Halbrichtige Narrative und Misstrauen: zwei Schritte in den Abgrund

Von Ralph Bossshard – 12. April 2026

Vom 4. bis 11. Februar 1945 fand im Liwadija-Palast in Jalta auf der Krim die Konferenz statt, an der die Führer der USA (Franklin D. Roosevelt), Großbritanniens (Winston Churchill) und des Gastgebers Sowjetunion (Josef Stalin) über das Nachkriegseuropa verhandelten. – Heute kann der Liwadija-Palast von Interessierten besucht werden, wo auch die damalige Konferenz gleichsam als Museum nachgestellt ist. Vom Doppelspiel Churchills ist dort allerdings nichts zu sehen. (Foto: Christian Müller)

Nach den beiden Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und am 9. August 1945 kapitulierte Japan bedingungslos, womit der Zweite Weltkrieg auch in Ostasien zu Ende ging. Das ist das gängige Narrativ im Westen. Und mancher Kommentator ergänzt dann gerne noch, dass Stalin mit seiner Offensive in der Mandschurei im August 1945 vom Schwächemoment Japans profitiert habe, um noch schnell ausgedehnte weitere Gebiete zu erobern und die Position der Sowjets in Ostasien massiv auszubauen. Ein Blick in die Quellen zeichnet ein anderes Bild. 

Aber stimmt das? Weniger bekannt ist einer breiteren Öffentlichkeit heute, dass die Regierung von Ministerpräsident Kantarō Suzuki auf den Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August überhaupt nicht reagierte und dass selbst nach der Zerstörung von Nagasaki am 9. August lediglich ein Teil der japanischen Regierung zu Gesprächen über einen Waffenstillstand bereit war. Vor allem die Militärs wollten buchstäblich bis zum letzten Japaner weiterkämpfen. Um eine Kapitulation zu verhindern, versuchte eine Gruppe japanischer Offiziere am 14. und 15. August gar einen Putsch, der aber von loyalen Truppen niedergeschlagen wurde (1). Währenddessen beharrten die Alliierten auf einer vollständigen und bedingungslosen Kapitulation. Es bedurfte einer historischen Radioansprache von Kaiser Hirohito am 15. August, um den Japanern, namentlich den Militärs klarzumachen, dass der Krieg nun zu Ende gehen müsse (2). Offiziell endete der Zweite Weltkrieg in Asien am 2. September 1945 mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde auf dem Schlachtschiff USS „Missouri in der Bucht von Tokyo“ (3).

Ein lange vorbereiteter Kriegseintritt

Auch die Ansicht, dass der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begonnen habe, ist eine spezifisch westliche. Für die Sowjets begann der Krieg bereits im Frühsommer 1939, als sich Scharmützel an der Grenze zwischen der verbündeten Mongolei und dem japanischen Marionettenstaat Mandschukuo zu eigentlichen Schlachten entwickelten. Und für die Chinesen begann der Zweite Weltkrieg bereits 1937 mit der japanischen Aggression.

Nach der verheerenden Niederlage der japanischen Kwantung-Armee gegen die Rote Armee am Khalkin Gol im Sommer 1939 nahmen die Japaner für den Rest des Zweiten Weltkriegs Abstand von weiteren Eroberungsplänen in der Mongolei und dem sowjetischen Fernen Osten. Sie hatten ihre Lektion gelernt. Auf den Waffenstillstand vom 16. September 1939 folgte am 13. April 1941 ein Neutralitätspakt zwischen Japan und der Sowjetunion (4). Die neu gewonnene Handlungsfreiheit nutzten die Japaner im Dezember 1941 für den Überfall auf die US-Flottenbasis in Pearl Harbor. Dass die Japaner parallel dazu in die Länder Südostasiens einmarschierten, geht heute auch oftmals vergessen.  

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