Von Andrew Korybko – 13. Januar 2026

Unser Autor Andrew Korybko gab dem aserbeidschanischen Online-Medium Müstəqil ein Interview über die jüngsten Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Wir veröffentlichen die deutsche Übersetzung des Interviews. Die Fragen stellte Sahile Cabbarova von Müstəqil.
1. Betrachtet die US-Regierung die aktuellen Proteste im Iran als möglichen Wendepunkt hin zu einem systemischen Wandel oder als eine weitere zyklische Welle der Unruhen? Wie realistisch sind die internen Erwartungen Washingtons zum jetzigen Zeitpunkt?
Die Äußerungen von Trump deuten darauf hin, dass seine Regierung davon ausgeht, dass die jüngsten Proteste die iranische Regierung schwächen und möglicherweise als „öffentlich plausibler” Vorwand für eine weitere Runde US-amerikanischer und/oder israelischer Angriffe auf das Land dienen können..
Viele Beobachter gehen davon aus, dass die USA und Israel im letzten Sommer während des 12-tägigen Krieges die Oberhand über den Iran gewonnen haben und dass dessen Luftabwehr stark beschädigt wurde. Wenn das stimmt, könnte eine weitere Runde von Angriffen die strategischen Ziele USA-Israels dort voranbringen.
Beobachter müssen sich allerdings fragen, ob diese Einschätzung zutreffend ist, ob beide Seiten tatsächlich den politischen Willen haben, iranische Vergeltungsmaßnahmen zu ertragen, und inwieweit nichtstaatliche Akteure und/oder Nachbarstaaten die Angriffe anschließend ausnutzen könnten.
2. Was hat derzeit mehr Gewicht in der US-Politik gegenüber dem Iran: die Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen und interner Unterdrückung oder die Eindämmung des iranischen Atomprogramms und des regionalen Einflusses? Gibt es ein echtes Gleichgewicht zwischen diesen Prioritäten?
Trump behauptete, dass das iranische Atomprogramm durch die US-Angriffe für lange Zeit zurückgeworfen worden sei, aber Berichte der CIA kommen zu anderen Einschätzungen. Auf jeden Fall war die Atomfrage bis zum 12-tägigen Krieg und den US-Angriffen das [vordergründig; die GG-Red.] wichtigste Thema auf der bilateralen Agenda.
Unabhängig davon, welche Rhetorik zu welchem Zeitpunkt und von welchem US-amerikanischem Regierungsvertreter auch immer angewandt wird wird, besteht das Interesse der USA derzeit wohl darin, das venezolanische Modell zu kopieren, indem sie den Iran dazu zwingen, sich und seine Energieindustrie den USA unterzuordnen.
Eine der Strategien der USA in ihrer systemischen Rivalität mit China besteht darin, Positionen einzunehmen, durch die sie China direkt oder indirekt den Zugang zu den Energiequellen und Märkten entziehen können, die es zur Aufrechterhaltung seines Wachstums und damit seines Aufstiegs zur Supermacht benötigt.
Die Erlangung einer indirekten Kontrolle über die iranische Energieindustrie nach Venezuela würde die Verhandlungsmacht der USA in ihrer Rivalität mit China stärken und könnte in anderen wichtigen BRI*-Staaten wie Nigeria wiederholt werden, um China letztendlich zu erheblichen Handelszugeständnissen zu zwingen.
3. Welche Instrumente hält Washington realistischerweise für wirksam, um ohne direkte Intervention Einfluss auf die Entwicklungen im Iran zu nehmen? Welche der folgenden Maßnahmen – Sanktionen, diplomatischer Druck und Unterstützung durch Informationen oder die Zivilgesellschaft – werden als am besten geeignet angesehen?
Realistisch gesehen ist die Bewaffnung ausgebildeter nichtstaatlicher Akteure (Aufständische, Rebellen, Terroristen usw.) das wirksamste Instrument, wenn es darum geht, den Iran dazu zu zwingen, sich wie Venezuela den USA zu unterwerfen, ohne direkt einzugreifen.
Sie können auch mit geheimen Kommunikationssystemen, Geheimdienstinformationen und anderen Formen logistischer Unterstützung versorgt werden, um maximalen Schaden anzurichten, den Iran zu destabilisieren und das Ziel der Unterwerfung des Regimes voranzutreiben.
Obwohl die USA die Regierungsform des Iran ablehnen, zeigt der Präzedenzfall Venezuela, dass sie bereit sind, kontrollierbare („pragmatische“) Elemente des bestehenden Systems wie Delcy Rodriguez zu tolerieren, sodass ein vollständiger Regimewechsel nicht unbedingt das unmittelbare Ziel ist.
Aus Sicht der USA ist es wahrscheinlich am wichtigsten, das Regime für ihre Zwecke zu „optimieren“ oder bestimmte politische Änderungen zu erzwingen, ohne die gesamte Regierung und den Regierungsapparat zu ersetzen, da die Unterwerfung des Regimes, wie erläutert, das eigentliche Ziel ist.
4. Wie schätzen die USA die Risiken ein, die die interne Instabilität im Iran für die regionale Sicherheit darstellen könnte – insbesondere für Israel, die Golfstaaten und die globalen Energiemärkte? Veranlassen diese Risiken Washington zu Vorsicht oder Abschreckung?
Sollte die staatliche Struktur zu bröckeln beginnen und es zu Machtkämpfen oder sogar Anarchie innerhalb der Streitkräfte kommen, könnten die USA und/oder Israel groß angelegte Angriffe gegen iranische Militäreinrichtungen starten, wie Israel es Ende 2024 gegen Syrien getan hat.
Damals ging es [vorgeblich; die GG-Red.] darum, ultranationalistische und terroristische Elemente daran zu hindern, diese zu nutzen, um einen konventionellen regionalen Konflikt zu provozieren. Außerdem sah Israel eine Gelegenheit, seinen jahrzehntelangen Rivalen auf Dauer zu schwächen.
Es ist unklar, ob die USA ein solches Vorgehen bevorzugen würden, tatsächlich spricht viel dafür, dass sie einen schnellen und kostengünstigen Regimewechsel nach dem Vorbild Venezuelas bevorzugen, der mit viel weniger Unvorhersehbarkeiten und damit einem viel geringeren Risiko im Hinblick auf regionale Konflikte verbunden ist.
Das Interview wurde ursprünglich bei Müstəqil unter dem Titel „İran ətrafında gərginlik və ABŞ-nin strategiyası hansı nəticələrə gətirib çıxara bilər? – MÜSAHİBƏ” veröffentlicht.
* BRI = Belt and Road Initiative, Chinas groß angelegtes (globales) Infrastrukturprojekt, das auch als Neue Seidenstraße im Mittelmeer bezeichnet wird.
Veröffentlichung in deutscher Sprache mit freundlicher Genehmigung des Autors.
[Zum Interview in englischer Sprache auf Substack]