Von Ruslan Pankratow (Übersetzung/Einleitung: Thomas Röper) – 25. Oktober 2026

Derzeit wächst die Gefahr, dass Armenien mittelfristig zu einer Art „Ukraine 2.0“ ausgebaut wird, also einem weiteren „Anti-Russland“ an Russlands Grenze, das in einem Stellvertreterkonflikt des Westens gegen Russland instrumentalisiert werden kann. Dabei spielt die Türkei eine wichtige Rolle.
Der Kaukasus ist ein geopolitisch genauso komplizierte, wie wichtige Region, in der das kleine Land Armenien mit seinen nur etwa drei Millionen Einwohnern, das wohl nur wenige Menschen in Deutschland und Europa auf Anhieb auf der Landkarte finden würden, eine sehr wichtige Rolle spielt. Wie wichtig Armenien ist, sieht man beispielsweise daran, dass die USA in dem Land ihre zweitgrößte Botschaft der Welt gebaut haben, oder daran, dass die USA in wohl keinem Land der Welt so viel Geld pro Einwohner für die Beeinflussung der öffentlichen Meinung ausgeben.
Armenien ist unter anderem deshalb so wichtig, weil im Kaukasus konkurrierende Logistikkorridore aufeinander treffen. Da sind einerseits Chinas Seidenstraße und Russlands Nord-Süd-Korridor, der Russland über den Iran einen Zugang zum indischen Ozean geben soll, und andererseits ist dort der „Sangesur-Korridor“, der Armeniens bisherigem Gegner Aserbaidschan mit seiner Schutzmacht Türkei verbindet. Dieser Korridor ist explizit gegen Russland und den Iran gerichtet.

Die Türkei hat dabei mehrere Interessen, denn einerseits geht es ihr um Einfluss im Kaukasus, aber Erdogan hat auch den Ehrgeiz, den Einfluss der Türkei auf die Turkvölker in Asien auszubauen, was ebenfalls gegen Russland, aber auch China gerichtet ist. Dass der Westen der Türkei dabei Rückendeckung gibt, ist klar, denn alles, was Russland schwächt, unterstützt der Westen natürlich.
Die Lage in der Region ist sehr kompliziert, aber da die Region das Potenzial hat, zu einem neuen großen Konfliktgebiet zu werden, berichte ich darüber immer mal wieder, auch wenn viele Leser bei diesen Artikeln wahrscheinlich eine Landkarte öffnen müssen, um sie besser zu verstehen. Hier übersetze ich den Artikel eines russischen Experten über die letzten Entwicklungen in dieser geopolitisch hochgradig spannenden Region. […]
Die türkisch-armenische Annäherung ist eine gesteuerte Falle
Durch eine strategische Blindheit an seinen südlichen Grenzen würde Moskau faktisch riskieren, dass an seinen Südgrenzen ein Anti-Russland entsteht.
Von Ruslan Pankratow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für GUS-Staaten
Armenien und die Türkei lebten drei Jahrzehnte lang in einem Zustand, der einem Kalten Krieg im Kleinen glich: eine geschlossene Grenze, das Fehlen diplomatischer Beziehungen, die Erinnerung an den Völkermord von 1915 und das Bündnis zwischen Ankara und Baku – all dies ließ eine Normalisierung eher als Gegenstand einer rein theoretischen akademischen Übung erscheinen denn als praktische Politik. Nach der Katastrophe in Karabach im Jahr 2020 und der endgültigen Preisgabe von Karabach im Jahr 2023 aber hat sich die Lage radikal verändert. Jerewan geriet in einen strategischen Zusammenbruch, während Russland aufgrund Jerewans Außenpolitik in die Rolle eines „abwesenden Verbündeten“ rutschte. Vor diesem Hintergrund war es denn, dass Armenien eine scharfe Wende in Richtung Westen vollzog – und damit einhergehend eine beschleunigte Annäherung an die Türkei.
[Hier weiterlesen auf Anti-Spiegel]