Venezuela: Tausende Tote nach stärkstem Erdbeben seit 125 Jahren befürchtet

Von Andrea Lobo – 26. Juni 2026

Such- und Rettungstrupps in Caracas [Photo: Policia Nacional Bolivariana]

Am Mittwochabend, kurz nach 18 Uhr Ortszeit, wurde die Nordküste Venezuelas von zwei schweren Erdbeben erschüttert – einem Vorbeben der Stärke 7,2, gefolgt von einem Hauptbeben der Stärke 7,5 nur 39 Sekunden später.

In der Hauptstadt Caracas, in Trujillo, Carabobo, Aragua und La Guaira stürzten Dutzende von Gebäuden ein, bevor die Bewohner aus ihnen flüchten konnten.

Bei Redaktionsschluss dieser Übersetzung war die Zahl der bestätigten Todesopfer auf 589 gestiegen, die Zahl der Verletzten auf 2.980.

Die US Geological Survey (USGS) gab umgehend ihre bisher höchste Warnstufe für „hohe Opferzahlen und umfangreiche Schäden“ heraus. Sie wies damit auf eine hohe Wahrscheinlichkeit hin, dass die Zahl der Opfer in die Tausende oder gar Zehntausende gehen könnte.

Zivilgesellschaftliche Organisationen, die Listen der Vermissten in La Guaira aufstellten, hatten bereits mehrere hundert Namen registriert. Auf einer Website aus dem Umfeld der rechten Oppositionsparteien wurden mehr als 37.600 Vermisstenanzeigen zusammengetragen.

Seismologen erklärten die Stärke des Bebens damit, dass sich ein Jahrhundert lang Energie aufgestaut hat. Die USGS bezeichnete es als das stärkste Beben seit 1900.

Doch dass die Katastrophe ein solches Ausmaß angenommen und so viele Opfer gefordert hat, geht nicht nur auf die seismischen Wellen zurück, sondern auch auf die jahrzehntelangen imperialistischen Sanktionen, militärischen Aggressionen, die korrupte kapitalistische Herrschaft unter dem Chavismus und die jetzige offene Rekolonialisierung des Landes durch die USA.

Noch Stunden nach dem Beben waren weite Teile von Caracas und der Umgebung ohne Strom.

Rodríguez hielt einige Stunden nach den Beben eine Rede an die Nation, rief den Notstand aus, setzte den Schulbetrieb und den öffentlichen Nahverkehr aus und bestätigte, dass der Internationale Flughafen Simón Bolívar wegen „schwerer Schäden“ geschlossen sei.

Kenneth O‘Dell, ein Bauingenieur mit langjähriger Erfahrung, erklärte gegenüber CNN, dass ältere Gebäude, die vor Anfang der 1970er Jahre unter den damals geltenden, weniger strengen Bauvorschriften errichtet wurden, besonders einsturzgefährdet seien. Die USGS wies darauf hin, dass viele Gebäude in der Region aus bewehrtem Ziegelmauerwerk und Lehmziegeln bestehen. Bei diesen Materialien ist bekannt, dass sie anfällig für erdbebenbedingte Zerstörungen sind.

Ein venezolanischer Regierungsvertreter erklärte gegenüber dem kolumbianischen Sender Caracol, die am stärksten getroffene Stadt sei La Guaira. Dort seien Dutzende von Gebäuden eingestürzt, darunter viele, die nach der Katastrophe von Vargas 1999 errichtet worden waren.

Bei den Schlammlawinen und Sturzfluten von Vargas im Dezember 1999 waren Zehntausende in jenem Küstenstreifen im Norden ums Leben gekommen, der auch am Mittwoch am stärksten von den Zerstörungen betroffen war. Bei der Katastrophe wurden im heutigen Staat La Guaira mehr als 8.000 Einfamilienhäuser und 700 Wohnblocks zerstört.

In den darauf folgenden 26 Jahren wurde La Guaira wiederaufgebaut, doch wie sich am Mittwochabend zeigte, ohne die seismische Widerstandsfähigkeit, die der Standort und die Wissenschaft gefordert hatten.

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