Von German-Foreign-Policy.com – 22. September 2026
Das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag verurteilt den ehemaligen UÇK-Anführer Hashim Thaçi wegen vielfacher Folterverbrechen und Morde. Thaçi und die UÇK dienten auch Berlin 1999 als Bodentruppen im Jugoslawienkrieg.

Ein aktuelles Urteil des Kosovo-Sondertribunals in Den Haag bestätigt: Die Bundesregierung und die NATO haben den Krieg gegen Jugoslawien im Jahr 1999 in enger Kooperation mit Serienfolterern und -mördern geführt. Das Tribunal hat in der vergangenen Woche den ehemaligen UÇK-Anführer Hashim Thaçi und drei weitere UÇK-Funktionäre wegen Folter in mehr als 300 Fällen und Mord in rund 100 Fällen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Demnach trägt Thaçi Verantwortung für zahlreiche dieser Fälle, darunter nicht zuletzt solche, die von seinen Gefolgsleuten verübt wurden, als er Anfang 1999 in Rambouillet und in Paris Verhandlungen über die Zukunft des Kosovo mit Politikern westlicher Staaten führte, darunter auch Bundesaußenminister Josef Fischer. Thaçi galt damals als die wohl zentrale Bezugsperson des Westens im Kosovo – und dies auch später noch, als er zunächst als Ministerpräsident, dann als Präsident des Kosovo amtierte. Die UÇK mit ihren Folterern und Mördern fungierte 1999 de facto als Bodentruppe der NATO. Das wohl größte Verbrechen begingen damals allerdings Deutschland und die NATO selbst: die Entfesselung eines völkerrechtswidrigen Angriffskriegs.
„Eine terroristische Gruppierung“
Die Zusammenarbeit der westlichen Staaten, darunter Deutschland, mit Hashim Thaçi begann 1998, als Thaçi zum politischen Anführer der Mitte der 1990er Jahre von ihm mitgegründeten UÇK aufstieg. Die UÇK wurde Anfang 1998 von Experten als Mafiaorganisation eingestuft, die ihre Gelder insbesondere aus dem Drogenhandel bezog.[1] Auch Zwangsprostitution zählte demnach zu den Verbrechen, mit denen einige Mitglieder der UÇK Geld verdienten.[2] Noch Anfang 1998 hatte der US-Sondergesandte für das Kosovo, Robert Gelbard, bekräftigt: „Die UÇK ist ohne jede Frage eine terroristische Gruppierung.“[3] Zu jener Zeit freilich vollzog das US-Außenministerium einen Kurswechsel, entfernte die Vereinigung laut einem Bericht des Wall Street Journal von seiner Liste von Terrororganisationen [4] und bahnte – im Kampf gegen Jugoslawien – eine intensive Zusammenarbeit mit ihr an. Der UÇK fiel dabei zunächst die Aufgabe zu, Belgrads Kontrolle über das Kosovo zu unterminieren. Thaçi wurde zum zentralen Ansprechpartner des Westens. Er führte die UÇK-Delegation Anfang 1999 bei den Verhandlungen in Rambouillet und in Paris, die halfen, den Überfall auf Jugoslawien am 24. März 1999 zu legitimieren. Auf Fotos aus Rambouillet ist Thaçi unmittelbar vor US-Präsident Bill Clinton und Bundesaußenminister Josef Fischer zu sehen.[5]
Folterer und Mörder
Während Clinton und Fischer in Rambouillet und in Paris mit Thaçi verhandelten, setzte die UÇK im Kosovo ihre Verbrechen fort, für die Thaçi sowie drei Mitangeklagte laut dem Urteil des Kosovo-Sondertribunals in Den Haag zumindest Mitverantwortung tragen. Demnach unterhielt die UÇK in den Jahren 1998 und 1999 Lager, in denen Serben, Roma und der UÇK nicht genehme Albaner festgehalten wurden – und in denen sie Misshandlung und Folter durch UÇK-Mitglieder ausgesetzt waren. Gefangene wurden dort verprügelt, zuweilen bis zur Bewusstlosigkeit; ihnen wurden Arme, Beine, Rippen gebrochen, Fingernägel ausgerissen, Zähne ausgeschlagen; einige wurden kopfüber an den Füßen aufgehängt. Immer wieder kam es zu Todesopfern. Das Kosovo-Sondertribunal hat allein im Prozess gegen Thaçi sowie seine drei Mitangeklagten mehr als 300 Fälle von Misshandlung und Folter sowie rund 100 Morde belegen können, die unter ihrer Aufsicht oder sogar Mitwirkung begangen wurden.[6] Dass sie den damals im Kosovo aktiven westlichen Geheimdiensten verborgen geblieben wären, ist nicht wirklich vorstellbar. Dessen ungeachtet spannten die NATO-Staaten die UÇK auch während ihres Krieges gegen Jugoslawien von März bis Juni 1999 als Bodentruppe ein; und in den Jahren danach blieb Thaçi einer ihrer wichtigsten Ansprechpartner in Prishtina.
(Bildquelle: x.com, verschiedene Posts)