Von Johannes Stern – 24. Januar 2026
Die Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos war eine aggressive Tirade für eine europäische Großmachtpolitik unter der Führung Deutschlands. Kaum verhüllt präsentierte Merz ein Programm von Militarismus, Aufrüstung und wirtschaftlichem Nationalismus, das in der Tradition der deutschen Weltmachtphantasien am Vorabend des Ersten und Zweiten Weltkriegs steht.
Merz stellte seine gesamte Rede unter das Leitmotiv einer neuen Epoche der „Großmachtrivalität“. Die Welt, so der Kanzler, sei geprägt vom russischen Überfall auf die Ukraine – der in Wirklichkeit von den NATO-Mächten provoziert wurde –, vom Aufstieg Chinas und von den Vereinigten Staaten, deren „globale Spitzenposition in Frage gestellt wird und die darauf mit einer radikalen Neuausrichtung ihrer Außen- und Sicherheitspolitik reagieren“.
Diese Formulierung ist eine bewusste Beschönigung des wilden Um-sich-Schlagens des US-Imperialismus, der mit immer brutalerer Gewalt versucht, seinen historischen ökonomischen Niedergang aufzuhalten. Erst zu Beginn dieses Jahres hatte Washington Venezuela überfallen und den gewählten Präsidenten Nicolás Maduro entführen lassen. Es folgten offene Drohungen eines Militärschlags gegen den Iran sowie die Ankündigung, Grönland unter US-Kontrolle zu bringen.
Gleichzeitig machte der Kanzler deutlich, dass sich die herrschende Klasse über die Konsequenzen ihrer Politik sehr wohl bewusst ist. An einer zentralen Stelle erklärte Merz: „Eine Welt, in der nur Macht zählt, ist ein gefährlicher Ort – zuerst für kleine Staaten, dann für die Mittelmächte und schließlich auch für die Großmächte.“ Und weiter: „Im 20. Jahrhundert ist mein Land Deutschland diesen Weg bis zu seinem bitteren Ende gegangen. Es hat die Welt in einen schwarzen Abgrund gerissen.“