Der neutrale General – ein Militärexperte oder vor allem ein Rüstungs-Insider?

Von Michel Hollister – 5. Juli 2026

Hier kommt die Fortsetzung des medienkritischen Beitrags von Michael Hollister vom 29. Juni 2026.

Drei Fälle und das, was sie nicht zeigen

Als dieser Text entstand, war ein vierter General bereits in den Suchergebnissen sichtbar – ohne dass irgendjemand nach ihm gesucht hatte. Jörg Vollmer, Vier-Sterne-General außer Dienst, war bis Juni 2022 Oberbefehlshaber des Allied Joint Force Command Brunssum – genau jener NATO-Kommandostelle, die Hans-Lothar Domröse vor ihm geführt hatte. Seit seinem Ausscheiden ist Vollmer Chief Advisor Military Affairs am Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie in Wachtberg. Das FKIE ist der größte wehrtechnische Forschungsstandort innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft, finanziert aus öffentlichen Mitteln, mit der Bundeswehr als einem seiner wichtigsten Auftraggeber. Das Institut nennt Vollmer auf seiner eigenen Website, in Pressemitteilungen, in Konferenzprogrammen. Sein Name ist nicht versteckt. Die Funktion steht schwarz auf weiß.

Was nicht steht: ein Hinweis darauf, wenn Vollmer in Medien zitiert wird. Dann erscheint die Bundeswehr- und NATO-Laufbahn – von 1978 bis 2022, über mehr als vier Jahrzehnte. Was nicht erscheint, ist die Funktion am FKIE, einem öffentlich finanzierten Institut mit Rüstungsauftrag, das im selben institutionellen Umfeld arbeitet, über das er Auskunft gibt. Das ist keine Behauptung über Absichten. Es ist ein Befund über ein Präsentationsmuster, das sich durch die gesamte Branche zieht, unabhängig von Medium, Format und Person.

Die drei Fälle aus Teil 1 dieser Analyse – Domröse, Vad, von Sandrart – wurden sichtbar, weil jeweils eine externe Quelle die Verbindung von sich aus preisgab: ein staatliches Register, eine Selbstauskunft des Betroffenen, eine Firmenmitteilung. Vollmer ist sichtbar, weil das Fraunhofer FKIE ihn öffentlich führt. Das ist kein Systemunterschied – es ist Zufall der institutionellen Transparenz. Der Unterschied zwischen einem sichtbaren und einem unsichtbaren Fall liegt nicht in der Bindung. Er liegt darin, ob irgendjemand diese Bindung aus eigenem Antrieb der Öffentlichkeit mitteilt.

Diese Frage führt nicht zu einem weiteren Einzelfall. Sie führt in eine Struktur, die aus mehreren Ebenen besteht – Forschungsinstitute, Beratungsfirmen, Verbände, Netzwerke –, die gemeinsam dafür sorgen, dass pensionierte Spitzenmilitärs nahtlos in ein Feld wechseln, das von denselben Beschaffungsentscheidungen lebt, über die sie im Fernsehen sprechen. Die meisten dieser Ebenen produzieren keine öffentlich zugänglichen Kundenlisten. Manche produzieren nicht einmal einen Lobbyregistereintrag. Was sie produzieren, ist eine Normalität – und Normalität fällt nicht auf.

Die Architektur der Unsichtbarkeit

Domröse ist dokumentiert – das ist seine besondere Stelle im Gesamtbild. Nicht, weil er der einzige ist, sondern weil das Lobbyregister des Deutschen Bundestags die Ausnahme unter den Offenlegungsmechanismen darstellt: Es ist verpflichtend für alle, die entgeltlich Interessenvertretung gegenüber dem Bundestag oder der Bundesregierung betreiben. Wer sich nur beraten, nicht lobbyieren lässt; wer für Forschungsinstitute arbeitet; wer in strategischen Beiräten sitzt oder seine Erfahrung über private Beratungsfirmen vermarktet, ohne direkt an Gesetzgebungsprozesse heranzutreten, der unterliegt keiner Registrierungspflicht. Die Registrierungspflicht erfasst genau jene Fälle, in denen jemand aktiv politischen Druck ausübt. Die weit häufigere Konstellation – der Pensionär als Wissensträger, als Türöffner, als strategischer Ratgeber im Hintergrund – bleibt außen vor. Domröse fiel ins Register, weil er aktive Interessenvertretung im engsten Sinne betrieb und das als Beratungstätigkeit selbst so beschrieb. Die meisten seiner Kollegen betreiben das Gleiche unter anderen Bezeichnungen – und hinterlassen dabei keine Spur in einem öffentlich zugänglichen Dokument.

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