Christliches (Über)Leben unter Israelischer Besatzung 

Von Hassan Al Khalaf – 9. Oktober 2026

Kardinal Pierbattista Pizzaballa und Abt Nikodemus Schnabel am Pfingstsonntag in der Dormitio- Abtei in Jerusalem (Foto: Pascal Franz)

Die christliche Minderheit in Gaza und im Westjordanland ist von Bombardierungen, Pogromen und ethnischer Vertreibung nicht ausgenommen. Auch wenn Netanjahu behauptet, Beschützer der Christen im Heiligen Land zu sein, wurden bereits alle Kirchen in Gaza bombardiert und christliche Palästinenser vom IDF und illegalen Siedlern bedroht. Der palästinensische Pastor Munther Isaac versucht seit langem, Licht auf das Leid seiner Gemeinde zu werfen, stößt bei westlichen Kirchen jedoch nur auf Ignoranz. 

In der Nacht zum 3. Oktober wurden erneut Wohnviertel in Gaza-Stadt trotz Waffenruhe beschossen. Vier Frauen, zwei Mütter und zwei Töchter wurden schlafend getötet, darunter die beiden Christinnen Maysa Abu Dawud mit ihrer Tochter Mary und ihre Nachbarn, die Dozentin Yasmin al-Boubou mit ihrer älteren Mutter Halloum al-Boubou. 

Die Beisetzung der christlichen Frauen an der St. Phorphyrius-Kirche, eine der ältesten Kirchen überhaupt, brachte sowohl Christen als auch Muslime zusammen, um den letzten Opfern zu Gedenken, wie Reuters berichtet. Der 14-Jährige Fouad Al-Najjar, der seine Mutter und Großmutter verlor, befand sich auch unter den Trauernden in der grieschich-orthodoxen Kirche. „Die Besatzungsmacht unterscheidet nicht zwischen einem Muslim und einem Christen. Ich persönlich habe viele Menschen verloren, die mir sehr nah waren“, teilt der Junge, der unter diesem Krieg aufwachsen musste, mit der staatlichen Nachrichtenagentur der Türkei, Anadolu Ajansi, mit.

Die beiden Frauen bleiben ihren Familienangehörigen und Freunden als hilfsbereite und fürsorgliche Mitmenschen in Erinnerung. Als der Krieg begann und zahlreiche Menschen zur Flucht aufgefordert wurden, fanden sie in den Kirchen Gazas Zuflucht, wo die zwei Gläubigen ehrenamtlich aushalfen, erzählen die Sanitäter und Gäste Reuters. Besonders für Ältere, Verletzte und körperlich Beeinträchtigte, die nicht so schnell fliehen konnten, waren die Gotteshäuser essentiell. 18 dieser Schutzsuchenden wurden am 19. Oktober 2023 bei einem Israelischem Luftangriff auf die Kirche getötet und 20 weitere verletzt. Auch die einzige katholische Kirche in Gaza, die Kirche der Heiligen Familie, die der biblischen Flucht von Maria, Joseph und Jesus nach Ägypten gedenkt, wurde mehrmals zum Ziel israelischer Angriffe. Eine ehrenamtliche Köchin wurde gemeinsam mit ihrer älteren Mutter während der Adventszeit 2023 von IDF-Snipern im Hof der Kirche erschossen. Vier Zivilisten, die in der Schule der Kirche Zuflucht suchten, wurden im Juli 2024 bombardiert. Zehn Zivilisten, darunter der Pfarrer der Gemeinde, wurden im Juli 2025 durch Beschuss der IDF-Panzer der Kirche verletzt und drei weitere getötet. 

Das Christkind unter Trümmern 

Der lutherische Pastor Munther Isaac verurteilt alle Gräueltaten an seinem Volk scharf. Seit Kriegsbeginn stellt er jedes Jahr eine bestimmte Krippe in der Weihnachtskirche von Bethlehem auf: Das Christkind inmitten von Trümmern, umhüllt mit einer palästinensischen Kufiya. „Wenn Christus heute geboren wäre, kommt er unter Kriegstrümmern und israelischen Bomben zur Welt“, mahnt der Pastor. Er sieht große Parallelen zum Leben Jesu und wie Palästinenser heute leben müssen. Wie Isaac und andere Palästinenser ist auch Christus unter Besatzung und Fremdherrschaft geboren. Mit seinen Eltern war Jesus schon als Säugling auf der Flucht. Der einzige Weg nach Ägypten führte damals über Gaza. Deshalb versucht Isaac unermüdlich, Christen aus dem Westen klarzumachen, dass Jesus ebenso von israelischen Luftangriffen bedroht wäre. 

„Christen sind keine separate Gruppe. Wir sind Palästinenser mit christlichem Glauben. Alles, was den Palästinensern angetan wird, trifft auch uns“, beharrt der Pastor. Es frustriert ihn, wenn Akademiker von “Christen, Juden und Muslimen” sprechen, als wären es drei unabhängige Gruppen, erzählt er im Gespräch. Eine Aufteilung, die sich nicht mit der Realität deckt. Christen in Palästina besitzen arabisch als Muttersprache, benutzen ebenfalls den Namen „Allah“ für Gott und sind genauso von israelischer Gewalt betroffen, wie alle Palästinenser, die unter israelischer Besatzung leben.

[Hier weiterlesen]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.