hat längst erste Schritte eingeleitet, will weniger US-Kampfjets vom Typ F-35 beschaffen als geplant – und setzt konsequent auf Rüstungskäufe in Europa, darunter in Deutschland, wo Kanada U-Boote für gut 20 Milliarden Euro erwirbt. Weitere Schritte werden diskutiert, so etwa die Verlegung von Unterseekabeln aus Kanada nach Europa. Insbesondere beim Handel hat Carney bereits eine Verringerung der Abhängigkeit seines Landes von den USA erreicht.
„Größere strategische Autonomie“
Kanadas Premierminister Mark Carney hatte bereits im Januar auf dem World Economic Forum in Davos deutlich gemacht, er werde sich den Bestrebungen der Vereinigten Staaten, sich sein Land als 51. Bundesstaat einzuverleiben, aktiv entgegenstellen und eine engere Zusammenarbeit mit anderen Ländern suchen, um der starken ökonomischen Abhängigkeit von den USA zu entkommen. Man erlebe gegenwärtig „den Beginn einer brutalen Wirklichkeit“, in der „die Geopolitik zwischen den Großmächten“ in der Praxis „keinen Beschränkungen mehr“ unterliege, erklärte Carney. „Mittelmächte“ wie etwa Kanada hätten keine andere Chance, als sich „der neuen Realität“ anzupassen; dazu sei in der Außenpolitik eine „variable Geometrie“ hilfreich: Man müsse Koalitionen mit ganz unterschiedlichen Ländern suchen, um diverse Bündnisoptionen zu haben und auf diese Weise eine „größere strategische Autonomie“ zu erlangen.[1] Bereits kurz zuvor hatte Kanada eine „Strategische Partnerschaft“ mit China geschlossen – gegen den klar erkennbaren Willen der Vereinigten Staaten. Eingeleitet wurde damit eine engere Zusammenarbeit etwa auf dem Energiesektor. Zudem kündigte Carney an, sein Land werde seine Ausfuhren in die Volksrepublik bis 2030 um 50 Prozent steigern und sich im Gegenzug zum Beispiel für den Import chinesischer Elektroautos öffnen.[2]
Waffen aus Europa
Darüber hinaus begann Carney die Zusammenarbeit mit Europa zu intensivieren – unter anderem auf dem Gebiet der Rüstung. Hatte sein Amtsvorgänger Justin Trudeau ursprünglich zugesagt, bis zu 88 US-Kampfjets vom Typ F-35 zu kaufen, so zieht Ottawa nun in Betracht, einen Großteil davon durch schwedische Gripen zu ersetzen. Auch Aufklärungsflugzeuge will es beim Gripen-Hersteller Saab beschaffen; es hat sich für dessen Modell GlobalEye und gegen das US-Modell Boeing E-7 Wedgetail entschieden.[3] Bei der Aufrüstung der Marine setzt Kanada ebenfalls auf Europa. Bereits vor der Eskalation des Konflikts mit der Trump-Administration hatte es beschlossen, seine neuen Zerstörer der River-Klasse auf der Basis der britischen Type 26-Fregatten von BAE Systems zu bauen, die unter anderem auch die Marine Norwegens erwirbt. Anfang Juli wurde bestätigt, die kanadischen Seestreitkräfte würden zudem zwölf U-Boote des Typs 212 CD bei TKMS in Deutschland beschaffen. Die U-Boote 212 CD werden von TKMS in Kooperation mit norwegischen Rüstungsfirmen hergestellt und auch an die norwegische Marine geliefert.[4] Nicht zuletzt sollen in Ostkanada Startanlagen für deutsche Trägerraketen gebaut werden; dies soll Kanadas Weltraumaktivitäten künftig von den USA unabhängig machen.