Von Ulrich Rippert – 18. Juli 2026
Am gestrigen Freitag tagte in einer Wartungshalle des Militärflugplatzes Nörvenich bei Köln der Deutsch-Französische Sicherheits- und Verteidigungsrat unter Leitung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Dass zwei Regierungschefs europäischer Kernländer ihre politischen Beratungen ausgerechnet zwischen Kampfjets und Hangartoren abhalten, ist kein Zufall, sondern demonstrative Inszenierung. Umrahmt von zwei französischen Rafale- und zwei deutschen Eurofighter-Kampfjets sollte der Öffentlichkeit das Bild vermittelt werden: Die beiden größten Volkswirtschaften der Europäischen Union bereiten sich auf einen Atomkrieg vor.
Bereits am Vortag, unmittelbar vor Macrons Ankunft in Deutschland, hatten zwei mit Atomwaffen bestückbare Rafale-Jets gemeinsam mit zwei Eurofightern der Bundeswehr eine Luftbetankung durch ein französisches Tankflugzeug geübt. Am Freitag folgten auf dem Fliegerhorst weitere gemeinsame „Wartungsübungen“ deutscher und französischer Soldaten an den Flugzeugen des jeweils anderen Landes. Was sich wie gegenseitige Instandhaltungshilfe anhört, hat in Wahrheit große politische Tragweite, denn es bereitet die logistische und operative Integration der beiden nationalen Luftwaffen in eine gemeinsame atomare Kommandostruktur vor.
Was in den Regierungsverlautbarungen als „Vertiefung der Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung“ firmiert, ist der praktische Auftakt zu einer Politik, die im März dieses Jahres zwischen Merz und Macron vereinbart worden war. Der Sicherheitsrat beschloss nun als nächsten konkreten Schritt, dass sich im Herbst erstmals deutsche Soldaten aktiv an einem französischen Nuklearmanöver beteiligen werden. Damit wird die Bundesrepublik, die bislang im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO auf US-Atombomben und von der Bundeswehr bereitgestellte Trägerflugzeuge angewiesen war, erstmals unmittelbar in die Nukleardoktrin einer zweiten Atommacht eingebunden.
Bereits am Donnerstag wurde zum Auftakt des Treffens auf Schloss Bensberg eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, die folgende Punkte umfasst:
- Einrichtung einer „ständigen nuklearen Lenkungsgruppe“, die – so die offizielle Sprachregelung – „die strategische Kultur und die gemeinsame Bedrohungsanalyse vertiefen“ soll. Was sich harmlos anhört, bedeutet faktisch die Integration deutscher Militärs in die nukleare Planung Frankreichs. Deutsche Offiziere sollen künftig an der Einsatzplanung von Atomwaffen mitwirken, die im Kriegsfall auf Ziele in Russland niedergehen würden.
- Beginn gemeinsamer Nuklearübungen noch in diesem Jahr. Französische Rafale-Kampfflugzeuge mit nuklearer Bewaffnung sollen – darauf deuten die Beratungen in Nörvenich hin – zeitweise auf deutschen Stützpunkten stationiert und in gemeinsame Manöver eingebunden werden. Die „Force de frappe“, Frankreichs nukleare Abschreckungsstreitmacht, erhält damit erstmals operationelle Basen auf deutschem Boden.
- Enge Zusammenarbeit in den Bereichen „Deep Precision Strike“ (punktgenauer Einsatz weitreichender Flugkörper) und Luftverteidigung vereinbart. Diese Begriffe beschreiben die Fähigkeit, Ziele tief im gegnerischen Territorium – sprich: in Russland – mit konventionellen und potenziell nuklearen Waffen anzugreifen.
Die Absprachen stellen einen historischen Bruch mit der deutschen Nachkriegsordnung dar. Im Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 hatte sich die Bundesrepublik verpflichtet, auf atomare, biologische und chemische Waffen zu verzichten. Sie ist Unterzeichnerin des Atomwaffensperrvertrags. Die jetzt eingeleitete nukleare Kooperation mit Frankreich unterläuft diese Verpflichtungen faktisch, auch wenn die Bundesregierung formal an ihnen festhält.