Die regelbasierte Ordnung – wenn die Fiktion nicht mehr trägt

Von Elena Fritz-Global Affairs – 21. Januar 2026

In Davos hat Kanadas Premierminister Mark Carney etwas ausgesprochen, was das ideologische Fundament der sogenannten „regelbasierten Ordnung“ selbst demontiert.

Carney wörtlich:

„Wir wussten, dass die Erzählung von einer regelbasierten internationalen Ordnung teilweise eine Fiktion war: Die Stärksten setzten sich über Regeln hinweg, wenn es ihnen opportun erschien. … Das Völkerrecht wird mit unterschiedlicher Strenge angewendet – je nachdem, wer Angeklagter oder Opfer ist.“

Das ist kein Versprecher, sondern ein Eingeständnis: Diese Ordnung war nie universal, nie neutral, nie gleichmäßig. Sie war funktional – für die Mächtigen.

Carney weiter:

„Diese Fiktion war nützlich.“

Und genau darin liegt der Kern. Nützlich für wen? Für jene, die Regeln setzen, auslegen und bei Bedarf suspendieren konnten.

Noch deutlicher:

„Dieses Arrangement funktioniert nicht mehr. Wir befinden uns in einem Bruch, nicht in einem Übergang.“
„Wir nehmen das Schild aus dem Fenster.“

Das heißt: Die öffentliche Bekenntnisrhetorik zur regelbasierten Ordnung wird abgeräumt, weil die Fiktion ihre Funktion verloren hat.

Hier beginnt die politische Sprengkraft. Denn dieselben westlichen Regierungen, die diese Ordnung jahrzehntelang als moralische Keule benutzt haben, räumen nun selbst ein, dass sie immer selektiv und machtgesteuert war.

Irak (2003, ohne UN-Mandat)
Libyen (2011, Regime Change)
Syrien (Sanktionen, Bombardierungen)
Jugoslawien (Angriffskrieg ohne Sicherheitsratsbeschluss)

All das lief unter dem Label der „regelbasierten Ordnung“, die Carney nun als Fiktion bezeichnet.

Oder zugespitzt: Die Regeln galten nie für alle. Sie galten für jene, die nicht stark genug waren, sich ihnen zu entziehen.

Warum wird das jetzt offen gesagt? Weil diese Ordnung erstmals nicht mehr nur gegen andere, sondern gegen eigene Interessen wirkt. Weil neue Machtzentren die alte Deutungshoheit aufbrechen.
Weil Sanktionen Gegenblöcke erzeugen.
Weil Eskalation nicht mehr folgenlos bleibt.

Carney:

„Wir haben die Fähigkeit, aufzuhören zu heucheln und die Realität beim Namen zu nennen.“

Das klingt wie Ehrlichkeit.
Ist aber ein strategischer Rückzug aus einer nicht mehr haltbaren Legende.

Carneys ehrlichster Satz bleibt:

„Wir befinden uns in einem Bruch, nicht in einem Übergang.“

Nicht nur die Ordnung bricht.
Sondern auch ihr moralischer Anspruch.
Wenn sogar ein westlicher Regierungschef in Davos nun offen einräumt, dass die „regelbasierte Ordnung“ immer eine nützliche Fiktion war, haben uns Baerbock, Scholz, Merz, Wadephul, Strack-Zimmermann jahrelang genau diese Fiktion als außenpolitisches Dogma verkauft – und darauf eine Politik aufgebaut, die Deutschland wirtschaftlich, energiepolitisch und sicherheitspolitisch geschwächt hat. Mit moralischem Pathos wurde uns eine Ordnung als sakrosankt präsentiert, die es so nie gegeben hat – nicht im Irak, nicht in Libyen, nicht in Syrien, nicht in Jugoslawien. Oder zugespitzt: Deutschland hat reale Interessen für eine Legende geopfert – und jetzt fällt diese Legende selbst im Westen in sich zusammen.

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