Von Johannes Stern – 5. Oktober 2026
Nur wenige Tage nachdem Russland die NATO erneut mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht und Präsident Wladimir Putin vor einem „fatalen Punkt ohne Wiederkehr“ gewarnt hat, ist Bundeskanzler Friedrich Merz am Sonntag nach Kiew gereist, um die deutsche Beteiligung am Ukrainekrieg weiter auszubauen.
Der Besuch unterstreicht die extreme Gefahr der gegenwärtigen Entwicklung. Statt die russischen Warnungen zum Anlass zu nehmen, die Eskalation zu stoppen und einen direkten Krieg zwischen Atommächten zu verhindern, reagiert die Bundesregierung mit der Ausweitung der Waffenlieferungen und dem Aufbau ukrainischer Fähigkeiten für Angriffe tief im Inneren Russlands.
Merz kündigte die Freigabe einer weiteren Milliarde Euro für Militärhilfe sowie 350 Millionen Euro für die Reparatur der ukrainischen Energieinfrastruktur an. Deutschland will Tausende Abfangdrohnen liefern und gemeinsam mit der Ukraine Drohnen, Raketen und entsprechende Software entwickeln und produzieren. Besonders weitreichend ist die geplante gemeinsame Entwicklung von Waffensystemen mit einer Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern, mit denen die Ukraine Ziele tief auf russischem Staatsgebiet angreifen kann.
Merz reiste bezeichnenderweise in Begleitung von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Vertretern deutscher Konzerne, darunter Siemens Energy, Hensoldt, Diehl Defence und Quantum Systems. Deutsche Regierungsvertreter erklärten gegenüber Reuters ausdrücklich, die verstärkte Kooperation solle dafür sorgen, dass Geld und Technologie nach Deutschland zurückfließen und die deutsche Rüstungs- und Drohnenindustrie gestärkt wird.
Damit nimmt die Politik konkrete Formen an, die Außenminister Johann Wadephul vor wenigen Wochen bemerkenswert offen formuliert hatte. Deutschland sei inzwischen der stärkste finanzielle und militärische Unterstützer Kiews, erklärte er und fügte hinzu: „Und es muss naturgemäß so sein, dass die deutsche Verteidigungsindustrie davon profitiert.“ Die Regierung habe die Ukraine aufgefordert, mehr Waffen bei deutschen Konzernen zu bestellen.
Während Merz sich in Kiew aufhielt, gingen die russischen Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt weiter. Noch am Samstag hatte das russische Außenministerium ausländische Staatsbürger und Diplomaten ausdrücklich davor gewarnt, sich in Kiew aufzuhalten, und weitere Angriffe angekündigt. Bei den jüngsten Angriffen wurde unter anderem eine zentrale Brücke über den Dnipro getroffen.
Merz reagierte mit der bekannten Eskalationslogik. „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns“, erklärte er bei seiner Ankunft. Moskau verstehe nur die „Sprache der Stärke“.