Von Andrew Korybko – 8. Mai 2026

Die Beziehung zwischen der EU und der Türkei ändert sich. Die heutige Partnerschaft war eine künstliche, hauptsächlich durch US-Strategien zustande gekommen. Nun könnten EU und der „Beitrittskandidat“ Türkei wieder mehr und mehr auf Konfrontation gehen.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat Ende April mit einer Aussage gegenüber den Medien für einen Skandal in den EU-türkischen Beziehungen gesorgt. Sie sagte: „Wir müssen es schaffen, den europäischen Kontinent zu vervollständigen, damit er nicht von Russland, der Türkei oder China beeinflusst wird.“ Die Gleichsetzung der Türkei – eines NATO-Partners und EU-Beitrittskandidaten – mit dem russischen Rivalen der EU und dem zunehmend als solchem wahrgenommenen China deutet darauf hin, dass Brüssel sie auf dieselbe Weise sieht. Ihre Bemerkung hat die Künstlichkeit der jahrzehntelangen Partnerschaft offenbart.
Obwohl die Türkei gelegentlich opportunistische, temporäre Bündnisse mit den europäischen Großmächten einging, war ihr Vorgängerstaat, das Osmanische Reich, historisch gesehen der Hauptgegner Europas – mehr noch als das Russische Reich, das von den Briten fälschlicherweise so dargestellt wurde. Die Osmanen waren zivilisatorisch grundlegend anders und eroberten den Balkan bis nach Wien. Über mehr als ein halbes Jahrtausend hinweg beherrschten sie Teile Europas. Die Partnerschaft der Türkei mit dem, was später zur EU wurde, kam ausschließlich durch US-amerikanische Strategien nach dem Zweiten Weltkrieg zustande.
Die vermeintliche Notwendigkeit, die UdSSR in Schach zu halten, führte 1949 zur Gründung der NATO; drei Jahre später traten Griechenland und die Türkei bei. Der gleichzeitige Beitritt Ankaras diente unter anderem dem Zweck, Griechenland und Europa insgesamt dabei zu helfen, ihre historische Rivalität mit der Türkei zu überwinden, unter anderem durch die Förderung einer europäisch-türkischen Partnerschaft im Allgemeinen. Eine Ausprägung davon war die massive Einwanderung türkischer Gastarbeiter in die damalige Bundesrepublik Deutschland, die zusammen mit Frankreich den doppelten Kern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bildete, der Vorläuferorganisation der EU. [Mit dem NATO-Beitritt trat die Türkei zugleich die Gebietsansprüchen der Sowjetunion an ihrer Ostgrenze zum Kaukasus entgegen, von denen sie sich bedroht sah; Anm. der Red].
Migration, wirtschaftliche Verflechtungen und militärische Zusammenarbeit setzten sich in den folgenden Jahrzehnten fort, doch es wurde schnell deutlich, dass die zivilisatorischen Unterschiede zwischen Europa und der Türkei es vorprogrammierten, dass der Beitrittsantrag der Türkei zur späteren EU auf verschiedene Vorwände hin auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Engere Handels- und Militärbeziehungen sind in Ordnung, aber der Türkei Stimmrechte in europäischen Angelegenheiten zu geben, kommt nicht infrage – ebenso wenig wie visafreier Reiseverkehr für ihre inzwischen fast 90 Millionen Einwohner (etwas mehr als Deutschland selbst).
Diese Einschätzung galt bereits in der liberal-globalistischen Hochphase der 1990er und 2000er Jahre, bis die Migrationskrise 2015 und vor allem die Wahl Trumps 2016 zu einer Wiederbelebung konservativ-nationalistischer Stimmungen in ganz Europa führten. Diese Stimmungen haben sich seitdem weiter verstärkt, insbesondere durch die jüngste Phase des Stellvertreterkriegs in der Ukraine. Trumps Rückkehr an die Macht in Kombination mit den schweren sozioökonomischen Folgen des anhaltenden Krieges für den Durchschnittseuropäer haben diese Entwicklung weiter beschleunigt. und den Beginn des Zeitalters der Zivilisationsstaaten eingeläutet.
Damit sind jene politischen Gebilde gemeint, die über Jahrhunderte hinweg nachhaltige soziopolitische Spuren in anderen hinterlassen haben. Europa als Ganzes ist hierfür ein Paradebeispiel, auch wenn es darin mehrere unterschiedliche Zivilisationen gibt. Das Zeitalter der Zivilisationsstaaten führt daher zur Neuverfestigung dieser Sphären – wie von der Leyen mit ihrem erklärten Ziel anvisiert, „den europäischen Kontinent zu vervollständigen“ – und zu ihrem Wachstum, etwa durch den neu beschleunigten Einflussgewinn des „neo-osmanischen“ türkischen Einflusses in Zentralasien.
Das bedeutet nicht, dass Zivilisationen zwangsläufig aufeinanderprallen müssen, aber ebenso wenig, dass sie sich zwangsläufig angleichen, wie manche bei der Beitrittsbewerbung der Türkei zur EU-Vorgängerorganisation angenommen hatten. Vielmehr dämmert allen Beteiligten allmählich die Realität der zivilisatorischen Unterschiedlichkeit – doch gerade die EU und die Türkei werden aus geografischen und historischen Gründen sowie aufgrund ihrer jeweiligen Rolle bei der aktiven Eindämmung ihres gemeinsamen historischen Rivalen, Russlands, auf Geheiß ihres gemeinsamen Senior-Partners, der USA, stets eine besondere Beziehung zueinander haben.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]
Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.