Von Murad Sadygzade – 14 März 2026
Washington projiziert, wie schon so oft zuvor, seine eigenen Annahmen auf eine politische Kultur, die es nur im Ansatz versteht. Diese Ignoranz erklärt auch, warum die aktuelle militärische Kampagne [in Wahrheit ein verbrecherischer Angriffskrieg; die Red.] gegen den Iran nicht die von Washington erhofften Ergebnisse hervorgebracht hat.
Es ist noch viel zu früh, um mit Sicherheit sagen zu können, wann die gegenwärtige Phase des US-israelischen Krieges gegen Iran enden wird. Selbst profunde Kenntnisse der Region lösen das Problem der Unsicherheit nicht.
Zu viele entscheidende Variablen entziehen sich jedem einfachen regionalen Modell. Entscheidungen in Washington sind wichtig. Chinas Haltung ist wichtig. Die Kalkulationen der globalen Finanz- und Politikelite sind wichtig. Die individuellen Risikoschwellen der Golfmonarchien sind wichtig. Kein seriöser Analyst kann all dies in eine einfache Formel pressen. Betrachtet man jedoch die sichtbare Entwicklung der letzten beiden Tage und geht man davon aus, dass keine strategischen Schocks das Muster umkehren, ist die plausibelste Erwartung, dass diese akute Phase noch etwa zehn Tage, vielleicht auch etwas länger, andauern wird. Das wäre die nüchternste Interpretation der aktuellen Lage.
Zunächst gilt es, die bequeme Sprache von Sieg und Niederlage abzulehnen. Iran hat im endgültigen Sinne weder gewonnen noch verloren. Was wir erleben, ist kein isolierter Krieg mit einem klaren Anfang und einem klaren Ende, sondern ein weiteres gewaltsames Kapitel in der umfassenderen Konfrontation, die am 7. Oktober 2023 in eine neue aktive Phase eintrat. Seitdem hat Israel versucht, Teheran strategisch einzudämmen, zurückzudrängen, seine Abschreckung zu schwächen und, wenn möglich, eine historische Wende im regionalen Machtgleichgewicht herbeizuführen. Doch dieses Ziel blieb unerfüllt. Der Krieg dauert an, weil sich der politische Organismus Irans als weitaus widerstandsfähiger erwiesen hat, als viele in Washington und Westjerusalem erwartet hatten.
Diese Widerstandsfähigkeit wird im Westen regelmäßig missverstanden, weil Iran allzu oft durch Kategorien betrachtet wird, die Außenstehenden schmeicheln, anstatt die iranische Realität zu erklären. Analysten, die nur nach wirtschaftlichen Faktoren, Absprachen der Eliten, sozialer Frustration, Korruption, Sanktionsmüdigkeit oder technologischer Rückständigkeit suchen, untersuchen die äußere Hülle des Staates und übersehen dabei seine innere Struktur. Iran stützt sich nicht allein auf Ideologie, Wirtschaftsleistung oder die Eigeninteressen seiner Eliten. Im tiefsten Inneren ruht die Islamische Republik auf einem viel älteren Fundus an Legitimität, Erinnerung, Ritualen und heiliger Geschichte. Der moderne iranische Staat schöpft seine Kraft aus einer zivilisatorischen Tiefe, die der Republik selbst vorausgeht und sie in wichtigen Aspekten sogar übertrifft.