Von Ramon Schack – 1. September 2026

Impressionen vom Wahlkampf in dem ostdeutschen Bundesland.
Erster Teil. Ein zweiter Teil dieser Reportage erfolgt in Kürze.
Merseburg, an einem heißen Wochentag im August. In Sachsen-Anhalt tobt der Wahlkampf, was auch hier in der alten Dom- und Universitätsstadt – in unmittelbarer Nachbarschaft zu Halle an der Saale – nicht zu übersehen ist. Wahlplakate versperren den Blick auf die Architektur der frühen DDR-Zeit, welche die Straße, rund um den Hauptbahnhof zu prägen scheint.
„Hier in der Region kann man überhaupt nicht in irgendeiner Blase leben“
In einem indischen Bistro, unweit des Bahnhofgebäudes, herrscht Hochbetrieb. Arbeiter im Blaumann gönnen sich ein Feierabend-Bier, scherzen mit dem Inhaber, der vor über 20 Jahren aus dem Punjab nach Merseburg kam. Herr Singh schaut ehrlich amüsiert, als ihm die Frage nach fremdenfeindlichen Erlebnissen gestellt wird. „Singh heißt auf Deutsch Löwe!“, antwortet er lächelnd. „Ich weiß mich also zu verteidigen. Aber um ehrlich zu sein, ich habe keine Probleme. Schauen Sie doch selbst. Der Inder serviert eine neue Runde Bier an seine Stammkunden, derbe Männer in Arbeitskleidung, die nicht unbedingt eine linksliberale Lebenswelt repräsentieren.
„So Männer, noch ne Runde von Eurem kulturfremden Invasoren“, ruft Singh, um damit eine AfD-Parole zu persiflieren.
Ronko, 28, ist in Merseburg aufgewachsen. Der Fliesenleger berichtet von der politischen Stimmung auf dem Bau, während er sich eine Zigarette dreht. „Die meisten wählen Blau, stimmt schon, auch die Migranten mit deutschem Pass. Die AfD ist zur Arbeiterpartei geworden, ohne es zu sein“, gibt er zu bedenken. Sein Kollege Udo, ein bulliger Endvierziger, der früher einmal ein richtiges „Nazischwein“ war, wie er unumwunden zugibt, ergänzt. „Ich hatte vor 15 Jahren einen schweren Arbeitsunfall. Die ausländischen Kollegen, Kurden, Türken, Bosnier, haste nicht gesehen, kamen zu mir ins Krankenhaus und haben mich anschließend zu Hause besucht, meiner Frau die Arbeit abgenommen. Von den Deutschen, keine Spur. Glaub mir, danach war ich kein Nazi mehr. Trotzdem wähl ich AfD, eben weil das keine Nazis sind. Was denn sonst. Da gibt es auch genug Arschlöcher, dieser Rumäne zum Beispiel, wie heißt der noch genau? Tillschneider, den kannste in der Pfeife rauchen, aber Sigmund muss jetzt mal ran, bevor uns die anderen in den Krieg treiben!“