Von Klaus-Dieter Kolenda – 24. Oktober 2026
Der Historiker Christian Gerlach deckte eines der schlimmsten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg auf: den Versuch, die weißrussische Bevölkerung durch Hunger auszurotten.
Der sogenannte „Hungerplan“ der deutschen Militärplaner hatte das Ziel, viele Millionen Sowjetbürger durch Nahrungsmittelentzug verhungern zu lassen, um die Ernährung der deutschen Invasionsarmeen in der Sowjetunion sicherzustellen. Wie der Hungerplan in Weißrussland 1941 bis 1944 umgesetzt wurde, zeigt eine bemerkenswerte Studie des Historikers Christian Gerlach.
Im Herbst 2025 haben Jan Gorski und ich eine Reise nach Belarus unternommen, die uns nach Minsk und Umgebung geführt hat. Dort haben wir auch die Nationale Gedenkstätte Chatyn besucht. Über dieses bewegende Erlebnis haben wir auch in unserem kurzen Reisebericht geschrieben, der Anfang 2026 in den Nachdenkseiten (1) und in Globalbridge (2) veröffentlicht wurde. Im Juli 2026 erschien eine erweiterte Fassung in 4 Teilen im Manova-Magazin (3).
Bei der Nachbearbeitung unserer Reise bin ich auf die bemerkenswerte Studie des Historikers Christian Gerlach (4) gestoßen, die 1999 auf der Basis seiner Dissertation in der Hamburger Edition erschienen ist und zweifellos zu den wichtigsten wissenschaftlichen Werken über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion gehört. Der Titel lautet: „Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944“ (5). Es ist ein „Buch-Ziegel“ mit einem Umfang von circa 1.200 Seiten und vielen hundert Quellen. Allein die Zusammenfassung hat einen Umfang von 35 Seiten.
So, wie die Tatsachen, die in diesem Buch ausgebreitet werden, ist deren Lektüre erschreckend und ergreifend, aber auch gewinnbringend, weil sie Zusammenhänge aufdeckt, die in den vorliegenden Büchern über den deutschen Vernichtungskrieg im Osten während des Zweiten Weltkriegs nicht oder nur selten angesprochen werden.
Der Historiker Gerlach, seit 2008 ordentlicher Professor für Zeitgeschichte am Historischen Institut der Universität Bern, hat in seiner oben genannten Studie im Detail die Ursprünge und wirtschaftlichen Hintergründe des „Hungerplans“ beschrieben, der auf die Vernichtung von circa 30 Millionen Sowjetbürgern während der Deutsch-Sowjetischen Kriegs abzielte und über den in der üblichen deutschen Geschichtsschreibung weitgehend geschwiegen wird.
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