Von Andrew Korybko – 19. August 2026

Der Westen unternimmt niemals etwas, ohne dabei einen eigenen Vorteil im Blick zu haben.
Die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (ECOWAS) hat Ende Juli die nigerianisch-marokkanische Offshore-Pipeline offiziell gebilligt. Der Bau dieses 25-Milliarden-Dollar-Megaprojekts soll 2028 beginnen und sich über 4.000 Kilometer entlang der westafrikanischen Küste erstrecken, um die EU jährlich mit 30 Milliarden Kubikmetern (bcm) Gas zu versorgen. Die gestiegene Bedeutung Nigerias für die EU wird diesen offiziellen BRICS-Partner noch stärker unter westlichen Einfluss stellen, und dasselbe gilt für den von ihm angeführten ECOWAS-Block.
Zwar entsprechen die 30 bcm nur etwa einem Fünftel dessen, was Russland früher in der Blütezeit ihres Energiehandels an die EU lieferte, doch tragen sie dennoch zur Ankurbelung der Wirtschaft der Union bei und werden vermutlich auch günstiger sein als das LNG, das die EU seit der Verhängung von Sanktionen gegen Russland im Jahr 2022 in großem Umfang aus den USA importiert. Engere Beziehungen zwischen der EU und Nigeria werden die unter Trump 2.0 immer enger werdenden Beziehungen zwischen den USA und Nigeria ergänzen, was letztendlich dazu führen könnte, dass sie Nigeria dazu befähigen, als ihr regionaler Auftrags-Vollstrecker zu fungieren.
Obwohl Nigeria die vermutete Anti-Terror-Invasion in Mali, die sein Verteidigungsminister Anfang Mai angedeutet hatte, noch nicht durchgeführt hat – und die, sollte sie jemals stattfinden, wahrscheinlich zum Zweck eines Regimewechsels erfolgen würde –, kann das Land diese Rolle in Zukunft mit westlicher Unterstützung dennoch übernehmen. Sollte die Sahel-Allianz, zu der Mali gehört, den gegenwärtigen Angriff im Stil eines syrischen Hybridkriegs überstehen, ist ein vom Westen unterstützter Krieg Nigerias gegen diesen Block nicht auszuschließen – ein Krieg, an dem sich möglicherweise auch andere ECOWAS-Staaten beteiligen würden.
Die BBC zitierte den Energieexperten und ehemaligen nigerianischen Regierungsberater Charles Majomi mit der Einschätzung, dass „[die nigerianisch-marokkanische Pipeline] einen Wandel gegenüber den derzeitigen Modellen signalisiert, bei denen Gas typischerweise aus afrikanischen Ländern gefördert, im Ausland raffiniert und verarbeitet und dann zum drei- oder vierfachen Preis zurück in afrikanische Länder geliefert wird“. Es wäre natürlich eine positive Entwicklung für die anderen ECOWAS-Staaten, Gas zu einem deutlich günstigeren Preis zu erhalten, aber der Westen tut nie etwas, ohne dabei einen eigenen Vorteil im Blick zu haben.
In diesem Fall soll die Stärkung ihrer Volkswirtschaften dazu führen, dass sie mehr Rüstungsgüter aus dem Westen kaufen, was insgesamt eine Stärkung ihrer Streitkräfte zur Folge hätte – mit dem Ziel, die ECOWAS in einen mächtigeren, von Nigeria geführten Militärblock zu verwandeln. Während Guinea und Togo aufgrund ihrer pragmatischen Beziehungen zur Sahel-Allianz und ihrer wachsenden Verbindungen zu Russland möglicherweise eine Beteiligung an einer Kampagne gegen die Staaten der Sahel-Allianz ablehnen würden, wird erwartet, dass sich die übrigen Staaten daran beteiligen, sollte es dazu kommen. Zudem sind sie ohnehin bereits pro-westlich ausgerichtet.
Insgesamt betrachtet fördert die nigerianisch-marokkanische Pipeline zwar tatsächlich die wirtschaftlichen Interessen aller beteiligten Länder, ist aber auch von Natur aus geopolitisch geprägt, da das langfristige Ziel darin besteht, den westlichen Einfluss in den ECOWAS-Staaten zu festigen, die zudem strategisch wichtige Küstenstaaten sind. Das Konzept des „Globalen Westens“ dehnt sich daher von seinem nordatlantischen Kern aus und umfasst nun nicht nur die Verbündeten der USA im asiatisch-pazifischen Raum, die Golfstaaten, Israel und Lateinamerika, sondern nun auch Westafrika.
Offen gesagt gibt es nichts, was die chinesisch-russische Entente tun könnte, um die nigerianisch-marokkanische Pipeline zu stoppen, und jeder Versuch, dies dennoch zu tun, würde als Versuch dargestellt werden, die Entwicklung der westafrikanischen Staaten zu behindern – zum Nachteil der „Soft Power“ dieser beiden Länder. Was sie jedoch tun können, ist, ihre Unterstützung für die Sahel-Allianz zu verstärken und ihr Bestes zu geben, um Nigeria im neuen Kalten Krieg wieder auf ihre Seite zu ziehen. Das ist viel leichter gesagt als getan, aber nicht unmöglich, sodass sie es vielleicht bald versuchen werden.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]
Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.