»Die EU stellt das Gesinnungsverbrechen wieder her«

Interview mit Alfred de Zayas. Interview: Zeitgeschehen im Fokus – 27. Mai 2026

Der US-Amerikaner Prof. Dr.  jur. et phil. Alfred de Zayas ist Völkerrechtler und Historiker. Von Mai 2012 bis April 2018 war er Unabhängiger Experte des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen für die Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung.

Zeitgeschehen im Fokus Sie spielen in einem politischen Artikel auf das klassische Drama »Antigone« von Sophokles an. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Inhalt beziehungsweise der Aussage des Dramas und der heutigen Weltpolitik?

Professor Dr. Alfred de Zayas: In der »Antigone« zeigt uns Sophokles, dass das autoritäre Prinzip »dura lex, sed lex«(das Gesetz ist hart, aber es ist eben das Gesetz) überwunden werden muss. Rechtsstaatlichkeit bedeutet nicht blinden Positivismus, sondern aktive Gerechtigkeit. Bereits 50 Jahre vor Christus hat Cicero argumentiert: »summum ius, summa iniuria« – strenge Gesetze und Anordnungen führen zur höchsten Ungerechtigkeit.1

Antigone weigert sich, das brutale und unmenschliche Gesetz König Kreons zu befolgen. Sie wird zum Tode verurteilt und begeht Selbstmord. Kreons Sohn, Haimon, der mit Antigone verlobt war, nimmt sich das Leben. Kreons Frau, Eurydike, kann den Verlust ihres Sohnes nicht ertragen und begeht auch Selbstmord. Kreon steht allein da vor einem Scherbenhaufen. Seine Intransigenz hat sich gerächt.

Man kann also sagen, Antigone führt den Kampf gegen staatliche Willkür.

Genau, das meine ich. Antigone ist ein Archetypus für den Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Wir alle haben nicht nur das demokratische Recht, sondern auch die Verpflichtung, gegen staatliche Willkür zu demonstrieren, zu schreiben, zu agieren. Der Totalitarismus in Europa beschleunigt sich rasant, und Menschen, die die Meinungs- und Pressefreiheit umsetzen, werden verfolgt. Die Gerichte schützen sie nicht.

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