Von Leo Ensel – 14. Juni 2026
Wie gravierend die Versäumnisse sind, deren sich die deutsche Politik im Hinblick auf die akute Gefahr einer kriegerischen Konfrontation mit Russland schuldig macht, erkennt man am besten im Kontrast. Skizzieren wir daher einen Augenblick lang eine konkrete Utopie, in der Kanzler Merz das dringend Gebotene tatsächlich umsetzen würde …
Verhältnisse erschließen sich nicht selten im Kontrast. Stellen wir uns also für einen Moment vor, was zwar nicht jenseits aller Vernunft, aber doch jenseits der aktuellen politischen Wahrscheinlichkeit liegt: Bundeskanzler Friedrich Merz würde – durch welches Damaskuserlebnis auch immer erweckt und konvertiert – seinen Amtseid, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden, plötzlich ernst nehmen, das Ruder energisch herumreißen und, soweit es in seiner Macht stünde, nicht nur alles dafür tun, den Ukrainekrieg schnellstmöglich zu beenden, sondern auch jeden künftigen Krieg in Europa wieder in den Bereich des Undenkbaren zu verbannen.
Die Wende – 85 Jahre nach dem Überfall
Kein anderes Datum würde sich dafür besser eignen als der kommende 22. Juni, der 85. Jahrestag des Überfalls Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion. Stellen wir uns also vor, Friedrich Merz tritt übernächsten Montag vor die Presse und verkündet etwas, womit buchstäblich niemand gerechnet hätte.
„Die Bundesregierung wird ihre gesamte Außen- und Sicherheitspolitik neu ausrichten. Ziel deutscher Politik ist nicht die Vorbereitung eines Krieges mit Russland, sondern seine Verhinderung. Deutschland wird daher alle diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzen, um die gegenwärtige Konfrontation in Europa schrittweise zu überwinden und eine neue Entspannungspolitik einzuleiten.“
Für einige Sekunden herrscht Stille – jene seltenen Sekunden, in denen sich Journalisten nicht sicher sind, ob sie richtig gehört haben. Dann fährt Merz fort: Deutschland werde selbstverständlich verteidigungsfähig bleiben. Die Bundeswehr werde modernisiert, Bündnisverpflichtungen würden eingehalten, niemand denke an einseitige Abrüstung. Aber Verteidigungsminister Pistorius werde ab sofort nicht mehr von „Kriegstüchtigkeit“ sprechen. „Kriegstüchtigkeit“, erklärt der Kanzler, „kann niemals das politische Ziel einer demokratischen Gesellschaft sein. Das Ziel muss Friedensfähigkeit sein. Die Aufgabe der Politik besteht nicht darin, Kriege vorzubereiten, sondern sie zu verhindern. Wir handeln hier im Einklang mit dem Friedensgebot unseres Grundgesetzes.“