„Der Fall dauert immer noch an“

Von Dieter Reinisch – 9. April 2026

Eine bombardierte und zerstörte Brücke kann man wieder reparieren oder, wie hier, man kann eine neue Brücke bauen. Die betroffenen Menschen, die von den Bomben verletzt wurden, können ihre Erinnerungen nicht so leicht abschütteln: im Bild die Varvarinski Most, die Brücke über den Fluss Morava bei Varvarin.

78 Tage dauerte die Bombardierung Serbiens durch die NATO-Koalition im Jahr 1999. Am 68. Tag der Bombardierung starben 34 Menschen in Varvarin. Die damals 15-jährige Marijana Jovanovic überlebte schwer verletzt. Ihre beste Freundin starb, als sie Hand in Hand eine Brücke überquerten und zwei Bomben sie trafen. Eine Mitschuld Deutschlands wird vermutet, doch niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. Auch die Opfer haben keine Entschädigung erhalten.

Die drei Mädchen gingen glücklich von der Feier über die Brücke zurück in ihre Dörfer auf der anderen Seite des Flusses. Zu Hause wartete ein Festtagsessen: „Wir hüpften, lachten und schlenderten Hand in Hand über die Brücke“, erinnert sich Marijana fast 27 Jahre später. Es war der 30. Mai 1999 und die drei 15-jährigen Freundinnen, Marijana, Marina und Sanja, hatten keine Angst. Sie waren in Feierlaune, denn es war der höchste Feiertag des Ortes: der Dreifaltigkeitssonntag.

Aus der ganzen Gegend kamen Menschen zusammen, um an der kirchlichen Feier im 3.500-Seelen-Dorf teilzunehmen. Die Kirche befand sich nur hundert Meter vom Fluss Velika Morava entfernt, erzählt mir Marijana. Wir sitzen bei frühsommerlichem Wetter und Sonnenschein im Gastgarten eines Wiener Kaffeehauses.

Zwischen der Kirche und der Brücke, die über den Fluss hinausragte, lag der kleine Marktplatz. An jenem 30. Mai war er voller Menschen, die ihre Produkte aus der Region anboten; es gab Essen, Handwerk und Musik: „Wir waren in guter Stimmung und fühlten uns sicher“, erzählt sie.

Weiter flussabwärts vereinen sich die beiden Morava-Arme und fließen rund 180 km später in die Donau bei Belgrad. Von dort wurden erst wenige Wochen zuvor die drei Mädchen nach Varvarin gebracht. Seit dem 24. März 1999 bombardiert eine NATO-Koalition Serbien und seine Hauptstadt. Doch Varvarin erschien sicher: „Es gab hier keine militärische Infrastruktur, es war strategisch unbedeutend, daher gab es in der ganzen Region gerade einmal vier Polizisten und keine Flugwarnsirenen“, erzählt Marijana.

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